{"id":1850,"date":"2021-03-16T08:22:00","date_gmt":"2021-03-16T06:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1850"},"modified":"2022-12-12T18:50:04","modified_gmt":"2022-12-12T16:50:04","slug":"gesundheitsberufe-gemperle-pfeuffer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=1850","title":{"rendered":"Gesundheitsberufe Dokumentationskritik Gemperle\/Pfeuffer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=197\"><strong> \u00a9 Michael Gemperle (ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.c340cbe4-af22-4022-a295-5630f84d646f\" width=\"1\" height=\"1\">is), Andreas Pfeuffer <br>Weiterlesen Zschokke<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die \u00d6konomien der Dokumentationskritik<\/h2>\n\n\n\n<p>Abstract<\/p>\n\n\n\n<p>Der Artikel untersucht auf Grundlage qualitativer Interviews die M\u00f6glichkeitsbe\u00addingungen der seit einigen Jahren zunehmenden Kritik von \u00c4rztInnen und Pfle\u00adgekr\u00e4ften an den Dokumentationsverpflichtungen. Ausgehend von zentralen The\u00adsen in der Literatur wird gezeigt, dass die Zunahme der Dokumentationskritik seitens medizinisch-pflegerisch Besch\u00e4ftigter nicht allein durch die m\u00f6glicher Weise gestiegene Belastung durch Dokumentationsaufgaben oder mangelnde Ressourcen zu deren Bew\u00e4ltigung bedingt ist, sondern in hohem Ma\u00dfe durch den strukturellen Wandel, dem die station\u00e4re Gesundheitsversorgung gegenw\u00e4rtig ausgesetzt ist. Die Dokumentationskritik eignet sich daf\u00fcr, das Unbehagen an der gegenw\u00e4rtigen Umgestaltung des Krankenhausbereichs zum Ausdruck zu brin\u00adgen, weil sie es \u00c4rzten und Pflegekr\u00e4ften erlaubt, die sich durchsetzenden betriebswirtschaftlichen Funktionsmechanismen, die ihre Autonomie zunehmend einschr\u00e4nken, zu problematisieren, ohne ihre Ablehnung des Thematisierens der materiellen Seite ihrer T\u00e4tigkeit aufgeben zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Einleitung<\/p>\n\n\n\n<p>In Schilderungen von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften \u00fcber ihre Arbeitssituation ist heute vermehrt Kritik an \u201eder Dokumentation\u201c zu vernehmen. Meist wird ein er\u00adhebliches Anwachsen, ja ein \u00dcberhandnehmen von Dokumentationsaufgaben in den letzten Jahren beklagt.<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a> \u201eDie Dokumentation\u201c sei heute eine Belastung, weil sie die Arbeitszeit f\u00fcr die \u201eeigentliche\u201c Aufgabe, die Betreuung von PatientIn\u00adnen, verringern w\u00fcrde, hei\u00dft es typischerweise. Im selben Atemzug wird nicht selten eine Aufweichung des Kernbereichs der eigenen T\u00e4tigkeit konstatiert. Die\u00adser Diskurs nimmt in den \u00c4u\u00dferungen von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften einen derart prominenten Platz ein, dass der Eindruck entsteht, als sei \u201edie Dokumenta\u00adtion\u201c zu einer Hauptquelle des Unbehagens avanciert. Zu korporatistischen Mobilisierungen bot die Dokumentationskritik jedenfalls bereits verschiedentlich Anlass.<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Beitrag interessiert sich daf\u00fcr, wie es m\u00f6glich ist, dass heute \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte gerade an \u201eder Dokumentation\u201c nicht unwesentliche Teile ihres Unbehagens an der eigenen Arbeitssituation zum Ausdruck und zur Geltung bringen. Zu Dokumentationsaufgaben besteht nicht nur bereits seit vielen Jahren eine gesetzliche Pflicht,<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a> auch sind sie seit geraumer Zeit unentbehrlicher Bestandteil der medizinisch-pflegerischen Arbeit.<a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a> Im Kontext des Umbaus \u00f6ffentlicher Krankenh\u00e4user zu profitorientierten Dienstleistungsunternehmen scheinen Themen wie die Besch\u00e4ftigungssicherheit, die Tarifstruktur, das Ar\u00adbeitszeitregime oder die Arbeitsintensit\u00e4t (vgl. Keller 2007, K\u00fchn\/Klinke 2006) eine mindestens ebenso gro\u00dfe Relevanz zu besitzen. Erstaunlich ist zudem, dass in diesem Punkt zwischen den Angeh\u00f6rigen von zwei zwar stark arbeitsteilig t\u00e4tigen und auf einander bezogenen, hinsichtlich der sozialen Her\u00adkunft, der Aus\u00adbildungsg\u00e4nge und der Berufsposition aber relativ unterschiedli\u00adchen Besch\u00e4ftig\u00adtengruppen eine gro\u00dfe \u00dcbereinstimmung besteht, sich die beiden in der Doku\u00admentationskritik geradezu wechselseitig zu best\u00e4tigen scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Fachliteratur zieht das Thema \u201eDokumentation\u201c seit der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre zunehmend Aufmerksamkeit auf sich. Im Zentrum des Interesses vieler Studien steht allerdings meist das gut bekannte Ph\u00e4nomen, dass das Erfassen von Arbeitsprozessen oder Patientenzust\u00e4nden durch \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4fte h\u00e4ufig nicht fehlerfrei und vollst\u00e4ndig vonstatten geht.<a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a> Hervorzu\u00adheben gilt es zum einen Untersuchungen, die Arbeitsweltbedingungen oder dis\u00adpositionale Gr\u00fcnde f\u00fcr die Dokumentationskritik ermitteln.<a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a> Andere Arbeiten betrachten (Eigen-)Logiken der Praxis des Aufzeichnens (z.B. Berg 2008, Frank-Stromborg et al. 2001, Hyde et al. 2005, Weeks\/Darrah 1985). Eine dritte Gruppe von Arbeiten beleuchtet besonders die wirtschaftlichen Folgen der l\u00fcckenhaften Dokumentation (z.B. Duszak et al. 2012). All diese Arbeiten gehen von der mehr oder weniger ausgesprochenen Pr\u00e4misse aus, dass \u2013 wie Jefferies et al. (2010: 113) zur Pflegarbeit bemerken \u2013 \u201edocumentation defines the performance of nur\u00adsing practice\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Beitrag betrachtet die Dokumentationskritik aus einer ande\u00adren Perspektive. Er schreibt sich ein in den Versuch von Arbeitssoziologen, die gesellschaftlichen Bedingungen der Arbeitsorientierung von Besch\u00e4ftigten \u00f6ffentlicher Dienste zu untersuchen, die in Zeiten der Privatisierung, Liberalisie\u00adrung und Deregulierung einem strukturellen Wandel unterliegen. Zwei Grundan\u00adnahmen daraus sind f\u00fcr die Herangehensweise in diesem Artikel zentral: Betrie\u00adbe sind Beziehungsr\u00e4ume, in denen individuelle und kollektive Akteure sich in einem Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis gegen\u00fcber stehen, in dem K\u00e4mpfe um die Vorherrschaft stattfinden (vgl. Bourdieu 1997, 2000). Zweitens sind Besch\u00e4ftigte \u00f6ffentlicher Institutionen mit einer spezifischen \u201eEhre\u201c ausgestattet, die daher r\u00fchrt, dass ihre Leistungen idealiter im Gegensatz zur \u00d6konomie und zum Profitstreben stehen (vgl. Bourdieu 2012).<\/p>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Beitrag greift diese beiden Grundannahmen auf, indem er den Versuch unternimmt, die gesellschaftlichen M\u00f6glichkeitsbedingungen der Dokumentationskritik zu untersuchen. Dieser Artikel st\u00fctzt sich auf die Tran\u00adskriptionen von 51 teilstandardisierten Interviews mit Besch\u00e4ftigten von drei \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz.