{"id":2425,"date":"2022-10-23T21:46:03","date_gmt":"2022-10-23T19:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2425"},"modified":"2025-03-19T22:52:54","modified_gmt":"2025-03-19T20:52:54","slug":"frauenhandel-und-prostitution-theoretische-grundlagen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2425","title":{"rendered":"Frauenhandel und Prostitution &#8211; theoretische Grundlagen"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2604\"><strong>Weiterlesen: Der Prostitutionsdiskurs<\/strong><\/a><br>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.9ed75360-437c-4f1b-9fe8-05126cde8f84\">is, Rahel Zschokke<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230138-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"69\" height=\"94\" src=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230138-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3506\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>1. Theoretischer Rahmen<\/p>\n\n\n\n<p>1.1 Sozialer Wandel und das Konzept der Individualstruktuen<\/p>\n\n\n\n<p><br> Norbert Elias (1) geht von Gesellschaft als einem sozialen Prozess in Entwicklung aus, der mit Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen soziogenetisch verbunden ist. Ich folge seinem dynamischen Aspekt und grenze mich damit von statischen Konzepten ab, die Gesellschaft als System begreifen, das a priori gleichgewichtig in sich ruht und das &#8222;sozialer Wandel&#8220; quasi von au\u00dfen zu nicht n\u00e4her bestimmten Wandlungen motiviert. (2)<\/p>\n\n\n\n<p>Elias unterscheidet grunds\u00e4tzlich zwei Hauptrichtungen gesellschaftlicher Strukturwandlungen: Strukturwandlungen in der Richtung einer zunehmenden Differenzierung und Integrierung und Strukturwandlungen in der Richtung einer abnehmenden Differenzierung und Integrierung. Als dritter Typ sind soziale Prozesse markiert &#8222;in deren Verlauf sich zwar die Struktur einer Gesellschaft oder ihrer einzelnen Aspekte wandelt, aber weder in der Richtung eines h\u00f6heren noch in der eines niedrigeren Standards der Differenzierung und Integrierung&#8220;. Er unterscheidet neben zahllosen Wandlungen ohne Ver\u00e4nderung der Gesellschaftsstruktur vielerlei Mischtypen und beobachtet mehrere Wandlungstypen, ja selbst gleichzeitige Prozesse entgegengesetzter Richtung in derselben Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Elias begreift den Prozess des sozialen Wandels soziogenetisch, das hei\u00dft, Wandlungsprozesse sind eine Grundgegebenheit von Gesellschaft und konstituieren sie in ihren typischen Ausformungen. Der gesellschaftliche Prozess ist zugleich auch Entwicklung, die inhaltlich bestimmbar ist. Elias bezieht die inhaltliche Bestimmung auf die soziale Organisation von Differenz und Integration und postuliert, dass sich soziale Strukturen \u00fcber die Modellierung von Individualstrukturen in dem Sinn entwickeln, als dass sich hegemoniale Schichten gegen andere durchsetzen. Hegemoniale Schichten trachten danach, ihren Einflussbereich durch Begr\u00fcndung von institutionell abgesicherten Praktiken dynamisch zu halten. Die Dynamik der institutionell abgesicherten Praktiken verlangt den hegemonialen Schichten auf der Ebene der Individualstrukturen ein zunehmendes Ma\u00df an institutioneller Kontrolle und Selbstkontrolle ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept der zunehmenden Selbstkontrolle der psychischen Ressourcen, dem sich die hegemonialen Schichten zwecks Erhaltung ihres Herrschaftsanspruchs unterwerfen, entwickelt Elias anhand des Wandels sozialer Praktiken der Oberschichten der h\u00f6fischen Gesellschaft, des Absolutismus, der Gr\u00fcnderzeit (west)europ\u00e4ischer Nationalstaaten bis in unsere Zeit. Elias beschreibt die gesellschaftliche Entwicklung als Prozess der Zivilisation und beschr\u00e4nkt seinen Ansatz auf die in Betracht gezogene Zeit und den geographischen Raum Westeuropas.<br>Der soziologische Gehalt des Konzepts der zunehmenden Selbstkontrolle von Elias scheint mir als Richtschnur f\u00fcr diese Untersuchung ad\u00e4quat. Ich verweise auf die psychoanalytisch-philosophisch orientierte Literatur, die dieses Thema kompetent und weiterreichend bearbeitet und werde mich im Verlauf meiner Ausf\u00fchrungen an den einen oder anderen Text anlehnen. (3)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Attraktivit\u00e4t von Individualstrukturen beruht auf dem Erfolg ihrer Tr\u00e4ger auf einer Skala der Integration und Zugeh\u00f6rigkeit zu den hegemonialen Schichten. Diese zeichnen sich unter anderem durch einen privilegierten Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen aus. Aufgrund der Verkn\u00fcpfung einer aktuellen Individualstruktur mit der Zugeh\u00f6rigkeit zur hegemonialen Schicht sind diese Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen geeignet, auch in andere Schichten zu diffundieren &#8211; unter Annahme der Motivation zu sozialer Aufw\u00e4rtsmobilit\u00e4t. Soziale Einheiten zeichnen sich dann als different aus, wenn sie der Diffusionsprozess nicht erfasst hat oder erfassen konnte, und zwar unabh\u00e4ngig von einer sozio-\u00f6konomisch definierten Schichtzugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff &#8222;Entwicklung&#8220; k\u00f6nnte suggerieren, Geschichte entstehe aus sich selbst heraus, folge einer immanenten Logik und entwickle Elemente, die sich wie ein roter Faden durchziehen, um sich letztlich auf ein Ziel hin zu bewegen. Das Ziel der Zivilisation n\u00e4mlich, die um den Preis der zunehmenden individuellen Selbstkontrolle angestrebt wird. Aber Elias markiert die Qualit\u00e4t dieser Entwicklung deutlich, indem er sie als ein Sich-Durchsetzen hegemonialer Schichten gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Schichten beschreibt, mit dem Ziel, den Einflussbereich zu erhalten. \u00dcber die Generierung institutionell abgesicherter Praktiken auf der Ebene der Individualstrukturen h\u00e4lt sich die hegemoniale Schicht den Raum f\u00fcr hierarchische Gesellschaftsstrukturen offen und tradiert das Kontinuum der Herrschaft durch die Konformit\u00e4t der Individualstrukturen \u00fcber Br\u00fcche, Abgr\u00fcnde und alternative Weichenstellungen hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt setzt Walter Benjamin (4) mit seiner radikalen Kritik von Geschichtsschreibung an: &#8222;Vergangenes historisch zu artikulieren hei\u00dft nicht, es erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist. Es hei\u00dft, sich seiner Erinnerung bem\u00e4chtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. [ \u2026 ] Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empf\u00e4ngern. F\u00fcr beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klassen herzugeben. In jeder Epoche muss versucht werden, die \u00dcberlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriffe steht, sie zu \u00fcberw\u00e4ltigen&#8220; (Benjamin 1965: 82). &#8222;\u2026 wenn man die Frage aufwirft, in wen sich denn der Geschichtsschreiber eigentlich einf\u00fchlt. Die Antwort lautet unweigerlich, in den Sieger. Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. Die Einf\u00fchlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugute. [\u2026 ] Wer immer bis zu diesem Tag den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden \u00fcber die dahin f\u00fchrt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so \u00fcblich war, im Triumphzug mitgef\u00fchrt. Man bezeichnet sie als die Kulturg\u00fcter. [\u2026 ] Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein&#8220; (Benjamin 1965: 83).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Akzent bei Benjamin liegt einerseits auf dem Sieger der Geschichte, aber andererseits ebenso auf den Kulturg\u00fctern, die die am Boden Liegenden nicht nur der M\u00fche der gro\u00dfen Genies, sondern auch der namenlosen Fron der Zeitgenossen zu verdanken haben. Eine weitere Bemerkung in Anlehnung an Benjamin, die dem Vorschlag des Elias&#8217;schen Konzepts der soziogenetischen Individualstrukturen eine m\u00f6gliche Bestimmung gibt und den Blick nicht nur auf Konformes, sondern auf Widerst\u00e4ndiges, subversiv Emanzipatorisches richtet. Nicht nur der Fron sind diese Kulturg\u00fcter zu verdanken, sondern der F\u00fclle und Vielheit, die, wie Benjamin schreibt: &#8222;\u2026 anders zugegen sind als die Vorstellung einer Beute, die an den Sieger f\u00e4llt. Sie sind als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit in diesem (Klassen)Kampf lebendig, und sie wirken in die Ferne der Zeit zur\u00fcck. Sie werden immer von neuem jeden Sieg, der den Herrschenden jemals zugefallen ist, in Frage stellen&#8220; (Benjamin 1965: 80).