{"id":1690,"date":"2021-03-09T01:47:27","date_gmt":"2021-03-08T23:47:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1690"},"modified":"2025-03-19T00:21:23","modified_gmt":"2025-03-18T22:21:23","slug":"sozialepidemiologie-des-drogenkonsums-kapitel-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1690","title":{"rendered":"Sozialepidemiologie des Drogenkonsums &#8211; Kap. 2"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1699\"><strong>Weiterlesen Kapitel 3<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.e1dd10e5-e29f-40cf-b1b8-9db33b1362f8\">is, Josef Estermann<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"\/bild\/sozep_vs_gross.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/bild\/sozep.jpg\" alt=\"beschreibung\" title=\"titel\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>2 Fragestellung, Vorgehensweise und Begriffsbestimmung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.1 Fragestellung und Zielsetzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Ma\u00dfnahmenpaket zur Bek\u00e4mpfung des Drogenkonsums hat sich die Schweizer Regierung 1991 zum Ziel gesetzt, durch geeignete Vorkehrungen die Zahl der Kon\u00adsumierenden von illegalen Drogen in einem ersten Schritt zu stabilisieren und in einem zweiten deutlich zu senken. Erfolg oder Mi\u00dferfolg dieser Drogenpolitik l\u00e4\u00dft sich sowohl an der Ver\u00e4nderung der Lebensqualit\u00e4t wie auch an der Zu- oder Ab\u00adnahme des betroffenen Personenkreises ablesen. Die zentralen Parameter sind die Zahl der neuen Drogenkonsumierenden pro Zeiteinheit (Inzidenz) und die Zahl von Personen, die aus dem Kreis der Betroffenen pro Zeiteinheit ausscheiden (Remission oder Tod). Die Grundlage zur Beurteilung gesellschaftspolitischer Ma\u00dfnahmen auf dem Gebiet harter, illegaler Drogen<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> besteht daher in der Grup\u00adpengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzung zu verschiedenen Zeitpunkten. Es gab 1991 keine pr\u00e4zisen Vorstellungen oder valide wissenschaftliche Erkenntnisse \u00fcber die Zahl der Kon\u00adsumierenden, also \u00fcber die Gruppengr\u00f6\u00dfe. Solche Vorstellungen sind mittels einer Beschreibung der verschie\u00addenen Kompartimente der Drogenkonsumierenden und einer Parametrisierung der \u00dcberlappungen zu gewinnen. In diesem Zusam\u00admen\u00adhang l\u00e4\u00dft sich dann ihre Zahl erst n\u00e4her beleuchten. Allerdings bleibt zu ber\u00fcck\u00adsichtigen, da\u00df weder eine Verdr\u00e4ngung der Drogenkonsumierenden aus dem \u00ab\u00f6ffentlichen Blickfeld\u00bb noch eine Ver\u00e4nde\u00adrung der Zahl der Drogentoten oder der Verurteilun\u00adgen aufgrund von Drogendelik\u00adten, f\u00fcr sich alleine genommen, g\u00fcltige Indikatoren f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Zahl der Konsumierenden darstellen. Die vorliegende Untersuchung kombiniert daher unter\u00adschiedliche Informationsquellen, so da\u00df ein m\u00f6glichst differenziertes, pr\u00e4zises Bild der Pr\u00e4valenz drogen\u00adkonsumierender Personen in der Schweiz entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rt insbesondere auch Material \u00fcber diejenigen Heroin und Kokain kon\u00adsumierenden Personen, die ihren Konsum sozial unauff\u00e4llig gestalten. Anhand von biographischen Daten wird beschrieben, welche Faktoren diese von den repressiv Erfa\u00dften unterscheiden. Dadurch soll der Einflu\u00df von soziodemographischen, sozia\u00adlen und individuellen Bedingungen auf den Karriereverlauf gezeigt werden. Bislang haben sich alle Versuche der Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzung von Drogen\u00adkon\u00adsumierenden auf sozial auff\u00e4llige Populationen beschr\u00e4nkt. Diese Studie unter\u00adnimmt den Versuch, die Gruppe sozial integrierter Drogenkonsumierender soweit als m\u00f6glich in die Sch\u00e4tzungen einzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Basis der Verbindung von Massendaten mit qualitativen Materialien soll hier eine m\u00f6glichst zuverl\u00e4ssige Sch\u00e4tzung der Gruppengr\u00f6\u00dfe Heroin und Kokain kon\u00adsumierender Personen in der Schweiz innerhalb enger Vertrauensbereiche als sozial\u00adepidemiologische Grundinformation gewonnen werden. Die Situation Heroin und Kokain Konsumierender \u00e4hnelt sich insofern, da\u00df zwar Heroin und Kokain nicht in gleichem Masse eine k\u00f6rperliche Toleranzentwicklung hervorrufen &#8211; diese liegt in erster Linie beim Konsum von Heroin vor &#8211; da\u00df jedoch beiden Drogen ein hohes Suchtpotential eigen ist, das unter den Bedingungen von Prohibition und Repression h\u00e4ufig zu physischer und psychischer Deprivation und sozialer Auff\u00e4l\u00adligkeit f\u00fchrt. Beide Drogen werden h\u00e4ufig intraven\u00f6s injiziert, eine Applikations\u00adform, die f\u00fcr die \u00dcbertragung von AIDS und Hepatitis relevant ist. Die Konsumie\u00adrenden von Haschisch wurden von der Untersuchung ausgeschlossen. Zwar ist Haschisch eben\u00adfalls eine illegale Droge, deren Konsum verfolgt wird, ihr Genu\u00df wirkt jedoch nur in Ausnahmef\u00e4llen suchtbildend. Die Droge Nikotin hingegen verursacht in hohem Ma\u00dfe k\u00f6rperliche Abh\u00e4ngigkeit und ist \u00fcberdies sehr gesundheitssch\u00e4digend. Dies gilt auch f\u00fcr Alkohol, dessen Konsum dar\u00fcber hinaus