{"id":2443,"date":"2022-10-30T23:59:50","date_gmt":"2022-10-30T21:59:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2443"},"modified":"2025-03-19T00:39:11","modified_gmt":"2025-03-18T22:39:11","slug":"auswirkungen-drogenrepression-maeder-strafvollzug","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2443","title":{"rendered":"Auswirkungen Drogenrepression Maeder Strafvollzug"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2445\"><strong>Weiterlesen: Busch DOSIS<\/strong><\/a> \u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.0214ef51-df87-4e6d-9d2d-3295f97090bd\">is, Christoph Maeder<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230015_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"417\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230015_.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3490\" style=\"width:71px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230015_.jpg 417w, https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230015_-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 417px) 100vw, 417px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Christoph Maeder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8222;Dr\u00f6geler, Giftler und Paffer&#8220;: Zum kompetenten Umgang mit drogens\u00fcchtigen Insassen im Strafvollzug<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die soziologische Grundfrage, wie soziale Ordnung entsteht und stabilisiert wird (Berger\/Luckmann 1969), stellt sich im Alltag des Strafvollzugs dem praktisch Involvierten nicht in dieser Form. F\u00fcr ihn ist vielmehr entscheidend, was aus seiner Sicht, gem\u00e4\u00df seiner ihm gegebenen sozialen Umgebung, funktioniert und sich bew\u00e4hrt. Doch gerade in diesem allt\u00e4glichen Wissen liegt f\u00fcr die interpretative soziologische Perspektive der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis dessen, was in Handlungsfeldern mit der Metapher ,Gesellschaft&#8216; bezeichnet wird. (1) Mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung lassen sich solche oftmals fremden Lebenswelten von Interpretationsgemeinschaften und deren Methoden zur Konstruktion sozialer Wirklichkeiten erschlie\u00dfen. Aufgrund mehrj\u00e4hriger Feldforschungsarbeiten in einer offenen Strafvollzugsanstalt in der Ostschweiz wird in diesem Aufsatz der Frage nachgegangen, wie sich im Strafvollzug eine von Beh\u00f6rden und Praktikern vor Ort unerw\u00fcnschte Subkultur pr\u00e4sentiert und wie mit ihr im Praxisfeld umgegangen wird. (2) Dazu wird ein zentraler Auszug aus dem kommunikativen Repertoire rekonstruiert, den das Personal f\u00fcr den Umgang mit drogens\u00fcchtigen Insassen verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist als Ausgangspunkt die Beobachtung, dass das Ausma\u00df der Durchsetzung der Anstalt mit Drogen aller Art gar nicht genau bekannt ist. Auch vor Ort wissen weder das Personal, noch die Insassen genau, wie viele Drogen welcher Art auf dem Markt sind. Trotz der ununterbrochenen und punktuell durchaus auch erfolgreichen Bem\u00fchungen des Personals in der Anstalt um die Erfassung und Bestrafung von Drogenkonsum und -handel, sind weiche Drogen wie Cannabis und Marihuana fast immer, und harte Drogen, wie Kokain und Heroin erstaunlich h\u00e4ufig in der Anstalt vorhanden. Die Disziplinarstrafenregister der Anstalt k\u00f6nnen erste Hinweise liefern. Sie enthalten die vom Personal geahndeten Verst\u00f6\u00dfe gegen das absolute Drogenverbot in der Organisation, in der auch legale Rauschmittel wie Alkohol streng untersagt sind. Infolge dem Personal sozialstrukturell auferlegter situativer Praktiken des Erkennens und Durchgreifens bei sogenannten<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Drogenf\u00e4llen&#8220; sind diese Statistiken bei genauer