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem neu gewonnenen Blick auf die Tradierung des Raums f\u00fcr hierarchische Gesellschaftsstrukturen mittels Konformit\u00e4t der Individualstrukturen, aber auch der M\u00f6glichkeit von Non-Konformismus, der Siege in Frage stellt, k\u00f6nnen wir Elias weiter folgen, wenn er postuliert, dass sich &#8222;\u2026 das Problem der Beziehung von Individualstrukturen und Gesellschaftsstrukturen gerade erst dadurch erhellen, dass man beide als sich wandelnd, als werdend und geworden untersucht. Erst dann hat man die M\u00f6glichkeit, [\u2026] Modellentw\u00fcrfe ihrer Beziehung zu entwickeln, die mit empirisch belegbaren Tatsachen einigerma\u00dfen in Einklang stehen&#8220; (Elias 1976b: 83).<\/p>\n\n\n\n<p>1.2 Der Mythos vom \u00e4ltesten Gewerbe der Welt<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorstellung von &#8222;Prostitution als \u00e4ltestem Gewerbe der Welt&#8220; unterstellt, dass Prostitution unabh\u00e4ngig von gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und von gesellschaftlichem Wandel, quasi au\u00dferhalb von Gesellschaft und Geschichte, in der &#8222;Natur&#8220; von Frau und Mann a priori existiere. Wenn der franz\u00f6sische Philosoph Roland Barthes (5) den Mythos als eine Erz\u00e4hlung definiert, die einen geschichtlichen Sachverhalt als nat\u00fcrlichen darstellt, so f\u00e4llt diese Vorstellung genau unter diese Definition: Prostitution wird als naturgegeben und nicht mit Geld, Macht und Herrschaft verkn\u00fcpfte Geschlechts- und Geschlechterverh\u00e4ltnisse begriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schweizerische Rechtslehre vertritt die Ansicht, dass die Bek\u00e4mpfung der Prostitution schlechthin ein Kampf gegen Windm\u00fchlen, kein Ziel des revidierten Sexualstrafrechts (6) sei, womit unter anderem konnotiert ist, dass Prostitution als &#8222;\u00e4ltestes Gewerbe&#8220; bis heute und dar\u00fcber hinaus Bestand habe und deshalb eine Bek\u00e4mpfung ohne Sinn sei. In Anlehnung an Foucault halte ich dagegen, dass Prostitution nur in ihrem historischen Kontext erfasst werden kann, da ihre Erscheinungsformen von den \u00f6konomischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Macht- und Geschlechterverh\u00e4ltnissen abh\u00e4ngen. Heutige Prostitution zeichnet sich durch spezifische Formen, Strukturen und Funktionen aus. Sie ist weit davon entfernt, zeitlos gleich zu sein. Prostitution dr\u00fcckt sich heute wesentlich in Form von Prostitutionsmigration, aber auch als Erwerbst\u00e4tigkeit oder Nebenverdienst vieler einheimischer Frauen und auch etlicher junger M\u00e4nner aus, deren Chancen auf dem formellen Arbeitsmarkt beschr\u00e4nkt sind. Dies kann verstanden werden als Durchsetzung von marktvermittelter Existenzf\u00fchrung nach dem Leistungsprinzip im Sinne eines Individualisierungsprozesses nach westlich-dominantem Gesellschaftsmuster. Dabei wird das dualistische Erbe der &#8222;m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t&#8220; anachronistisch best\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutige Auffassungen von Prostitution tendieren dazu, dem Mythos zu huldigen und Prostitution entweder als Ausbeutung von Frauen durch M\u00e4nner zu bek\u00e4mpfen oder Prostitution als &#8222;sexuelle Selbstbestimmung&#8220; von Frauen verkl\u00e4rend zu rechtfertigen. Bei diesen Diskursen besteht die Gefahr, dass die Prostitution selbst und heutige Erscheinungsformen, die die Kommerzialisierung von sexuellen Beziehungen hervorbrachte, aus dem Blickfeld geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>1.2.1 Das Postulat der m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t<\/p>\n\n\n\n<p>Michel Foucault vermutet, dass die wahrscheinlich signifikanteste Metamorphose in der Geschichte der Prostitution von der griechischen Antike bis zum fr\u00fchen Christentum in der gesetzlichen Ausgrenzung der m\u00e4nnlichen homosexuellen Prostituierten und der zunehmend vorherrschenden Form der Prostitution in der Repr\u00e4sentation des m\u00e4nnlichen K\u00e4ufers und der weiblichen Anbieterin bestand. (7) Dieser Prozess reflektiert einen historischen Wandel der Geschlechterbeziehungen und der Rolle der Familie. M\u00e4nnern sollten nicht l\u00e4nger passive Objekte von sexuellem Vergn\u00fcgen darstellen, denn Passivit\u00e4t mutierte zur Antithese von sozialem Aufstieg und drohte diesen zu blockieren. Vielmehr waren M\u00e4nner angehalten, das Postulat von m\u00e4nnlicher Superiorit\u00e4t zu repr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hinblick auf die Tradition gesellschaftlicher Hierarchien und Konformit\u00e4ten von Individualisierung ist heute einige Literatur zu der vielgestaltigen Thematik der institutionellen Verankerung m\u00e4nnlicher Superiorit\u00e4t greifbar. Die Soziologin Anne-Francoise Gilbert postuliert, &#8222;\u2026 dass die historischen Prozesse der Konstitution von \u00d6ffentlichkeit und Privatheit im 19. Jahrhundert als Moment der Produktion der Geschlechterdifferenz zu verstehen sind und gleichzeitig als Prozess ihrer Naturalisierung. [\u2026] Die Praxis der \u00d6ffentlichkeit selbst wurde zum Mittel, m\u00e4nnliche Identit\u00e4t zu artikulieren und damit die Geschlechterdifferenz zu markieren. Damit wurde sie aber gleichzeitig aus dem Raum der politischen Debatte verbannt.&#8220; (8) Sie belegt dies anhand der Struktur der Geschlechterverh\u00e4ltnisse in der aufstrebenden Schicht des Bildungsb\u00fcrgertums in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts, wo die jungen M\u00e4nner, die Anspruch auf Bildung erhoben und sich als Wortf\u00fchrer der neuen Ordnung verstanden, nicht bereit waren, diesen Anspruch auch den Frauen ihrer Schicht zuzugestehen. &#8222;Rousseau, der die Frau als liebende Gattin und Mutter konzipierte und darin ihre nat\u00fcrliche Bestimmung sah, hatte f\u00fcr die gebildete Frau, und vor allem f\u00fcr die \u00f6ffentlich auftretende Frau nur Spott und Verachtung \u00fcbrig.&#8220; Hier, wie auch im deutschen Bildungsb\u00fcrgertum wurde &#8222;die Vorstellung, dass die Frau gleichberechtigt an den Errungenschaften der neuen Ordnung teilhaben k\u00f6nnte, verworfen&#8220; (Gilbert: 80).<\/p>\n\n\n\n<p>Es war &#8222;der Mann&#8220;, der das Ideal vom einsamen Sch\u00f6pfer und Genie verk\u00f6rperte. Ulrike Prokop zeigt, dass das m\u00e4nnliche Subjekt von diesem Ideal \u00fcberfordert war und im regressiven Verh\u00e4ltnis zur Frau Erholung suchte. (9)<\/p>\n\n\n\n<p>1.2.2 \u00d6ffentlich &#8211; Privat<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend von Habermas&#8216; Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit, (10) der die sozialen Strukturen und die politischen Funktionen der \u00d6ffentlichkeit untersucht, kritisieren verschiedene Autorinnen, dass er den damit einhergehenden Ausschluss der Frauen voraussetzt, statt ihn kritisch zu reflektieren. Nancy Fraser (11) hat die Kritikpunkte zu einem diskurstheoretischen Konzept von \u00d6ffentlichkeit verarbeitet, &#8222;wonach \u00d6ffentlichkeit und Privatheit nicht so sehr als gegebene Sph\u00e4ren der Gesellschaft, die etwa entlang der Geschlechterlinie verlaufen, zu betrachten sind; vielmehr handelt es sich um historische Konstrukte, deren Konzeption jeweils selbst umstritten ist. Indem sich die Sph\u00e4re der \u00d6ffentlichkeit durch Konflikte konstituiert, wird mit \u00d6ffentlichkeit im diskursiven Sinn der Bereich des gesellschaftlich Umstrittenen vom Bereich des gesellschaftlich Unhinterfragten abgegrenzt&#8220; (dt. zit. nach Gilbert S. 78).<\/p>\n\n\n\n<p>Heide Wunder weist darauf hin, dass \u201edas Wissen um die legitime Herrschaftsaus\u00fcbung von Frauen in der Zeit des Ancien Regime verloren gegangen ist. Bis dahin hatte die Herrschaft adeliger Frauen und Regentinnen [\u2026] und die Herrschaft von \u00c4btissinnen der zahlreichen Frauenkl\u00f6ster und Damenstifte als selbstverst\u00e4ndlich gegolten.&#8220; (12) Die Vernachl\u00e4ssigung der Bedeutung von Frauen in der Sozialgeschichte des Adels wie auch das \u00f6ffentlich wirksame Handeln von Frauen aus den b\u00fcrgerlichen und b\u00e4uerlichen St\u00e4nden in der Forschung f\u00fchrt sie auf die Erkenntnisinteressen der dominanten Geschichtswissenschaft und der historischen Frauenforschung zur\u00fcck. Von Ausnahmen abgesehen, schien es dieser nicht erstrebenswert, die Partizipation von Frauen an der kritisch gesehenen &#8222;Herr&#8220;schaft wahrzunehmen. Die Autorin konstatiert, dass sich die Forschungspr\u00e4missen seit einigen Jahren zu \u00e4ndern beginnen und sich die historische Forschung f\u00fcr die Thematik \u00f6ffentlich handelnder Frauen aller St\u00e4nde (M\u00fcndigkeit) sowie f\u00fcr Frauen, die an Herrschaft partizipierten, interessiert. Zur Beschreibung realer Machtverh\u00e4ltnisse greift die historische Frauenforschung auf das soziologische Begriffspaar formelle Macht und informelle Macht zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ute Gerhard zeigt in ihrer rechtshistorischen Analyse, (13) dass &#8222;das sich verallgemeinernde und sich zunehmend als demokratisch verstehende b\u00fcrgerliche Recht gerade mit seiner Unterscheidung von Privatrecht und \u00f6ffentlichem Recht eines der wichtigsten Instrumente zum Ausschluss der Frauen aus dem Bereich politischer \u00d6ffentlichkeit war,&#8220; und dass &#8222;zugleich die Einmischung der Frauenbewegung in diese \u00d6ffentlichkeit und die Inanspruchnahme gleicher Rechte durch Frauen ganz entscheidend zur Ver\u00e4nderung und Grenzverschiebung zwischen \u00d6ffentlichem und Privatem beigetragen hat&#8220; (Gerhard: 510). Wichtig ist dieses dichotome Begriffspaar deshalb, weil &#8222;diese Unterscheidung in der Sprache der Juristen den in der Neuzeit eingeleiteten historischen Prozess der Ausdifferenzierung bzw. Trennung von Staat und Gesellschaft abbildet, eine Trennung, die zur Entfaltung einer von staatlicher Einmischung freien gesellschaftlichen Sph\u00e4re durch die Rechtsgarantie des Eigentums, der Privatautonomie und der Vertragsfreiheit abgesichert wurde&#8220; (Gerhard: 511).