oft markantes soziales Fehl\u00adverhalten nach sich zieht. Durch die gesell\u00adschaftliche Integration dieser Drogen f\u00fchrt ihr Konsum jedoch nur selten zu Verelendung und sozialer Auff\u00e4lligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum stehen Erkenntnisse \u00fcber die Ver\u00e4nderung der Gruppengr\u00f6\u00dfen im Zeit\u00adverlauf, die Sch\u00e4tzung von Pr\u00e4valenz, Inzidenz, Remission und Mortalit\u00e4t,<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> die Dauer und Art der Karrieren Konsumierender und den Einflu\u00df von Geschlecht, Alter und sozialer Einbindung. Der qualitative Ansatz st\u00fctzt sich auf biographische Inter\u00adviews und fokussiert protektive Faktoren, die einen Abstieg in soziale Margi\u00adnalisie\u00adrung und sozialmedizinische Bed\u00fcrftigkeit verhindern oder erschweren. Die Sch\u00e4t\u00adzung von Pr\u00e4valenz, Inzidenz, Remission und Mortalit\u00e4t bietet die M\u00f6glich\u00adkeit, un\u00adterschiedliche Drogenpolitiken in ihrer Wirkung zu beschreiben und wissenschaftlich \u00fcberpr\u00fcfbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzungen und die qualitativen Ergebnisse k\u00f6nnen die Basis f\u00fcr die Abw\u00e4gung von Kosten und Nutzen im Repressionsbereich und im sozial\u00adthe\u00adrapeutischen Sektor bilden, wobei insbesondere die Frage des Grenz\u00adnutzens drogen\u00adpolitischer Ma\u00dfnahmen von Bedeutung ist. Sie k\u00f6nnen in Bezie\u00adhung gesetzt werden zu Daten der Epidemiologie von Hepatitis und AIDS.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> Schon seit l\u00e4ngerer Zeit sind die Hepatitisviren HAV, HBV und HCV in der Population Heroin und Kokain kon\u00adsumierender Personen weit verbreitet. In den Jahren 1983 bis 1987 drang HIV mas\u00adsiv in die Gruppe injizierender Drogenbenutzer ein. Die Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzungen, gekoppelt mit Erkenntnissen zu Pr\u00e4valenz und Infek\u00adtionswegen dieser Viruserkran\u00adkungen in der Population Drogenkonsu\u00admierender, bilden die Grundlage f\u00fcr die Beur\u00adteilung der Entwicklung dieser Epi\u00addemien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.2 Vorgehen: qualitative und quantitative Methoden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wie Studien zum Einstieg in den Drogengebrauch, zur Betreuung von S\u00fcch\u00adtigen, zum Entzug und zur Morbidit\u00e4t und Mortalit\u00e4t der Betroffenen stellen Studien zur Beschreibung einer epidemischen Entwicklung des Gebrauchs von Heroin und Kokain harte methodische Anforderungen. Verschiedentlich wurden Gruppen\u00adgr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzungen sogar f\u00fcr \u00fcberhaupt nicht machbar erkl\u00e4rt. Skarabis und Patzak<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>konnten zeigen, da\u00df zwar die direkte Sch\u00e4tzung der geschlossenen Gesamtgruppen\u00adgr\u00f6\u00dfe mittels eines einfachen capture-recapture<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup> (vgl. Kap. 4.1.1) wegen der Modellvoraussetzungen, der Unabh\u00e4ngigkeit der Stichprobe und der Gleichvertei\u00adlung (beziehungsweise Homogenit\u00e4t) der zu untersuchenden Population nur beschr\u00e4nkt aussagekr\u00e4ftig ist, da\u00df jedoch die zu erwartende Klumpung unter ande\u00adrem im Rahmen der Ans\u00e4tze von Darroch und Ratcliff<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> einbezogen werden kann und so auch geklumpte Popu\u00adlationen einer reliablen Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzung zug\u00e4nglich zu machen sind. Dazu m\u00fcssen aber mehrere Stichproben aus einer Gebietseinheit vorliegen.Dar\u00fcber hinaus besteht die M\u00f6glichkeit, durch die Einbeziehung von Indi\u00adkatoren f\u00fcr die Repressionsintensit\u00e4t einer ver\u00e4nderten Registrierungswahrschein\u00adlichkeit Rechnung zu tragen. Liegen Stichproben aus aufeinanderfolgenden Zeitab\u00adschnitten vor, k\u00f6nnen offene Populationen gesch\u00e4tzt werden, das hei\u00dft neben der Anzahl der Konsumierenden auch die Zugangs- und Abgangsraten (vgl. Kap. 4.4.2). Um die Fragestellung ad\u00e4quat angehen zu k\u00f6nnen, ist es zudem notwendig, eine Mi\u00adkro\u00adparametrisierung der Subpopulationen anhand einer oder mehrerer lokal einge\u00adgrenzter Szenen mittels qualitativer Analyse von Biographien und Identifizierung von protektiven Faktoren sowie eine Makroanalyse der einzigen f\u00fcr die ganze Schweiz \u00fcber einen mehrj\u00e4hrigen Zeitraum vorhandenen Massendaten, n\u00e4mlich der Repressi\u00adonsdaten durchzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff der Subpopulation umfa\u00dft dabei eine Gruppe von Konsumierenden mit bestimmten Verhaltens- und Sozialmerkmalen, etwa Drogenbenutzende in qualifi\u00adzierten Arbeitsverh\u00e4ltnissen, Gelegenheitskonsumierende oder Drogenabh\u00e4ngige, die \u00abauf der Stra\u00dfe\u00bb leben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Makroanalyse stehen als Quellen in erster Linie die offiziellen Daten der Kriminalstatistik im weitesten Sinne zur Verf\u00fcgung. Weitere Hinweise k\u00f6nnen aus der Analyse der Mortalit\u00e4tsstatistik gewonnen werden. Daten \u00fcber Drogentodes\u00adf\u00e4lle sind erg\u00e4nzend beizuziehen. Die Massendaten wie etwa die Zahl der ange\u00adzeigten Personenen zeigen Mindestgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr einzelne Subpopulationen und vermittelt einen ersten, h\u00e4ufig tr\u00fcgerischen Eindruck des zeitlichen Verlaufs in den Subpopulationen. Dabei sind Hypothesen \u00fcber die Gestalt der Mikroparameter wie Alter und Geschlecht zu gewinnen. Anschlie\u00dfend k\u00f6nnen wiederum die spezifi\u00adzierten Mi\u00adkropa\u00adrameter auf der Basis der Massendaten zur Gruppengr\u00f6\u00dfen\u00adsch\u00e4tzung dienen. Die Analyse besteht demzufolge aus einem reflektiven, quasi-hermeneutischen Verfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verwendbaren quantitativen Datenquellen unterliegen wesentlichen para\u00admetri\u00adsierungsbed\u00fcrftigen Einschr\u00e4nkungen:<\/p>\n\n\n\n<p>a) Daten der Polizei-, Kriminal- und Gef\u00e4ngnisstatistik sowie die darauf beru\u00adhen\u00adden Sch\u00e4tzungen sind blind gegen\u00fcber den Teilen der Drogenkonsumie\u00adrenden, die dazu pr\u00e4destiniert sind, der Kriminalisierung zu entgehen (Ph\u00e4nomen der Repressionsimmunit\u00e4t).<\/p>\n\n\n\n<p>b) Daten der Betreuungs- und Beratungsstellen beziehen sich in der Regel nur auf Personen, die entweder in der Fr\u00fchphase durch ihren sozialen Nahbereich (Freunde, Eltern etc.) vermittelt oder in einer sp\u00e4teren Phase durch den Druck der Abh\u00e4ngigkeit selber mit diesen Stellen in Kontakt kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>c) Daten der Kliniken beziehen sich nur auf Personen, die deren Leistung frei\u00adwillig in Anspruch nehmen oder als Notf\u00e4lle eingeliefert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>d) Daten der medizinischen Behandlungs- und Substitutionsprogramme unter\u00adliegen der Selektion durch die Aufnahmebedingungen und sind blind gegen\u00ad\u00fcber Perso\u00adnen, die sich nicht medizinalisieren lassen (Ph\u00e4nomen der Medizi\u00adnalisie\u00adrungsimmunit\u00e4t).<\/p>\n\n\n\n<p>e) Die Drogentodesf\u00e4lle beziehen sich nur auf diejenigen Drogenkonsumieren\u00adden, die im Zusammenhang mit ihrem Tode als solche erkannt werden.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>f) Im Zuge von medizinisch-epidemiologischen Fragestellungen gewonnene Daten sind in der Regel zu spezifisch auf die angesprochenen Subpopulatio\u00adnen ausge\u00adrichtet (Impfkampagnen, Hepatitis, AIDS, akute Intoxikationen).<\/p>\n\n\n\n<p>In den meisten F\u00e4llen sind Daten in einer Form, welche die Identifikation der einzel\u00adnen Personen im Rahmen eines <em>capture-recapture<\/em> zulassen w\u00fcrde, nicht erh\u00e4lt\u00adlich. Da auf nationaler Ebene keine weiteren Daten zur Verf\u00fcgung stan\u00adden, beschr\u00e4nkt sich die Analyse auf die Repressions- und Mortalit\u00e4tsdaten (vgl. Kap. 4). Sehr hilfsreich w\u00e4re beispielsweise der Einbezug von Methadonbehandlungsdaten, die f\u00fcr diese Studie leider nicht zur Verf\u00fcgung gestellt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Basis der Datenerhebung wird zus\u00e4tzlich qualitativ erweitert, um eine Beschrei\u00adbung desjenigen Teils der Drogenszene zu erm\u00f6glichen, der mit geringer Wahr\u00adscheinlichkeit sozial auff\u00e4llig wird und damit in keinem der vorliegenden Datenbe\u00adst\u00e4nde erfa\u00dft ist. Dabei spielt der Begriff der Immunit\u00e4t der Individuen eine zentrale Rolle. Diese sch\u00fctzt sie vor Repression oder Medizinalisierung oder schlie\u00dft sie so\u00adgar von der Population der Suszeptiblen aus. Immunit\u00e4t und Sus\u00adzeptibilit\u00e4t werden analog der in der Medizin verwendeten Begrifflichkeit gebraucht (vgl. Kap. 2.3.2).<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptproblem der Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzung liegt in einer Mikroparametrisie\u00adrung, welche die nicht gemessene Varianz der Erfassungswahrscheinlichkeiten be\u00adschreiben k\u00f6nnte. Es mag zwar informativ sein, aus der Frequenz des Platzspitzbe\u00adsuches und der durch\u00adschnittlichen \u00abBelegung\u00bb des Platzspitzes, dem Zentrum der offenen Szene der Stadt Z\u00fcrich der sp\u00e4ten achtziger und fr\u00fchen neunzi\u00adger Jahre, die Anzahl der Kon\u00adsumierenden zu sch\u00e4tzen.<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup> Ohne weiteres kann dies jedoch nur unter der Annahme gelingen, da\u00df alle Drogenkonsumierenden mit gleich gro\u00dfer Wahr\u00adscheinlichkeit irgendwann auch auf dem Z\u00fcrcher Platzspitz erscheinen, um sich Dro\u00adgen zu besorgen. Dies ist aber nicht der Fall. Es m\u00fc\u00dften zuerst die unterschied\u00adlichen Wahrscheinlichkeiten bestimmt werden, mit der ein Drogenkonsumierender in einem bestimmten Zeitraum \u00fcberhaupt irgendwo auftaucht, wo er erfa\u00dft werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Problem liegt in der Schwierigkeit, den Endpunkt oder eine Pause in der Karriere zu identifizieren. Viele Personen sind aktuell gerade abstinent, ihre Karriere ist aber nicht unbedingt als abgeschlossen zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist die \u00dcberlappung einer bestimmten Population mit einer oder mehreren anderen festzustellen oder in einem gen\u00fcgend engen Rahmen bestimmbar, bieten die capture-recapture- und multicapture-Verfahren bessere M\u00f6glichkeiten, Grup\u00adpengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzungen vorzunehmen. In ihrer