{"id":1448,"date":"2021-02-27T03:55:05","date_gmt":"2021-02-27T01:55:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1448"},"modified":"2021-03-11T19:00:37","modified_gmt":"2021-03-11T17:00:37","slug":"interdisziplinaere-rechtsforschung-abdelsalam","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1448","title":{"rendered":"Interdisziplin\u00e4re Rechtsforschung Abdelsalam Stammesrecht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1298\"><strong>Weiterlesen<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ahmed Abd-Elsalam<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stammesrecht in traditionellen intratribalen Beziehungs- und Machtverh\u00e4ltnissen am Beispiel arabischer St\u00e4mme in Nordkurdufan, Sudan \u2013 Beobachtungen aus dem Feld<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute sind die sogenannten <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Schlichtungsverfahren der Hauptmechanis\u00admus f\u00fcr die Beilegung intratribaler und transtribaler Konflikte unter den arabischen St\u00e4mmen im Sudan, besonders in Nordkurdufan und Darfur, wo die staatlichen juri\u00addischen Apparate nicht fl\u00e4chendeckend wirken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> ist vom Hocharabischen <em>\u011f<\/em><em>aw\u0101d<\/em> (Plural: <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>w\u0101d<\/em> und <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em>) abge\u00adleitet, was lexikalisch freigebiger oder edler Mann bedeutet. Spezifisch im Kontext der Rechtstraditionen arabischer Stammesgesellschaften bezeichnet <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> und <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> ehrw\u00fcrdige Stammesmitglieder, welche aufgrund individueller Eigenschaf\u00adten oder gesellschaftlicher Stellungen als weit anerkannte charismatische Auto\u00adrit\u00e4ten betrachtet werden und daher als Schiedsrichter (arabisch: <em>h\uf027<\/em><em>akam<\/em> oder<em>mu<\/em><em>h\uf027a<\/em><em>kkim<\/em>) bei der Beilegung von Konflikten auftreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verteilung der Rollen unter und zwischen den anwesenden Ehrw\u00fcrdigen (<em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em>) folgt normalerweise einem Schema, das besondere hierarchische Verh\u00e4lt\u00adnisse innerhalb der Konflikt- und Konfliktbeilegungsgemeinschaft ber\u00fccksichtigen und widerspiegeln sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im t\u00e4glichen politischen Alltag verlieren aber oft die alten traditionellen Machtstruk\u00adturen der kleinen St\u00e4mme jegliche Autorit\u00e4t, da die Auswahl und Anerkennung von Stammesrepr\u00e4sentanten eine Entscheidung der staatlichen Administration ist. Auch soziales Ansehen ist meistens abh\u00e4ngig von Reichtum und Wirkungspotenzial inner\u00adhalb der stammesheterogenen Urbangemeinschaft. Zieht man sich aus dieser Hetero\u00adgenit\u00e4t in die eigene intratribale Sph\u00e4re wie im Falle einer <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Praxis zur\u00fcck, so gewinnt die alte Machtstruktur der genealogischen Verh\u00e4ltnisse ihre traditionelle Autorit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Observations from the field: Tribal law and traditional intra-tribal relationships. For example: Arab tribes in North Cordovan, Sudan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Summary<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Until today build the <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-arbitration the main mechanism for settle\u00adment of intra-tribal and trans-tribal conflicts among the Arab tribes in Sudan, es\u00adpecially North Cordovan and Darfur, where the state legal system is not widely intact.<\/p>\n\n\n\n<p>The term <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya <\/em>is lexically derived from the classic Arabic word <em>\u011f<\/em><em>aw\u0101d<\/em> (plural: <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>w\u0101d<\/em> and <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em>) what a generous or noble man means. Specifically in the context of the legal traditions of the Arab tribal societies describe the terms <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> and <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> respected tribal members, who are because of their indi\u00advidual characteristic or social position well recognized as potential arbitrators (Arabic: <em>h\uf027<\/em><em>akam <\/em>or <em>mu<\/em><em>h\uf027<\/em><em>akkim<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>The distribution of roles among and between the present respect persons (<em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em>) in the <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-sitting follows usually a schema, which should reflect the specific hier\u00adarchical relationships within the conflict and the conflict arbitration society.<\/p>\n\n\n\n<p>In the daily political life, the old traditional power structures of the small tribes often lose their au\u00adthority, since the selection and recognition of tribal representatives depend on a decision of the state administration. As well is the social status often dependent on wealth and potential impact within the heterogeneous urban tribal community. Subtracting from this heterogeneity into the own intra tribal sphere as in the case of the <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> practices, win the old power structure of the genealo\u00adgical relationship their traditional authority back.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Einleitung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In verschiedenen Regionen im Nordsudan bilden bis heute die sogenannten <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>&#8211; Schlichtungsverfahren den Hauptmechanismus f\u00fcr die Beilegung lokaler und translo\u00adkaler Konflikte. In Regionen wie zum Beispiel Nordkurdufan und Darfur sind der Bev\u00f6lkerung die Instanzen regul\u00e4rer staatlicher Justiz aus verschiedenen Gr\u00fcnden schwer zug\u00e4nglich. Neben dem Mangel an juristischen Kapazit\u00e4ten vor Ort stellen \u00fcberwiegend politische Motive und die Schw\u00e4che der administrativen Infrastruktu\u00adren au\u00dferhalb der urbanen Regionalzentren, wie zum Beispiel al-Ubaiyid\uf029 und K\u0101duql\u012b in Nord- und S\u00fcdkurdufan sowie al-F\u0101\u0161ir in Darfur, die Hauptbarrieren f\u00fcr die Beile\u00adgung verschiedener Konflikte durch die amtlichen Kan\u00e4le dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem werden die regul\u00e4ren staatlichen Instanzen, die ein anderes Rechtsnorm\u00adsystem als das der beheimateten Bev\u00f6lkerung vertreten, von der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lke\u00adrung als nicht zufriedenstellend betrachtet.