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prozess der Trennung von der Institution Staat und einer auf Vertragsfreiheit gr\u00fcndenden Gesellschaft ist gekennzeichnet nicht nur durch die Ungleichzeitigkeit von b\u00fcrgerlichen oder zivilen Freiheitsrechten f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen, sondern auch durch die unterschiedliche Reihenfolge der Einsetzung der Rechte. Wurden Frauen im b\u00fcrgerlichen Zeitalter erst durch paternalistische F\u00fcrsorge- und Schutzrechte beg\u00fcnstigt, die gleichzeitig Entm\u00fcndigung bedeuteten, erlangten sie die privatrechtliche Gleichberechtigung erst sehr viel sp\u00e4ter. (14) Als Resultat wohlfahrtsstaatlicher Politik des 20. Jahrhunderts wertet Gerhard die sozialen Grundrechte, die den Anspruch auf soziale Sicherung und gesellschaftliche Partizipation und Integration verk\u00f6rpern und weder f\u00fcr B\u00fcrger noch f\u00fcr B\u00fcrgerinnen eines Staates und noch weniger f\u00fcr Migranten ausreichend verwirklicht sind.<br>Ein anderer Aspekt dieses Trennungsprozesses, der sich heute scharf polarisierend an den K\u00fcrzungen, Verteuerungen und Einsparungen sozialstaatlicher Leistungen sowie hoher Arbeitslosigkeit und hoher Kapitalgewinne abzeichnet, sind die zunehmend auf Vertrag gr\u00fcndenden Interaktionen der gesellschaftlichen Subjekte. Mascha Mad\u00f6rin spricht in diesem Zusammenhang von der zunehmenden Marktf\u00f6rmigkeit menschlicher Beziehungen. (15)<\/p>\n\n\n\n<p>1.2.3 Privat-Ehe und \u00f6ffentliche Frauen<\/p>\n\n\n\n<p>Gesellschaftlich umstritten waren die so genannten &#8222;\u00f6ffentlichen Frauen&#8220;, \u00fcber die die \u00d6ffentlichkeit in Polizeiverordnungen, im juridischen und medizinischen Apparat und bald auch innerhalb von Frauenorganisationen diskutierte. Besitzlose, unverheiratete Frauen waren in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit mit vielen Geschlechtsgenossinnen in die St\u00e4dte gestr\u00f6mt und fanden dort ein Auskommen als T\u00e4nzerinnen oder Prostituierte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich die Gr\u00fcndung von Nationalstaaten mit Machtmonopolfunktionen in Westeuropa und auch in Amerika durchsetzte und die Freiheit des Privateigentums unter der politisch \u00f6konomischen F\u00fchrung des Bildungs- und Berufsb\u00fcrgertums die Gesellschaft neu stratifizierte, schuf sich das Postulat der &#8222;m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t&#8220; eine vertikale soziale Neuordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Feministische Wissenschaftlerinnen zeigen auf, dass sich mit der Durchsetzung des gro\u00dfen Paares (16) das Modell der Kleinfamilie mit Vater, Mutter, Kind vertikal durch die Schichten hindurch etablieren konnte, w\u00e4hrend sich die Gro\u00dffamilie als ehemals zentrale \u00f6konomische Produktionseinheit allm\u00e4hlich aufl\u00f6st(e). Diese geniale Wende zum gro\u00dfen Paar erlaubte es nicht nur, die m\u00e4nnliche Superiorit\u00e4t der neuen demokratischen \u00d6ffentlichkeit in Herrschaft, Politik, \u00d6konomie, produktivem Kapital und Arbeit einzuschreiben, sondern ihr auch &#8222;die Frauen&#8220; als &#8222;unproduktiver Privatbereich&#8220; grunds\u00e4tzlich unterzuordnen. Dieser Prozess band einerseits b\u00fcrgerliche Frauen an die Macht von Ehem\u00e4nnern, in dem sie &#8211; von der direkten Partizipation beim Aufbau von Demokratie ausgeschlossen &#8211; indirekt an deren institutionalisierter Superiorit\u00e4t teilnehmen konnten. Andererseits wurden alternative Lebensformen von Frauen als non-konform an den Rand gedr\u00e4ngt und als sozialer Nicht-Ort definiert, obwohl gerade die Kultur und die Tradition der selbst\u00e4ndigen, nicht verheirateten (b\u00fcrgerlichen) Frau als sozialer Ort der Innovation und der Transformation der Geschlechterverh\u00e4ltnisse gelesen werden kann, wie Gilbert eindr\u00fccklich dokumentiert. (18)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich also b\u00fcrgerliche Frauen den Zugang zu Macht und gesellschaftlichen Ressourcen durch Ehem\u00e4nner als Komplizinnen erhalten wollten und sich gegen alternative Lebensformen ihrer unabh\u00e4ngigen Geschlechtsgenossinnen abgrenzten, konnten sie die Frauen von sozial minder partizipierenden Arbeitern h\u00f6chstens als Hausangestellte und dienstbares Personal oder als schamlose, amoralische Verf\u00fchrerinnen wahrnehmen. Hausangestellten musste ihr Platz auf der untersten sozialen Stufe zugewiesen und Prostitution verboten oder zumindest so reguliert werden, dass sie die Institution Ehe in ihrer b\u00fcrgerlichen Form nicht gef\u00e4hrden konnte. Die Ehe war n\u00e4mlich der Garant des privilegierten Zugangs zu gesellschaftlichen Ressourcen, und zwar besonders f\u00fcr Frauen der neu entstandenen, von Berufen gepr\u00e4gten Mittelschicht. (19) Denn die Kernkultur, die die Produktivkr\u00e4fte einer Gesellschaft organisiert, worunter auch der Zugang zu gesellschaftlicher Macht und Ressourcen f\u00e4llt, ist aggressiv besetzt, wie Verena Tobler schreibt. (20) Auch von Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend west-europ\u00e4ische Frauen aus der Unterschicht auf der Suche nach Arbeit und Auskommen in den Jahrzehnten \u00fcber die letzte Jahrhundertwende in die St\u00e4dte str\u00f6mten oder ins Ausland migrierten und nicht zuletzt in lokalen Bordellen oder in \u00dcbersee ihr Einkommen als Prostituierte verdienten, (21) machten sich Frauen der Mittelschicht daran, ihre direkte Partizipation an demokratischen Einrichtungen, an \u00d6ffentlichkeit und Verf\u00fcgung \u00fcber Privateigentum einzufordern, sich &#8211; h\u00e4ufig unter Verzicht auf Kinder &#8211; vom Modell der Ern\u00e4hrer-Ehe zu emanzipieren und sich beruflich und auch k\u00fcnstlerisch zu bet\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>1.3 Der Kampf um Differenz und Gleichheit<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es auf der einen Seite leicht f\u00e4llt, den non-konformistischen, emanzipatorischen, den institutionellen Sieg der m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t in Frage stellenden Gestus in der fr\u00fchen Frauenbewegung zu erkennen, f\u00e4llt es schwer, Non-Konformit\u00e4ten von Arbeiter-Frauen als solche anzuerkennen. Dies hat vielerlei Gr\u00fcnde:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Definitionsmacht der Mittelschicht grenzt Frauen aus, die sich nicht an der Integration in hegemoniale Schichten orientieren. So wurden beispielsweise ledige M\u00fctter als &#8222;Problem&#8220; definiert, dessen sich &#8222;soziale Arbeiterinnen&#8220; annahmen, indem sie wohlt\u00e4tigen Ersatz f\u00fcr die Ern\u00e4hrer-Funktion des fehlenden Ehemannes einforderten. Bezeichnend auch, dass die fr\u00fche Debatte um Frauenhandel und Prostitution vom Schutzgedanken \u00fcber junge M\u00e4dchen und Frauen ausging, die &#8222;skrupellosen M\u00e4nnern&#8220; zum Opfer gefallen waren. Die &#8222;Doppelmoral&#8220; bezog sich nicht etwa auf die Moral der Mittelschichtsfrauen im Verh\u00e4ltnis zu der (fehlenden) von Prostituierten, sondern vielmehr auf die ungleichen Ma\u00dfst\u00e4be, die die Institutionen der Demokratie an Freier (M\u00e4nner) und Prostituierte (Frauen) anlegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die b\u00fcrgerliche Rechtslehre und -praxis betont die Dichotomie von privatem und \u00f6ffentlichem Recht. Die Gegen\u00fcberstellung von bourgois (Mitglied der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft) und citoyen (Staatsb\u00fcrger) wird erst im 19. Jahrhundert rechtstheoretisch und politisch zu einem Problem (Gerhard: 511). Vertreter des Volkes, die durch den Gesellschaftsvertrag legitimiert sind, beanspruchen das Monopol staatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t und stiften ein unmittelbares Verh\u00e4ltnis zwischen Souver\u00e4n und Untertan bzw. B\u00fcrger. Grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen von diesem fiktiven Gesellschaftsvertrag waren die Frauen, die als Vertragspartner oder Rechtssubjekte gar nicht in Betracht kamen. Frauen waren nur kraft Ehevertrags (als &#8222;freiwillige Unterwerfung&#8220; der Ehefrau unter den Willen des Ehemanns oder als &#8222;nat\u00fcrliche Unterwerfung&#8220; der Frau unter den Willen des Mannes &#8222;mit freiem Willen und aus Liebe&#8220;) legitimiert, an &#8222;Gesellschaft&#8220; zu partizipieren. Von da an wurde Geschlecht, und das meinte die Unterordnung des weiblichen Geschlechts, zu einem strukturierenden Prinzip der Gesamtgesellschaft. Obwohl Olympe de Gouges bereits 1791 ihren Entwurf einer Gleichheit in der Differenz vorlegte (22) und namhafte Frauen in der fr\u00fchen Frauenbewegung diesen Diskurs aufnahmen, indem sie sowohl f\u00fcr politische Rechte wie auch f\u00fcr gleichberechtigten Zugang zu Arbeitsmarkt und Privateigentum sowie f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen eintraten, bestimmt die Auseinandersetzung um Gleichheit und Differenz bis heute die Gender-Debatte. Besondere Aktualit\u00e4t erw\u00e4chst dieser Debatte aus der Auseinandersetzung mit Migrantinnen auf den informellen Arbeitsm\u00e4rkten westlicher Gesellschaften und nicht zuletzt mit Betroffenen von Frauenhandel und Prostitutionsmigration.