<a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a> Die\u00adse leitfadengest\u00fctzten qualitativen Interviews mit \u00c4rztInnen, Pflegekr\u00e4ften und Verwaltungsangestellten, die hinsichtlich des Alters, des Geschlechts und der Position relativ heterogen sind, enthalten Informationen zu den (differenziellen) praktischen Erfahrungen der Besch\u00e4ftigten mit dem strukturellen Wandel dieser Institutionen einerseits und zu den grunds\u00e4tzlichen Einstellungen, mit denen sie dieser Ver\u00e4nderung begegnen andererseits. Diese Daten werden im Lichte der Eigenschaften und der aktuellen Entwicklung der drei Krankenh\u00e4user betrachtet, zwischen denen neben einer Reihe nicht unwesentlicher (nationaler) Unterschie\u00adde, vor allem was die Figuration zwischen den Besch\u00e4ftigtengruppen betrifft, wichtige strukturelle Gemeinsamkeiten bestehen (z.B. die relative starke Stel\u00adlung der \u00c4rzteschaft, die in Deutschland am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt ist; vgl. D\u00f6hler 1997). Die Befunde werden mit Ergebnissen zum Thema aus der Fachliteratur diskutiert. Im Zentrum stehen also weniger die Arbeitsbedingungen (vgl. B\u00f6hlke et al. 2009) oder bestimmte Akteursgruppen (vgl. Vogd 2006) als strukturelle Merkmale des betrachteten Ph\u00e4nomens. Aus diesem Grund wird die Dokumenta\u00adtionskritik von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften einer gemeinsamen Betrachtung unterzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hier eingeschlagene Herangehensweise zielt darauf ab, ausgehend von den Aussagen der Besch\u00e4ftigten zu einer zeitdiagnostischen Interpretation ihrer Lage zu gelangen. Ansto\u00df dazu, die Dokumentationskritik zun\u00e4chst einmal als Diskurs anzusehen, gab uns die Beobachtung, dass die Befragten den Begriff \u201eDokumentation\u201c bemerkenswert unscharf verwenden.<a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a> Zudem verweist sein Gebrauch nicht selten auf das Arbeitsumfeld. Bei der Dokumentationskritik scheint es folglich weniger oder nicht nur um die kritisierte Sache zu gehen. Vielmehr scheint ihr auch eine Bedeutung in K\u00e4mpfen zwischen individuellen oder kollektiven Akteuren zuzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem wir die Kritik an den Verh\u00e4ltnissen zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Analy\u00adse der sozialen Logiken nehmen, denen sie folgt, bewegen wir uns im Bereich der \u201eSoziologie der Kritik\u201c, die im Anschluss an <em>Le nouvel esprit du capitalisme<\/em> (1999) von Luc Boltanski und \u00c8ve Chiapello (s. auch Boltanski 2010) eine gewisse Beachtung gefunden hat (vgl. Wuggenig 2008). Auch wir nehmen die Kritik der Akteure ernst. Anders als die \u201eSoziologie der Kritik\u201c gehen wir aller\u00addings davon aus, dass die Bedeutung der Dokumentationskritik f\u00fcr die gesell\u00adschaftlichen Verh\u00e4ltnisse \u00fcber das Wort der Akteure hinaus geht und sich insbe\u00adsondere ohne Ber\u00fccksichtigung der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zwischen den relevanten Akteursgruppen nicht ad\u00e4quat verstehen und erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Die Kritik ist weder eine von der sozialen Wirklichkeit losgel\u00f6ste Erscheinung noch deren mechani\u00adscher Ausdruck, sondern stellt vor allem eine Stellungnahme innerhalb eines bestimmten Beziehungsgeflechts dar. Zudem h\u00e4ngt es von der Qualit\u00e4t der Kritik ab, in welcher Form sie auf eine Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse hinwirkt.<a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufbau dieses Beitrags orientiert sich an Thesen zu den M\u00f6glichkeitsbe\u00addingungen der Dokumentationskritik. Von ihnen ausgehend werden zentrale Bestimmungsfaktoren diskutiert. Im ersten Teil steht die These der Zunahme \u201eder Dokumentation\u201c als Ursache f\u00fcr die Kritik im Zentrum. Der zweite Teil er\u00f6rtert die in der Literatur viel diskutierte Frage, ob und wie das kritische Verh\u00e4ltnis zu administrativen Aufgaben auf einen Mangel an Kompetenzen und Res\u00adsourcen zu ihrer Erledigung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. In Teil 3 wird auf\u00adgezeigt, inwiefern in der Dokumentationskritik Ver\u00e4nderungen der Handlungs\u00adspielr\u00e4ume von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften zum Ausdruck kommen, die im Zu\u00adsammenhang mit dem strukturellen Wandel des Gesundheitsbereichs insgesamt ste\u00adhen. Teil 4 bleibt dieser Optik verpflichtet und analysiert die symbolische Be\u00addeutung des Ph\u00e4nomens im Kontext des Niedergangs des medizinisch-pflegeri\u00adschen Nimbus, bevor im Schlussteil eine synthetische Gesamtbetrachtung vorge\u00adnommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Nicht nur eine Frage der Menge<\/p>\n\n\n\n<p>Als Erkl\u00e4rungsfaktor f\u00fcr das Anwachsen der Dokumentationskritik von \u00c4rztIn\u00adnen und Pflegekr\u00e4ften scheint sich die Zunahme von Dokumentationsaufgaben geradezu anzubieten. Von den Befragten, die gegen\u00fcber \u201eder Dokumentation\u201c ein Unbehagen \u00e4u\u00dferen, ist fast durchwegs zu h\u00f6ren, dass diese angewachsen sei und einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Umfang angenommen habe. Sie suggerieren da\u00admit, dass die Dokumentationskritik eine mehr oder weniger zwangsl\u00e4ufige Folge dieses \u201e\u00dcberfl\u00fcssigen und \u00c4rgerlichen\u201c (Flintrop\/Korzilius 2012: 634) darstellt. Gerade die langj\u00e4hrig im Krankenhausbereich Besch\u00e4ftigten, die fr\u00fcher unter anderen Bedingungen t\u00e4tig waren, scheinen in ihrer Dokumentationskritik mehr oder weniger implizit davon auszugehen. Sie sind es auch, welche die Zunahme von Arbeiten des Registrierens von Arbeitsabl\u00e4ufen oder Patienteneigenschaften am deutlichsten mit einer Intensivierung der Arbeit und Verringerung der M\u00f6g\u00adlichkeiten f\u00fcr das Aus\u00fcben der eigentlichen Aufgabe, der PatientInnen-Arbeit, einhergehen sehen. Stellvertretend daf\u00fcr stehen die Aussagen von drei langj\u00e4hrig Besch\u00e4ftigten aus unterschiedlichen Fachgebieten und nationalen Kontexten:<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon alles verb\u00fcrokratisiert. Und wie man die Pflegenden h\u00f6rt, die sagen, was wir alles schreiben m\u00fcssen, also wir sind zu Schreibtischt\u00e4terinnen geworden. Das ist so, man muss alles dokumentieren und beweisen und Quali\u00adt\u00e4t beweisen. [\u2026] Die Administration ist schon wahnsinnig. <em>Pflegefachfrau, Leiterin Ausbildung Pflege, Schweiz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss nat\u00fcrlich alles dokumentieren, was man macht. Aber es ist eben wirklich inzwischen so, dass die Dokumentation dessen, was man machen soll\u00adte oder gemacht hat, viel mehr Raum einnimmt, als wirklich die Arbeit an sich. Also, nat\u00fcrlich muss man das, mir ist das auch klar. Aber es w\u00e4re f\u00fcr mich ein\u00adfacher, wenn ich jetzt meine zehn Patienten waschen, lagern, f\u00fcttern, versorgen kann. Und dann sch\u00f6n alles so in Ruhe machen kann und dann heimgehen kann. Das w\u00e4re toll. Aber, ich muss das alles in stundenlanger Arbeit dokumen\u00adtieren, ankreuzen, abhaken, und es ist das, was mich dann in Stress versetzt. [&#8230;] Ich will eigentlich Zeit f\u00fcr die Pflege des Patienten, und nicht f\u00fcr die Do\u00adkumentation dessen, was ich an ihm gemacht habe. <em>Pflegefachfrau, Stationslei\u00adterin, Deutschland<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Dokumentation hat massiv zugenommen. Man muss wirklich \u2013 f\u00fcr wenn sp\u00e4ter Fragestellungen sind \u2013 viel mehr dokumentieren und das braucht einfach Ressourcen. [&#8230;] Nein, also die ureigenste \u00e4rztliche T\u00e4tigkeit, die Zeit den Pati\u00adenten [zu behandeln], um mit ihm zu reden, ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren, Kontakt hal\u00adten, ihn untersuchen, das wird immer knapper und k\u00fcrzer. Immer mehr Leitlini\u00aden, Vorgaben nach denen man sich richten muss, vor allem retrospektiv. Wenn was nicht optimal gelaufen ist, kommt von irgendwo jemand her und sagt: \u201eEs gab Richtlinien.\u201c Das geht in keinen Kopf mehr. <em>Leitender Arzt, \u00d6sterreich<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Zusammenhang zwischen verst\u00e4rkter Inanspruchnahme durch Dokumen\u00adtationsaufgaben in der Arbeitszeit und der Dokumentationskritik scheint von ver\u00adschiedenen Studien best\u00e4tigt zu werden, die deutlich machen, dass der Doku\u00admentationsaufwand in den vergangenen Jahren angewachsen ist.<a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a> In der Regel beruhen diese Untersuchungen allerdings auf Angaben der medizinisch-pflege\u00adrisch T\u00e4tigen selber, sie erfassen also vor allem die Einsch\u00e4tzung des Dokumen\u00adtationsaufwandes seitens derjenigen, von denen die Kritik ausgeht,<a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a> weshalb sie weniger den Zusammenhang als tautologische Erkl\u00e4rungen der Dokumentations\u00adkritik st\u00fctzen. Zwar scheinen Dokumentationsarbeiten unzweifelhaft wichtiger geworden zu sein. \u00dcber den Umfang, in dem station\u00e4re \u00c4rztInnen und Pflegende durch Dokumentationsaufgaben in Anspruch genommen werden und in welcher Form \u00fcber die Zeit eine Ver\u00e4nderung festzustellen ist, bestehen aber nur wenig systematische und zuweilen gar kontr\u00e4re Befunde.