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Artikel soll die historischen Hintergr\u00fcnde, die zur Etablierung der gegenw\u00e4r\u00adtigen au\u00dfergerichtlichen Rechtspraxis f\u00fchrten, beleuchten und exemplarisch zeigen, wie die Konfliktbeilegungsmechanismen als B\u00fchne f\u00fcr die An- und Aberkennung sozialer Verh\u00e4ltnisse zwischen den beteiligten Akteuren intratribal instrumentalisiert werden. Historische und theoretische Kurzeinf\u00fchrungen sollen den Weg ebnen f\u00fcr die Darstellung des Falles einer intratribalen <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzung, die der Autor bei seiner Feldforschung in Sudar\u012b, Nordkurdufan, Sudan im Fr\u00fchjahr 2006 beobachtete. Eige\u00adne Ansichten des Autors zum Ablauf des Falles werden im Schlusswort dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Historischer \u00dcberblick und gegenw\u00e4rtige Situation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem des erschwerten Zugangs zu einer nationalen, einheitlichen Justiz f\u00fcr die Ans\u00e4ssigen der sudanesischen Randgebiete ist fast so alt wie der moderne Staat Sudan selbst. Die Probleml\u00f6sung der britischen Kolonialmacht zu Beginn des 20. Jahrhun\u00adderts bestand in der Autorisierung lokaler traditioneller F\u00fchrer, Recht und Ordnung innerhalb ihrer tribalen und lokalen Territorien zu sichern.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> Der Missbrauch der ver\u00adliehenen Autorit\u00e4ten f\u00fchrte 1925 zur Gr\u00fcndung der sogenannten \u201eNative Courts\u201c. Die Richter der \u201eNative Courts\u201c sollten aus den Reihen lokaler traditioneller F\u00fchrer ausgew\u00e4hlt werden. Sie durften sich an ihren lokalen Rechtstraditionen orien\u00adtieren. Allerdings wurden gesetzliche Rahmen festgelegt, die ihre Autorit\u00e4t begren\u00adzen sollten.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Einige Rechtsfragen, wie beispielsweise die Bodeneigentums\u00adkonflikte, durften vor den \u201eNative Courts\u201c nicht verhandelt werden.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesetzgeber des Kolonialregimes unterschied anfangs zwischen sesshaften und nomadischen Gemeinschaften. So setzte man erst im Jahre 1922 die Verord\u00adnung \u201eThe Powers of Nomad Sheikhs\u201c in Kraft.<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup> 1925 erfolgte die Gr\u00fcndung der \u201eVillage Courts\u201c durch die Kolonialadministration.<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> Die \u201eVillage Courts\u201c hatten klare r\u00e4umli\u00adche Geltungsbereiche, die auf ein Dorf oder eine Gruppe benachbarter D\u00f6rfer begrenzt waren. Die Distrikt-Administratoren hatten die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber diese Gerichte. Sie besa\u00dfen das Recht, Gerichte einzusetzen und abzuberufen, die Richter ein- und abzusetzen.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>1927 wurde die Verordnung f\u00fcr \u201eThe Powers of Nomad Sheikhs\u201c durch die Verord\u00adnung f\u00fcr \u201eThe Powers of Sheikhs\u201c abgel\u00f6st.<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup> Diese Verordnung reflektierte die Tat\u00adsache, dass die Autorit\u00e4t einiger Stammesf\u00fchrer eine regionale Dimension hatte. Ihre Autorit\u00e4t beschr\u00e4nkte sich nicht nur auf die Angeh\u00f6rigen ihres Stam\u00admes. Die Stam\u00admesf\u00fchrer \u00fcbten ihre Macht aus und trugen Verantwortung gegen\u00fcber anderen St\u00e4m\u00admen und anderen ethnischen Gruppen, die innerhalb der von ihnen beanspruchten und kontrollierten Territorien (<em>d\u0101r<\/em>) lebten. Daher erkannte die Ver\u00adordnung von 1927 die regionale Dimension der Stammesf\u00fchrerautorit\u00e4t an und legali\u00adsierte sie. Aller\u00addings wurde diese Autorit\u00e4t im Erlass als \u201evom <em>Governor-General<\/em> verliehene Autor\u00adit\u00e4t\u201c bezeichnet: \u201eThe Governor-General may grant powers of Sheikhs of tribes or districts in any Province or Courts presided over by such Sheikhs and composed of their tribal or district elders, to punish offences committed by and to settle disputes among persons subject to their tribal or local jurisdiction\u201c.<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup> Es ist deutlich formuliert worden, dass der sudanesische Gesetzgeber die autoritativen Verh\u00e4ltnisse zwischen der sesshaften Bev\u00f6lkerung und den Stammesf\u00fchrern als tribale Strukturen im sesshaften Kontext interpretierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig spiegelte der Erlass dieser zwei Verordnungen, \u201e<em>The Powers of Sheikhs<\/em>\u201c (1927, ge\u00e4ndert 1928) und \u201e<em>The Village Courts<\/em>\u201c (1925, ge\u00e4ndert 1930), eine in der Politik der britischen Kolonialadministration im Sudan verankerte Idee wider, die Bev\u00f6lkerung des Sudans in Pastoralnomaden und sesshafte Bauern zu unterteilen. Diese politische Idee erwies sich aber bald als \u00fcberholt. Ab 1932 galt eine Verord\u00adnung f\u00fcr alle Gemeinschaften: <em>The Native Courts Ordinance<\/em>.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup> Diese Verordnung ersetzte alle vorherigen relevanten Verordnungen. Sie war f\u00fcr den gesamten Sudan mit der Ausnahme von drei Provinzen (Obernil, Bah\uf025\uf025r al-\u0120az\u0101l und Mungall\u0101) g\u00fcltig. In der \u201e<em>Native Courts<\/em>\u201c-Verordnung des Jahres 1932 unterschied der Gesetzgeber zwischen f\u00fcnf verschiedenen Gerichtskategorien:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThere shall be the following classes of Native Courts:<\/p>\n\n\n\n<p>a) a <em>Sheikh<\/em>\u2019s Court, that is a Court with a <em>Sheikh<\/em> as president sitting with mem\u00adbers;<\/p>\n\n\n\n<p>b) a Court of a <em>Sheikh<\/em> sitting in <em>meglis<\/em> [<em>ma<\/em><em>\u011f<\/em><em>lis<\/em>], that is a Court of <em>Sheikh<\/em> sitting with elders;<\/p>\n\n\n\n<p>c) a Village Court;<\/p>\n\n\n\n<p>d) a Court of a <em>Sheikh<\/em> sitting alone,<\/p>\n\n\n\n<p>e) a Special Court as provided in section 13.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Verordnung definierte den <em>Sheikh<\/em> folgenderma\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSheikh includes any tribal or territorial chief vested with authority over a tribe or section of a tribe, or over any district or part of a district, or over a village<em>.<\/em>\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Definition und den f\u00fcnf Gerichtskategorien schuf der Gesetzgeber neue lokale F\u00fchrer und r\u00fcstete sie mit Befugnissen aus. Damit waren \u00dcberschneidungen von Autorit\u00e4ten (<em>authorities<\/em>) und Machtkonflikte bereits in den legalen Regularien angelegt. Rivalit\u00e4ten zwischen alten und neuen tribalen und lokalen Eliten zeichne\u00adten sich ab, was in der Folge weitere Justizreformen unumg\u00e4nglich machte.