<\/p>\n\n\n\n<p>1.3.1 Geschlechtsblinde Hegemonialstrukturen<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Kriege und die damit einhergehende Vernichtung von Ressourcen unterbrach die Debatte in dieser Form. Inzwischen hatte sich die &#8222;m\u00e4nnliche Superiorit\u00e4t&#8220; in der Ern\u00e4hrer- und Besch\u00fctzer-Ehe mithilfe der Kolonial- und Kriegsgewinne soweit naturalisiert, dass die mittelst\u00e4ndische Frau als Bedienerin von M\u00e4nnern und Zust\u00e4ndige f\u00fcr die Kinder das Bild der Frauen in west-europ\u00e4ischen Gesellschaften pr\u00e4gte. Von ihr wurde auf die Arbeit aller Frauen, auch der (Arbeiter)Frauen, die f\u00fcr ihre eigene Existenz und die ihrer Kinder arbeiten mussten, geschlossen und Frauenlohnarbeit als Zuverdienst definiert. (23) Frauenarbeit in ihrer naturalisierten Form im Haus, f\u00fcr Alte, Kranke, Kinder und Ehem\u00e4nner wurde zwar stillschweigend in die \u00d6konomie einbezogen, aber nicht als Arbeit anerkannt. Als blinden Fleck der \u00d6konomie kritisiert die Soziologin und neue Feministin der ersten Stunde, Claudia von Werlhof, die Missachtung und Entwertung von Frauenarbeit weltweit. (24)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich schon in der Zwischenkriegszeit und w\u00e4hrend des Krieges das Frauenbild in Westeuropa an den Typus &#8222;blond, nat\u00fcrlich&#8220; heftete, an die Frau, die den Dienst am Ehemann sowie am Vaterland mit Freuden leistet und tapfer mit anpackt, wenn es sein muss, (25) taucht am andern Ende der Skala ein ganz anderer Typ Blondine auf, der mit Marlene Dietrich, Brigitte Bardot, Marylin Monroe, Anita Ekberg den Doris Days der Stunde entschieden entgegentrat. Um den (blonden) Preis der Infantilisierung und der Einsch\u00fcchterung der Intelligenz, wie Strassberg (26) formuliert, meldet sich weibliches Begehren als sexuelles Begehrt Sein machtvoll zur\u00fcck, f\u00fcllte die Kinokassen und brachte so manches Gesch\u00e4ft mit dem Begehren der Frauen in Schwung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Waschmaschinen-K\u00fchlschrank-Sch\u00f6nheitssalon-Idylle beruhigte die westlichen<br>Mittelstandsfrauen nur bedingt. Marylin Monroe hatte sich inzwischen umgebracht, Martin Luther Kings Ableben war nicht weniger schockierend, der Kalte Krieg breitete sich in Filmstudios, H\u00f6rs\u00e4len und Redaktionsstuben aus, Nazi-Kollaborateure sa\u00dfen zum Teil noch unbehelligt in Amt und W\u00fcrden, und die Arbeiter-Soldaten kehrten versehrt aus Vietnam zur\u00fcck. Armut, Not und Elend wurden sichtbar, und vielleicht emp\u00f6render noch war die Ungerechtigkeit, dass dies alles ungehindert seinen Lauf nehmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hatte die H\u00f6flichkeit der S\u00e4nger ein Ende, und die Massenprotestbewegungen in den USA und Westeuropa ergriffen M\u00e4nner und Frauen verschiedener Schichten und Kulturen. Aber es war doch vor allem die Stunde der Mittelschicht, die sich mit der Integration der Frauen als &#8222;professionelle&#8220; neu formierte. (27) Gewitzt durch das Aufblitzen des anti-\u00f6dipal polymorphen Wimmelns von Trieben (Strassberg) schienen der F\u00fclle und Vielheit von M\u00f6glichkeiten vorerst keine Grenzen gesetzt. Integrations- und Solidarbewegungen erweiterten das Blickfeld und brachten Themen wie Gender, Frauenbefreiung, Dritte Welt und Rassismus auf die politische Agenda.<\/p>\n\n\n\n<p>Feministinnen kn\u00fcpften an die Erfahrungen ihrer Vorg\u00e4ngerinnen um die Jahrhundertwende an und waren nicht l\u00e4nger bereit, sich ihre Sexualit\u00e4t auf den Nachwuchszeugenden Sexualakt reduzieren zu lassen und auch als Unverheiratete nicht darauf zu verzichten oder homosexuelle Neigungen zu verstecken und zu kaschieren. Der Kampf ging um Selbstbestimmung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper, gegen Gewalt und Fremddefinitionen von Frauenbildern und um Gleichberechtigung im Berufsalltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfolge der Frauen wurden erst auf dem Hintergrund der fetten Kriegsbeute und der aggressiv sich durchsetzenden hegemonialen Neuordnung der Welt m\u00f6glich. W\u00e4hrend sich die Feministinnen der siebziger Jahre noch gegen Herrschafts- und Ausschlussmechanismen auflehnten, brachen sich in den achtziger Jahren jene Individualstrukturen Bahn, die sich am Erfolg von Integration und Partizipation der hegemonialen Schichten orientierten, ungeachtet des Geschlechts. Die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse entschwinden allzu h\u00e4ufig dem Blick der sozialen Arbeiterinnen-Debatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Machtzuwachs der hegemonialen Nationen profitierten mehr oder weniger alle Schichten innerhalb der nationalen Grenzen und damit auch an der Definitionsmacht von Frauenbildern der beteiligten Frauen der Mittelschicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnis, dass sich die neue Mittelschicht, bereichert um die Erfahrungen der partizipierenden Frauen, nicht grunds\u00e4tzlich anders orientiert als ihre Vorl\u00e4uferin ohne direkte weibliche Partizipation, schlie\u00dft die Wahrnehmung struktureller Benachteiligung von Frauen und Frauenarbeit im hegemonialen Weltgef\u00fcge nicht aus. Die Arbeiterlnnen, mittlerweile mehrheitlich als Migrantlnnen in Erscheinung tretend, sehen sich bereits an den nationalen Grenzen gezwungen, ihren Anspruch auf existenzsicherndes Einkommen mit den ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln zu erk\u00e4mpfen. (28) Das Konzept des Gender mainstreaming (29) tr\u00e4gt dieser Tatsache Rechnung und setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene f\u00fcr eine emanzipative Integration von Frauen ein. Der feministische Diskurs um Differenz kn\u00fcpft andererseits an die Debatte der Partizipation und der damit verbundenen Widerspr\u00fcche und Asymmetrien im Geschlechterverh\u00e4ltnis hinsichtlich der Individualstruktur von m\u00e4nnlicher Superiorit\u00e4t in westlichen Gesellschaften an. (30) Beide Diskurse und Praktiken tragen dazu bei, strukturelle Ungleichheiten und Asymmetrien im Geschlechterverh\u00e4ltnis zu erkennen und damit Ankn\u00fcpfungspunkte zur emanzipativen F\u00fclle und Vielheit der Geschlechter zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne Kappeler konstatiert zwar eine zunehmende Chancengleichheit zwischen (westlichen) M\u00e4nnern und Frauen in Sachen B\u00fcrgerrechten und auf dem klassischen Arbeitsmarkt sowie eine rechtlich politische Gleichstellung, &#8222;aber dies tut der Kluft zwischen M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit keinerlei Abbruch, im Gegenteil, es vergr\u00f6\u00dfert sie eher noch.&#8220; (31) Sie bezieht sich weniger auf das biologische Geschlecht, sondern auf die Strukturen zwischenmenschlicher Beziehungen, die wir in Anlehnung an das Konzept von Elias als Individualstrukturen angesprochen haben. Ich gehe mit der Autorin einig, wenn sie feststellt, dass diese durch Anspr\u00fcche und Gesetze des Leistungsprinzips und des Konsums bestimmt sind und vormals exklusiv &#8222;m\u00e4nnlich&#8220; gepr\u00e4gt, heute vermehrt zum Ma\u00dfstab allgemeinen Selbstverst\u00e4ndnisses geh\u00f6ren. Sie hebt &#8222;insbesondere den Anspruch auf k\u00e4ufliche oder handelbare Dienste an der eigenen Person&#8220; sowie den Anspruch &#8222;auf Formen der Besitzmacht \u00fcber andere Menschen&#8220; hervor (Kappeler: 115). Wenn sich einerseits der Anspruch des &#8222;wei\u00dfen Mannes&#8220; auf Dienst an der eigenen Person durch ihm untertane Menschen unbehelligt in die Gegenwart gerettet hat, so partizipieren zunehmend auch westliche Frauen an diesem gr\u00f6\u00dftenteils &#8222;m\u00e4nnlichen&#8220; Vergn\u00fcgen: sei es durch die Entlastung im Hausarbeitsbereich oder Entlastung als &#8222;verf\u00fcgbare Sexdienstmagd&#8220; in der Beziehung, aber zumindest durch Akzeptanz dieser Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse. &#8222;Die m\u00e4nnlich-patriarchale [\u2026 ] Subjekthaftigkeit wird zum allgemeinen Ma\u00dfstab von Menschsein, an dem sich auch Frauen im Gleichstellungsdrang gegenw\u00e4rtig orientieren&#8220; (Kappeler: 116).