Betrachtung aber unvollst\u00e4ndig (siehe dazu: Maeder 1994, 171-177). (3) G\u00e4nzlich dem genauen Wissen des Personals entzogen ist schlie\u00dflich der harte Kern des Schwarzmarktes mit Drogen. Es vermutet zwar jeweils aufgrund der Stimmungsschwankungen in der Anstalt einen Zusammenhang mit der Versorgungslage durch &#8222;Stoff&#8220;. Doch diese intuitiven Einsch\u00e4tzungen lassen keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Anzahl der Drogenkonsumenten und die konsumierten Arten und Mengen von Drogen zu. Es lohnt sich deshalb, sich \u00dcberlegungen zum Ph\u00e4nomen von Drogen im Gef\u00e4ngnis zu machen, die nicht auf statistische Verteilungen und Repr\u00e4sentativit\u00e4t ausgerichtet sind, sondern vielmehr nach f\u00fcr die Vergemeinschaftung typischen Mustern und vorsichtig nach generalisierbaren Handlungsarrangements in totalen Institutionen (Goffman 1973a) zu fragen. (4) Oder einfacher und als Frage formuliert: Wie wirken denn Drogen, neben dem eigentlichen Konsum, in einer Anstalt?<\/p>\n\n\n\n<p>Die allt\u00e4gliche Ordnung im Gef\u00e4ngnis ist, wie in anderen Kontexten, eine ausgehandelte Ordnung (McDermott\/King 1988; Fine 1984; Strauss 1993). In zentralen soziologischen Untersuchungen zum Gef\u00e4ngnis als einer sozialen Organisation werden die Ergebnisse solcher Aushandlungsprozesse pr\u00e4sentiert. Es handelt sich dabei um Beschreibungen der grundlegenden Anpassungsmodi von Insassen an die auferlegte Alltagsorganisation (Goffman 1961a, 1961b), zugeschriebener Verhaltenserwartungen an H\u00e4ftlinge im Sinn von sozialen Rollen unter den Bedingungen absichtsvoller Deprivation (Sykes 1956, 1958), verdichtend rekonstruierter Verhaltensmuster von Gefangenen (Irwin 1970, 1980) oder anhand eines analytischen Modells formulierte Insassenkategorisierungen (Cohen\/Taylor 1972). (5) Diese soziologischen Befunde verweisen darauf, dass man im Gef\u00e4ngnis, wie in jeder anderen Organisation auch, zun\u00e4chst und vor allem wissen muss, mit wem man es zu tun hat. Dieses gemeinsame Wissen der Mitglieder einer Organisationskultur um die dazugeh\u00f6rigen Akteure wird in einer spezialisierten Sprache symbolisiert und indiziert das Repertoire des angemessenen und kompetenten Handelns.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur soziologischen Erschlie\u00dfung des Fragenkomplexes, wie man mit drogens\u00fcchtigen Insassen sinnvollerweise umgeht, wird anhand einer ausf\u00fchrlichen Interaktionssequenz die Struktur des kompetenten Umgangs des Personals mit &#8222;Dr\u00f6gelern&#8220; vorgef\u00fchrt. Anschlie\u00dfend werden die Insassentypisierungsmuster des Personals in dieser Drogenkultur vor dem Hintergrund der ihnen grunds\u00e4tzlich auferlegten Handlungszw\u00e4ngen eingef\u00fchrt. Mit der Beschreibung dieses Sonderwissensbestandes des Gef\u00e4ngnispersonals wird deutlich, wie Drogen zur Herstellung der sozialen Ordnung in einer Zwangsorganisation bearbeitet werden und wozu die umgangsprachlichen Etikettierungen drogenkonsumierender Insassen wie &#8222;Dr\u00f6geler, Giftler und Paffer&#8220; dienen: Sie stellen, funktional gesehen, kommunikative Ressourcen zur Stabilisierung einer einfachen Rollenstruktur unter totalen Daseinsbedingungen dar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mitgliedschaftskategorien als Elemente sozialer Organisation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Aussagen des Personals der Anstalt verursacht eine &#8222;Sorte von Insassen&#8220; seit Jahren kontinuierlich zunehmend Schwierigkeiten: die &#8222;Dr\u00f6geler&#8220;. W\u00e4hrend &#8222;Normale&#8220; sich im Anstaltsalltag gegen\u00fcber dem Personal unauff\u00e4llig verhalten w\u00fcrden und die Anstaltsroutinen nicht offen st\u00f6ren, bereiteten die &#8222;Dr\u00f6geler