<sup><a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><\/sup> \u201e<em>The Native Courts<\/em>\u201c wurden in \u201e<em>People\u2019s Local Courts<\/em>\u201c (arabisch <em>al-ma<\/em><em>h\uf027<\/em><em>\u0101kim al-ahl\u012bya al-ma<\/em><em>h\uf027<\/em><em>all\u012bya<\/em> = die lokalen Volksgerichte) umgewandelt.<sup><a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a><\/sup> Die Mitglieder der neuen Gerichte (ca. sieben Richter) repr\u00e4sentieren in der Regel bis heute die ethnische und triba\u00adle Zusammensetzung beziehungsweise die Machtverteilung innerhalb der loka\u00adlen Gemeinschaft, die gleichzeitig den Geltungsraum der Gerichtsautorit\u00e4t definiert. Die Reformen brachten zudem strengere Regeln und Bestimmungen mit sich, wie die Forderung nach einer Vereinbarkeit der Rechtsurteile dieser Gerichte mit dem Rah\u00admen des allgemeinen staatlichen Rechtsdiskurses. In der j\u00fcngsten Diskussion wird ausserdem gefordert, dass die Urteile der <em>People\u2019s Local Courts<\/em> mit den Rechtsnor\u00admen der<em> \u0161ar\u012b<\/em><em>\u201b<\/em><em>a<\/em> in Ein\u00adklang gebracht werden. In den Gesetzen (bis 2005 Verordnun\u00adgen), welche die Arbeit und Autorit\u00e4t dieser Gerichte regeln, verlangt der sudanesi\u00adsche Gesetzgeber die bindende Anlehnung der Rechtsurteile der Volksrichter an das sudanesische Strafgesetzbuch mit seinen relevanten prozessualen Verordnungen.<sup><a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><\/sup> Der Grund daf\u00fcr liegt meines Erachtens einerseits im Fehlen eines einheitlichen Kodexes der lokalen gewohnheitsrechtlichen Traditionen. Andererseits ist das Re\u00adgime bestrebt, Rechtspraktiken zu unterbinden, die mit seinen ethischen Vorstellun\u00adgen und heute vor allem mit sei\u00adnem Islamverst\u00e4ndnis unvereinbar sind sowie die lokalen Autorit\u00e4ten, also die lokalen F\u00fchrer, durch Gesetzesbindung unter Kon\u00adtrolle zu halten. Die heterogene Formung der Gerichte und die normative Kopplung der Arbeit dieser Gerichte mit dem positiven und religi\u00f6sen Recht f\u00fchren meiner Ansicht nach dazu, dass Rechtstraditionen einzelner St\u00e4mme und ethnischer Grup\u00adpen zu Gunsten konsensueller Kompromisse verloren gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesetzlichen Vorlagen grenzten den Handlungsspielraum der Richter ein, die gleichzeitig Stammes- und Lokalf\u00fchrer sind und daher als potenziel\u00adle au\u00dfergerichtli\u00adche Mediatoren und Schlichter betrachtet werden. Einige der lokalen Stammesf\u00fchrer (Emire) Nordkurdufans berichteten mir w\u00e4hrend meines Aufenthalts in \u1e24amrat al-Wizz von dem Dilemma, in dem sie gefangen sind. Gesetzlich und for\u00admell bekleiden sie als Stammesemire das Amt und besitzen die Autorit\u00e4t des Richters eines regiona\u00adlen beziehungsweise tribalen Revisionsgerichts. Gleichzeitig gelten sie infor\u00admell f\u00fcr die Mitglieder ihres Stammes und die Mitglieder ihrer lokalen Gemeinschaft als die h\u00f6chste und kompetenteste Schlichtungsautorit\u00e4t. Als Mediatoren und Schlichter sind ihre Rechtsspr\u00fcche nicht verbindlich, wohl aber als Revisionsrichter. Sind die Streitparteien mit ihrer au\u00dfergerichtlichen Rechtsentscheidung nicht konsensuell zu\u00adfrieden, m\u00fcssen sie den formellen Weg gehen. Dabei treffen die Streitparteien in der ersten und in der zweiten Instanz auf die selbe Rechtsmei\u00adnung, da die Richter beider Instanzen aus den Reihen der traditionellen lokalen und tribalen Schlichtungsautori\u00adt\u00e4ten ausgew\u00e4hlt werden. Dies ist in der Praxis so, obwohl den Richtern dieser for\u00admellen Gerichte die Ber\u00fccksichtigung der religi\u00f6sen Normen und der staatlichen Gesetze vorgeschrieben ist. Die Richter der ersten Instanz werden aus den Reihen der lokalen Unterstammesf\u00fchrer und Gruppenrepr\u00e4sentan\u00adten ausgew\u00e4hlt und vom Staat ernannt. Sie stehen aber formell und informell im niedrigeren sozialen und politischen Rang als ihre tribalen und regionalen Emire. Daher werden sie der infor\u00admellen Schiedsentscheidung der Emire nicht widerspre\u00adchen, und wenn sie es doch wagen, k\u00f6nnen die Emire als die \u00fcbergeordnete Revisi\u00adonsautorit\u00e4t ihre Rechtsent\u00adscheidungen aufheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Emir der \u011eib\u0101l-Bah\uf027ar\u012bya Stammeskonf\u00f6deration bezeichnete diese Situation als absurd. Er lehnt es prinzipiell ab, als Schlichter innerhalb des Geltungsraums seiner richterlichen Autorit\u00e4t aufzutreten. Anders ist es aber im Falle von intratribalen Kon\u00adflikten; hier muss er als Stammes- und Konf\u00f6derationsf\u00fchrer han\u00addeln und sich sofort friedensstiftend einmischen. Dies gilt auch f\u00fcr die Stammesf\u00fch\u00adrer der unteren triba\u00adlen Gliederungsebenen (\u201b<em>umad<\/em> und <em>\u0161uy\u016b<\/em><em><u>h<\/u><\/em><em>furq\u0101n<\/em>). Demzufolge \u00fcberschneiden sich seine F\u00fchrungsfunktion und -autorit\u00e4t mit seinen vom Staat ver\u00adliehenen richterlichen Kompetenzen. Dieses Problem ist dem sudanesischen Gesetz\u00adgeber auf der Bundes- und Landesebene bekannt.<sup><a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a><\/sup> Eine L\u00f6sung ist jedoch nicht in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 2006 wurde ich vom Landesparlament des Staates Nordkurdufan zu einem Workshop eingeladen. Diskutiert wurde der Entwurf des neuen Landesgesetzes f\u00fcr die lokalen Volksgerichte (<em>ma<\/em><em>h\uf027<\/em><em>\u0101kim ahl\u012bya<\/em>) in Nordkurdufan und die \u00dcberschnei\u00addung der exekutiven und richterlichen Kompetenzen der Stammesf\u00fchrer, die nach der jetzigen gesetzlichen Situation gleichzeitig lokale Vertreter der Administra\u00adtion und der Justiz sind. Der Staat, vertreten durch den Pr\u00e4sidenten der Landesjustizbe\u00adh\u00f6rde (<em>mawl\u0101n\u0101 ra<\/em><em>\u2019<\/em><em>\u012bs qud<\/em><em>\u0323<\/em><em>\u0101t \u0161am\u0101l Kurduf\u0101n<\/em>), war der Meinung, dass das Problem der Autorit\u00e4ts\u00fcberschneidung durch die Abschaffung der Revisionsgerichte der Emi\u00adre gel\u00f6st werden sollte. F\u00fcr Revisionen sollten anstelle der Emiren-Gerichte (<em>ma<\/em><em>h\uf027<\/em><em>\u0101kim al-umar\u0101<\/em><em>\u2019<\/em>) die n\u00e4chsten regul\u00e4ren staatlichen Gerichte verantwortlich sein. Die Stammesvertreter, darunter auch die Mehrheit der parlamen\u00adtarischen Ver\u00adtreter, lehnten diesen Vorschlag aus zwei Gr\u00fcnden