<\/p>\n\n\n\n<p>1.3.2 M\u00e4nnerphantastische Differenzen<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdessen hatte sich die Elias&#8217;sche zunehmende Selbstkontrolle soweit in der Individualstruktur der m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t eingenistet, dass sich ihr das Begehrendes historischen Subjekts als Mangel pr\u00e4sentiert. Ein Mangel, der durch Ersatz mit Vielem befriedigt werden kann. So jedenfalls kritisiert der Psychoanalytiker und Philosoph Daniel Strassberg das Freudsche Denken nach Einf\u00fchrung des Oedipus als &#8222;ganz am Mangel und Ersatz orientiert. Alles menschliche Wollen ist vom Mangel, vom Verlust, von der Negation bestimmt, alles was erreicht werden kann, ist blo\u00dfer Ersatz. Vergessen sind \u00dcberschuss als Antrieb und Vielfalt als Ziel menschlichen Handelns&#8220; (Strassberg: 15).<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund des Postulats der m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t hat sich den M\u00e4nnern prim\u00e4r &#8222;die Frau&#8220; quasi als nat\u00fcrliches, begehrtes Ersatzobjekt angeboten, und zwar in ihrem Ausdruck als sexuell Begehrende. Diese Wahrnehmung der Frau war aber f\u00fcr die Mittelklasse, die der zunehmenden Selbstkontrolle verpflichtet war und &#8211; von der Individualstruktur der m\u00e4nnlicher Superiorit\u00e4t gepr\u00e4gt &#8211; sich am Erfolg der Zugeh\u00f6rigkeit zu den hegemonialen Schichten orientierte, viel zu gef\u00e4hrlich. Die Figur der sexuell begehrenden Frau h\u00e4tte wom\u00f6glich die hegemoniale Ordnung radikal in Frage gestellt, anarchistisches Potenzial freigesetzt und das Konzept des Ersatzes vollkommen aus dem sozio-\u00f6konomischen Repertoire verbannt. Und darauf konnte nun keinesfalls verzichtet werden, beruht doch die Logik des freien Kapitals \u00fcber die Warenproduktion nicht etwa auf der Bed\u00fcrfnisbefriedigung sondern auf der Vermehrung des Kapitals, heute Share-Holder-Value genannt, wie das Karl Marx mit akribischer Gr\u00fcndlichkeit gezeigt hat. (32)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gef\u00e4hrlichkeit des oben zitierten Frauenbildes musste also durch soziale Schranken gebannt werden. Bei einem Gro\u00dfteil der Frauen der Mittelschicht &#8211; nach Partizipation und Zugeh\u00f6rigkeit zu den hegemonialen Schichten strebend &#8211; zeigte das Instrument der Einschreibung in die Individualstruktur der m\u00e4nnlichen Superiorit\u00e4t qua Ehefrau, Mutter, Schwester, Tante etc. Wirkung. Die Abgrenzung &#8222;gegen unten&#8220; und der damit verbundene privilegierte Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen war und ist immer noch verlockend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die potenzielle von Arbeiterfrauen oder Hausangestellten ausgehende Gefahr der sexuellen Verf\u00fchrung wurde einerseits wirksam durch die Schranken einer als different markierten Individualstruktur blockiert, was (sexuelle) Kontakte zwar nicht ausschloss, aber eine Heirat in der Regel nur bei entsprechender Anpassung erlaubte. (33) Andererseits bot sich die Legitimierung der K\u00e4uflichkeit von Sex-Kontakten als wirksames Mittel an, die Gefahr dieses Frauenbildes zu bannen: n\u00e4mlich durch die Prostitution, die die Person mit dem Preis, der daf\u00fcr (f\u00fcr die Ware Prostitution) bezahlt wird, als Subjekt bzw. m\u00f6gliches Objekt des Begehrens, negiert. Dabei markiert Prostitution in ihrer Marktform (34) wohl nur den extremen Pol auf einer Skala der K\u00e4uflichkeit, deren Grenzen im heutigen Berufs- und Freizeitalltag trotz politischer Korrektheit und dem Verdikt der sexuellen Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz verschwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>1.4 Prostitution als Ware<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einfach zu ignorieren sind aber die Bed\u00fcrfnisse, die der psychischen Energie des Triebs nach Strassberg aufsitzen, und durch deren Befriedigung ein Gl\u00fccksmoment angestrebt wird, das weit \u00fcber die biologische S\u00e4ttigung hinausgeht. Dabei ist, wie Freud bemerkte, &#8222;das Objekt das variabelste am Trieb&#8220;. (35) Die psychische Energie des Triebs l\u00e4sst sich durch die ihm aufsitzenden, \u00fcberall nach Befriedigung strebenden Bed\u00fcrfnisse (unter der Annahme, dass die Bed\u00fcrfnisse \u00fcber die Individualstruktur modellierbar sind), vielleicht dazu verf\u00fchren, dass sie die \u00fcber den Markt vermittelten, den Objekten verbl\u00fcffend \u00e4hnlichen Waren als Ersatz akzeptiert. (36) Diese Logik einmal vorausgesetzt, kann das unerl\u00e4sslich angestrebte Gl\u00fccksmoment vom Subjekt als eine vom Kauf oder Konsum von Waren abh\u00e4ngige Variable interpretiert werden. Dabei trifft sich diese Logik konsumf\u00f6rdernd mit den variantenreichen und immer neuen Angeboten auf dem Markt, wobei das einzige gemeinsame Charakteristikum von Waren darin besteht, dass sie \u00fcber den Markt &#8211; vermittelt zu einem durch diesen bestimmten Preis &#8211; feilgeboten und gekauft werden m\u00fcssen, unabh\u00e4ngig davon, ob Arbeit hinter ihrer Aufbereitung f\u00fcr den Markt steckt oder nicht. Dass dabei weniger von Triebunterdr\u00fcckung und Repression die Rede ist, als vielmehr die Verwertbarkeit des Triebs (37) und kommerzielle Verwertung angesprochen ist, l\u00e4sst sich an zahlreichen zeitgen\u00f6ssischen Ph\u00e4nomenen der Konsumkultur veranschaulichen, nicht zuletzt am Florieren und sich Naturalisieren des Sexmarktes. Denn &#8222;Sex ist etwas ganz Nat\u00fcrliches&#8220;, wird argumentiert, und kann als Dienstleistung zum Wohle der Gesundheit und Fitness unbedenklich eingekauft werden, wie die Verlagerung des Sex-Milieus vom schummrigen Rotlicht hin zu Sauna- und Wellness-Clubs eindr\u00fccklich belegt. (38) Dass dabei gut ist, was etwas kostet und besser, was viel kostet, folgt ebenso dieser Logik wie der Wunsch nach &#8222;mehr&#8220;. Mit den markt\u00fcblichen Instrumenten der Preisgestaltung nach Art des &#8222;Service&#8220;, der Kategorisierung der Waren von &#8222;gew\u00f6hnlich bis Luxus&#8220; und der Verknappung der Waren &#8211; bei der Prostitution ist die Zeit ein verteuernder Faktor &#8211; macht sich auch der Sexmarkt diese Logik zunutze und optimiert dadurch das Gesch\u00e4ftsergebnis. Demzufolge ist die gehandelte Ware bei der Prostitution nicht etwa die oder der Prostituierte oder eine wie auch immer geartete mit &#8222;Arbeit&#8220; oder &#8222;Arbeitszeit&#8220; verbundene &#8222;sexuelle Dienstleistung&#8220;, sondern es ist die Prostitution als solche, die eine m\u00f6gliche, nach Gl\u00fcck strebende zwischenmenschliche Interaktion als einen \u00fcber den Markt vermittelten Ersatz feilbietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ersatz wof\u00fcr? fragen wir noch einmal, um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen. Ersatz f\u00fcr mangelnde sexuelle Kontakte oder Kontaktm\u00f6glichkeiten? Nein, denn die Aktionen, die im Rahmen der Prostitution vollzogen werden, m\u00fcssen sich nicht zwangsl\u00e4ufig von solchen unterscheiden, die sich in einem nicht-prostitutiven Verh\u00e4ltnis abspielen. Es ist der Ersatz f\u00fcr die Potenz des Gl\u00fccksgef\u00fchls, die mit der K\u00e4uflichkeit gekappt wird; eine Potenz, deren Wirkung weit \u00fcber eine momentane<br>&#8222;Bed\u00fcrfnisbefriedigung&#8220; hinausgeht; eine Potenz aber auch, deren Wirkung das Scheitern beinhaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>1.5 Prostitution: Sex ohne Potenz<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist wom\u00f6glich der springende Punkt: Wenn in der Prostitution auch alle erdenklichen W\u00fcnsche befriedigt werden k\u00f6nnen, fehlt es ihr doch an Spannung, eine Spannung, die erst durch das m\u00f6gliche Scheitern des Begehrens hervorgerufen wird. Im modernen Setting der Prostitution wird zwar kein Aufwand gescheut, die Illusion des m\u00f6glichen Scheiterns aufrecht zu erhalten. Die Umgebung der Prostitution gleicht anderen Umgebungen wie z.B. Saunas, Fitness-Clubs, Hotelhallen aufs Haar oder ist sogar identisch, bis es ruchbar wird. Dort treffen sich dann die Geschlechter quasi zuf\u00e4llig unter Aufbietung aller schauspielerischen Tricks. Nicht zu sprechen von dem stets wechselnden oder exotischen Angebot, das mit neuen Frauen immer neue Situationen des m\u00f6glichen Scheiterns oder eben des Erfolgs verspricht. Aber ob dies hilft, der drohenden, abgrundtiefen Langeweile Einhalt zu gebieten, die die Verharmlosung und Entwertung sexueller Energie in prostitutiven Geschlechtsverh\u00e4ltnissen