{"id":1074,"date":"2021-02-22T13:57:49","date_gmt":"2021-02-22T11:57:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1074"},"modified":"2025-03-19T22:59:59","modified_gmt":"2025-03-19T20:59:59","slug":"organisierte-kriminalitaet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1074","title":{"rendered":"Organisierte Kriminalit\u00e4t Boller"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1104\"><strong>Weiterlesen   <\/strong><\/a>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.2943c4f2-9a1e-475b-a91d-6831e6963ec5\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\">is, Josef Estermann<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Deutungsmuster der Organisierten Kriminalit\u00e4t in der Schweizer \u00d6ffentlichkeit &#8211; Medien und Akteure<br><br>von Boris Boller<\/strong><sup>\u2020<\/sup><strong> und Josef Estermann<\/strong><\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/OK.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"69\" height=\"95\" src=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/OK.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3530\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br><br>Praktiker und Analysten geben der \u201eOrganisierten Kriminalit\u00e4t\u201c (OK) oft unterschiedliche Definitionen und \u00e4ussern sich verschiedentlich \u00fcber Schwierigkeiten, das Ph\u00e4nomen pr\u00e4zise zu umschreiben. Der Begriff OK wird \u2013 wenn von den entsprechenden strafrechtlichen Bestimmungen abgesehen wird \u2013 \u00e4hnlich wie auch die im Moment gerade weniger aktuelle \u201eInnere Sicherheit\u201c von Spezialisten nicht selten als grob umrissener \u201eoffener Arbeitsbegriff\u201c eingesetzt, wenn eine Definition nicht gleich explizit als unentbehrlich erachtet wird. (1) <br>  Neben dieser Verwendung des Begriffs existieren aber auch, wenn nicht vor allem, implizite Definitionen des Ph\u00e4nomens in der \u00d6ffentlichkeit, wie sie sich vor allem in den Medien manifestieren. Sicher ist, dass sich die Medien nur selten die M\u00fche machen, machen k\u00f6nnen und machen m\u00fcssen, ausf\u00fchrliche \u00dcberlegungen zu einer entsprechenden Definition zu publizieren, vielmehr wird der Begriff als irgendwie gegeben und verst\u00e4ndlich verwendet. <br>  Es stellt sich die Frage, wie ein Begriff, der offensichtlich jeder operationellen Definition entbehrt, trotzdem Karriere machen kann, wie die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gezeigt haben. Denn \u201eAgenda Setting\u201c funktioniert auch ohne klare Definition des Gegenstandes. (2) Der klandestine Aspekt der OK verbietet geradezu ein klares Bild, insofern vergleichbar mit Erich von D\u00e4nikens Vorstellungen regelm\u00e4ssiger Besuche von Ausserirdischen in unserer n\u00e4heren und ferneren Heimat. Die drei Kriterien f\u00fcr erfolgreiche Agenda (3) sind gegeben: 1. eine m\u00f6glichst ambigue Definition, 2. die Betonung weitreichender sozialer Konsequenzen und 3. die Darstellung als einfaches Problem. <br>  Die Hauptfrage, auf die hier kaum abschliessend geantwortet werden kann, lautet: Wie ist das Bild der OK in der \u00d6ffentlichkeit definiert? Oder anders formuliert: Wie dem Begriff der OK in der \u00d6ffentlichkeit Sinn verliehen?  <br>  Dazu wurde als Dokumentationsbasis vor allem auf ein Zeitungssample aus den Jahren 1993 bis 1999 zur\u00fcckgegriffen, das zur Beantwortung von drogenpolitischen Fragestellungen erstellt wurde. (4) Dabei stand die OK, organisierte Drogenkriminalit\u00e4t in diesem Fall, nicht a priori im Zentrum des Erkenntnisinteresses. Zur Zeit der intensiv gef\u00fchrten Diskussion um den offenen Drogenmarkt am Z\u00fcrcher Letten (1994) konnte jedoch festgestellt werden, dass sich in der \u00f6ffentlichen Drogenpolitischen Auseinandersetzung \u2013 vereinfacht dargestellt \u2013 ein gesundheitszentrierter und ein kriminalit\u00e4tszentrierter Diskurs teilweise in Konkurrenz und teilweise komplement\u00e4r auftraten. OK spielt im kriminalit\u00e4tszentrierten Diskurs ein herausragende Rolle. Die Verkn\u00fcpfung dieser beiden drogenpolitischen Ebenen Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts zeigte, dass die Kriminalit\u00e4tsberichterstattung im Bereich der illegalen Drogen f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis der damaligen Ereignisse in der Drogenpolitik etwas genauer betrachtet werden sollte.   <br>  Zwar nahm in den letzten Jahren die Berichterstattung \u00fcber OK \u2013 oft unter anderen Titeln wie Korruption, Geldw\u00e4sche \u2013 etwas zu, aber Berichte \u00fcber Wesen und Art der OK in der Schweiz sind in der hiesigen Presse nach wie vor eher die Ausnahme und finden sich m\u00f6glicherweise am h\u00e4ufigsten in den Wirtschaftsseiten. Dies obwohl je nach Sprachgebiet bis \u00fcber die H\u00e4lfte der Berichterstattung \u00fcber illegale Drogen journalistischen Kriminalia gewidmet ist, das heisst vor allem Polizei- und Gerichtsberichterstattung. Dabei hat \u00fcbrigens die Tessiner Presse einen Anteil von \u00fcber 50 %, gefolgt von derjenigen der Romandie und der Deutschschweiz, die rund 40 % beziehungsweise 30 % Kriminalia an der gesamten Drogenberichtserstattung aufweisen.   <br>  Tats\u00e4chlich handelt es sich auch dabei h\u00e4ufig um lediglich implizite Bez\u00fcge auf die OK. Implizit ist hier so zu verstehen, dass der Sinn eines Textes \u00fcber seinen manifesten Inhalt hinausreicht. Ein bestimmter Text nimmt zwar Bezug auf bestimmte Vorstellungsbilder; der Text ist aber nur eine Manifestation von einem ausserhalb des Textes liegenden Sinn. Ein Medientext enth\u00e4lt so nur die Spitze eines Eisberges, der auf den unterhalb des Wasserspiegels liegenden Rest hinweist. Der Rest der Information oder des Sinns muss demnach aus den gespeicherten Wissensbest\u00e4nden und Denkmodellen der Mediennutzer und der Medienproduzenten vervollst\u00e4ndigt werden, und bleibt im eigentlichen Text ungeschrieben. Daraus kann geschlossen werden, dass die Analyse des Impliziten ausgesprochen n\u00fctzlich f\u00fcr die Untersuchung von dahinterliegenden Ideologien sei. (5) \u00c4hnlich formulieren es einige Semiologen: Diskurse beziehen sich auf \u201eextradiskursive Einheiten\u201c, um Sinn produzieren zu k\u00f6nnen. Analoges l\u00e4sst sich etwa bei Gesetzestexten finden. So hat zwar etwa ein bestimmter &gt;Gesetzesartikel f\u00fcr sich alleine Sinn und G\u00fcltigkeit, durch Beizug des entsprechenden Gesetzeskommentars kann dieser Artikel jedoch mit seiner Entstehung und seiner dahinterliegenden Absicht (ratio legis) in Beziehung gebracht werden. Schon die Tatsache, dass Gesetzeskommentare publiziert werden, legt nahe, dass der Gesetzestext alleine auch nur die Spitze eines Eisbergs an Sinn wiedergibt.   <br>  Auf die Medienberichterstattung zur OK \u00fcbertragen hiesse dies: Die verschiedenen \u201eInformationen\u201c bzw. Die Vorstellungen, die \u00fcber OK bereits vorhanden sind, werden durch die Lekt\u00fcre eines entsprechenden Presseartikels aktiviert, vielleicht erg\u00e4nzt, kaum jedoch grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt. Ein einzelner Presseartikel alleine sagt noch wenig dar\u00fcber aus, was f\u00fcr Vorstellungen vom Wesen der OK in der \u00d6ffentlichkeit herrschen. Vielmehr werden b bereits vorhandene Bilder, Vorstellungen und Meinungen angesprochen und abgerufen. Der Bezug zur OK ist oft implizit: Wenn beispielsweise w\u00e4hrend einer Phase \u00fcberbordender Berichterstattung \u00fcber den Z\u00fcrcher Letten ein Artikel \u00fcber ein weiteres T\u00f6tungsdelikt erscheint, schwingt der Bezug zur OK manchmal ausdr\u00fccklich (etwa im Sinne von \u201eMafia-Methoden jetzt auch in der Schweiz\u201c), oft jedoch unausgesprochen, immer mit.   <br>  Das Wesen der OK als expliziter Hauptinhalt der Medienberichterstattung ist in der Regel bloss ein Randthema, doch erscheinen Berichte \u00fcber ihre als klassische aufgefassten Gesch\u00e4ftsgebiete (Drogen-, Strich-, Menschen- und Waffenhandel, Schmuggel, Prostitution etc.) und angenommene Aktionsweisen (hochstrategisches Vorgehen, Korruption, Einsch\u00fcchterung, Erpressung etc.) viel h\u00e4ufiger. Das Erscheinungsbild, die Definition der OK in der \u00d6ffentlichkeit bleibt jedoch weitgehend unsystematisch und eher anekdotenhaft, was denn auch ausreichend Platz f\u00fcr Mythenbildung und Verschw\u00f6rungstheorien bietet. Das erste Kriterium f\u00fcr erfolgreiche Agenda, die ambigue Definition, ist bei der OK sattsam erf\u00fcllt. Die ambigue Definition ist sogar Konstitutionsbedingung f\u00fcr OK.   <br>  \u00c4hnlich wie bei den Beschreibungen von Drogenwirkungen \u2013 und zwar im diabolisierenden wie im verherrlichenden Sinne \u2013 k\u00f6nnen bei Fragen nach der schieren Existenz der sozialen, \u00f6konomischen und politischen Durchdringung krimineller Organisationen Postulate grosser Bandbreite aufgestellt werden, ohne dass quantitative Beweise vorliegen m\u00fcssen.   <br>  Die Frage bleibt, woher nun diese Informationen stammen, die abgerufen werden k\u00f6nnen, wenn von OK beziehungsweise von einer ihrer mutmasslichen Bet\u00e4tigungsfelder und Vorgehensweisen die Rede ist. Tats\u00e4chlich wissen wir nur unzureichend, auf welchen Wegen eher begriffsformende Informationen \u00fcber das Ph\u00e4nomen der OK unter die Leute gebracht werden, ob dies etwa dominanter via Presse, Wissenschaft, Stammtisch oder mittels realit\u00e4tserheischenden Fiktionen geschieht. So erscheint OK als Begriff f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen auch eher blutleer. \u201eMafia\u201c als Markenzeichen und als Mutter aller Vorstellungen \u00fcber die OK eignet sich weit besser, um Bilder abzurufen. Mit dem Begriff \u201eMafia\u201c werden viel deutlichere Bilder abgerufen, um dieses Thema werden Filme gedreht, Kriminalromane geschrieben und sogar die entsprechende Folklore wird auf CD verkauft. Nicht dass m\u00f6glichst gesicherte, wissenschaftlich oder empirisch erh\u00e4rtete Wissen, sondern wie am h\u00e4ufigsten verbreitete, und am ehesten zug\u00e4ngliche Information pr\u00e4gt wohl das Bild der OK in der \u00d6ffentlichkeit, und da bietet sich am ehesten der Typus des Filmmafioso als Muster an. Auch wenn der Filmkrimi vielleicht nicht viel Tats\u00e4chliches \u00fcber die OK zu sagen hat, so kann er doch als Indikator f\u00fcr die \u00f6ffentliche Einsch\u00e4tzung des Ph\u00e4nomens dienen. Der Begriff \u201eMafia\u201c hat sich schon lange von seinen sizilianischen Wurzeln weg zu eine Chiffre, einem Markennamen entwickelt so wie Scotch f\u00fcr Klebband oder Kleenex f\u00fcr Taschent\u00fccher generisch f\u00fcr s\u00e4mtliche \u00e4hnlichen Produkte stehen \u2013 auch wenn dabei enorme Qualit\u00e4tsunterschiede existieren.   <br>  Dabei wird im Bereich der Mafia ziemlich grossz\u00fcgig interpretiert. Ann\u00e4hernd jeder Berufsgruppe, die im Verdacht steht, klientelistisch, kartellistisch oder auch nur besonders diskret und hermetisch zu funktionieren oder, um einen umstrittenen Begriff zu verwenden, in die Fama des \u201eamoralischen Familiarismus\u201c ger\u00e4t, wird der Begriff Mafia verliehen: Als besonders h\u00e4ufig verwendete Beispiele k\u00f6nnen etwa die \u201eZ\u00fcrcher Unterhaltungsmafia\u201c oder die Filmbranche erw\u00e4hnt werden.    <br>  Die Anwendung des Begriffs Mafia auf unterschiedliche Gruppen, nicht nur auf kriminelle, verkl\u00e4rt mehr und tr\u00e4gt wohl mehr zur Mythenbildung bei, als dass der Begriff Mafia aufkl\u00e4rt. Gerade die Vertreter der postsowjetischen OK d\u00fcrften \u00fcber den ihnen verliehenen Titel \u201eMafia\u201c nicht ungl\u00fccklich sein, verleiht er doch so etwas wie eine historische Legitimit\u00e4t und den Anschein von Kompetenz. Der Mythos des unantastbaren, des \u00fcberm\u00e4chtigen und letztlich kaum besiegbaren anonymen Monsters wird denn auch in den Filmen, Krimis und teilweise der Presse gepflegt. M\u00f6gliche Angst- beziehungsweise Einsch\u00fcchterungsstrategien der OK werden so in bester unterhaltsamer Absicht gest\u00fctzt beziehungsweise erst erm\u00f6glicht.   <br>  Der Mythos der Unbesiegbarkeit der Mafia wird sogar von ihren erkl\u00e4rten Gegnern in ihre politische Argumentation eingebaut. In einer Schrift des Vereins zur F\u00f6rderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM) gegen Drogenlegalisierung wird hervorgehoben, dass eine Aufhebung der Prohibition nichts gegen die \u201eDrogenmafia\u201c ausrichten k\u00f6nne, da sie sich sofort neue Gesch\u00e4ftsbereiche sichere und ihren Gewinn legalisiere. (6) Tats\u00e4chlich kann man pro und kontra einer Prohibitionsaufhebung vieles ins Feld f\u00fchren, eine Argumentation, die eine eigentliche Unbesiegbarkeit der Drogenmafia insinuiert, ist jedoch bemerkenswert.   <br>  Die verst\u00e4rkte publizistische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der OK ist f\u00fcr die Schweiz ein relativ neues Ph\u00e4nomen. Ja, bereits die Annahme oder das Zugest\u00e4ndnis, dass das organisierte Verbrechen in der Schweiz aktiv sei, ist neueren Datums. Noch 1984, bei der Abstimmung um die Bankeninitiative, fand sich der Begriff kaum im Argumentarium, weder der Gegner noch der Bef\u00fcrworter. Die damals angewendete Strategie der Initiativgegner, in erster Linie an das fiskalische Eigeninteresse der Stimmb\u00fcrger zu appellieren, erwies sich als erfolgreich; die Initiative wurde damals mit 73 % abgelehnt. Wenig verhohlen wurde die Diskussion auf das Interesse des potentiellen kleinen Steuerhinterziehers gelenkt: \u201eKein Einbruch in die Privatsph\u00e4re. Gegen Schn\u00fcffelei\u201c oder \u201eGegen Bevormundung und Aufhebung des Bankgeheimnisses\u201c hiess es auf den Plakaten der Initiativgegner. Aber auch die Initianten stellten weniger die Gelder der OK als diejenigen von Dritt-Welt-Potentaten in den Vordergrund. Geldw\u00e4sche und deren Bedeutung f\u00fcr den internationalen Drogenhandel war noch l\u00e4ngst nicht derart im \u00f6ffentlichen Bewusstsein verankert wie es heute zumindest den Anschein macht. Dass heutzutage die Forderungen der Bankeninitiative in Teilen auf gesetzlichem Weg erf\u00fcllt worden sind, hat jedoch weniger mit einem Innenpolitischen Gesinnungswandel zu tun, als mit \u00e4usserem Druck.   <br>  Ein damals, aber auch heute noch oft geh\u00f6rtes Argument lautet ungef\u00e4hr: Die Mafia will in der Schweiz ja allenfalls ihr Geld abliefern und deshalb hat sie ein Interesse daran, dass es hier im Gegensatz zu ihren Herkunfts- und Operationsgebieten sicher und geordnet l\u00e4uft. Schliesslich, so ist die \u00dcberzeugung, kenne die Schweiz ja auch keine Korruption. Der \u201eSonderfall Schweiz\u201c wurde auch f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten der OK angenommen. Die Schweiz w\u00e4re also ein so besonderer Sonderfall, der sogar von der Mafia respektiert wird, die folglich das Land in Ruhe l\u00e4sst. Diese an Erkennnisverweigerung grenzende Einsch\u00e4tzung ist nun, vor allem im Gefolge des Mauerfalls 1989, einem eher alarmistischen Verhalten gegen\u00fcber der OK und dem angenommenen Einfluss des organisierten Verbrechens in der Schweiz gewichen.   <br>  Fr\u00fche Warnungen aus dem Ausland, zum Beispiel vom sp\u00e4ter ermordeten italienischen Staatsanwalt Giovanni Falcone von 1983: \u201eDie Diskretion der Schweizer Finanzinstitute wird auch Leute anziehen, mit denen man lieber nichts zu tun hat.\u201c (7) Solche Warnungen wurden sp\u00e4ter, etwa im Blick auf Ereignisse im Tessin, als best\u00e4tigt wiederholt. (8)   <br>  Die \u00f6ffentlich bekundete Bereitschaft zur Bek\u00e4mpfung und teilweise die argumentative Instrumentalisierung von OK und Drogenmafia ist heute bereits zum Standard des politischen Diskurses geworden. Tats\u00e4chlich hat die organisierte Kriminalit\u00e4t oder zumindest das, was jeweils darunter verstanden wird, keine bekennenden Freunde. W\u00e4hrend sonst oft eine T\u00e4tergruppe je nach politischen Standpunkt gegen eine andere ausgespielt wird, z.B. Falschparker und Schnellfahrer gegen Drogenkonsumenten, so sind im Falle der OK alle politischen Akteure vehement gegen sie.   <br>  Dabei lassen sich allerdings deutliche Unterschiede in der \u2013 oft impliziten \u2013 Definition der OK und insbesondere der Identifikation der T\u00e4tergruppen erkennen. Besonders sichtbar wurden diese Unterschiede w\u00e4hrend der intensiven Berichterstattungsphase um den Z\u00fcrcher Letten ab Sommer 1994: Teile der politischen Rechten sahen die OK insbesondere in den Strassen Z\u00fcrichs am Werk. Der Drogenhandel der unteren Ebenen, der Strassenraub, Einbr\u00fcche und andere unmittelbar sicherheitsrelevanten Straftaten wurden einerseits oft ethnisch identifiziert, und andererseits ziemlich hemmungslos mit anderen, von Drogen losgel\u00f6ster Gewaltkriminalit\u00e4t vermengt, und implizit und explizit der OK zugeordnet. Die ethnische Identifikation erleichterte hier auch, an der hergebrachten \u00dcberzeugung festzuhalten, dass die Schweiz so etwas wie OK eigentlich nicht kenne und dass es sich somit um etwas Importiertes handeln m\u00fcsse.   <br>  Teile der politischen Linken wiederum versuchen recht angestrengt und weitgehend erfolglos die Verbindung beziehungsweise die Komplizenschaft zwischen OK, \u201eDrogenmafia\u201c Finanzunterwelt und Finanzplatz herzustellen oder zu beweisen. Das hat eine gewisse Tradition: Von Links wird der Unterschied zwischen legalem und illegalem Kapital oft als rein ideologisch konstruiert betrachtet: G\u00fcnther Amendt sah etwa eine \u201eobjektive Interessenverbindung zwischen Drogenhandel und Pharmaindustrie\u201c (9) oder wie es Jean Ziegler formuliert: \u201eOrganisiertes Verbrechen ist der Traum des Kapitalisten\u201c. (10) Strassenkriminalit\u00e4t ist in diesem Diskurs eine Konsequenz \u00f6konomisch-legaler Bedingungen. Der erste Titel der vor allem \u00f6konomisch argumentierenden Volksinitiative \u201eDroleg\u201c, die ein staatlich kontrolliertes Verkaufsmodell anstrebte, hiess denn auch \u201eTabula Rasa mit der Drogenmafia\u201c.  <br>  Unterschiedliche Gruppen siedeln die Personen, die sich nach ihrer Vorstellung an organisierter Kriminalit\u00e4t beteiligen, auf verschiedenen Ebenen an. Diese verschiedenen Ebenen sprechen die unterschiedlichen politischen Interessen oder Bed\u00fcrfnisse an: Aus politisch rechter Optik ist unmittelbar sichtbare, das subjektive Sicherheitsgef\u00fchl direkt tangierende Kriminalit\u00e4t (mit einem klaren Fokus auf das Ausland) als OK identifiziert. Links wiederum erscheint OK auf einer eher unsichtbaren, abstrakten Ebene angesiedelt, mit Schwerpunkt Wirtschaft und Korruption. Es geht hier um eine letztlich moralische Argumentation: Es gehe nicht an, dass der Finanzplatz Schweiz mit der OK Gesch\u00e4fte macht und daran verdient. Das zweite Kriterium f\u00fcr erfolgreiche Agenda, die Betonung weitreichender sozialer Konsequenzen, ist bestens erf\u00fcllt.   <br> Es gibt zwar keine Einigkeit \u00fcber das Wesen und die Wahrnehmung der OK, aber es gibt offensichtlich einen allgemein formulierten Willen dagegen vorzugehen. Das wirft nat\u00fcrlich Probleme auf: Wie ist es praktisch m\u00f6glich, dass die beteiligten Akteure ihr Handeln organisieren, wenn das Objekt nur unklar umrissen ist und die T\u00e4ter auf v\u00f6llig unterschiedlichen Ebenen angesiedelt werden?   <br>  Oder anders gefragt: Welche potentiellen T\u00e4tergruppen geraten bei dieser Ausgangslage eher und gr\u00fcndlicher ins Visier der \u00d6ffentlichkeit und der Rechtspflege? Das prominente Merkmal ist ohne Zweifel der Auslandsbezug von F\u00e4llen, T\u00e4terinnen und T\u00e4tern. Durch die Fokussierung auf das Ausland und fremde Ethnien wird die dritte und letzte Bedingung f\u00fcr erfolgreiche Agenda, n\u00e4mlich die Darstellung als einfaches Problem, erf\u00fcllt.<br><br> <b>Literatur<\/b><br> (1) Vgl. z.B. EJPD (Eidgen\u00f6ssisches Justiz- und Polizeidepartement): Aktionsprogramm \u201eInnere Sicherheit 1994\u201c, Bern 1994, S. 4f.<br> (2) Vgl. Josef Estermann: Agenda Setting: Wieso sind Drogen ein Thema und wie werden sie dazu gemacht?, in Jean Widmer, Boris Boller, Renata Coray: Drogen im Spannungsfeld der \u00d6ffentlichkeit. Logik der Medien und Institutionen, Basel und Frankfurt a.M., Helbing&amp;Lichtenhahn, 1997, S. 121-128.<br> (3) Wolfgang Eichhorn: Agenda-Setting-Prozesse. Eine theoretische Analyse individueller und gesellschaftlicher Themenstrukturierung, M\u00fcnchen, Reinhard Fischer, 1996, S. 138f.<br> (4) Boris Boller, Renata Coray, Jean Widmer: Drogenberichterstattung in der Schweizer Presse \u2013 die Entwicklung eines Themas, in BAG (Hrsg.): Suchtforschung des BAG\/Recherches de l\u2019OFSP en mati\u00e8re de d\u00e9pendances, 1996-1998, Band 2, Bern, 2000, S. 83-90.<br> (5) Vgl. T.A. Van Dijk: News as Discourse, Hillsdale, NJ,1988.<br> (6) VPM: Groupe de travail \u201eProphylaxie de la drogue\u201c: Arguments contre la l\u00e9galisation de la drogue. Une contribution au d\u00e9bat. En guise d\u2019appui \u00e0 l\u2019initiative f\u00e9d\u00e9rale pour une \u201eJeunesse sans drogue\u201c, Z\u00fcrich, Verlag Menschenkenntnis, 1995.<br> (7) In \u201eCash\u201c, 15.10.1993: \u201eStrippen f\u00fcr Kalaschnikows\u201c.<br> (8) Vgl. z.B. NZZ, 30.09.2000: \u201ePeriphere Schlupfl\u00f6cher f\u00fcr mafiose Infiltration\u201c.<br> (9) G\u00fcnther Amendt und Ulrich Stiehler: Sucht \u2013 Profit \u2013 Sucht. Politische \u00d6konomie des Drogenhandels, Frankfurt am Main, 1972, S. 36ff.<br> (10) \u201eDer Bund\u201c, 21.3.1998. <br> Hier steht die Z\u00e4hlmarke von ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.2943c4f2-9a1e-475b-a91d-6831e6963ec5\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\">is<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1477\"><strong>Weiterlesen<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen \u00a9 ProLitteris, Josef Estermann Deutungsmuster der Organisierten Kriminalit\u00e4t in der Schweizer \u00d6ffentlichkeit &#8211; Medien und Akteure von Boris Boller\u2020 und Josef Estermann Praktiker und Analysten geben der \u201eOrganisierten Kriminalit\u00e4t\u201c (OK) oft unterschiedliche Definitionen und \u00e4ussern sich verschiedentlich \u00fcber Schwierigkeiten, das Ph\u00e4nomen pr\u00e4zise zu umschreiben. 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