einfachen Form ist jedoch unter ande\u00adrem Gleich- beziehungsweise Zufallsverteilung Modellvoraussetzung (Petersen-Methode, vgl. Kap. 4.1). Diese ist f\u00fcr die Totalit\u00e4t der Drogenbe\u00adnutzenden in allen m\u00f6glichen Szenen ohne Ber\u00fchrungspunkte nicht gegeben, sondern nur innerhalb bestimmter Subpopulationen. Technisch ausgedr\u00fcckt beste\u00adhen \u00abKlumpungen\u00bb. Ist der Grad der Klumpung bekannt, kann diese Gr\u00f6\u00dfe beispielsweise als ver\u00e4nderte Registrierungswahrscheinlichkeit in das Modell ein\u00adgef\u00fchrt werden. F\u00fcr die gesamte Population gilt:<\/p>\n\n\n\n<p>N = n + e<sub>i<\/sub><sub>1<\/sub>,&#8230;,<sub>i<\/sub><sub>k<\/sub> + E<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesamtgr\u00f6\u00dfe der Population ergibt sich also aus der Anzahl der gefundenen Personen plus der aus den \u00dcberlappungen und Gr\u00f6\u00dfen der einzelnen Stichproben gesch\u00e4tzten nicht erschienenen Personen plus dem Sch\u00e4tzfehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mikroparametrisierung und die Identifizierung protektiver Faktoren mu\u00df in loka\u00adlen Szenen mittels qualitativer Verfahren erfolgen. Anhand biographischer Infor\u00adma\u00adtionen, die unter Aufbau eines Vertrauensverh\u00e4ltnisses zu den fraglichen Personen gewonnen wurden, sind unter Beziehung monographischer wissen\u00adschaftli\u00adcher Infor\u00admationen die Wahrscheinlichkeiten besser abzusch\u00e4tzen, mit denen Dro\u00adgenkonsu\u00admierende in einem bestimmten Zeitfenster in einer bestimm\u00adten Subpopu\u00adlation auf\u00adtauchen (eine Beratungsstelle aufsuchen, verurteilt werden, in die Klinik kommen, als Drogentodesf\u00e4lle gemeldet werden etc., vgl. Kap. 3.3). Biographi\u00adsche Interviews k\u00f6nnen zur Beschreibung individueller Wahr\u00adschein\u00adlichkeiten der Mitglieder, in be\u00adstimmten Zeitabschnitten in bestimmten Institutio\u00adnen in Erschei\u00adnung zu treten, bei\u00adgezogen werden. Der Typologie der verschiede\u00adnen Konsum\u00admuster und damit der Konsumierenden widmet sich das Kapitel 2.3. Im Kapitel 3 finden sich eine qualita\u00adtive empirische N\u00e4he\u00adrung an die \u00dcbergangs\u00adwahrscheinlichkeiten und eine qualitative empirische F\u00fcllung der Typologie. Beson\u00adderes Gewicht liegt dabei auf der Beschrei\u00adbung der Eigenschaf\u00adten, die mit Integration und Desintegration des oder der Kon\u00adsumieren\u00adden zusam\u00admenh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mikroparametrisierung durch qualitative Verfahren und die quantitative Ana\u00adlyse sollten m\u00f6glichst folgende Variablen beschreiben (vgl. Kap. 3.5 und 3.6):<\/p>\n\n\n\n<p>1. Dauer der Drogenkarriere<\/p>\n\n\n\n<p>2. Umfang des Drogenkonsums<\/p>\n\n\n\n<p>3. Zeitpunkt und Frequenz des Kontakts zu Institutionen (Beratungsstelle, Klinik, Spital, Entzugsprogramm, Entzugseinrichtung, Polizei, Gericht, Gef\u00e4ngnis)<\/p>\n\n\n\n<p>4. Zentrale sozio\u00f6konomische und demographische Merkmale<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Arbeit verbindet qualitative Methoden der Biographieforschung mit einer numerischen Analyse der im laufenden Forschungsproze\u00df gewonnenen Indivi\u00addualdaten aus den Bereichen Drogenrepression und Therapie sowie mit einer Aggre\u00adgatdatenanalyse von Querschnittsdaten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.3 Begriffsbestimmungen und qualitative Beschreibung der Population<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.3.1 Typen von Konsumverhaltensmustern und Typen von Konsumierenden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Konsumierenden von harten, illegalen Drogen sind nach ihren Konsumge\u00adwohn\u00adheiten zu differenzieren. Das versuchsweise Sniffen von Kokain oder Heroin mu\u00df anders eingeordnet werden als ein seit Jahren w\u00e4hrender t\u00e4glicher, kompul\u00adsiver Gebrauch dieser Substanzen. Im folgenden sind die Kategorien von Konsum\u00adverhal\u00adten erst einmal rein theoretisch und ohne empirischen Bezug im Sinne einer Begriffskl\u00e4rung dargestellt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Der weitest gefa\u00dfte Begriff bezieht sich auf die <strong>Lebenszeitpr\u00e4valenz<\/strong> des Kon\u00adsums. Er bezieht sich auf s\u00e4mtliche Personen, die jemals Heroin oder Kokain kon\u00adsumiert haben, und zwar unabh\u00e4ngig von ihrer aktuellen Konsumform oder Absti\u00adnenz.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup> Erfolgter Konsum wird empirisch in Bev\u00f6lkerungsumfragen erfa\u00dft mit der Frage \u00abHaben Sie jemals Heroin oder Kokain konsumiert?