offenbart? (40)<\/p>\n\n\n\n<p>Prostitution bedeutet also ein mit dem Akt der Bezahlung und deren Akzeptierung um seine Potenz gebrachtes, vertraglich bekr\u00e4ftigtes risikofreies Geschlechtsverh\u00e4ltnis. Das Einverst\u00e4ndnis zum Vertrag, der Bezahlung und deren Entgegennahme regelt und markiert die Absicherung f\u00fcr beide Vertragspartner, dass &#8222;dar\u00fcber hinaus&#8220; jegliche Anspr\u00fcche beiderseits erl\u00f6schen. Dabei spielt die Unsittlichkeit des Vertrags, die diesen nichtig macht, grunds\u00e4tzlich keine Rolle mehr. Er k\u00f6nnte als alter Zopf problemlos gestrichen bzw. von der Rechtsprechung entsprechend interpretiert werden, sofern sich Prostitution auf die Gewerbefreiheit beruft und sich der Vertrag auf das Verh\u00e4ltnis von Freier und Prostituierter beschr\u00e4nkt. Problematisch hingegen ist das Abschneiden des alten Zopfs hinsichtlich organisierter Prostitution, wo Anspr\u00fcche von Drittpersonen geltend gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Paradox des solcherart im Akt der Prostitution mutilierten (42) Subjekts wird nach M\u00f6glichkeit von diesem selbst kaschiert: Einmal dadurch, dass echtes (sexuelles) Interesse vorgespielt wird, das mit dem &#8222;Abkupfern&#8220; gleichzeitig als fake dekonstruiert wird, (43) dann mit der Aufmachung als begehrenswertes Liebesobjekt, das aber mit der \u00dcbertreibung oder auch mit der Nachahmung des Nicht-\u00dcbertriebenen (call-girls) augenf\u00e4llig die Verharmlosung der K\u00e4uflichkeit markiert, sowie mit der Berufsethik der Professionellen, die sich den Ausdruck der &#8222;wahren Gef\u00fchle&#8220; f\u00fcr ihren Freund, Zuh\u00e4lter oder Ehemann aufspart und den Freier weder auf den Mund k\u00fcsst noch ihn an &#8222;unn\u00f6tigen&#8220; Orten ber\u00fchrt, es sei denn, gegen Aufpreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der K\u00e4uflichkeit rigoros entsch\u00e4rfte Potenzial der Sexualit\u00e4t l\u00e4sst sich durch ihre Deklaration als &#8222;Beruf&#8220; oder &#8222;Arbeit wie jede andere auch&#8220; kaum (wieder)herstellen. Mag sich Prostitution als Ausdruck der entfremdeten Arbeit, wie sie Marx beschrieben hat, als Sex-Arbeit verstehen und sich dadurch bei finanziellem Erfolg einer gewissen sozialen Akzeptanz erfreuen &#8211; mit Sexualit\u00e4t, die sich, wie Freud schreibt, durch ein Mehr an Lust auszeichnet, oder mit Arbeit, deren emanzipatives Potenzial in Anlehnung an Freud und Marx durch ein Mehr an Lohn in Form von Geld ausdr\u00fccken lie\u00dfe, hat Prostitution herzlich wenig zu tun. Diese als &#8222;Sex-Arbeit&#8220; durchzusetzen oder zu bek\u00e4mpfen kann deshalb kein Anliegen emanzipativ orientierten Feminismus sein.<\/p>\n\n\n\n<p>1.6 Ungleiche soziale Stellung der Geschlechter &#8211; Gleichheit im Vertrag?<\/p>\n\n\n\n<p>Kappeler bestreitet den sexuellen Verkehr als Grundlage oder Motivation der Prostitution ebenfalls. &#8222;Nicht sexueller Verkehr &#8211; denn der w\u00e4re gegenseitig und damit schon ausgetauscht, ohne die Intervention von Geld-, sondern Schaffung m\u00e4nnlicher Identit\u00e4t \u2026 ist die [ \u2026 ] Dienstleistung am Mann am Beispiel der Sex-Arbeit&#8220; (Kappeler (2003): 110f.) oder, wie O&#8217;Connell Davidson formuliert, die Herstellung geschlechtlicher Statushierarchie. (44) &#8222;Und diese M\u00e4nnlichkeit&#8220;, so Kappeler weiter, konstituiert sich nicht nur \u00fcber den Akt der Dienstleistung der Fraulichkeit, sondern umso mehr aufgrund der Asymmetrie eines Arbeitgeber-Arbeitnehmerinverh\u00e4ltnisses &#8211; der Dominanz des eigenen und der Unterwerfung eines anderen Willens mittels Entl\u00f6hnung.&#8220; Als Essenz des Freiererlebnisses bezeichnet Kappeler also die Herstellung m\u00e4nnlicher Identit\u00e4t mittels Dominanz im Arbeitgeber-Arbeitnehmer(in)-Verh\u00e4ltnis. (45)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme den Faden von Prostitution als Herstellung m\u00e4nnlicher Identit\u00e4t auf, grenze mich aber von der Auffassung &#8222;Prostitution als Sex-Arbeit&#8220; ab, da der der Prostitution zugrunde liegende (unsittliche) Vertrag zwischen Prostituierter\/m und Freier nicht auf einem bestimmten Arbeitsprodukt, sondern auf der Begrenzung gegenseitiger Anspr\u00fcche innerhalb und au\u00dferhalb der Prostitution gr\u00fcndet, der Gegenstand des Vertrags also die Prostitution selbst ist. Ich postuliere aber ein Verh\u00e4ltnis der Bestechung und Bestechlichkeit und kn\u00fcpfe damit an die soziale und \u00f6konomische Ungleichstellung der Geschlechter an.<\/p>\n\n\n\n<p>1.7 Prostitution als Bestechlichkeit und Bestechung<\/p>\n\n\n\n<p>Prostitution markiert den radikalen, extremen Pol auf der Skala der K\u00e4uflichkeit, und zwar K\u00e4uflichkeit im Sinn von Bestechung und Bestechlichkeit, was das Gegenteil von Integrit\u00e4t bedeutet. Soll jemand bestochen werden, so erwartet man von der Person ein Verhalten, eine Komplizenschaft oder Handlungen, die sie ohne das &#8222;Schmiergeld&#8220; aus eigenen St\u00fccken nicht zeigen w\u00fcrde oder bereit w\u00e4re zu tun. Dabei kann Bestechlichkeit durchaus professionelle Z\u00fcge annehmen und finanziell ordentlich zu Buche schlagen. Es braucht \u00fcberdies professionelle Kenntnisse, um diese T\u00e4tigkeit mit wechselnden &#8222;Gesch\u00e4ftspartnern&#8220; \u00fcber Jahre aufrechtzuerhalten. Aber es w\u00fcrde wohl kaum jemandem in den Sinn kommen, daraus einen &#8222;Beruf&#8220; machen oder dies als &#8222;Arbeit&#8220; bezeichnen zu wollen, denn Bestechung widerspricht demokratischen Grunds\u00e4tzen und geh\u00f6rt strafrechtlich verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestochen oder &#8222;gekauft&#8220; wie wir in der Schweiz sagen, wird nur jemand, bei dem es sich lohnt. Jemand, der eine Schl\u00fcsselposition bez\u00fcglich denjenigen Ressourcen innehat, deren Zugang beschwerlich, der Konkurrenz ausgesetzt oder gar nicht zu erreichen sind. Das hei\u00dft, es ist die Position, das Amt, die anderweitige Verpflichtung, die jemanden bestechbar macht. Dabei hat der Inhaber diese Position nur inne, weil von ihm erwartet werden kann, dass er nicht bestechlich, sondern integer, nach den allgemein anerkannten Grunds\u00e4tzen handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Prostitution \u00fcbertragen l\u00e4sst sich fragen, welche Position denn die &#8222;Weiblichkeit&#8220; (46) innehat, welchem anderen sie verpflichtet ist, dass sie bestochen werden muss, damit sie &#8222;es&#8220; &#8222;vergisst&#8220;? Was f\u00fcr eine Position der Frauen l\u00e4sst die M\u00e4nner mit einem Misserfolg oder mit Schwierigkeiten, bei ihr zu &#8222;landen&#8220; rechnen, sodass sie diese M\u00f6glichkeit mit einem bestechenden Geldangebot kurzerhand ausschlie\u00dfen wollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort ist einfach und komplex zugleich, da sie verschiedene diskursive Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge anspricht: Es ist die Anerkennung des weiblichen Begehrens und die Anerkennung der Geschlechterdifferenz, das dem Freier ungeheuerlich vorkommt. Es ist der Anspruch auf Integration in die universelle moralische Gleichwertigkeit von M\u00e4nnern und Frauen, vor dem er sich f\u00fcrchtet. Es ist der Anspruch auf Anerkennung und Integration einer differenten Produktivit\u00e4t von Frauen, die ihn verunsichert. Es ist der Anspruch auf gesellschaftliche Integration und Sicherheit, auf sexuelle Integrit\u00e4t sowie gewalt- und machtfreie sexuelle Austauschbeziehungen, die sie von ihm verlangt. Es ist der Anspruch auf berufliche, politische, soziale Integration, mit der er nicht klarkommt. Es ist der Anspruch auf Ebenb\u00fcrtigkeit mit dem Mann, auf Gleichberechtigung und Gleichstellung sowie auf Anerkennung der Differenz auf allen Ebenen, von dem sich der Freier nicht herausfordern l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>1.8 Achsen der Gerechtigkeit<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00e4mpfe um Anerkennung fallen in der heutigen postmodernen und postsozialistischen \u00c4ra in eine Zeit versch\u00e4rfter materieller Ungleichheit. Nancy Fraser setzt sich die Aufgabe, &#8222;eine kritische Theorie der Anerkennung zu entwickeln, die diejenigen Versionen einer kulturhistorischen Politik der Differenz bestimmt und auch nur diese Versionen verteidigt, die sich mit der Sozialpolitik der Gleichheit koh\u00e4rent verbinden lassen&#8220;. (47) Dabei geht es um nichts weniger als um die Herstellung von Gerechtigkeit und um Begriffe und Vorstellungen von Gerechtigkeit, die die Autorin im Konzept der zwei sozialen Achsen neu formuliert. Diese Formulierung bildet die Ph\u00e4nomene um Frauenhandel und Prostitution aus der Perspektive von Differenz und Integration ad\u00e4quat ab, weshalb ich kurz darauf eingehen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eine Achse der Gerechtigkeit liegt auf der kulturellen Ebene, der symbolischen Ordnung, und beruft sich auf