ab. Erstens f\u00fchlten sich die Stam\u00admesf\u00fchrer dadurch bedroht, dass die Emire durch den Entzug ihrer rich\u00adterlichen Autorit\u00e4t faktisch entmachtet werden. Die Unterstammesf\u00fchrer und Gruppenrepr\u00e4\u00adsentanten, welche vom Staat als Richter der lokalen und tribalen Volksge\u00adrichte ernannt werden, w\u00fcrden dadurch mehr Macht gewinnen, was unvermeidlich zu F\u00fch\u00adrungskonflikten und Spaltungen innerhalb der St\u00e4mme und Stammeskonf\u00f6dera\u00adtionen f\u00fchren werde. Die Stammesf\u00fchrer gaben au\u00dferdem zu bedenken, dass die Distanz zwischen den Gro\u00dfst\u00e4dten, wo staatliche Gerichte tagen, und den Siedlungsgebieten der St\u00e4mme oft Hun\u00adderte von Kilometern betr\u00e4gt. Die armen Hirten und Bauern k\u00f6nnten sich die Kosten sol\u00adcher Reisen nicht leisten. Gleichzeitig sei der Staat nicht in der Lage, weitere Gerich\u00adte in der N\u00e4he der Siedlungsgebiete einzurichten oder ausgebildete juris\u00adtische Vertreter dorthin zu entsenden, um Konflikte vor Ort zu l\u00f6\u00adsen und Gewalteskalationen zu vermeiden. Konfliktdeeskalation durch Schlichtung sei eine Aufgabe, welche die Stammesf\u00fchrer erfolgreich wahrnehmen k\u00f6nnen. Aus diesen Gr\u00fcnden sollte nach Meinung der Stammesvertreter die Lage unver\u00e4ndert bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der einfachen Bev\u00f6lkerung solcher administrativ benachteiligter Regionen bleibt als einzige M\u00f6glichkeit nur die Anwendung tradierter au\u00dfergerichtlicher Konflikt\u00adbeilegungsmechanismen ihrer Vorfahren, wie Mediation (<em>tat\uf02ay\u012bb<\/em>) und Schlichtung (<em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>), um ihre Konflikte entsprechend ihrer eigenen Normen und Werte zu l\u00f6sen und damit die Eskalation von Gewalt zu vermeiden.<sup><a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a> <\/sup>Im kontinentaleurop\u00e4ischen Rechtsraum hingegen gelten zur Zeit Mediation und Schlichtung als moderne Alter\u00adnativen zu formellen Prozessen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Tradition informeller Konfliktbeilegungsmechanismen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mediation und Schlichtung sind als Mechanismen weltweit unter ver\u00adschiedenen V\u00f6lkern, Ethnien und sozialen Gruppierungen und Gemeinschaften ver\u00adbreitet. Die zu <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> und <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> zugeh\u00f6rigen Praktiken und Nor\u00admen der sudanesischen St\u00e4mme im Nordkurdufan sind jedoch analog zu der Rechtstradition beduinischer arabischer St\u00e4mme (zum Beispiel in \u00c4gypten, Pal\u00e4stina, Jordanien und Nordarabien) vor ihrer institutionellen Transformation in der Moderne. Bei dieser Transformation entstand eine Form von spezialisierten Fachrichtern, deren Urteile f\u00fcr die beteiligten Streit\u00adparteien verbindlich und gleichzeitig im Instanzenzug revisi\u00adonsf\u00e4hig waren. Einige Richter besa\u00dfen zudem Gesetzgebungskompetenz. Ab Ende des 18. Jahrhunderts las\u00adsen sich die Merkmale dieser Transformation regional in unter\u00adschiedlicher Art und Weise beobachten. Es gibt aber keinen Hinweis f\u00fcr eine solche Entwicklung unter den sudanesisch-arabischen beziehungsweise arabisierten St\u00e4m\u00admen bis Anfang des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist festzustellen, dass die Rechtsentscheidungen der <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzungen im Su\u00addan traditionell die letzte Verhandlungsinstanz gem\u00e4\u00df der lokalen Rechtspraxis dar\u00adstellen. In der Zeit vor 1925 standen die Stammesf\u00fchrer und lokalen \u00c4ltestenr\u00e4te mit ihrer charismatischen Autorit\u00e4t f\u00fcr Recht und Ordnung innerhalb ihrer Territori\u00aden. Diese Autorit\u00e4t war meines Erachtens nicht ausreichend, um sich zu einer best\u00e4ndi\u00adgen gerichtlichen Institution mit (an)erkennbaren Strukturen zu entwickeln, da die Stammesf\u00fchrer und \u00c4ltesten f\u00fcr die Verhandlung transtribaler und translokaler Rechtskonflikte wegen der be\u00adgr\u00fcndeten Annahme von tribaler Parteilichkeit nicht geeignet waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Also stand \u2013 historisch gesehen \u2013 die Bev\u00f6lkerung im Falle eines Rechtsstreits vor zwei M\u00f6glichkeiten. Sie konnte entweder die Bem\u00fchungen der Vermittler in Form von Mediation und Schlichtung akzeptieren, oder die Verletzung eigener Rechte mit oder ohne Gewalt \u201eausgleichen\u201c.<sup><a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle des Ausgleichs mittels Gewaltanwendung kann man zwei Kategorien unter\u00adscheiden. In die ers\u00adte Kategorie f\u00e4llt die Gewaltanwendung im Affekt unmittelbar nach der Zuf\u00fcgung von Unrecht, und zwar vor eventuellen Bem\u00fchungen Dritter, mediatorisch einzugreifen, Frieden zu stiften und die Gem\u00fcter zu bes\u00e4nftigen. Dies nennt man <em>intas<\/em><em>\uf029<\/em><em>ara li-<\/em><em>h\uf027<\/em><em>aqqih<\/em>, was man mit \u201eSelbsthilfe\u201c oder \u201eSelbstjustiz\u201c \u00fcbersetzen kann. Diese Art von Gewalt ist in der Rechtstradition arabischer St\u00e4mme allgemein legal, jedoch befristet auf einen Zeitraum von einem bis drei Tagen im Falle von T\u00f6tungsdelikten. Die Gew\u00e4hrung einer solchen Frist erfolgt unter Konditionen, die bei fast allen St\u00e4mmen bekannt und g\u00fcltig sind. Man nennt diese Phase <em>\u0161a<\/em><em>\u2019<\/em><em>a<\/em><em><u>t<\/u><\/em> oder <em>\u0121alw<\/em> <em>ad-damm<\/em> (K\u00f6cheln des Blutes). Bei der zweiten Kategorie von Gewaltanwendung lehnt eine Streitpartei die Bem\u00fchungen der Vermittler oder die Entscheidungen der Schiedsrichter ab und entscheidet sich f\u00fcr die Gewalt. Hier spricht man von <em><u>t<\/u><\/em><em>a<\/em><em>\u2019<\/em><em>r<\/em> oder <em>intiq\u0101m<\/em>, was \u201eVergeltung\u201c oder \u201eRache\u201c bedeutet, wobei der zweite Begriff im normativen Sinne negativer belastet ist als der erste Begriff<em><u>t<\/u><\/em><em>a<\/em><em>\u2019<\/em><em>r<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mechanismen <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> und <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> bezwecken die Beilegung von Konflikten und die Vers\u00f6hnung zwischen den Streitparteien durch eine dritte, vermittelnde Partei. Die Vermittler werden in beiden Praktiken als <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>w\u0101d<\/em> beziehungsweise <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> bezeichnet. Beide Begriffe sind arabische Pluralformen des Wortes <em>\u011f<\/em><em>aw\u0101d<\/em>, was lexi\u00adkalisch \u201efreigebiger, gro\u00dfm\u00fctiger, g\u00fctiger oder edler Mann\u201c bedeutet. Von der Bezeichnung f\u00fcr die Vermittler ist das Wort <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em> abgeleitet, welches die Schlich\u00adtungsverfahren selbst bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Mechanismen, <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> und <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>, sind im Falle des Sudans eng miteinander verbun\u00adden. Sie weisen Parallelen bez\u00fcglich beteiligter Akteure, prozessualer Abl\u00e4ufe und friedensstiftender Intentionen auf. Sie unterscheiden sich charakteristisch in Bezug auf die an die Vermittler tempor\u00e4r verliehenen Autorit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beteiligten Akteure bei beiden Mechanismen sind die Streitparteien, beziehungs\u00adweise ihre Stammesvertreter, die Repr\u00e4sentanten ihrer Solidarit\u00e4tsgruppe und die anwesenden Vermittler, also die Mediatoren oder Schlichter. Im Falle vom <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> handelt es sich um eine Eigeninitiative der lokalen und unmittelbar benachbarten <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd,<\/em> also der Edelm\u00fctigen. Sie sind in der Regel ehrw\u00fcrdige Stammesangeh\u00f6rige, die auf Grund pers\u00f6nlicher Eigenschaften oder wegen ihrer gesellschaftli\u00adchen Stel\u00adlung als allgemein anerkannte charismatische Autorit\u00e4ten betrachtet wer\u00adden. Sie k\u00f6nnen daher als Schiedsrichter (arabisch: <em>h\uf027akam<\/em> oder <em>mu<\/em><em>h\uf027ak<\/em><em>kim<\/em>) bei der Beilegung von Konflikten fungieren beziehungsweise als Friedensstifter oder Media\u00adtoren im Rahmen des <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em>-Mechanismus auftreten. Au\u00dferhalb der Tribalit\u00e4t besit\u00adzen auch nicht tribal zugeordnete Personen, wie staatliche Vertreter oder religi\u00f6se F\u00fchrer, die Eignung f\u00fcr die genannten Funktionen. Ihre Unparteilichkeit erh\u00f6ht sogar oft den Grad der Akzeptanz ihrer vermittelnden Rolle bei den Streitparteien.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> versuchen die Initiatoren dieses mediatorischen Prozesses die Gem\u00fcter zu bes\u00e4nftigen und den streitenden Parteien beim Finden einer friedlichen L\u00f6sung zu helfen. Die Zahl der Mediatoren bleibt im Laufe des Prozesses offen. Alle Anwesen\u00adden k\u00f6nnen dazu beitragen. Sie verf\u00fcgen beim <em>tat\uf02ay\u012bb <\/em>allerdings \u00fcber keine weitere Autorit\u00e4t au\u00dfer ihrer pers\u00f6nlichen Erwartung, dass die Streitparteien ihnen gegen\u00ad\u00fcber Respekt zeigen und ihre guten Intentionen mit unmissverst\u00e4ndlichem Entgegen\u00adkommen begr\u00fc\u00dfen. W\u00e4hrend des <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> sind die <em>a\u011f\u0101w\u012bd<\/em> weder befugt, Entscheidun\u00adgen zu treffen, noch Recht zu sprechen, auch wenn sie daf\u00fcr qualifiziert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald die mediatorischen Bem\u00fchungen als gescheitert betrachtet werden, kann jede Konfliktpartei zu einer Entscheidung der <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> aufrufen. Zu diesem Zeit\u00adpunkt muss die nach einer Rechtsentscheidung der <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> verlangende Partei den beziehungsweise die Schiedsrichter benennen. Die Gegenpartei kann diese Auswahl akzeptieren, ablehnen oder andere Personen vorschlagen. Durch die Einigung der Streitparteien \u00fcber die Namen der Schiedsrichter werden die genannten Personen beauftragt, Recht zu sprechen. Sie verf\u00fcgen damit \u00fcber die erfor\u00adderliche Autorit\u00e4t, die Streitsache zu beurteilen. Ihre Entscheidun\u00adg ist jedoch erst rechtskr\u00e4ftig, wenn die Konfliktparteien den Rechts\u00adspruch konsensuell angenommen haben. Es besteht auch die M\u00f6glichkeit, dass die Streitparteien die<em> a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> gleich zu Beginn der Verhandlung zum Richten zwi\u00adschen ihnen autorisieren und die Rechtsentscheidung im Voraus bedingungs\u00adlos akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In allen F\u00e4llen sind die <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Richter dazu autorisiert, von den Streitparteien Garanten f\u00fcr die Vollstreckung der Rechtsentscheidung zu verlangen. Jede Partei sollte dann einen B\u00fcrgen (<em>kaf\u012bl<\/em>) nennen, der f\u00fcr die Vollstreckung des <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Urteils pers\u00f6nlich haftet. Die genannte Person muss von den Gegnern in dieser Funktion akzeptiert werden. B\u00fcrgen sind meistens ein Repr\u00e4sentant der eigenen Solidarit\u00e4ts\u00adgruppe oder bei transtribalen Konflikten eine unabh\u00e4ngige Person. Diese Personen m\u00fcssen sozial und finanziell in der Lage sein, ihre Aufgaben als Gew\u00e4hrsm\u00e4nner zu erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Richter k\u00f6nnen noch eine weitere Person \u2013 die au\u00dferhalb der Gruppen der zerstrittenen Parteien steht \u2013 benennen, welche die Vollstreckung des Urteils und das Einhalten der vereinbarten Fristen f\u00fcr die Entrichtung von Entsch\u00e4digungen \u00fcberwacht. Im Falle, dass die <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Richter keine Garanten verlangen oder benen\u00adnen, haften sie pers\u00f6nlich f\u00fcr die Realisierung ihrer Rechtsentscheidung. Daher gibt es das sudanesische Sprichwort: <em>al-<\/em><em>\u011f<\/em><em>aw\u012bd ya yi<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u016bd bi-malih ya yi<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u016bd bi-ri<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101lih<\/em>, was bedeutet: \u201eEdelm\u00fctigkeit ist nur f\u00fcr diejenigen erlaubt, die an Hab und Gut oder M\u00e4nnern reich sind\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum \u00dcbergang vom <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em> zur <em>\u011f\u016bd\u012bya<\/em> ist oft nur ein kleiner Schritt notwendig. Eine <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em>-Sitzung (Mediation) kann sich in einem einzigen Augenblick in eine <em>\u011f\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzung (Schlichtung) verwandeln. Es gen\u00fcgt, dass eine der betroffenen Personen den Satz ausspricht: \u201eO Scheich soundso, richte zwischen uns (<em>ih\uf027kum binn\u0101 y\u0101 \u0161ai<u>h<\/u><\/em><em> ful\u0101n<\/em>)\u201c oder \u201eWir akzeptieren Ihre Rechtsentscheidung (<em>rad\uf029ain\u0101 bi-h\uf027ukmak<\/em> oder <em>h\uf027ukm ful\u0101n<\/em>)\u201c. In der Folge ordnen sich die Anwesenden, die sich bisher ohne klare Hierarchie meistens zeitgleich zur Verhandlungssache ge\u00e4u\u00dfert haben, in die zwei klar definierten Lager der beiden Streitparteien. Die \u00fcbrigen nicht parteigebundenen Anwesenden bilden ebenfalls zwei Gruppen, die f\u00fcr Au\u00dfenstehende nicht zu trennen waren, n\u00e4mlich die <em>a\u011f\u0101w\u012bd<\/em> und die nicht<em>-a\u011f\u0101w\u012bd<\/em>. Die Ersteren, also die <em>a\u011f\u0101w\u012bd<\/em>, haben ein Mitspracherecht und sitzen daher im inneren Kreis. Die anderen haben keine Mitspracherecht und sitzen am Rande.