<a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a> Zudem stellen Dokumenta\u00adtionsaufgaben nicht erst seit den vergangenen Jahren einen Gegenstand der Kri\u00adtik von Pflegekr\u00e4ften und \u00c4rztInnen dar.<a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a> Vieles deutet folglich darauf hin, dass die Dokumentationskritik f\u00fcr sie weniger eine unmittelbare Folge des (arbeits\u00adzeitabsorbierenden) Anwachsens des Dokumentationsaufwandes als dass dieses vielmehr einen Bestimmungsfaktor unter anderen darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gest\u00fctzt wird diese Einsch\u00e4tzung durch den Umstand, dass \u2013 wie unser empi\u00adrisches Material zeigt \u2013 die Kritik an \u201eder Dokumentation\u201c nicht bei denjenigen am st\u00e4rksten ausf\u00e4llt, die in ihrer Arbeit am meisten durch b\u00fcrokratische Aufga\u00adben in Anspruch genommen werden. Sowohl in der Pflege als auch in der \u00c4rzte\u00adschaft ist festzustellen, dass die gegenw\u00e4rtige Frontstellung gegen\u00fcber \u201eder Dokumentation\u201c gerade auf leitender Ebene besonders ausgepr\u00e4gte Formen annimmt, obwohl die zeitliche Absorbierung durch Dokumentationsaufgaben vor allem bei subalternen Besch\u00e4ftigtengruppen besonders gro\u00df ist, d.h. bei regul\u00e4\u00adren Pflegekr\u00e4ften ohne Leitungsfunktion sowie Ober\u00e4rztInnen und besonders Assistenz\u00e4rztInnen.<a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a> Zudem ist aus der Politischen Soziologie bekannt, dass die M\u00f6glichkeiten, einem Unbehagen durch explizite Kritik Ausdruck zu verleihen, durch die faktische Betroffenheit vom Kritisierten weniger als durch die Verf\u00fcg\u00adbarkeit \u00fcber symbolische und vor allem kulturelle Ressourcen bedingt sind (s. zuletzt Matonti\/Poupeau 2004).<\/p>\n\n\n\n<p>3. Die Folge eines Mangels?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer m\u00f6glicher Bestimmungsfaktor f\u00fcr das massive Unbehagen an \u201eder Dokumentation\u201c k\u00f6nnte im Fehlen von Kompetenzen und Ressourcen zur Erledigung der administrativen Aufgaben bestehen. \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4fte st\u00fcnden in einem kritischen Verh\u00e4ltnis zu Dokumentationsaufgaben, weil ihnen dazu die Kompetenzen, die Motivation oder die Arbeitsmittel fehlen. Diese Annahme liegt zumindest einer Reihe von Studien zugrunde, welche sich f\u00fcr die Gr\u00fcnde der bereits erw\u00e4hnten Unvollst\u00e4ndigkeit und Fehlerhaftigkeit \u201eder Doku\u00admentation\u201c interessieren. Von diesen Untersuchungen wurden in der Fachlitera\u00adtur wohl die meisten empirischen Befunde zu Dokumentationspraktiken hervor\u00adgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche deutschsprachige und internationale Arbeiten weisen auf verschie\u00addene Faktoren hin, die das kritische Verh\u00e4ltnis von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften zu Dokumentationsarbeiten beg\u00fcnstigen.<a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a> Studien, die das Arbeitsumfeld be\u00adtrachten, zeigen, dass mangelnde Zeit, fehlender Raum oder \u00dcberlastung verhin\u00addern, dass zwischen den medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen und administrativen Aufgaben ein ungebrochenes Verh\u00e4ltnis besteht (vgl. bereits Tapp 1990).<a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a> Die fehlende Unterst\u00fctzung durch die Leitung und die Arbeitskollegen sowie arbeits\u00adorganisatorische Schwierigkeiten sind weitere Gr\u00fcnde (vgl. Ehrenberg et al. 2001, K\u00e4rkk\u00e4inen\/Eriksson 2005), ebenso die fehlende Anerkennung f\u00fcr die Dokumentationsarbeit durch das Arbeitsumfeld (vgl. Tapp 1990). Ein zweiter gro\u00dfer Bereich, der gegenw\u00e4rtig in der Fachliteratur die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit genie\u00dft, sind die Dispositionen der Besch\u00e4ftigten. Hervorzuheben gilt es hier vor allem zwei Faktoren, die letztlich beide damit zusammen h\u00e4ngen, dass die Arbeitswelt von medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen von einer medizinisch-natur\u00adwissenschaftlichen Kultur beherrscht wird. Diese beiden Faktoren werden meist bezogen auf die Pflegekr\u00e4fte diskutiert, die gegen\u00fcber dieser Kultur die gr\u00f6\u00dfte Distanz aufweisen (vgl. Friesacher 2008).<a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a> Zum einen wird die Diskrepanz zwi\u00adschen den an medizinisch-technischen Ma\u00dfst\u00e4ben orientierten Dokumentationen und der praktischen Realit\u00e4t betont: Die Arbeitspraxis spielt sich jenseits von Pflegeprozess und Pflegeplan ab (vgl. Allen 1998), die Kategorien der Pflegedo\u00adkumentation sind zu nahe an der medizinische Diagnose (vgl. Turkoski 1988). Aufgezeichnet werden vor allem Routine-Aufgaben und weniger au\u00dfergew\u00f6hnli\u00adche Sachverhalte (vgl. Allen 1998) sowie eher Belange, die mit der medizini\u00adschen Behandlung zusammenh\u00e4ngen, als solche, die die Pflege betreffen (vgl. Griffiths 1998, Webb\/Pontin 1997), wie beispielsweise die psychosozialen Aspekte der Arbeit (vgl. Briggs\/Dean 1998). Arbeiten von geringerer Wertigkeit wie beispielsweise die Grundpflege werden weniger festgehalten als solche, die mit medizinischer Pflege verbunden sind (vgl. Adamsen\/Tewes 2000). Der zwei\u00adte Faktor, der mit der Vorherrschaft der medizinisch-naturwissenschaftlichen Kultur zusammenh\u00e4ngt, ist auf Ebene der beim Dokumentieren zur Geltung kommenden Kompetenzen und Einstellungen der Pflegekr\u00e4fte anzusiedeln. Pfle\u00adgerisch T\u00e4tige scheinen bei der Dokumentationsarbeit Schwierigkeiten zu bekun\u00adden (vgl. Frank-Stromborg et al. 2001), darin weniger einen Nutzen als eine Belastung zu sehen (vgl. Mason 1999) und mit der eigenen Dokumentationspra\u00adxis unzufrieden zu sein (vgl. T\u00f6rnkvist et al. 1997). Als Gr\u00fcnde daf\u00fcr werden mangelndes Selbstvertrauens zum Schreiben (vgl. Howse\/Bailey 1992) sowie das Fehlen einer eignen Sprache und von Fachkenntnissen genannt (vgl. Abt-Ze\u00adgelin et al. 2003, Davis et al. 1994). Pflegekr\u00e4fte ziehen verbale Kommuni\u00adkation und orale \u00dcbermittlung schriftlichen Medien vor (vgl. Gunningberg\/Ehrenberg 2004, Heartfield 1996). Auch tendieren sie dazu, elektronische Aufzeichnungen als Entlastung wahrzunehmen (vgl. Moody et al. 2004), selbst wenn sich der Arbeitsaufwand mit ihrer Einf\u00fchrung kaum wesentlich verringert (vgl. Munyisia et al. 2011). Innerhalb der \u00c4rzteschaft ist die Fehlerrate beim Dokumentieren nicht selten h\u00f6her als in der Pflege<a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a> und nimmt teilweise betr\u00e4chliche H\u00f6hen an (vgl. Hsia et al. 1988, P\u00fcschmann et al. 2006). Die \u201eDokumentationsproblema\u00adtik\u201c (Grimm 2010: 19) scheint aber auch hier einem analogen Muster zu folgen, dokumentieren doch beispielsweise Notfall\u00e4rzte Daten von Patienten mit neuro\u00adlogischen oder psychiatrischen Beschwerden weniger (vgl. Sarko 2009) oder werden bei Neuaufnahmen insgesamt weniger Angaben festgehalten. Insgesamt scheinen diese Befunde darauf hinzuweisen, dass das Verh\u00e4ltnis der Besch\u00e4ftig\u00adten in Krankenh\u00e4usern zur \u201eDokumentation\u201c im Kontext der in der Arbeitswelt vorherrschenden Kultur und dem Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den beteiligten Akteursgruppen verstanden werden muss (vgl. Heartfield 1996) und sich darin besonders Unterschiede in den kulturellen Kompetenzen zeigen, die durch die soziale Herkunft oder die Bildungslaufbahn vermittelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Gegen die Beschr\u00e4nkung der Autonomie<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr die aktuelle Konjunktur