tats\u00e4chliche oder vermeintliche Besonderheiten von sozialen (Gro\u00df-)Gruppen. Soziale Ungerechtigkeit wird auf Grund der Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser Gruppe als Diskriminierung, Verachtung, Androzentrismus, Misogynit\u00e4t oder Rassismus erfahren bzw. interpretiert. Als Idealtyp auf dieser Achse werden die augenf\u00e4lligen Gruppen der &#8222;Rassen&#8220; und Ethnien bezeichnet. Ma\u00dfnahmen, um Gerechtigkeit herzustellen, beziehen sich unter Voraussetzung des universellen Postulats der moralischen Gleichwertigkeit aller Personen auf die Anerkennung der Gruppen, auf die Stabilisierung ihrer Identit\u00e4ten und die Anerkennung der Differenz gegen\u00fcber anderen Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Achse der Gerechtigkeit liegt auf der Ebene der politischen \u00d6konomie und beruft sich auf eine Struktur der Gleichheit von Optionen f\u00fcr alle gesellschaftlichen (Gro\u00df-)Gruppen, was den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen wie Produktivit\u00e4t, Macht, Sicherheit, Bildung, Nahrung, Gesundheit, politische und \u00f6konomische Partizipation, Integration und dergleichen betrifft. Ungerechtigkeit wird auf Grund der Zugeh\u00f6rigkeit zu von diesen G\u00fctern ausgeschlossenen oder daran vermindert partizipierenden Gruppen als Ausbeutung, diskriminierende Trennung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, Deprivation, Marginalisierung, Ungleichstellung, Chancenungleichheit erlebt und interpretiert. Als Idealtyp fungiert hier die Arbeiterklasse. Ma\u00dfnahmen, um Gerechtigkeit herzustellen, beziehen sich unter Voraussetzung des gleichen universellen Postulats auf die Abschaffung der Differenzen zu andern sozialen Gruppen und auf den Anspruch der Gleichheit aller. Die energetische Orientierung der Ma\u00dfnahmen zur Herstellung von Gerechtigkeit ist einander auf den beiden Achsen entgegengesetzt, insofern sie sich auf die Anerkennung bzw. auf die Abschaffung der Differenz beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Begriff gender \u00fcberschneiden sich die Achsen und legen den zweiwertigen Charakter des Begriffs frei. Diese Zweiwertigkeit ist die Quelle eines Dilemmas, das Fraser als Anerkennung-Umverteilungs-Dilemma bezeichnet, da die Ziele auf beiden Achsen und gleichzeitig angestrebt werden. Sie unterscheidet affirmative Ma\u00dfnahmen, die die Differenz st\u00e4rken, aber Gruppenantagonismus f\u00f6rdern sowie eine stigmatisierende Anerkennungsdynamik in Gang setzen, was das moralische Gleichwertungspostulat untergr\u00e4bt, von transformatorischen Ma\u00dfnahmen, die Ursachen der Differenz und der Ungleichheit in Frage stellen und sich mit einer quasi vor\u00fcbergehenden und partiellen Anerkennung begn\u00fcgen. Sie fordert, dass die Anspr\u00fcche auf Anerkennung vom Standpunkt sozialer Gleichheit aus zu beurteilen seien. Varianten, die die Menschenrechte, die moralische Gleichwertigkeit und die Menschenw\u00fcrde missachten, seien zu verwerfen, selbst dann, wenn sie soziale Gleichheit f\u00f6rdern. Denn wir sitzen in einem Teufelskreis sich gegenseitig verst\u00e4rkender kultureller und \u00f6konomischer Unterordnung fest: &#8222;Unsere gut gemeinten Bem\u00fchungen, diesen Ungerechtigkeiten vermittelst des liberalen Wohlfahrtsstaates, erg\u00e4nzt um einen g\u00e4ngigen Multikulturalismus, zu Leibe zu r\u00fccken, f\u00fchren zu v\u00f6llig verkehrten Resultaten. Wir k\u00f6nnen das Erfordernis der Gerechtigkeit nur dann erf\u00fcllen, wenn wir uns alternativen Konzeptionen von Umverteilung und Anerkennung zuwenden&#8220; (Fraser: 66). Ziel dieser Arbeit ist, dazu einen Beitrag zu leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>1.9 Thesen<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Forschungsarbeit stellt sich die Aufgabe, die konkreten Prozesse und Strukturen der aktuellen Problematisierung von Frauenhandel und Prostitutionsmigration zu beschreiben und dabei folgende Thesen zu pr\u00fcfen:<\/p>\n\n\n\n<p>Die heutige diskursive Wahrnehmung der Ph\u00e4nomene um Frauenhandel signalisiert einen Wandel in der Debatte um Prostitution innerhalb der Debatte um das Geschlechterverh\u00e4ltnis und beeinflusst diese. Dabei werden Diskurse, die an der strukturellen Ungleichheit von Geschlecht ankn\u00fcpfen und die globale geopolitisch-\u00f6konomische Hierarchie in die Debatte mit einbeziehen, zugunsten von (abeits)marktorientierten partikularen Anerkennungsargumenten verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Instanzen des Rechts, zentraler Bereich moderner demokratischer Gesellschaften, folgen &#8211; aufgrund mangelnder politischer Einflussnahme &#8211; in ihrem Diskurs um Frauenhandel der Eigenlogik der auf Vertragsfreiheit, Eigentumsrechten und pers\u00f6nlichen Freiheitsrechten gr\u00fcndenden nationalen Strafgesetze und sind deshalb nur beschr\u00e4nkt in der Lage, in einer geopolitisch und strukturell hierarchisch gegliederten sozialen Umwelt Gerechtigkeit herzustellen.<br>Das Konzept &#8222;Prostitution als Arbeit&#8220; reflektiert die gesellschaftliche Tendenz, herrschende Politik als Regelung der Partizipation am Markt &#8211; wenn n\u00f6tig aggressiv &#8211; zu formulieren und gegenl\u00e4ufige Tendenzen in die Defensive zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dekonstruierte \u00f6ffentliche Moral (in unserem Fall die Abschaffung der \u00f6ffentlichen Sittlichkeit als gesch\u00fctztes Rechtsgut) taucht am anderen Ende der Gesellschaft als individualisierte, private Schuld oder Unschuld wieder auf: Sie wird im juristischen Einzelfallkonzept von &#8222;Opfer und T\u00e4ter&#8220; (im Fall von Frauenhandel) oder als Vertragsfreiheit bzw. Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (im Fall von Prostitution) sanktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der auf dem demokratischen Gleichheitspostulat gr\u00fcndende Legitimationsbedarf von partikularen Anerkennungspraktiken beruft sich auf die Toleranz der Gesellschaftsmitglieder, die aufgrund eben der Partikularit\u00e4t ihre als Toleranz angesprochene, aber grunds\u00e4tzlich als Gleichg\u00fcltigkeit und Beliebigkeit lesbare Haltung nur dann aufgeben, wenn ihre eigene partikulare Interessenlage bedroht scheint oder ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Frauenhandel tritt heute in der Schweiz wesentlich in Form von organisierter Prostitutionsmigration auf und ist aufgrund des markanten Wohlstandsgef\u00e4lles zwischen den Staaten durch Aussicht auf hohen Gewinn motiviert, der sich aus dem Erwerb der im Graubereich des Marktes illegal t\u00e4tigen, durch Abzahlungspflichten an (unsittliche) Vertr\u00e4ge gebundene Prostituierte absch\u00f6pfen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen der verbreiteten Ansicht von Prostitution als &#8222;\u00e4ltestem Gewerbe der Welt&#8220; zeigt sich in der organisierten Prostitutionsmigration die Abh\u00e4ngigkeit der Prostitution von gesellschaftlichen Parametern, die ihrerseits gesellschaftlichem Wandel unterworfen sind, was dem Konzept von &#8222;Prostitution als einem zeitlosen Naturereignis&#8220; widerspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Figur der modernen Prostituierten als selbst\u00e4ndig Erwerbende oder Angestellte mit Umsatzbeteiligung und gutem Gehalt, die sich fit h\u00e4lt, auf ihre Pr\u00e4sentation achtet und ihre T\u00e4tigkeit mit Engagement aus\u00fcbt, entspricht die Individualstruktur von Partizipanten der hegemonialen gesellschaftlichen Schichten. Die charakteristische K\u00e4uflichkeit, die untrennbar mit dem Metier verbunden ist, pervertiert allerdings den Anspruch auf Zugeh\u00f6rigkeit zur hegemonialen Schicht, da gerade die Selbstbestimmung bzw. die Selbstkontrolle die Antithese zu K\u00e4uflichkeit und Bestechung bildet. Da Selbstbestimmung und Selbstkontrolle das konstituierende Merkmal der aktuellen Pers\u00f6nlichkeitsstruktur auf der Grundlage der pers\u00f6nlichen Freiheitsrechte ist, wird ihre Antithese als Tods\u00fcnde tabuisiert und ritualisiert. Der Versuch, K\u00e4uflichkeit als &#8222;Arbeit wie jede andere&#8220; zu habilitieren, muss unter diesen Voraussetzungen grunds\u00e4tzlich scheitern, da sie explizit und nur in Form der Prostitution als Antithese zu Integrit\u00e4t konstituierend ist. Das Konzept von Prostitution als &#8222;Arbeit wie jede andere&#8220; verweist Prostituierte deshalb an den sozialen Ort der Diskriminierung. Denn Prostitution ist der gesellschaftliche Schatten des Kerns der hochgehaltenen Individualstruktur, n\u00e4mlich der Integrit\u00e4t, die die pers\u00f6nlichen Freiheitsrechte unserer demokratischen Zivilisation repr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>1 Elias, Norbert (1976): \u00dcber den Prozess der Zivilisation.<br>2 Dazu Luhrnann, Niklas (1997): Das Recht der Gesellschaft.