\u00bb In unserem For\u00adschungsvorhaben ist die Grenze des Einbezugs auf mehr als 20 Kon\u00adsumereignisse festgelegt, um dieses nicht mit den blo\u00df akzidentiellen \u00abVersuchern\u00bb und l\u00e4ngst abstinenten Konsumierenden zu belasten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Ein m\u00f6gliches Konsumverhalten ist der <strong>Gelegenheitskonsum<\/strong>. Gelegenheits\u00adkon\u00adsumentinnenund<strong> &#8211;<\/strong>konsumenten benutzen Heroin oder Kokain zwar nicht absolut selten, aber doch eher zuf\u00e4llig, auf Parties oder bei unregelm\u00e4\u00dfigen Zusammen\u00adtreffen mit Freunden. Sie suchen den Stoff nicht explizit und kaufen ihn in der Re\u00adgel auch nicht. Mehrere Monate dauernde Phasen der Abstinenz sind \u00fcblich. Der Drogengebrauch tangiert den Alltag der Konsumierenden in der Regel nicht. Die\u00adses Konsummuster ist h\u00e4ufig bei Kokainkonsumierenden zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Ein vergleichsweise gesteigertes Gebrauchsverhalten stellt der <strong>aktuelle Konsum <\/strong>dar. Merkmal dieses Konsummusters ist die Integration des Drogengebrauchs in die Alltagswelt der Konsumierenden, auch wenn er nicht regelm\u00e4\u00dfig und relativ selten erfolgt, das hei\u00dft weniger als einmal w\u00f6chentlich. AktuellKonsumie\u00adrende verstehen sich durchaus als Kokser oder Liebhaber von Opiaten. Mehrere Monate dauernde Phasen der Abstinenz sind eher die Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Zeigt sich ein Konsummuster von einer bestimmten Regelm\u00e4\u00dfigkeit, was f\u00fcr aktu\u00adell Konsumierende nicht zutrifft, sprechen wir von <strong>regelm\u00e4\u00dfigem Konsum<\/strong> harter, illegaler Drogen. Der Konsum findet mindestens einmal w\u00f6chentlich statt, und der alltagsstrukturierende Effekt ist f\u00fcr dieses Konsumverhalten bezeichnend. Per\u00adsonen mit diesem Gebrauchsmuster sind regelm\u00e4\u00dfigKonsumie\u00adrende im engeren Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Eine Steigerung des zuvor geschilderten Musters stellt der <strong>abh\u00e4ngige Konsum<\/strong> dar. Dieses Konsumverhalten ist intensiv, kompulsiv und problematisch. Der Dro\u00adgengebrauch erfolgt m\u00f6glichst t\u00e4glich und bestimmt den Alltag der abh\u00e4n\u00adgigenKonsumierenden. Sie haben eine erh\u00f6hte Wahrscheinlichkeit, sozial oder gesund\u00adheitlich zu dekompensieren und durch die Institutionen sozialer Kon\u00adtrolle erfa\u00dft zu werden. In der \u00f6ffentlichen Diskussion werden h\u00e4ufig regelm\u00e4\u00dfig und abh\u00e4ngig Konsumierende nicht unterschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>G2.3.1: Typen von Konsumverhaltensmustern und Typen von Konsumierenden<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcberg\u00e4nge zwischen den dargestellten Konsummustern sind flie\u00dfend und die Grenzen durchl\u00e4ssig. Es existiert sowohl eine Aufw\u00e4rts- wie auch eine Abw\u00e4rts\u00admobilit\u00e4t, oder neutral ausgedr\u00fcckt, Seitw\u00e4rtsmobilit\u00e4t. Konsumierende k\u00f6nnen ihr Gebrauchsverhalten mehrfach und willk\u00fcrlich \u00e4ndern. Die Grafik G2.3.1 zeigt die erw\u00e4hnten f\u00fcnf Kategorien in sich verschachtelt. Die Dimension gesellschaftlicher und institutioneller Reaktion bedarf allerdings der weiteren Differenzierung der Ka\u00adtegorien des Drogengebrauchs im folgenden Kapitel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.3.2 \u00dcber Immunit\u00e4t und Suszeptibilit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff der Immunit\u00e4t ist f\u00fcr die Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzung zentral. Er ist der Medizinwissenschaft entliehen und bezeichnet eine intakte Abwehr des Indivi\u00adduums gegen einen Krankheitskeim. Immunit\u00e4t entsteht entweder nach einer erfolg\u00adreich \u00fcberstandenen Infektion durch einen Keim und der nachfolgenden ad\u00e4quaten Re\u00adaktion und Adaption des Immunsystems (nat\u00fcrliche Immunisierung) oder durch Impfung (k\u00fcnstliche Immunisierung).<\/p>\n\n\n\n<p>Der medizinische Begriff der Immunisierung mu\u00df nun \u00fcbertragen werden auf die soziale Immunisierung,<sup><a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a><\/sup> die Konstruktion einer Unangreifbarkeit des Individuums durch Instanzen sozialer Kontrolle.<sup><a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/sup> Der ad\u00e4quate Umgang des Individuums mit dem Konsum harter Drogen im Hinblick auf die Vermeidung gesellschaftlicher Sanktionen bis hin zu einer institutionellen Erfassung l\u00e4\u00dft sich vergleichen mit der Reaktion des K\u00f6r\u00adpers auf eine Infektion, da die Polizei als Institution sozialer Kon\u00adtrolle ubiquit\u00e4r ist, also jedes vergesellschaftete Individuum mit der Polizei in Kon\u00adtakt gekommen ist. Eine nat\u00fcrliche soziale Immunisierung ist die Folge der Soziali\u00adsation und der Rahmenbedingungen des Individuums. Die weitere soziale Immuni\u00adsierung erfolgt durch gezielte Ma\u00dfnahmen des Individuums zur Vermei\u00addung gesell\u00adschaftlicher und institutioneller Sanktionen. Soziale Immunit\u00e4t ist, \u00e4hnlich wie die medizi\u00adnische, selten eine absolute, sondern in der Regel eine rela\u00adtive. Sie wird im Laufe eines Lebens erworben<sup><a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><\/sup> und basiert auf den Interaktionen des Individuums mit seiner Umwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 3, insbesondere 3.6, wird der Begriff der sozialen Immunit\u00e4t mit empiri\u00adschem Material qualitativ gef\u00fcllt. Die Immunit\u00e4t ist vermittelt durch protektive Fak\u00adtoren, also Merkmale, Situationen und Verhaltensweisen, die einzelne Konsu\u00admie\u00adrende davor bewahren, den Instanzen sozialer Kontrolle aufzufallen, sozial margina\u00adlisiert zu werden, psychisch zu dekompensieren oder physisch zu erkran\u00adken (vgl. Kap. 3.6.3). In unserem Fall ist zu unterscheiden zwischen <strong>Repres\u00adsions\u00adimmunit\u00e4t<\/strong> (Widerstandskraft gegen polizeiliche und justizielle Behandlung) und <strong>Medizinalisie\u00adrungsimmunit\u00e4t<\/strong> (Widerstandskraft gegen medizinische oder sozialtherapeutische Behandlung).