der Dokumentationskri\u00adtik ist sicherlich die strukturelle Umgestaltung des Gesundheitswesens in den vergangenen zehn bis f\u00fcnfzehn Jahren. Besonders mit der Umstellung von einer retrospektiven zu einer prospektiven Finanzierung, die unter dem politisch ver\u00adordneten Spardiktat erfolgte, sind an \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern betriebswirt\u00adschaftliche Kosten- und Gewinnkalk\u00fcle wichtiger geworden und hat die Verwal\u00adtung erheblich an Gewicht gewonnen. Moderne kapitalistische Wirtschaftslogi\u00adken, die auf die systematische und dauerhafte Generierung von Profiten abzielen, setzen, wie seit Max Weber (1922) bekannt ist, einen \u201ezweckrational\u201c orientier\u00adten Verwaltungsstab und entsprechend funktionierende administrative Techniken voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Schilderungen der interviewten \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften wird im\u00admer wieder angef\u00fchrt, dass die Dokumentationsaufgaben nicht nur wertvolle Ar\u00adbeitszeit absorbieren, sondern den beruflichen Handlungsspielraum einschr\u00e4nken w\u00fcrden \u2013 im obigen Statement spricht der leitende Arzt aus \u00d6sterreich von sei\u00adnes Erachtens unsinnigen \u201eRichtlinien\u201c und \u201eVorgaben\u201c, denen er zunehmend unterworfen sei. Betont wird dabei nicht allein, dass das neue Regime der Arbeitskontrolle der zweckm\u00e4\u00dfigen Realisierung der \u201eeigentlichen Arbeit\u201c im Wege steht, es wird auch hervorgehoben, dass die Arbeit und ihre Qualit\u00e4t von diesem System (im Vergleich zu fr\u00fcher) weniger nach den Prinzipien der \u201ever\u00adantwortlichen Autonomie\u201c der Besch\u00e4ftigten als auf der Basis des betriebswirt\u00adschaftlichen Ergebnisses ihrer T\u00e4tigkeit wahrgenommen und beurteilt wird. Wie an nachfolgenden Aussagen stellvertretend f\u00fcr zahlreiche \u00c4u\u00dferungen deutlich wird, nimmt darin das Dokumentierte eine zentrale Funktion ein, da es letztlich die Grundlage einer solchen Bewertung darstellt \u2013 eine Basis, die allerdings schon beim Stellen der Patientendiagnose von Relevanz ist.<a href=\"#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind mittlerweile so, dass wir einfach schauen: \u201aOkay, welche Punkte m\u00fcs\u00adsen unbedingt abgecheckt werden?\u2019 Wir kl\u00e4ren das mit dem Arzt, was f\u00fcr eine Meinung er hat. Kl\u00e4ren das mit der verantwortlichen Pflegenden, das ist dann nachher meistens die Stationsleitung. Tun es entsprechend dokumentieren, was wir festgehalten haben und diskutiert.. also diskutiert ist. [&#8230;] Wir sagen ein\u00adfach, was wir alles gemacht haben und der Rest ist ein.. ist am Schluss ein Dokument [\u2026].&nbsp;Manchmal ist es eine Beruhigungs&#8230; das Gewissen beruhigen, dass man alles gemacht hat, gell. Gewissen beruhigen: ich habe nachgefragt, ich habe&#8230; \u2013 wirklich, um sich selber, pers\u00f6nlich abzusichern. Ich denke, mit Zufriedenheit im Berufsalltag, hat das nicht unbedingt etwas zu tun. <em>Pflege\u00adfachfrau, Ausbildnerin, Schweiz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss nat\u00fcrlich alles dokumentieren, was man macht. [\u2026]&nbsp;Also die m\u00fcs\u00adsen einfach bestimmte Sachen, die gemacht wurden, nachweisen, dass die auch gemacht wurden. [\u2026] Da m\u00fcssen einfach bestimmte Minuten erbracht sein, da\u00admit man da eben den Zuschlag f\u00fcr diese Diagnose noch kriegt. <em>Pflegefachkraft, stellvertretende Stationsleiterin, Deutschland<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss nat\u00fcrlich dokumentieren. Und ich dokumentiere das auch. Und die Dokumentation ist m\u00fchsam, weil ich manchmal glaube, das wird nicht gelesen. Es wird auch manchmal nicht gelesen, und trotzdem muss es dokumentiert werden, weil sonst haben wir nicht gearbeitet. <em>Pflegefachfrau, Leiterin Sozial\u00addienst, \u00d6sterreich<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Imperative, welche das neuartige System der Arbeitskontrolle an die medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen herantr\u00e4gt, scheinen mit der Position und Auf\u00adgabe zu variieren. Von den Kader\u00e4rztInnen wird erwartet, dass sie ihre Abteilung \u201emanagen\u201c, das hei\u00dft, daf\u00fcr sorgen, dass sie rentiert und keine Verluste ein\u00adbringt, etwa durch die Unter- oder \u00dcberschreitung der Patientenliegezeiten. Die leitenden \u00c4rztInnen sollten zudem im Rahmen der Abrechnung nach Fallpau\u00adschalen den durch ihre Abteilung erwirtschafteten Erl\u00f6s im Auge behalten und hierzu daf\u00fcr sorgen, dass die erbrachten Leistungen und Diagnosen betriebswirt\u00adschaftlich \u201azweckm\u00e4\u00dfig\u2018 erfasst werden. An die Pflegekr\u00e4fte stellen die neuen Spielregeln vor allem den Anspruch des (in diesem Handlungshorizont) \u201ekorrek\u00adten\u201c Dokumentierens, wof\u00fcr auf einer Station durchaus leitende Pflegekr\u00e4fte die Verantwortung tragen k\u00f6nnen. F\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten soll nach der neuen betriebswirtschaftlichen Logik nur das der letztendlich relevante Orientierungs- und Referenzpunkt sein, was abrechnungsrelevant ist \u2013 auch wenn sich in der konkreten Behandlungspraxis \u201eeine Reihe von Prozeduren als bedeutsam erwei\u00adsen, die in dem Kodiersystem nicht abgebildet werden k\u00f6nnen\u201c und damit nicht erl\u00f6srelevant sind (vgl. Vogd 2006: 102).<\/p>\n\n\n\n<p>Inwiefern die berufliche Autonomie der medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen gera\u00adde auch durch \u201edie Dokumentation\u201c eingeschr\u00e4nkt wird, kommt paradigmatisch in der Beziehung zwischen der \u00c4rzteschaft und dem Medizincontrolling zum Ausdruck. Formal unterstehen die Medizincontroller zwar den \u00c4rzten, diese sind von ihnen jedoch wegen ihren besonderen F\u00e4higkeiten und Kompetenzen in \u201aer\u00adl\u00f6srelevanten Fragen\u2018 zugleich abh\u00e4ngig. Nachfolgende Schilderungen von zwei Kodierfachkr\u00e4ften im Bereich des Medizincontrollings und einer Assistenz\u00e4rztin geben Einblick, welcher \u201esanktionierenden\u201c Macht seitens der Verwaltung die \u00c4rzteschaft und Pflege in diesem Beispiel ausgesetzt sind.<a href=\"#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, miteinander reden ist sehr wichtig. Den Kontakt zu den \u00c4rzten halten, zu den Schwestern halten, ist, finde ich, f\u00fcr uns sehr wichtig, weil man doch da schon einige Informationen rauskriegt. Ja, um da einfach im Gespr\u00e4ch zu blei\u00adben, ob man dann auch irgendeine Dokumentation noch mal ver\u00e4ndern muss. Ob man da noch mal irgendwo einwirken sollte. [&#8230;] Also man wird ja be\u00e4ugt. Erfasst man alles richtig? Dokumentiert man richtig und so was? <em>Kodierfach\u00adkraft im Medizincontrolling, Deutschland<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute [=\u00c4rzte] m\u00fcssen wissen, wann ist die Grenze. Und bei der mittleren Verweildauer, da f\u00e4ngt das Medizin-Controlling an. Also wenn die Leute gera\u00adde in der Mitte entlassen werden, da k\u00f6nnen wir eben noch ein bisschen Geld mit dem Fall verdienen. Das m\u00fcssen sie eben wissen, die \u00c4rzte. Und sonst m\u00fcssen sie, wenn sie falsch dokumentieren, und dann wird eben falsch kodiert, das sind Stellen, die sie dann selber verlieren auf der Station. Deshalb haben sie auch Interesse, dass richtig alles genau dokumentiert wird. <em>Kodierfachkraft im Medizincontrolling, Deutschland<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und man hat das halt am Anfang auch gelernt, also wenn das tats\u00e4chlich alles sogar begr\u00fcndet und alles in Ordnung war, aber das im Brief nicht so hundert\u00adprozentig dokumentiert hat, da kam auf jeden Fall eine Anfrage. Da muss man dann halt die Akten hinschicken und das ist dann immer aufwendig und vor al\u00adlem kriegt man das Geld dann halt immer erst 100 Jahre sp\u00e4ter, keine Ahnung. Das ist was, was man sich am Anfang nicht so bewusst ist und das wird man sich bewusst, weil es halt wieder mehr Dokumentationsaufwand ist und so wei\u00adter und so