<br>3 Theodor W. Adorno und andere (1968) (New York 1950, gek\u00fcrzte dt. Fassung 1953): Der autorit\u00e4re Charakter. Studien \u00fcber Autorit\u00e4t und Vorurteil. Band l und (1969): Band 2; Deleuze, Gilles und Guattari, Felix (1977) (fr. Paris 1972): Anti-\u00d6dipus. Kapitalismus und Schizophrenie; Irigaray, Luce (dt. 1979, fr. 1977): Das Geschlecht das nicht eins ist; Benjamin, Jessica (1999) (engl. 1988): Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht; Soiland, Tove (2003): Irigaray mit Marx lesen. Eine Rehabilitierung des Denkens der sexuellen Differenz; Strassberg, Daniel (2004): E pluribus unum: Von der ver\u00ad borgenen Theologie der Psychoanalyse.<br>4 Benjamin, Walter: Geschichtsphilosophische Thesen, in: Benjamin, W. (1965): Zur Kritik der Gewalt und andere Aufs\u00e4tze.<br>5 Barthes, Roland (1980) (Paris 1957): Mythen des Alltags, S. 132.<br>6 Trechsel, Stefan (1997): Schweizerisches Strafgesetzbuch, Kurzkommentar, Art. 196 StGB, Menschenhandel, S. 732.<br>7 Foucault, Michel (1986a): Der Gebrauch der L\u00fcste. Sexualit\u00e4t und Wahrheit, Bd. 2.<br>8 Gilbert, Anne-Franc;oise (2001): Kampf um die Welt &#8211; Sorge um sich selbst. Lebensentw\u00fcrfe und kulturelle R\u00e4ume lediger Frauen in der Modeme, S. 79.<br>9 Prokop, Ulrike (1991): Die Illusion vom Gro\u00dfen Paar, Band I: Weibliche Lebensentw\u00fcrfe im deutschen Bildungsb\u00fcrgertum 1750-1770.<br>10 Habermas, J\u00fcrgen (1962) (1990): Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft.<br>11 Fraser, Nancy (1989): Unruly Practices: Power, Discourse and Gender in Contemporary<br>Social Theory.<br>12 Wunder, Heide (1997): Herrschaft und \u00f6ffentliches Handeln von Frauen in der Gesellschaft der Fr\u00fchen Neuzeit, in: Gerhard, Ute (Hg.), S. 27-54.<br>13 Gerhard, Ute (1997): Grenzziehungen und \u00dcberschreitungen. Die Rechte der Frauen auf dem Weg in die politische \u00d6ffentlichkeit, in: Gerhard, Ute (Hg): Frauen in der Geschichte des Rechts, S. 509-546.<br>14 Die sehr versp\u00e4tete \u00f6ffentlich politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz (Stimm- und Wahlrecht wurde auf Bundesebene erst 1972 eingef\u00fchrt), versucht Ute Gerhard damit zu erkl\u00e4ren, dass das Vereinsrecht in der Schweiz den Frauen bedeutend mehr M\u00f6g\u00ad lichkeiten einr\u00e4umte, sich politisch und sozial zu organisieren, als dies in Deutschland der Fall war, Gerhard: 528.<br>15 Mad\u00f6rin, Mascha (2003): Gender Budget. Erfahrungen mit einer Methode des Gender Mainstreaming, in: Widerspruch 44, S. 35-50.<br>16 Prokop, Ulrike (1991): Die Illusion vom Gro\u00dfen Paar, Band 1: Weibliche Lebensentw\u00fcrfe im deutschen Bildungsb\u00fcrgertum 1750-1770.<br>17 Dazu Gerhard, Ute (Hg.) (1997): Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der fr\u00fchen Neu\u00ad zeit bis zur Gegenwart; Joris, Elisabeth und Witzig, Heidi (1986): Frauengeschichte(n). Do\u00ad kumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz.<br>18 Gilbert, Anne-Francoise (2001): Kampf um die Welt- Sorge um sich selbst. Lebensentw\u00fcrfe und kulturelle R\u00e4ume lediger Frauen in der Modeme.<br>19 Im angels\u00e4chsischen Sprachgebrauch heute als professionals bekannt.<br>20 Tobler, Verena (2001): Zweierlei Kernkultur im Einwanderungsland. Von der Erkenntnis der Unterschiede zur Integration, in: Neue Z\u00fcrcher Zeitung vom 16.3.2001.<br>21 dos Santos Silva, Marinete (1988): Die Prostitution in Rio de Janeiro im 19. Jahrhundert, in: Becher, U. und R\u00fcsen, J. (Hg.): Weiblichkeit in geschichtlicher Perspektive. Fallstudien und Reflexionen zu Grundproblemen der historischen Frauenforschung.<br>22 Zit. nach Gerhard, Ute (1997): S. 522.<br>23 Studer, Brigitte (2001): Neue Grenzziehungen zwischen Frauenarbeit und M\u00e4nnerarbeit in<br>den drei\u00dfiger Jahren und w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs, in: Wecker, R.; Studer, B.; Sutter,<br>G. (Hg.): Die schutzbed\u00fcrftige Frau, S. 83-106.<br>24 von Werlhof, Claudia (1983): Frauen, die letzte Kolonie, in: Werlhof, C.; Mies, M., Bennholdt-Thomsen, V. (Hg.): Frauen, die letzte Kolonie.<br>25 Vgl. Vinken, Barbara (2003): Weibsbilder. Sendung \u00fcber Frauen, im Bayrischen Fernsehen<br>vom 1.8.2003: Planet-Wissen.de.<br>26 Strassberg, Daniel (2004): E pluribus unum. Von der verborgenen Theologie der Psychoana-<br>lyse.<br>27 Ehrenreich, Barbara (1992): Angst vor dem Absturz. Das Dilemma der Mittelklasse.<br>28 Sassen, Saskia (1996): Migranten, Siedler, Fl\u00fcchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa.<br>29 Jegher, Stella (2003): Gender Mainstreaming. Ein umstrittenes Konzept aus feministischer Perspektive; Schunter-Kleemann, Susanne (2003): Was ist neo-liberal am Gender Mainstrea\u00ad ming?; Mad\u00f6rin, Mascha (2001): Gender Budget. Erfahrungen mit einer Methode des Gender Mainstreaming, alle in: Widerspruch 44.<br>30 Soiland, Tove; Kappeler, Susanne etc.<br>31 Kappeler, Susanne (2003): Frauenhandel und Freier-Markt, in: Widerspruch 44, S. 109-119.<br>32 Marx, Karl (1974), (manus.1857\/58): Grundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie.<br>33 Zahlreiche Beispiele in Literatur und Film, etwa Pygmalion von Bernhard Shaw (&#8222;My fair Lady&#8220;).<br>34 Prostitution als \u201enotwendiges \u00dcbel&#8220;.<br>35 Sigmund Freud, GW XVI, (1936) S. 251, zit. nach Strassberg.<br>36 Dazu auch Soiland, Tove (2003): lrigaray mit Marx lesen, in: Widerspruch 44: Feminismus, Gender, Geschlecht.<br>37 Pers\u00f6nliche Mitteilung des Psychoanalytikers Ronnie Weissberg, Z\u00fcrich 2004.<br>38 Siehe dazu Interviews auf den folgenden Seiten.<br>39 Dies mag allenfalls in Extremf\u00e4llen zutreffen, wo therapeutische Ma\u00dfnahmen in diesem Bereich angezeigt oder zumindest diskutabel sind. Ein Projekt im Rahmen der Schweizerischen Invalidenversicherung diskutiert derzeit entsprechende Therapiem\u00f6glichkeiten.<br>40 Die in bestimmten Segmenten des Sexmarktes immer h\u00e4rtere Gangart der organisierten Prostitution, wo versucht wird, die Lust an der Spannung ohne eigenes Risiko durch physische Gewalt und reales Leiden von Opfern bis zu deren Vernichtung zu befriedigen, ist symptomatisch f\u00fcr den Ersatz und die Entwertung der Sexualit\u00e4t in der Prostitution.<br>41 H\u00fcrlimann, Brigitte (2004): Prostitution &#8211; ihre Regelung im schweizerischen Recht und die Frage der Sittenwidrigkeit. Diss. Freiburg; Heller, Heinz (1998): Schwarzarbeit: Das Recht<br>der Illegalen. Diss. Z\u00fcrich.<br>42 Bezeichnenderweise existiert auf Frauen bezogen kein entsprechender Begriff, als ob sie nicht &#8222;kastriert&#8220; werden k\u00f6nnten. Der Unterschied zwischen heterosexuellen und homosexuellen m\u00e4nnlichen Prostituierten ist deutlich. Jene versp\u00fcren (auf Grund ihrer &#8222;Kastration&#8220;?) oft Hass auf ihre homosexuellen Kunden, wobei gewaltsame &#8222;Racheakte&#8220; nicht selten sind. Prominentes Beispiel: Pier Paolo Pasolini, ermordet und ausgeraubt von einem Strichjungen.<br>43 Interviews mit Prostituierten in: Ahlemeyer, H. (1996): Prostitutive Intimkommunikation.<br>44 O&#8217;Connell Davidson, Julia (1998): Prostitution, Power and Freedom.<br>45 \u00c4hnlich auch Biermann, Pieke (1980): &#8222;Wir sind Frauen wie andere auch.&#8220; Prostituierte und ihre K\u00e4mpfe sowie Pateman, Carole (1988): The Sexual Contract.<br>46 Ich beziehe mich hier auf Frauen im Sinn von gender. F\u00fcr m\u00e4nnliche Prostituierte ist hier der gender-Begriff nicht anwendbar, da weder alle m\u00e4nnlichen Prostituierten homosexuell sind, noch diese T\u00e4tigkeit mit zunehmendem Alter ein Einkommen verspricht. Dies schlie\u00dft aber gleichgeschlechtliche Prostitution vom Postulat der Prostitution als Bestechung keineswegs aus, da lediglich die Farbe m\u00e4nnlicher Identit\u00e4t um eine Variante bereichert wird.<br>47 Fraser, Nancy (2001) (am. 1997): Die halbierte Gerechtigkeit. Gender Stndies, S. 24ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen: Der Prostitutionsdiskurs\u00a9 ProLitteris, Rahel Zschokke 1. Theoretischer Rahmen 1.1 Sozialer Wandel und das Konzept der Individualstruktuen Norbert Elias (1) geht von Gesellschaft als einem sozialen Prozess in Entwicklung aus, der mit Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen soziogenetisch verbunden ist. Ich folge seinem dynamischen Aspekt und grenze mich damit von statischen Konzepten ab, die Gesellschaft als System begreifen, das &hellip; <a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2425\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Frauenhandel und Prostitution &#8211; theoretische Grundlagen<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":197,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2425","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2425","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2425"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2425\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3507,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2425\/revisions\/3507"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}