<sup><a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a><\/sup> Beide institutionellen Zweige, das hei\u00dft Poli\u00adzei und Justiz einerseits, Medizin und Sozialarbeit andererseits, konzentrieren sich darauf, die Heilung \u00abKranker\u00bb zu betreiben. Immune Personen zeichnen sich aber gerade dadurch aus, da\u00df sie nicht \u00abkrank\u00bb sind oder werden. Falls eine Person wider Erwarten krank wird, war sie nicht immun, obwohl vielleicht viele Indika\u00adtoren auf Immunit\u00e4t hinge\u00addeutet haben.<sup><a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Polizei als Instanz der Normerhaltung und Normdurchsetzung ist, wie auch das Gesundheitssystem, jedenfalls im \u00f6ffentlichen Raum allgegenw\u00e4rtig, als Institution ubiquit\u00e4r. Jedes Individuum tr\u00e4gt das Bild des Polizisten oder des \u00abDoktors\u00bb in sich, da es entsprechende Erfahrungen gemacht hat. Es gibt kaum ein Mitglied der Gesell\u00adschaft, das nicht schon im Kindesalter mit den genannten Institutionen sozia\u00adler Kon\u00adtrolle konfrontiert wurde. H\u00f6chstens im privaten Bereich kann die Institution partiell zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden. Insbesondere die repressive Erfassung und die Bestrafung durch die Institutionen sozialer Kontrolle sind essentielle Merkmale einer fehlenden sozialen Integration. Verurteilung und Freiheitsstrafe bedeuten Desintegration per se. Nicht erfa\u00dfte Personen werden in dieser Studie daher auch als \u00abIntegrierte\u00bb bezeich\u00adnet, erfa\u00dfte als \u00abnicht Integrierte\u00bb, insbeson\u00addere wenn sie sich aufgrund repressiver Intervention in Anstalten aufgehalten haben. Die Art der Konfrontation und die Auseinandersetzung mit den Instanzen sozialer Kontrolle teilt die Individuen schon bei Konsumbeginn in tendenziell immune und tendenziell suszeptible.<sup><a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a><\/sup> Suszeptible Personen sind solche, die einer hohen oder zumindest erh\u00f6hten Gefahr ausgesetzt sind, durch Instanzen sozialer Kontrolle erfa\u00dft zu wer\u00adden. Entweder handelt es sich dabei um diejenigen, die auf Grund ihres devianten Verhaltens mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Sank\u00adtionen des Repressions\u00adsystems betroffen sind und in Folge dessen oft auch medi\u00adzinalisiert werden, oder es sind Personen, die sich selbst als \u00abkrank\u00bb definieren und deshalb aktiv den Kontakt zu Institu\u00adtio\u00adnen, vor allem im medizinischen Bereich, aufnehmen. In beiden F\u00e4llen wird die \u00abKrankheit\u00bb mit der Erfassung durch die Instanzen sozialer Kontrolle definitiv diagnostiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grafik G2.3.2A zeigt die Kompartimente der immunen Konsumierenden auf der Basis der in Kapitel 2.3.1 entwickelten Kategorien. Die Beziehung zwischen diesen Gruppen und der Immunit\u00e4t ist in der Grafik ebenfalls dargestellt. Die mei\u00adsten Individuen geh\u00f6ren w\u00e4hrend ihrer Karriere verschiedenen Gruppen an, wobei auch eine bestimmte Stabilit\u00e4t beibehalten werden kann, besonders bei den repres\u00adsionsimmunen aktuellen und Gelegenheitskonsumierenden auf der sozial unpro\u00adblematischen Seite, aber auch bei den eigentlichen Suchtkranken, den schwer abh\u00e4ngigen Konsumierenden. Eine Entwicklung ist sowohl zum \u00abSchlechteren\u00bb wie auch zum \u00abBesseren\u00bb m\u00f6glich, und auch ein Gleichbleiben \u00fcber lange Zeit\u00adr\u00e4ume ist nicht ausgeschlossen. Die Verh\u00e4ltnisse der Gr\u00f6\u00dfe der Fl\u00e4chen in der Grafik n\u00e4hern sich grob den gesch\u00e4tzten Verh\u00e4ltnissen der Anzahl der Mitglieder der jeweiligen Konsumententypen und ihrer \u00dcberlappung mit der Personen\u00adgruppe, die durch die Repression nicht oder fast nicht erreicht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>G2.3.2.A: Medizinalisierungs- und repressionsimmune Konsumierende<\/p>\n\n\n\n<p>Da in der Regel mit einiger Zuverl\u00e4ssigkeit nur die Gruppengr\u00f6\u00dfe der Suszepti\u00adblen gesch\u00e4tzt werden kann, ergibt sich zwingend, da\u00df eine Verminderung der herd immunity<sup><a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a><\/sup> von tendenziell immunen Subpopulationen zu einer proportio\u00adnalen Vergr\u00f6\u00dferung der Gruppengr\u00f6\u00dfensch\u00e4tzung f\u00fchrt. Die Frage, ob Inter\u00advention \u00fcberhaupt zu einer Vergr\u00f6\u00dferung oder Verkleinerung der tats\u00e4chlichen Anzahl der Konsumierenden f\u00fchrt, kann erst nach Kl\u00e4rung der Interventionspara\u00admeter selber einer L\u00f6sung zugef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Dimension bildet die \u00fcberlappende Gruppe der medizinalisie\u00adrungsimmunen Konsumierenden, die wiederum anteilsm\u00e4\u00dfig mehr Gelegenheits\u00adkonsumierende als schwer abh\u00e4ngige Konsumierende enth\u00e4lt. Diese Gruppe ist gr\u00f6\u00dfer als diejenige der Repressionsimmunen, da die Aufhebung der Repres\u00adsionsimmunit\u00e4t intensiver betrieben wird als die Aufhebung der Medizinalisie\u00adrungsimmunit\u00e4t. Die Repression sucht selber aktiv nach Konsumierenden, die Medizinalisierung