fort. <em>Assistenz\u00e4rztin, Deutschland<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es sind aber nicht nur die oben genannten \u201eRichtlinien\u201c und \u201eVorschriften\u201c, welche die \u00c4rztInnen dazu anhalten, sich verst\u00e4rkt an betriebswirtschaftlichen Messgr\u00f6\u00dfen auszurichten. Wohl noch wirksamer im Hinblick auf die Durchset\u00adzung neuer Kriterien der Selbst- und Fremdbewertung \u00e4rztlicher Arbeit d\u00fcrfte der indirekte Einfluss der Verwaltung \u00fcber speziell installierte Informations- und Kontrolldispositive sein. Der folgende Auszug aus einem Interview mit dem Lei\u00adter des Finanz- und Medizincontrollings \u2013 der sich als stets \u201eim intensiven Dia\u00adlog\u201c mit den \u00c4rzteschaft stehend bezeichnet \u2013 zeigt, wie sich eine Abteilung der Verwaltung darum bem\u00fcht, die \u00c4rzteschaft untereinander durch permanenten Vergleich in eine Situation versch\u00e4rfter Konkurrenz zu bringen. Die Passage zeigt zugleich, dass die Einschr\u00e4nkung der Autonomie der medizinisch-pflege\u00adrisch T\u00e4tigen weniger einem allgemeinen Generalplan \u201eder Verwaltung\u201c folgt als dem im Kontext der Finanzknappheit wohl durchaus von Ernsthaftigkeit und En\u00adgagement getragenen Wirken eines leitenden Verwaltungsmitarbeiters, der den Geist der Zeit (und die Krankenhausleitung) in seinem R\u00fccken wei\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p>Bei uns ist es so, dass das Controlling schon seit mehreren Jahren t\u00e4glich ak\u00adtualisiert [wird], mehrmals, also mindestens zweimal. Wir arbeiten gerade an einer Automatisierung des Berichtswesens, dann wird das nicht mehr h\u00e4ndisch aktualisiert, sondern dann wird es st\u00fcndlich vom System gemacht. [\u2026] Jeder Arzt kann sehen, was der andere Fachbereich macht. Also da stehen keine Pati\u00adentennamen mehr, sondern da stehen nur noch Case Mix, Schweregrad, Fall\u00adzahl insgesamt, da stehen die DRGs dort. [\u2026] Und es gibt auch eine Gesamt\u00adstatistik und da kommen Zahlen rot oder blau raus je nachdem ob man &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>I: &#8230;<em> Und man kann dann auch die anderen Kliniken und Abteilungen sehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, m\u00f6chte ich auch, dass die das sehen, damit die motiviert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dokumentationskritik kann vor diesem Hintergrund als ein Mittel begrif\u00adfen werden, mit dem die medizinisch-pflegerisch Besch\u00e4ftigten sich der Kontrol\u00adle ihrer Arbeit durch die Verwaltung widersetzen, von der sie sich in einer Aus\u00ad\u00fcbung ihrer T\u00e4tigkeit nach eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben zunehmend beeintr\u00e4chtigt f\u00fchlen. Damit richtet sich die Kritik auch gegen die Vorherrschaft betriebswirtschaftli\u00adcher Funktionsprinzipien, die mit \u201eder Dokumentation\u201c im Gesundheitswesen verst\u00e4rkt Einzug erhielten und den genuinen Zweck der Organisation Kranken\u00adhaus zunehmend unterlaufen. Ihre eigentliche Bedeutung gewinnt die Dokumen\u00adtationskritik folglich erst im Rahmen des vorherrschenden politisch-\u00f6konomi\u00adschen Regimes im relevanten Bezugsfeld und seiner Entwicklung, f\u00fcr die der R\u00fcckgang der staatlichen Finanzierung und der Machtzuwachs der Kranken\u00adkas\u00adsen kennzeichnen sind (vgl. Hermann 2007).<a href=\"#sdfootnote21sym\"><sup>21<\/sup><\/a> Als das Mittel, durch das sie be\u00advorzugt wahrnehmen, dass ihre Arbeit nach einer Logik beurteilt wird, von der sie sich seit jeher abgrenzten, scheint sich \u201edie Dokumentation\u201c als Projektions\u00adfl\u00e4che f\u00fcr das Unbehagen von \u00c4rzten und Pflegekr\u00e4ften \u00fcber ihre Arbeitssituati\u00adon geradezu anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p>5. Den Niedergang des Ansehens aufhalten<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte an \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern w\u00fcrden ihr Unbehagen wohl kaum derart stark ausgepr\u00e4gt die Kritik an der Dokumentation zum Aus\u00addruck und zur Geltung bringen, wenn das Durchsetzen betriebswirtschaftlicher Ma\u00dfst\u00e4be nicht auch ihr Ansehen betreffen w\u00fcrde. Die Einschr\u00e4nkung des Hand\u00adlungs- und Einflussbereichs, den medizinisch-pflegerisch Besch\u00e4ftigte durch sie erfahren haben, ist gewiss erheblich. F\u00fcr die Betroffenen ebenfalls von Bedeu\u00adtung zu sein scheint, dass die Zunahme \u201eder Dokumentation\u201c ihren Nimbus un\u00adterminiert hat, der darauf beruhte, dass die \u00f6konomische Seite ihrer T\u00e4tigkeit verleugnet und tabuisiert wurde. Bekanntlich ist es ein zentraler Wesenszug \u201eder Dokumentation\u201c, wirtschaftliche Sachverhalte fass- und sichtbar zu machen.<a href=\"#sdfootnote22sym\"><sup>22<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Max Weber (1922) hat am Beispiel religi\u00f6ser W\u00fcrdentr\u00e4ger und politischer Akteure gezeigt, dass die Verleugnung jeder Art b\u00fcrokratischer Organisation und jedes \u201eBetriebs\u201c bei Vertretern von Institutionen, welche \u00fcber ein Monopol sym\u00adbolischer G\u00fcter verf\u00fcgen, f\u00fcr ihr Berufsethos und ihr berufliches Ansehen konsti\u00adtutiv ist. Pierre Bourdieu (2012: bes. 139-142) zufolge liegt die kategorische Ablehnung der Vulgarit\u00e4t wirtschaftlicher Kalkulation der \u201eEhre\u201c \u00f6ffentlich Bediensteter und dem Zauber \u00f6ffentlicher G\u00fcter zugrunde (vgl. Schultheis 2012). Auch das Ansehen von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften beruht nicht unwesentlich auf der Verneinung des \u201eplanvollen rationalen Geldgewinn(s), \u00fcberhaupt alle(n) (\u2026) rationale(n) Wirtschaften(s)\u201c (Weber 1922: 654).<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise wurde dem strukturellen Charakter dieses Sachverhalts in den ersten soziologischen Arbeiten zum Krankenhausbereich Rechnung getra\u00adgen, wenn auch vor allem anhand der \u00c4rzteschaft.<a href=\"#sdfootnote23sym\"><sup>23<\/sup><\/a> So tabuisiert das \u00e4rztliche Berufsideal<a href=\"#sdfootnote24sym\"><sup>24<\/sup><\/a>, wie es von Talcott Parsons (1951: 428-479) vor sechs Jahrzehnten am Beispiel niedergelassener \u00c4rztInnen festgehalten wurde, die materielle Seite der \u00e4rztlichen T\u00e4tigkeit. Expliziter weisen jedoch Arbeiten von Eliot Freidson, Everett Hughes sowie Harvey Smith und Gartley Jaco darauf hin, inwiefern dies mit einer Abgrenzung von b\u00fcrokratisch-legalen Mitteln und Legitimationsformen einher geht: \u00c4rztInnen w\u00fcrden ihre Arbeit \u201eim wesentlichen [\u2026] als au\u00dferor\u00addentlich komplex und routinefrei\u201c auffassen, \u201eso dass sie, um angemessen erf\u00fcllt werden zu k\u00f6nnen, eines ausgedehnten Trainings, gro\u00dfer Intelligenz und Fertig\u00adkeit sowie h\u00f6chst komplexer Urteilskraft bedarf, welche s\u00e4mtlich nicht aufgrund von einfachen und festgelegten Regeln her beurteilt werden k\u00f6nnen\u201c (Freidson 1975: 110). \u00c4rztInnen suchten jenseits b\u00fcrokratischer Vorgaben Geltung, die der b\u00fcrokratisch-legalen Macht gegen\u00fcber mit Widerstand geladen ist (vgl. Smith\/Jaco 1958: 469f.). Sie hielten die Arbeitsabl\u00e4ufe jenseits von Routine und Regelhaftigkeit hoch, was sich besonders in der Idealisierung einer Notstands\u00adhaltung zeige (vgl. Hughes 1958a:54f., 58 und 88, 1958b:169f.). Smith und Jaco (1958) sprechen gar davon, dass Krankenh\u00e4user von \u201etwo lines of authority\u201c be\u00adherrscht seien, welche die \u201ebasic duality of hospitals\u201c seien und sich durch den Widerspruch zwischen der Verwaltungsmacht und der \u00e4rztlichen Macht kenn\u00adzeichne. Das Verh\u00e4ltnis von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften zur \u201eDokumentation\u201c ist folglich strukturell bzw. grunds\u00e4tzlich problematisch (vgl. Howse\/Bailey 1992), was an \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern umso st\u00e4rker sein d\u00fcrfte als dort das anti-\u00f6konomische Berufsethos von der institutionell zur Verwaltung gegens\u00e4tzli\u00adchen Position der medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen abgest\u00fctzt wird.