<\/p>\n\n\n\n<p>Die als <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> identifizierten Anwesenden haben insgesamt vier Funktionen. Ers\u00adtens werden der beziehungsweise die Schiedsrichter aus ihrer Mitte ausgew\u00e4hlt. Zwei\u00adtens \u00fcberwinden sie den Mangel an Vollstreckungsmechanismen durch die Er\u00adzeugung sozialen Druckes. Drittens treten einige von ihnen pers\u00f6nlich als Gew\u00e4hrs\u00adm\u00e4nner (<em>kufal\u0101<\/em><em>\u2019<\/em>) f\u00fcr den Vollzug des Rechtsurteils auf, indem sie zum Beispiel die Entrichtung des Blutgeldes oder der Entsch\u00e4digung garantieren und den Parteien Schutz gew\u00e4hren. Viertens sorgen s\u00e4mtliche Anwesende und die nicht zu den Schiedsrichtern z\u00e4hlenden <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> f\u00fcr die Abmilderung des Urteils, bis es zu einem von beiden Streitparteien annehmbaren Ausgleich kommt. Dieser Ausgleich sollte dem durchschnittlichen Wert entsprechen, welcher in vergleichbaren vorherigen F\u00e4l\u00adlen bestimmt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verteilung der Rollen unter und zwischen den anwesenden <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> folgt \u00fcbli\u00adcherweise einem Schema, das die hierarchischen Verh\u00e4ltnisse innerhalb der Kon\u00adfliktbeilegungsgemeinschaften ber\u00fccksichtigt und widerspiegelt. Denn die Rollen der Schiedsrichter, der Gew\u00e4hrsm\u00e4nner und der Repr\u00e4sentanten der Streitparteien ver\u00adk\u00f6rpern eine Form einer tempor\u00e4ren Obrigkeit, die mit den tats\u00e4chlichen gemein\u00adschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen harmonisieren muss. Sie darf sich weder zu einem Ausl\u00f6\u00adser von Rivalit\u00e4tskonflikten entwickeln noch existierende Rivalit\u00e4ten intensi\u00advieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzungen zur Beilegung von transtribalen Konflikten sind solche Macht\u00adverh\u00e4ltnisse einfach zu erkennen und dementsprechend werden sie ber\u00fccksichtigt. Alle St\u00e4mme, Unterst\u00e4mme, Solidarit\u00e4tsgruppen und auch Haushalte haben ihre anerkannten Oberh\u00e4upter, Repr\u00e4sentanten und Finanzbeauftragten, welche in allen diesen Funktionen als <em>\u0161ai<\/em><em><u>h<\/u><\/em> beziehungsweise <em>\u0161uy\u016b<\/em><em><u>h<\/u><\/em> bezeichnet werden. Als Faustre\u00adgel gilt, dass die <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> einer Schlichtungssitzung bei transtribalen und trans-subtri\u00adbalen Konflikten zu keiner der Streitparteien oder ihrer Alliierten geh\u00f6ren sollten. Als Schiedsrichter fungiert oft gem\u00e4\u00df der Tradition dieser St\u00e4mme der Gastgeber, da er von den beiden Streitparteien zur L\u00f6sung ihres Rechtsstreits ausgesucht wird. Ebenfalls k\u00f6nnte der Schiedsrichter einer der Initiatoren der Vers\u00f6hnungsinitiative sein, welcher in den meisten F\u00e4llen ein unabh\u00e4ngiger Stammesf\u00fchrer der benachbar\u00adten St\u00e4mme ist. Auch lokale religi\u00f6se F\u00fchrer wie <em>im\u0101me<\/em>, <em>s<\/em><em>\uf029<\/em><em>\u016bf\u012b<\/em>s und <em>fik\u012bs<\/em> sowie charis\u00admatische Pers\u00f6nlichkeiten sind potenzielle Schiedsrichter. Gleichzeitig verf\u00fcgen alle anwesenden unabh\u00e4ngigen <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em> \u00fcber eine beratende Stimme. W\u00e4hrenddessen gel\u00adten die den Streitparteien zugerechneten ehrw\u00fcrdigen Personen als Vertreter und Verteidiger ihrer Stammesgenossen. Sobald die Anwesenden zu einem Konsensus kommen, werden die b\u00fcrgenden Personen f\u00fcr den Vollzug der Rechtsentscheidung aus den Reihen der Notabeln der Streitparteien und ihrer Alliierten benannt. Diese m\u00fcssen, wie oben erw\u00e4hnt, in der Lage sein, f\u00fcr den Vollzug zu haften.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle von intratribalen Konflikten, besonders auf der Ebene des Unterstammes und noch tieferen Ebenen (<em>far\u012bq<\/em>, <em><u>h<\/u><\/em><em>a\u0161m<\/em>, <em>bait<\/em>) kommt es aber oft vor, dass die famili\u00ad\u00e4ren Strukturen die tribalen, hierarchischen, sozialen und politischen Funktionen so \u00fcberschneiden, dass die \u00fcbliche automatisierte Verteilung der Rollen bei <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzungen nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Dann erlauben sich die \u00c4ltesten der versam\u00admelten <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101w\u012bd<\/em>, ihre eigene Rolle selbst zu definieren. Sie behalten sich auch das Recht vor, Rollen anderer zu akzeptieren oder abzulehnen. Jedoch gilt dies nicht als Hindernis f\u00fcr den Einen oder den Anderen, seine selbst definierte Position w\u00e4hrend der Verhandlung zu wechseln, solange dies von den Anderen toleriert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Fallbeispiel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meiner Feldforschung im Fr\u00fchjahr 2006 beobachtete ich eine <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzung in der Ortschaft Sudar\u012b in Nordkurdufan, Sudan. Gegenstand der Sitzung war ein Streit um einen Anspruch auf Entsch\u00e4digung f\u00fcr eine K\u00f6rperverletzung des 50-j\u00e4hrigen Tagel\u00f6hners \u201bUtm\u0101n M. durch eine angebliche Ohrfeige des 20-j\u00e4hrigen Studenten Fatih\uf027, Sohn des Polizeioffiziers Kh\u0101lid. Beide geh\u00f6ren nicht nur ein und demselben Unterstamm an, sondern sind auch Mitglieder der gleichen Solidarit\u00e4ts\u00adgruppe und der gleichen lokalen Tribalgemeinschaft. Gleichzeitig geh\u00f6ren \u201bUtm\u0101n und Kh\u0101lid zur gleichen genealogischen Generation. Damit ist \u201bUtm\u0101n nach den dort geltenden genealogischen Regeln ein Onkel von Fatih\uf027.