h\u00e4ngt jedoch in der Regel auch von einer aktiven Suche der Konsumierenden nach medizinischer Betreuung oder Unterst\u00fctzung durch Sozial\u00adarbeit ab. Dadurch sind die Perspektiven einer Medizinalisierung, die Betrof\u00adfenen zu erreichen, g\u00fcnstiger als diejenigen der Repression: Es ist attraktiver, Methadon zu beziehen als Bu\u00dfen zu bezahlen. Falls die Aufnahme in ein Behandlungspro\u00adgramm vor Repression sch\u00fctzt, steigt dessen Akzeptanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grafik G2.3.2B zeigt das ganze in sich verschachtelte Ensemble der Typen von Konsumierenden und der Immunit\u00e4t und Suszeptibilit\u00e4t in den Bereichen Medizin und Repression. Zwischen diesen Bereichen besteht ein sich gegenseitig verst\u00e4rkender Zusammenhang: Je gr\u00f6\u00dfer die Repressionssuszeptibilit\u00e4t, desto gr\u00f6\u00ad\u00dfer ist die Medizinalisierungssuszeptibilit\u00e4t. Die Repression sorgt schon alleine durch die Instrumente der Aussetzung der Strafe bei Therapie daf\u00fcr, da\u00df bei ihrem Einsatz die Wahrscheinlichkeit der Medizinalisierung steigt. Die Repression erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit der Medizinalisierung, sei es durch direkte Zuf\u00fchrung der Sanktionierten, sei es durch erh\u00f6hten Medizinalisierungsbedarf der durch Repres\u00adsion stigmatisierten Konsumierenden. Au\u00dferdem wird durch die Repression ein Leidensdruck erzeugt, welcher der Medizinalisierung Vorschub leistet.<sup><a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>G2.3.2B: Erfa\u00dfte und nicht erfa\u00dfte Konsumierende<\/p>\n\n\n\n<p>Repressionsimmunit\u00e4t ist nie absolut und bleibt ein theoretischer Begriff. Nicht alle Konsumierenden ohne Repressionsimmunit\u00e4t sind tats\u00e4chlich von der Polizei erfa\u00dft. Andererseits k\u00f6nnen auch repressionsimmune Personen durch einen \u00abdummen Zufall\u00bb oder durch eine Intensivierung der Repression wider Erwarten erfa\u00dft werden. \u00c4hnlich gelagert ist der Begriff der Medizinalisierungsimmunit\u00e4t. Unter Umst\u00e4nden kann die Immunit\u00e4t nach ihrem Verlust durch Kontakte mit den Institutionen sozialer Kontrolle wiedererlangt werden. Dies bedingt allerdings, da\u00df die Institutionen ihre Erkenntnisse \u00fcber einzelne Konsumierende nach einer bestimmten Frist nicht mehr verwenden. Jedoch: quod est in actis, remanet in mundo. Auch \u00abgel\u00f6schte\u00bb Strafregistereintr\u00e4ge sind abrufbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> <sup>\u0002<\/sup> Heroin und Kokain werden allgemein aufgrund ihres hohen Suchtpotentials als \u00abharte\u00bb Dro\u00adgen bezeichnet. Ihre Illegalit\u00e4t unterscheidet sie von den ebenfalls in hohem Ma\u00dfe sucht\u00adbil\u00addenden Drogen Nikotin und Alkohol.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> <sup>\u0002<\/sup> Pr\u00e4valenz bezeichnet den bev\u00f6lkerungsrelativen Anteil von Personen mit bestimmten Merk\u00admalen in einer bestimmten Zeiteinheit. Sie wird hier errechnet mittels der Anzahl der Konsumierenden durch die Gesamtbev\u00f6lkerung oder durch bestimmte Teile der Bev\u00f6lkerung. Inzidenz bezeichnet das Auftreten von neuen Personen, Remission das Ausscheiden von Per\u00adsonen mit bestimmten Merkmalen in einer bestimmten Zeiteinheit. Inzidenz und Remission werden in absoluten Zahlen oder bev\u00f6lkerungsrelativ ausgedr\u00fcckt. Die Mortalit\u00e4t einer Popu\u00adlation wird dargestellt durch die absolute Anzahl der Verstorbenen oder durch den Anteil der j\u00e4hrlich Verstorbenen an der Population. Die Begriffe Pr\u00e4valenz, Inzidenz, Remission und Mortalit\u00e4t stammen aus der medizinischen Epidemiologie.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> <sup>\u0002<\/sup> HIV: Humanes Immundefizienzvirus; AIDS: Erworbenes Immundefizienzsyndrom: Syndrom, bestehend aus Erkrankungen, die im Zusammenhang mit der durch HIV hervorgerufenen Schw\u00e4che des Immunsystems entstehen; HBV: Hepatitis B Virus; HCV: Hepatitis C Virus. Alle erw\u00e4hnten Viren kennzeichnen sich durch vergleichbare Infektionswege und sind in Eu\u00adropa bei Drogenkonsumierenden, insbesondere bei injizierenden Drogenbenutzenden, bedeu\u00adtend st\u00e4rker verbreitet als in einer vergleichbaren, nicht drogenkonsumierenden Population. Neben Infektionen durch Spritzentausch und Inokulation treten verst\u00e4rkt sexuell \u00fcbertragene Infektionen auf. HBV ist leichter \u00fcbertragbar als HIV, insbesondere auch durch Schmierin\u00adfektionen. Bei Drogenkonsumierenden in der Schweiz spielt auch das f\u00e4kal-oral \u00fcbertragbare HAV (Hepatitis A Virus) eine bedeutende Rolle. Das auch durch Umgebungskontamination (Spritzbesteck, L\u00f6ffel etc.) \u00fcbertragbare resistentere HCV (der Erreger der meisten der fr\u00fcher NonA-nonB-Hepatitis genannten Erkrankungen) erreicht unter den injizierenden Drogenge\u00adbrauchern Europas Pr\u00e4valenzen schon deutlich \u00fcber 50%. In der akuten Phase h\u00e4ufig asym\u00adptomatisch, f\u00fchrt die HCV-Infektion oft nach Jahren in nicht wenigen F\u00e4llen zu einer Leber\u00adzirrhose oder einem Leberzellkarzinom.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> <sup>\u0002<\/sup> Skarabis, H.; Patzak, M.: Die Berliner Heroinszene, 1981.