<a href=\"#sdfootnote25sym\"><sup>25<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die gegenw\u00e4rtige Dokumentationskritik scheint die Ablehnung der b\u00fcrokratisch-legalen Macht vor allem die Form eines Abwehrgefechts gegen die Verwaltung darzustellen. Zwar wird sie auf Grundlage eines beruflichen Selbst\u00adverst\u00e4ndnisses vorgebracht, welches administrative Aufgaben rundum zur\u00fcck\u00adweist.<a href=\"#sdfootnote26sym\"><sup>26<\/sup><\/a> Alle befragten \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4fte qualifizieren die im Arbeit\u00adsalltag nicht wegzudenkenden administrativen Arbeiten in den Schilderungen als minderwertig, unerfreulich und wenig dankbar und letztlich nicht zur eigenen Aufgabe geh\u00f6rend; als \u201et\u00e4tigkeitsfremde\u201c Arbeit ohne hohe Wertigkeit.<a href=\"#sdfootnote27sym\"><sup>27<\/sup><\/a> Ange\u00adsichts der aktuellen Dynamik an \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern, die der Verwal\u00adtung mehr und den medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen weniger Macht zukommen l\u00e4sst, kann die Dokumentationskritik allerdings nicht mehr als ein R\u00fcckzugsfeuer sein. Umso mehr, als durch das bereits erfolgte Sichtbarwerden des \u00d6konomi\u00adschen das Ansehen von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften bereits verringert hat, d.h. das Ansehen, dass beim Kritisieren der Dokumentation heute noch ins Feld ge\u00adf\u00fchrt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung der Dokumentationskritik ist also im Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwi\u00adschen den relevanten Akteursgruppen am Krankenhaus und im Gesundheitswe\u00adsen insgesamt zu verstehen. Die medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen sind keine genug gro\u00dfe Kraft und stehen auch mit keiner in einer Allianz, um den politi\u00adschen Mainstream aufzuhalten. In Zeiten knapper Staatskassen wird die staatli\u00adche Finanzierung weiter reduziert und es florierenden Modelle auf Grundlage von betriebswirtschaftlichen Kategorien, auch wenn sie das Gesundheitswesen teurer machen. So erstaunt es nicht, dass sich in den Schilderungen der Befragten auch weitere Formen der Verneinung b\u00fcrokratisch-legaler Mittel meist in zur\u00fcck\u00adhaltender Form zeigen. Die \u00c4u\u00dferungen b\u00fcndeln sich f\u00fcr die einzelnen Akteurs\u00adgruppen in bestimmten Bildern. Auch hier gewinnt man den Eindruck, dass es darum geht, den weiteren Niedergang des kollektiven Ansehens der Besch\u00e4ftig\u00adtengruppe zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den leitenden \u00c4rztInnen eine wichtige Referenzfigur zu sein scheint, von der die Befragten sich gerne abgrenzen und abheben, ist diejenige des \u201eMana\u00adgers\u201c, der f\u00fcr seine Abteilung wirtschaftlich selbst verantwortlich ist und dessen Entlohnung nach seinem \u201aErtrag\u2018 f\u00fcr das Krankenhaus bemessen wird (in unse\u00adrer Untersuchung zeigt sich dies insbesondere f\u00fcr D und CH). Auch zum Besitz eines <em>Master of Business Administration<\/em>, der mittlerweile erforderlich sei, geht das \u201eRessentiment der Entmachteten\u201c (B\u00e4r 2011) auf Abstand. Im Unterschied dazu scheint die Ablehnung der b\u00fcrokratisch-legalen Macht bei den Pflegekr\u00e4fte in der Form der exemplarischen Prophetie zusammen zu kommen: dem Bild der Stationsleiterin, die von sich aus ins Stationsteam zur\u00fcckkehrt, um \u201emit sich im Reinen\u201c zu sein; eine Figur, welche sich die weltlichen Gratifikationen ihrer Lei\u00adtungspositionen aus der Einsicht heraus versagt, dass die Bestimmung der Pfle\u00adgearbeit im \u201eDienst am Patienten\u201c liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Unterschieden zwischen diesen Leitmotiven scheinen Differenzen in den Positionen und Dispositionen, aber auch den Erfahrungen zum Ausdruck zu kommen. Die Schilderungen der befragten \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4fte vereint jedoch ein gro\u00dfes Missfallen gegen\u00fcber der Wahrnehmung und Bewertung ihrer Arbeit in betriebswirtschaftlichen Kategorien, auch wenn nicht selten in der Logik der Realpolitik ern\u00fcchtert und \u201eentzaubert\u201c zu verstehen gegeben wird, dass die M\u00f6glichkeiten, die Arbeit entsprechend den eigenen \u201eIdealen\u201c zu reali\u00adsieren, einfach kleiner geworden seien und weiter werden. Als Werkzeug, mit dem die Distanz zur Verwaltung unmissverst\u00e4ndlich bekr\u00e4ftigt wird und zugleich die tiefgreifende Infragestellung der eigenen beruflichen Autonomie, die nicht unwesentlich durch \u201edie Dokumentation\u201c verursacht ist, ihrerseits in Frage gestellt werden kann, scheint die Dokumentationskritik f\u00fcr die medizinisch-pfle\u00adgerisch T\u00e4tigen ein privilegiertes Instrument darzustellen, um dem geteilten Bed\u00fcrfnis nachzukommen, \u2013 wie es Weber (1922: 659) ausdr\u00fcckt \u2013&nbsp;\u201emit allen Mit\u00adteln [\u2026]&nbsp;dieser Zerst\u00f6rung Schranken zu ziehen\u201c, wie sie der Niedergang des \u201egenui\u00adnen Charisma\u201c darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Schluss<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Artikel wurden die M\u00f6glichkeitsbedingungen der Zunahme der Do\u00adkumentationskritik untersucht, wie sie in den vergangenen Jahren festzustellen ist. Die empirische Grundlage stellen qualitative Interviews mit \u00c4rztInnen, Pfle\u00adgekr\u00e4ften und Verwaltungsangestellten von drei \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz dar, die vor dem Hintergrund des For\u00adschungsstandes zum Thema diskutiert wurden. Auf einer allgemeinen Ebene wurde deutlich, dass die Dokumentationskritik einerseits als Resultat des Ver\u00adh\u00e4ltnisses zwischen den Kategorien des Denkens, Wahrnehmens und Handelns, welche die Akteure inkorporiert haben, und andererseits den M\u00f6glichkeiten, die ihnen ihre Position bietet, zu verstehen ist. Zudem erh\u00f6hen sich die Chancen, dass auf sie zur\u00fcckgegriffen wird, mit zunehmenden symbolischen und kulturel\u00adlen Ressourcen. Die Analyse hat gezeigt, dass die Zunahme der Dokumentations\u00adkritik seitens medizinisch-pflegerisch T\u00e4tiger nicht allein durch die mengenm\u00e4\u00dfi\u00adge Betroffenheit bzw. das quantitativ zu messende Absorbiert-Werden durch Do\u00adkumentationsaufgaben bedingt ist, sondern vor allem mit zwei Aspekten, die mit dem gegenw\u00e4rtig stattfindenden strukturellen Wandel der station\u00e4ren Gesund\u00adheitsversorgung und besonders der Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Funkti\u00adonsmechanismen zusammenh\u00e4ngen: Zum einen der Abnahme der Gestaltungs- und Einflussm\u00f6glichkeiten von \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4ften auf das Geschehen an Krankenh\u00e4usern, die nicht unwesentlich durch \u201edie Dokumentation\u201c verur\u00adsacht ist; zum anderen und vor allem das zunehmende Sichtbarwerden der \u00f6ko\u00adnomische Seite der Arbeit von medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen, welche \u201edie Dokumentation\u201c bewirkt; dies untergr\u00e4bt deren herk\u00f6mmliche berufliche \u201eEhre\u201c, f\u00fcr die just die Verleugnung dieser Seite konstitutiv ist, nachhaltig. In einem Kontext, in dem sich medizinisch-pflegerische und betriebswirtschaftliche An\u00adspr\u00fcche zunehmend weniger gut miteinander vereinbaren lassen, scheint ist die Dokumentationskritik eines der wenigen Einsatzmittel von \u00c4rztinnen und Pfle\u00adgekr\u00e4ften darzustellen, mit dem sie ihr Unbehagen an der Verringerung ihrer beruflichen Autonomie durch die sich durchsetzenden betriebswirtschaftlichen Funktionslogiken zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen, ohne ihre Ablehnung der Be\u00adsch\u00e4ftigung mit materiellen Fragen aufgeben zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur<\/p>\n\n\n\n<p>Abt-Zegelin, Angelika et al. (2003): Brennpunkt: Pflegedokumentation. Die Schwes\u00adter\/Der Pfleger 42: 296-300.