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Grund des Altersunterschieds und der famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse konnten die ver\u00adsammelten <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>\u0101wid<\/em> den Fall nicht nur auf den Sachverhalt einer K\u00f6rperverletzung eingrenzen. Sie bezogen auch \u201edie Verletzung der W\u00fcrde eines Onkels\u201c als Teil des objektiven Tatbestands ein. Die Versammelten waren Angeh\u00f6rige von f\u00fcnf Haushal\u00adten, welche zur gleichen <em><u>h<\/u><\/em><em>amsa<\/em> (einem auf f\u00fcnf Generationen gleicher Genealogie basierenden Solidarit\u00e4tsbund) und Tribalgemeinschaft geh\u00f6ren. Unter den Anwesen\u00adden befanden sich:<\/p>\n\n\n\n<p>1. der Imam der lokalen Moschee,<\/p>\n\n\n\n<p>2. der Sohn eines ehemaligen lokalen Unterstammesf\u00fchrers (<em>\u2019<\/em><em>umda<\/em>) und gleich\u00adzeitig Urenkel eines legend\u00e4ren Stammesf\u00fchrers zur Zeit der Mahd\u012bya,<\/p>\n\n\n\n<p>3. der gegenw\u00e4rtige Repr\u00e4sentant des lokalen Unterstammes (<em>\u0161ai<\/em><em><u>h<\/u><\/em><em> far\u012bq<\/em>) und Ur\u00adenkel eines anderen legend\u00e4ren F\u00fchrers,<\/p>\n\n\n\n<p>4. der Lehrer der lokalen Schule und<\/p>\n\n\n\n<p>5. einer der wohlhabenden H\u00e4ndler der Ortschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rivalit\u00e4t zwischen einigen der Anwesenden war von Anfang an stark zu sp\u00fcren. Der Imam war der \u00c4lteste und zugleich der Gastgeber. Jedoch verk\u00fcndete er schon vor Beginn der Sitzung, dass er die Funktion eines <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>w\u0101d<\/em> (Schiedsrichters) nicht \u00fcber\u00adnehmen werde. Er sei zu arm, um f\u00fcr seine Entscheidungen haften zu k\u00f6nnen. Daher er\u00f6ffnete der Zweit\u00e4lteste die Sitzung, der Sohn des ehemaligen lokalen Un\u00adterstammesf\u00fchrers. Er erkl\u00e4rte die Versammlung zu einer Anh\u00f6rung zum Zwecke der Vers\u00f6hnung zwischen zwei Verwandten, also zu einer Mediationssitzung. Als aber der beschuldigte Fatih\uf027 und seine Haushaltsvertreter die Verantwortung f\u00fcr die K\u00f6r\u00adperverletzung zur\u00fcckwiesen, war der Mediationsprozess faktisch beendet. Einige der Anwesenden begannen zu diskutieren, ob eine Ohrfeige drei Stunden sp\u00e4ter zu einem Armbruch f\u00fchren k\u00f6nne. Mit dieser Diskussion gingen sie von der Mediation zur Schlichtung \u00fcber. Die <em>tat\uf02ay\u012bb<\/em>-Sitzung wurde nun eine <em>\u011f\u016bd\u012bya<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mehrheit stand klar auf der Seite von F\u0101ti\u1e25. Sie waren der Meinung, dass <em>\u201b<\/em>Utm\u0101n die Schuld von F\u0101ti\u1e25 weder durch Zeugen belegen noch sonstwie beweisen k\u00f6nne. Dagegen ver\u00adsuchte der gegenw\u00e4rtige Repr\u00e4sentant des lokalen Unterstamms, \u201bUtm\u0101n in Schutz zu nehmen. Sein Rivale, der Zweit\u00e4lteste der Sitzung, erkl\u00e4rte so\u00adfort, dass die <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>aw\u012bd<\/em> sich nicht parteiisch \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen und dass jeder seine eigene Rolle nun definieren m\u00fcsse. Der Unterstammesrepr\u00e4sentant erkl\u00e4rte sich zum Spre\u00adcher und Ver\u00adtreter f\u00fcr \u201bUtm\u0101ns Haushalt. Er verteidigte die Situation von \u201bUtm\u0101n und rechtfertig\u00adte seine Rechtsanspr\u00fcche. Er trat damit als Schiedsrichter zur\u00fcck. Ohne Wortwechsel mit den anderen \u00fcbernahm nun der Lehrer die Rolle des Modera\u00adtors und vermied dadurch eine Eskalation der Situation zwischen den beiden rivali\u00adsierenden <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>aw\u012bd<\/em>. Nach einer langen Diskussion gelangten die beteiligten <em>a<\/em><em>\u011f<\/em><em>aw\u012bd<\/em> zur Ansicht, dass, wo immer Schaden entstanden sei, jemand daf\u00fcr aufkommen m\u00fcs\u00adse. So formulierte es der Zweit\u00e4l\u00adteste.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun verlangte der Lehrer in seiner Funktion als Moderator die Bildung eines Aus\u00adschusses f\u00fcr die Bewertung des Schadens und f\u00fcr die Berechnung einer entsprechen\u00adden Entsch\u00e4digung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Ausschuss besteht aus f\u00fcnf Personen\u201c, sagte der Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist der Erste der F\u00fcnf\u201c, erwiderte ihm der Zweit\u00e4lteste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd du der zweite\u201c, so folgte der Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zweit\u00e4lteste nannte sofort die anderen drei. Es waren Repr\u00e4sentanten der anwe\u00adsenden Haushalte inklusive seines Rivalen. Der Imam wurde in die Diskussionen, auch wenn es nicht n\u00f6tig war, als Berater einbezogen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Interpretation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist festzustellen, dass die Verteilung der Rollen w\u00e4hrend der <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzungen nicht nur den Erfolg des Schlichtungsverfahrens garantieren soll, sondern sie ist auch die B\u00fchne f\u00fcr ein Rollenspiel. In diesem Spiel wird im Laufe der Verhandlung ver\u00adsucht, sich die subjektive Betrachtung der eigenen sozialen Stellung best\u00e4tigen zu lassen und die subjektive Wahrnehmung der sozialen Stellung des anderen zu reflek\u00adtieren. Dabei wird die Rivalit\u00e4t zwischen vererbten alten F\u00fchrungsstrukturen der genealogi\u00adschen Verh\u00e4ltnisse und neu erworbenen sozialen und politischen Stellun\u00adgen offensichtlich und unvermeidbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im politischen Alltag verlieren die alten, traditionellen Machtstrukturen der kleinen St\u00e4mme oft jegliche Autorit\u00e4t im Rahmen trans- und intertribaler Beziehun\u00adgen, da die Auswahl und Anerkennung von Stammesrepr\u00e4sentanten eine Entschei\u00addung der staatlichen Administration ist. Auch soziales Ansehen ist abh\u00e4ngig von Reichtum und Wirkungspotenzial innerhalb der stammesheterogenen Urbangemein\u00adschaft, die nicht unbedingt mit den traditionellen, genealogisch vererbten intratribalen F\u00fch\u00adrungsstrukturen vereinbar sind. Zieht man sich aus dieser Heterogenit\u00e4t in die eigene intratribale Sph\u00e4re zur\u00fcck, wie dies bei einer <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Praxis der Fall ist, gewinnt die alte Machtstruktur der genealogischen Verh\u00e4ltnisse ihre traditionelle Autorit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In der von mir beobachteten <em>\u011f<\/em><em>\u016bd\u012bya<\/em>-Sitzung beharrten die \u00c4ltesten, die die alten Machtstrukturen repr\u00e4sentieren, darauf, den Einfluss der j\u00fcngeren Generationen ein\u00adzud\u00e4mmen. Sie stellten sich als Kenner und H\u00fcter der eigenen Stammestradition dar. Sie bestimmten das Mit\u00adspracherecht und damit die An- und Aberkennung der sozia\u00adlen Stellung aller Anwesenden. Dar\u00fcber hinaus ist die Verurteilung von F\u0101tih\u0323 als ein Denkzettel an ihn und seinen Vater zu werten. Die anwesenden Stam\u00admes\u00e4ltesten waren von der Unschuld F\u0101tih\u0323s an der K\u00f6rperverletzung des alten \u201bUtm\u0101n \u00fcberzeugt. Aber gleichzeitig waren sie besorgt, dass der junge F\u0101tih\u0323 und sein Vater die Stam\u00admestradition aus Eitelkeit, da der Vater bei der Polizei arbeitet, nicht ernst genug nehmen, wie mir vor der Sitzung erkl\u00e4rt wurde. So instrumentalisierten die Stam\u00admes\u00e4ltesten das Stammesrecht als \u00dcberlebensme\u00adchanismus traditioneller intratribaler Beziehungs- und Machtverh\u00e4ltnisse. Dies geschah im beobachteten Falle zu ihren Gunsten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abdul-Jalil, Musa Adam (1985) From native courts to people\u2019s local courts: the poli\u00adtics of judicial administration in Sudan, Verfassung und Recht in \u00dcbersee (18): 139 ff.