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> <sup>\u0002<\/sup> <em>capture-recapture<\/em> Verfahren sch\u00e4tzen die Gr\u00f6\u00dfe einer Population auf Grund der Zahl der Individuen, die in mehreren, unabh\u00e4ngigen Stichproben wiederholt auftreten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> <sup>\u0002<\/sup> Darroch, J.N.: The multiple-recapture census, 1958. Darroch, J.N.; Ratcliff, D.: A note on capture-recapture estimation, 1980.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> <sup>\u0002<\/sup> Schick, M.T. et al.: Epidemiologische Analyse der Drogentodesf\u00e4lle in der Schweiz 1987-1989, 1991. P\u00fcschel, K.: Todesursachen bei HIV-Infizierten. HIV-Pr\u00e4valenz bei Drogentoten, 1991.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> <sup>\u0002<\/sup> Estermann, J.: Drogenepidemiologie, 1994.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a><sup> \u0002 <\/sup>K\u00fcnzler, H.: Analyse der offenen Drogenszene \u00abPlatzspitz\u00bb in Z\u00fcrich, 1990, S. 39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a> Die durch das schweizerische Bundesamt f\u00fcr Statistik im Rahmen einer nationalen Gesund\u00adheitsbefragung festgestellte Lebenszeitpr\u00e4valenz bei 15 bis 39j\u00e4hrigen betr\u00e4gt 3%. Die Stich\u00adprobe bezieht sich auf Privathaushalte. Im Gef\u00e4ngnis liegt die Lebenszeitpr\u00e4valenz um \u00fcber das zehnfache h\u00f6her. Vgl. Bundesamt f\u00fcr Statistik: Pressemitteilung Nr. 95\/94, 1994, S.7.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a> Auch der soziologische Begriff der Immunisierung eines Theorieansatzes, n\u00e4mlich die Kon\u00adstruktion einer vermeintlichen Unangreifbarkeit der Theorie durch Aporisierung, ist hier ana\u00adlog zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a> Estermann, J.: Kriminelle Karrieren von Gef\u00e4ngnisinsassen, 1986, Strafgefangene, 1983 und die Begriffe der Beschwerde- und der Definitionsmacht.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a> Bez\u00fcglich dieses Punktes unterscheidet sich der Begriff der Immunit\u00e4t von dem Begriff der Resistenz, der ebenfalls den Widerstand eines Organismus gegen einen Krankheitskeim bezeichnet. Resistenz ist jedoch, im Gegensatz zur Immunit\u00e4t, keine erworbene Eigenschaft. Die Widerstandskraft eines Individuums gegen soziale Sanktionen beruht jedoch vor\u00adrangig auf Bedingungen, die im Laufe eines Lebens entwickelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a> Von \u00abmedizinalisiert\u00bb sprechen wir dann, wenn amtliche Kenntnis \u00fcber eine drogenkonsum\u00adbedingte Behandlung oder Betreuung besteht, wie dies beispielsweise bei Substitutionsbe\u00adhandlungen der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a> Durkheim weist die Konnotation des Normbruchs als Krankheit zur\u00fcck, da der Normbruch als soziales Ph\u00e4nomen eine notwendige Bedingung der Existenz der Norm selbst und damit \u00abnormal\u00bb ist. Hingegen ist die Verhaftung oder Bestrafung im Zusammenhang mit Drogen\u00adkonsum ein Akt, der eine Krankheitsdefinition in Kraft setzen kann. Szasz warnt vor dieser Verbindung von moralischen Werturteilen mit psychiatrischen Krankheitsdefinitionen. Nach Szasz ist es keinesfalls erwiesen, da\u00df Drogenabh\u00e4ngigkeit per se eine Krankheit ist. F\u00fcr ihn sind Drogenabh\u00e4ngige nur dann behandlungsbed\u00fcrftig, wenn sie sich selbst als krank definie\u00adren. Vgl. Durkheim, E.: Die Regeln der soziologischen Methode, 1965, S. 155ff. und Szasz, T.S.: Das Ritual der Drogen, 1978.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a> Sozio\u00f6konomische Merkmale wie schlechte Schulbildung, mangelnde Berufsausbildung, Ar\u00adbeitslosigkeit, Unterschichtszugeh\u00f6rigkeit erh\u00f6hen die Wahrscheinlichkeit eines polizeili\u00adchen Zugriffs, allerdings nicht nur im Zusammenhang mit Drogendelikten. Vgl. Estermann, J.: Strafgefangene, 1984, S. 50-52.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a> Als <em>herd immunity <\/em>wird der Zustand bezeichnet, der sich einstellt, wenn gen\u00fcgend Mitglieder einer Gruppe immun sind, um den Ausbruch einer Epidemie innerhalb der Gruppe zu verhin\u00addern. Interventionismus kann dazu f\u00fchren, da\u00df bisher immune Gruppen suszeptibel werden. Aus diesem Grunde korreliert die Ausweitung der Intervention in der Regel mit einer Auswei\u00adtung der Klientel und damit der Legitimationsbasis.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a> Erh\u00f6hte Repression oder Zwang verbessert den Erfolg von Medizinalisierung beziehungsweise Therapie nicht. Hingegen verst\u00e4rkt sie die Durchlaufgeschwindigkeit: Sie l\u00e4\u00dft die Zahl der Behandlungsanfragen steigen, w\u00e4hrend die Dauer der einzelnen Behandlungen tendenziell sinkt. ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.e1dd10e5-e29f-40cf-b1b8-9db33b1362f8\" width=\"1\" height=\"1\">is<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen Kapitel 3 \u00a9 ProLitteris, Josef Estermann 2 Fragestellung, Vorgehensweise und Begriffsbestimmung 2.1 Fragestellung und Zielsetzung Im Ma\u00dfnahmenpaket zur Bek\u00e4mpfung des Drogenkonsums hat sich die Schweizer Regierung 1991 zum Ziel gesetzt, durch geeignete Vorkehrungen die Zahl der Kon\u00adsumierenden von illegalen Drogen in einem ersten Schritt zu stabilisieren und in einem zweiten deutlich zu senken. 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