<\/p>\n\n\n\n<p>Adamsen L., und M. Tewes (2000): Discrepancy between patients\u2019 perspectives, staff\u2019s documentation and reflections on basic nursing care. Scandinavian Journal of Caring Science 14: 120-29.<\/p>\n\n\n\n<p>AEKWL; \u00c4rztekammer Westfahlen-Lippe (2012): Verwaltungsausgaben verschlin\u00adgen Milliarden \u2013 Gesundheitsversorgung darf nicht zur Gesundheitsverwaltung pervertieren. M\u00fcnster: Pressestelle der \u00c4rztekammer Westfalen-Lippe, 3. Januar 2012. URL: http:\/\/www.aekwl.de\/uploads\/media\/02_12_B\u00fcrokratie.pdf<\/p>\n\n\n\n<p>Allen, D. (1998): Record-keeping and routine nursing practice: the view from the wards. Journal of Advanced Nursing 27: 1223-1230.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00e4r, Stefan (2011): Das Krankenhaus zwischen \u00f6konomischer und medizinischer Vernunft. Krankenhausmanager und ihre Konzepte, Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Bartholomeyczik, Sabine (2007): Reparaturbetrieb Krankenhaus. DRGs und ihre Auswirkungen aus Sicht der Pflege. Dr. med. Mabuse 166: 57-60.<\/p>\n\n\n\n<p>Becker, Gerhild et al. (2010): Four minutes for a patient, twenty seconds for a relati\u00adve \u2013 an observational study at a university hospital. BMC Health Services Rese\u00adarch 10: 94.<\/p>\n\n\n\n<p>Behrens, Johann, und Gero Langer (2010): Evidence-based Nursing and Caring: Methoden und Ethik der Pflegepraxis und Versorgungsforschung. Bern: Huber.<\/p>\n\n\n\n<p>Berg, Marc (2008): Praktiken des Lesens und Schreibens. Die konstitutive Rolle der Patientenakte in der medizinischen Arbeit. In Moderne Mythen der Medizin. Studi\u00aden zur organisierten Krankenbehandlung, Hrsg. Irmhild Saake und Werner Vogd, 63-86. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Blum, Karl (2003): Pflegefremde und patientenferne T\u00e4tigkeiten im Pflegedienst der Krankenh\u00e4user \u2013 Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschl\u00e4ge. D\u00fcsseldorf: Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Blum, Karl, und Udo M\u00fcller (2003): Dokumentationsaufwand im \u00c4rztlichen Dienstder Krankenh\u00e4user \u2013 Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschl\u00e4ge. D\u00fcsseldorf: Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00f6hlke, Nils et al., Hrsg. (2009): Privatisierung von Krankenh\u00e4usern. Erfahrungen und Perspektiven aus Sicht der Besch\u00e4ftigten. Hamburg: VSA-Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik. Berlin: Suhrkamp.<\/p>\n\n\n\n<p>Boltanski, Luc, und \u00c8ve Chiapello (1999): Le nouvel esprit du capitalisme. Paris: Gallimard.<\/p>\n\n\n\n<p>Bourdieu, Pierre (1993): Comprendre. In La Mis\u00e8re du Monde, Hrsg. Pierre Bour\u00addieu et al., 903-925. Paris: Seuil.<\/p>\n\n\n\n<p>Bourdieu, Pierre (1997): Le champ \u00e9conomique. 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M\u00fcnchen Berlin Wien: Urban und Schwarzenberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Friesacher, Heiner (2008): Theorie und Praxis pflegerischen Handelns: Begr\u00fcndung und Entwurf einer kritischen Theorie der Pflegewissenschaft. V&amp;R unipress GmbH.<\/p>\n\n\n\n<p>Golder, Lukas et al. (2011): DRG: Bef\u00fcrchtungen einer zunehmenden B\u00fcrokratisie\u00adrung der Medizin. Begleitstudie anl\u00e4sslich der Einf\u00fchrung von SwissDRG, im Auftrag der FMH. Bern: gfs.<\/p>\n\n\n\n<p>Griffiths, Pauline (1998): An investigation into the description of patients\u2019 problems by nurses using two different needs-based nursing models. Journal of Advanced Nursing 28: 969-977.<\/p>\n\n\n\n<p>Grimm, Nicoleta (2010): Die Pflegedokumentation aus Sicht der Pflegekr\u00e4fte. Eine qualitative Studie. Bachelor-Arbeit, Hamburg: Hochschule f\u00fcr angewandte Wis\u00adsenschaften Hamburg, Department Pflege und Management.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunningberg, L., und A. 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Dezember 2011.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> In offiziellen Organen der \u00c4rzteschaft beispielsweise wird von \u201eDokumentationswut\u201c (AEKWL 2012), von \u201eunsinniger Kontrollb\u00fcrokratie\u201c (Flintrop\/Korzilius 2012: 635), von \u201eB\u00fcrokratie-Wahnsinn\u201c (AEKWL 2012) oder von einem \u201eB\u00fcrokratie-Monster\u201c (Flintrop\/ Korzilius 2012: 634) gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Ende 2011 verabschiedete eine Gruppe von Kader\u00e4rzten am Universit\u00e4tsspital Z\u00fcrich das Manifest \u201eMedizin gegen Spitalb\u00fcrokratie\u201c, in dem ein \u201eradikaler B\u00fcrokratie-Abbau\u201c gefor\u00addert wird (ZKFS 2011). In Deutschland, wo nicht nur der Umfang der Dokumentation mehr angewachsen, sondern auch die Diskussion dar\u00fcber weiter gediehen zu sein scheint, kam es zu analogen Mobilisierungen. Aufsehen erregte zuletzt die Petition \u201eGesundheitswesen \u2013 Kontrolle der Verwaltungs- und B\u00fcrokratiekosten der Krankenkassen\u201c, die im M\u00e4rz 2012 beim Deutschen Bundestag mit 4000 Unterschriften eingereicht wurde und verlangt, die B\u00fcrokratiekosten transparent zu machen und den Bundesrechnungshof mit der Kontrolle der Verwaltungs- und B\u00fcrokratiekosten der Krankenkassen zu beauftragen. Auch Pflegekr\u00e4fte \u00e4u\u00dfern immer deutlicher ihre Unzufriedenheit \u00fcber die in den vergangenen Jahren ange\u00adwachsenen Dokumentationsaufgaben; eine Folge davon ist zum Beispiel, dass im deut\u00adschen Bundesministerium f\u00fcr Gesundheit im Juni 2011 die Funktion einer Ombudsfrau zur \u201eEnt\u00adb\u00fcrokratisierung in der Pflege\u201c geschaffen wurde. Von der American Nurses Associati\u00adon, die ihren 1950 erstellten Ethikkodex zuletzt im Jahr 2001 aktualisiert hatte, erschien im Jahr 2010 bereits eine Aktualisierung des 2005 erstmals herausgegebenen des Verhaltenskodexes zur Dokumentation.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> In der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise besteht die Dokumentationspflicht f\u00fcr \u00c4rztInnen seit dem Jahr 1976 und f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte seit 1986 (vgl. Str\u00e4ssner 2010).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> Selbst innerhalb der Pflege wird das Dokumentieren sp\u00e4testens seit Florence Nightingale als zentraler Bestandteil der Arbeitspraxis angesehen (vgl. Iyer\/Camp 1995).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> Daran anschlie\u00dfend hat sich auch im deutschsprachigen Raum eine entsprechende Ratge\u00adber-Literatur entwickelt. Aus dem Jahr 2010 stammt die Feststellung eines Rechtsanwalts f\u00fcr Krankenhaus- und Patientenrecht, wonach \u201emittlerweile [\u2026] die Flut an B\u00fcchern, Arti\u00adkeln und Tipps zur \u201arichtigen\u2018 oder \u201aguten\u2018 Pflegedokumentation kaum noch zu \u00fcberblicken [ist].\u201c (Str\u00e4ssner 2010: 1).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> Diese Literatur wird in Teil 2 eingehender diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> Erhoben wurde dieses Material im Rahmen des SNF\/DFG\/FWF-Projekts \u201eIm Dienste \u00f6ffentlicher G\u00fcter\u201c unter der Leitung von Franz Schultheis, Berthold Vogel und J\u00f6rg Flecker von Januar bis Dezember 2011. Aufbereitet wurden die qualitativen Interviews in der Logik der Grounded Theory und des Verstehens-Ansatzes von Pierre Bourdieu (1993). \u201eDokumen\u00adtation\u201c ist im empirischen Material eine zentrale indigene Kategorie.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Der zun\u00e4chst oft undifferenziert vorgebrachte Ausdruck \u201eDokumentation\u201c rekurrierte in den Interviews entweder auf das schriftliche Festhalten von Arbeitsabl\u00e4ufen, die Aufzeich\u00adnung patientenbezogener Daten oder das Dokumentieren im Rahmen der so genannten \u201eAbsicherungsmedizin\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a> Zu welchen Ver\u00e4nderungen beispielsweise eine von der Sozialkritik losgel\u00f6ste Kulturkri\u00adtik Anlass geben kann, zeigt gerade die Analyse von Boltanski und Chiapello (1999).