<\/p>\n\n\n\n<p>Ah\uf027mad, N\u0101zik at\uf02c-T\uf028aiyib Rab\u0101h\u0323 (1998) Daur al-h\u0323uk\u016bma al-markaz\u012bya wa-l-id\u0101ra al-ahl\u012bya f\u012b fad\u0323\u1e0d an-niz\u0101\u201b\u0101t al-qabal\u012bya f\u012b D\u0101rf\u016br, nicht ver\u00f6ffentlichte Master-Arbeit in der Politkwissenschaft an der University of Khartoum.<\/p>\n\n\n\n<p>Marshal, A. H. (2002) The position of Tribal leaders in the life of the Sudan, in: Saleh, Mahmoud (Hrsg.): The British documents on the Sudan (1940-1956), Beirut 8: 94 ff.<\/p>\n\n\n\n<p>Ma\u0161r\u016b\u201b (2005) q\u0101n\u016bn al-qad\u0323\u0101\u2019 al-ahl\u012b bi-wil\u0101yat \u0160am\u0101l Kurduf\u0101n li-sannat 2005 = Entwurf des Gesetzes Nr. 21 des Jahres 2005: Die Volksgerichte im Staat Nordkur\u00addufan.<\/p>\n\n\n\n<p>Muh\uf027ammad, Adam az-Zain (2003) al-Maur\u016bt\u0101t al-qabal\u012bya wa-dauruh\u0101 f\u012b fad\uf029d\uf029 an-niz\u0101\u201b\u0101t: amtila min wil\u0101yat \u011ean\u016bb Darf\u016br, Al-Ad\u0101b, 85 ff.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u016bs\u0101, \u201bAbb\u0101s S. (2005) Manz\uf029\u016bmat al-id\u0101ra al-\u201b\u0101mma f\u012b as-S\u016bd\u0101n (1821-1998), Khartoum.<\/p>\n\n\n\n<p>The Native Courts Ordinance (1932) in: Sudan Government Gazette, Khartoum 1932.<\/p>\n\n\n\n<p>The Powers of Nomad Sheikhs Ordinance (1922) in: Sudan Government Gazette, Khartoum 1922.<\/p>\n\n\n\n<p>The Powers of Sheikhs Ordinance (1927) in: Sudan Government Gazette, Khartoum 1927.<\/p>\n\n\n\n<p>The Powers of Sheikhs Ordinance (1928) in: Sudan Government Gazette, Khartoum 1928.<\/p>\n\n\n\n<p>The Village Courts Ordinance (1925) in: Sudan Government Gazette, Khartoum 1925.<\/p>\n\n\n\n<p>The Village Courts Ordinance (amendment) (1930) in: Sudan Government Gazette, Khartoum 1930.<\/p>\n\n\n\n<p>Turner, Bertram\/ Schlee, G\u00fcnther (2008) Einleitung: Wirkungskontexte des Vergel\u00adtungsprinzips in der Konfliktregulierung, in: Turner\/Schlee (Hrsg.), Vergeltung<em>,<\/em> Frankfurt\/M.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201bUmar, Ah\uf027mad \u201bUtm\u0101n (2005) Atar at-ta\u0161r\u012by\u0101t al-isl\u0101m\u012bya f\u012b an-niz\uf029\u0101m al-q\u0101n\u016bn\u012b as-s\u016bd\u0101n\u012b, Khartoum.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>Muh\uf027ammad 2003: 85 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>Marshal 2002: 94 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>The Village Courts Ordinance 1925 \u00a7 6 (1-2) und \u00a7 7.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>The Powers of Sheikhs Ordinance 1927 \u00a7 6 (a-d) und \u00a7 7; vgl. The Native Courts Ordinance 1932 \u00a7\u00a7 8 und 9.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a>The Powers of Nomad Sheikhs Ordinance 1922.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a>The Village Courts Ordinance 1925.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a>The Village Courts Ordinance 1925 \u00a7 2, \u00a7 3 (1) und (2).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a>The Village Courts Ordinance 1925; vgl. The Powers of Sheikhs Ordinance 1927; vgl. ibid. 1928; vgl. The Village (amendment) Courts Ordinance 1930.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a>The Powers of Sheikhs Ordinance 1927 \u00a7 5 (1).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a>Siehe The Native Courts Ordinance 1932.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a>The Native Courts Ordinance 1932 \u00a7 5 (a-e).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a>The Native Courts Ordinance 1932 \u00a7 5 (d).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a>Ah\uf027mad 1998:41 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a>Zur historischen Entwicklung dieser Institution siehe Abdul-Jalil 1985: 139 ff.; vgl. M\u016bs\u0101 2005:41 ff.; vgl. \u201bUmar 2005:55 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a>Siehe The Village Courts Ordinance 1925; vgl. The Powers of Sheikhs Ordinance 1927; vgl. ibid. 1928; vgl. The Village Courts Ordinance (amendment) 1930; vgl. The Civil Justice Ordin\u00adance Rules 1930; vgl. The Native Courts Ordinance 1932 in ders.; (1932): 102-110; vgl. Ma\u0161r\u016b\u201b 2005.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a>In seiner Rede vor den Abgeordneten des Parlaments und den Stammesf\u00fchrern von Nordkurdu\u00adfan wies der Oberrichter des Landes auf die Verfassungswidrigkeit der \u00dcberschneidung exekuti\u00adver und richterlicher Kompetenzen lokaler Stammesf\u00fchrer hin.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a>Siehe Muh\uf027ammad 2003: 85 f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a>Zum Thema Gewalt und Ausgleich siehe Turner\/Schlee 2008: 7-48. ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.4feb6168-ad5c-4fc5-b7fd-b4049d69acc0\" width=\"1\" height=\"1\">is<\/p>\n\n\n\n<p>Verweis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen Ahmed Abd-Elsalam Stammesrecht in traditionellen intratribalen Beziehungs- und Machtverh\u00e4ltnissen am Beispiel arabischer St\u00e4mme in Nordkurdufan, Sudan \u2013 Beobachtungen aus dem Feld Zusammenfassung Bis heute sind die sogenannten \u011f\u016bd\u012bya-Schlichtungsverfahren der Hauptmechanis\u00admus f\u00fcr die Beilegung intratribaler und transtribaler Konflikte unter den arabischen St\u00e4mmen im Sudan, besonders in Nordkurdufan und Darfur, wo die staatlichen juri\u00addischen Apparate nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1448\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Interdisziplin\u00e4re Rechtsforschung Abdelsalam Stammesrecht<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1298,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1448","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1448"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1812,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1448\/revisions\/1812"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1298"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}