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a> Einer Umfrage des deutschen Krankenhausinstituts zufolge im Jahr 2001 wenden \u00c4rztIn\u00adnen in der Inneren Medizin durchschnittlich 3 Stunden und 15 Minuten f\u00fcr das Dokumen\u00adtieren auf, diejenigen in der Chirurgie 2 Stunden und 42 Minuten (vgl. Blum\/M\u00fcller 2003). Becker et al. (2010) ermitteln aufgrund von Arbeitsprozessbeobachtungen in der Uniklinik Freiburg einen durchschnittlichen Wert von 148 Minuten f\u00fcr \u201eDokumentation\u201c und Verwal\u00adtungst\u00e4tigkeiten. Die j\u00fcngste Mitgliederbefragung des Marburger Bundes zeigt, dass 54% der Kli\u00adnik\u00e4rzte t\u00e4glich mehr als 2 Stunden mit Verwaltungsaufgaben besch\u00e4ftigt sind (vgl. IQE 2011). Bei den Pflegekr\u00e4ften scheint der Aufwand f\u00fcr Dokumentation und Administra\u00adtion in der Chirurgie im Durchschnitt 88,2 Minuten und in der Inneren Medizin 96,5 Minu\u00adten pro Arbeitstag zu betragen, gesamthaft gut 28% der Arbeitszeit (vgl. Blum 2003). Aus einer k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten Befragung geht hervor, dass Spital\u00e4rzte in der Schweiz durch\u00adschnittlich 10% ihrer Zeit f\u00fcr Rapporte, 16% f\u00fcr Dokumentationsarbeit und weitere 10% f\u00fcr die Codierarbeit und sonstige administrative T\u00e4tigkeiten verwenden (Golder et al. 2011).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a> Inwiefern sich diese Wahrnehmung ver\u00e4ndert hat, zeigt z.B. die Studie von Perneger et al. (2011), in welcher Daten aus Erhebungen mit demselben Fragebogen in den Jahren 1998 und 2007 kontrastiert werden. W\u00e4hrend im Kanton Genf im Jahr 2007 der Anteil der \u00c4rz\u00adtInnen, die mit ihrer \u201eadministrativen Last\u201c unzufrieden sind, bei 49,5% lag, waren es 1998 noch 8,9% weniger.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a> Beispielsweise stellt Sabine Bartholomeyczik (2007) in der Pflegearbeit auf Grundlage u.a. von Arbeitsprozessbeobachtungen in drei Krankenh\u00e4usern der Maximalversorgung auf jeweils zwei Stationen zwischen 2003 und 2005, d.h. zu Zeiten der Einf\u00fchrung der DRG in Deutschland, einen R\u00fcckgang des Anteils der Dokumentationsaufgaben an der Arbeitszeit von 8,4% auf 6,7% fest.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a> Von Anfang der 1960er Jahre beispielsweise stammt die Beobachtung von Johann Rohde (1962: 312), dass Pflegekr\u00e4fte Aufgaben wie die \u201eSchreibarbeit\u201c in \u201ekaum verhohlener Af\u00adfektivit\u00e4t\u201c ablehnen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a> Der erw\u00e4hnten Umfrage von Blum und M\u00fcller (2003) zufolge verwenden Assistenz\u00e4rzte in Deutschland mehr als 50% ihrer Arbeitszeit f\u00fcr Dokumentationsaufgaben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a> F\u00fcr einen \u00dcberblick, siehe die qualitativen Meta-Analysen von Jefferies et al. (2010) und K\u00e4rkk\u00e4inen\/Eriksson (2005).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a> Die von uns befragten Besch\u00e4ftigten identifizierten in \u00fcberwiegender Zahl neben der Zu\u00adnahme von Dokumentationsaufgaben die Intensivierung der Arbeit als zweite gro\u00dfe Ver\u00e4n\u00adderung der letzten Jahre. Zur Intensivierung im Krankenhaus-Bereich, siehe B\u00f6hlke et al. (2009).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a> Weshalb gerade die Pflegekr\u00e4fte (und nicht die \u00c4rztInnen) zu diesem Punkt verst\u00e4rkt un\u00adtersucht werden, scheint neben ihrer Position im Krankenhausgef\u00fcge nicht zuletzt mit den Erwartungen zusammenzuh\u00e4ngen, welche die Krankenkassen seit einigen Jahren verst\u00e4rkt an sie herantragen. In Deutschland scheint die unvollst\u00e4ndige Pflegedokumentation jeden\u00adfalls vor allem seitens des Medizinischen Diensts der Krankenkassen MDK als \u201e\u201a<em>Haupt\u00admangel<\/em><em>\u2018<\/em> der Pflege \u00fcberhaupt\u201c aufgefasst zu werden, wie G\u00fcnther Roth (2001: 161, Hervor\u00adhebung des Autors) aufgrund einer Expertenbefragung im ambulanten Bereich zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a> Am Beispiel des geriatrischen Akutbereichs in zwei nordeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wird deut\u00adlich, dass nicht nur verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele funktionale F\u00e4higkeiten der Patienten nicht doku\u00admentiert werden, sondern auch, dass die Pflegekr\u00e4fte zuverl\u00e4ssiger dokumentieren als die \u00c4rztInnen: Bei den pflegerischen Eintr\u00e4ge fehlten 40 bis 60% und bei den \u00e4rztlichen Berichten 80 bis 97% (vgl. Jensd\u00f3ttir et al. 2008). Zu einem analogen Befund gelangen P\u00fcschmann et al. (2006), die anhand von 317 Krankenunterlagen aus unterschiedlichen me\u00addizinischen Fachbereichen ermitteln, dass die Verlaufsdokumentation der \u00c4rztInnen ledig\u00adlich in der H\u00e4lfte aller F\u00e4lle vorhanden und frei von M\u00e4ngeln ist, w\u00e4hrend dies bei den Pfle\u00adgekr\u00e4ften bei 83% der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote19anc\">19<\/a> Im deutschen Krankenhaus, in dem sich das neue Regime der Arbeitskontrolle st\u00e4rker als in den beiden anderen Krankenh\u00e4usern durchgesetzt hat, nahmen die Besch\u00e4ftigten wieder\u00adholt auf den Slogan \u201eWer schreibt, der bleibt\u201c Bezug, in dem der zentrale Imperativ dieses Regimes f\u00fcr die subalternen Besch\u00e4ftigten paradigmatisch zum Ausdruck zu kommen scheint.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote20anc\">20<\/a> Vgl. dazu auch den Beitrag von Pfeuffer\/Gemperle in diesem Band.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote21anc\">21<\/a> Zum Ausdruck kommt dies nicht zuletzt darin, dass die Zunahme des Dokumentationsauf\u00adwandes in einer repr\u00e4sentativen Umfrage im Sommer 2011 unter rund 1200 schweizeri\u00adschen \u00c4rzten die mit Abstand am h\u00e4ufigsten im Zusammenhang mit der bevorstehenden DRG-Einf\u00fchrung genannte Sorge war (vgl. Golder et al. 2011).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote22anc\">22<\/a> Wie gewichtig die Infragestellung des Ansehens der medizinisch-pflegerisch T\u00e4tigen ist, l\u00e4sst sich unter anderem daran erkennen, dass selbst vielen Studien \u00fcber \u201edie Dokumentati\u00adon\u201c \u2013 wie DeWolf Bosek und Ring (2010) bez\u00fcglich Pflegekr\u00e4ften feststellen \u2013 mittlerweile die Vorstellung zugrunde liegt, \u201egood documentation equate(s) to good nursing care\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote23anc\">23<\/a> Dies ist sicher mit ein Grund ist, weshalb die Gegebenheit in der aktuellen fachlichen Dis\u00adkussion \u00fcber die Pflegekr\u00e4fte kein zentrales Thema darstellt (z.B. Behrens\/Langer 2010; Schaeffer\/Wingenfeld 2011).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote24anc\">24<\/a> Diese kennzeichnet sich zum einen durch den Grundsatz, prinzipiell allen Mitgliedern der Gesellschaft zur Verf\u00fcgung zu stehen und sie gleich zu behandeln (Universalismus). Zum anderen beruht sie auf der Pr\u00e4misse, das Wohl der Patientin\/des Patienten \u00fcber alle anderen Interessen (inklusive der eigenen) zu stellen und sie\/ihn so nach bestem Wissen und K\u00f6nnen medizinisch-pflegerisch zu behandeln (Kollektivorientierung).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote25anc\">25<\/a> Diesen Umstand zu bagatellisieren scheinen Erkl\u00e4rungen, die das kritische Verh\u00e4ltnis von Pflegekr\u00e4ften zu den Dokumentationsaufgaben auf deren zu geringes Interesse, mangelnder Sorgfalt oder \u201efehlende Einsicht\u201c (H\u00f6hmann et al. 1996) zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote26anc\">26<\/a> Bereits Anfang der 1960er Jahre beobachtete Johann Rohde (1962: 312), dass \u201edas subjek\u00adtive Bewusstsein\u201c der \u201eEntfremdung [\u2026]&nbsp;dort am h\u00f6chsten ist, wo man sich als Kranken\u00adschwester entweder administrativ-b\u00fcrokratisch oder administrativ-betrieblich zu bet\u00e4tigen hat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote27anc\">27<\/a> DeWolf Bosek und Ring (2010) zeigen, dass Pflegekr\u00e4fte eine \u201egute\u201c Dokumentation nicht als notwendige Voraussetzung f\u00fcr eine gute Erf\u00fcllung ihrer Arbeit ansehen. 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