und Giftler&#8220; vielf\u00e4ltige Schwierigkeiten und w\u00fcrden das Personal und die nicht s\u00fcchtigen Insassen in mancherlei Hinsicht immer wieder herausfordern. Wichtig zu wissen sei dabei, dass weniger die Anzahl, als vielmehr der jeweilige &#8222;Zustand&#8220; der Drogens\u00fcchtigen das Ausma\u00df der Schwierigkeiten bestimme. Ein einziger wirklicher &#8222;Dr\u00f6geler&#8220;, der vor\u00fcbergehend einen &#8222;Affen&#8220; habe, &#8222;herumtigere&#8220; oder &#8222;verladen&#8220; sei, k\u00f6nne eine ganze Gruppe bei der Arbeit nachhaltig st\u00f6ren, oder in einer Freizeitveranstaltung von der vorgesehenen Anstaltsordnung abbringen. In dieser Beschreibung wird das Grundproblem aufseherischen Handelns, die Gewinnung von Kooperation seitens der Insassen artikuliert. (6) Entlang dieses Problems ist denn auch die Insassentypisierung des Personals schwerpunktm\u00e4\u00dfig organisiert. (7) Es ist aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden und abgesehen von punktuell durchgef\u00fchrten systematischen Kontrollen, weniger am pr\u00e4zisen Wissen \u00fcber Drogenkonsum, als an der Integration der Insassen in den Tages- und Arbeitsablauf interessiert. Die Schwierigkeiten, auf die es in seiner Arbeit dabei sto\u00dfen kann, beschreibt folgende protokollierte Interaktionssequenz. Dieser Ablauf dauerte gerade siebzehn Minuten und erscheint auf den ersten Blick als ein triviales, nebens\u00e4chliches Ereignis. Doch wird hier mit Goffman die \u00dcberzeugung vertreten, dass die soziale Ordnung gerade in den fl\u00fcchtigen und wenig spektakul\u00e4ren Begebenheiten des Alltagslebens hergestellt wird und dort auch beobachtet werden muss. (8) Es wird das langgestreckte Ende einer Kaffeepause in einer Gruppe von mehrheitlich drogenabh\u00e4ngigen Insassen beschrieben und analysiert. (9) Dabei wird erkennbar, dass subtile und aufwendige Handlungskompetenzen erforderlich sind, um die soziale Ordnung als eine Kooperationsordnung aufrechtzuerhalten; Mechanismen, die keinesfalls starren Befehls- und Unterordnungsformen entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ort des Geschehens ist eine Kaffeepause. Das Gespr\u00e4ch zwischen den sechs Insassen, den zwei weiblichen Betreuerinnen f\u00fcr Ern\u00e4hrung und T\u00f6pfern, dem Betreuer f\u00fcr das Steinbildhauen, dem Leiter des Nachmittagsprogramms und dem anwesenden Soziologen dreht sich um kleine Allt\u00e4glichkeiten. Man frotzelt einander, plaudert \u00fcber die kleinen Ereignisse des Nachmittags und dies und das. Es herrscht eine lockere Stimmung. Um 16 Uhr 10 l\u00e4utet das Telefon im B\u00fcro nebenan. Bernhard, der Leiter der Nachmittagsarbeit erhebt sich vom Stuhl und verl\u00e4sst den Raum. Auf seinem Weg zur T\u00fcre ermahnt er die Anwesenden, die Pause p\u00fcnktlich um 16 Uhr 15 zu beenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist es 16 Uhr 18 und die Pause geht munter weiter. Niemand schaut auf die Uhr oder macht irgendwelche Anstalten sie zu beenden. Die Zeit scheint wie vergessen. Um 16 Uhr 20 betritt Bernhard wieder den Raum und muss feststellen, dass die Pause, entgegen seiner Anweisung, noch nicht beendet ist. Er fordert nun, w\u00e4hrend er sich von der T\u00fcre zum Tisch hin bewegt, freundlich in die Runde hinein, die Pause sei jetzt aber zu beenden. Auf diese Aufforderung hin wirft der Insasse Anton die Frage auf, wer denn eigentlich heute den Tisch abr\u00e4umen m\u00fcsse und welche beiden das Geschirr abzuwaschen h\u00e4tten. Bernhard bemerkt dazu, dass dies doch bereits bestimmt worden sei, es stehe ja auf dem Plan. An der Wand neben dem T\u00fcrrahmen h\u00e4ngt jeden Tag ein A4-Blatt mit dem Programm des Nachmittags und den Arbeitszuteilungen f\u00fcr die Insassen. Der Insasse Karl meint nun in die Runde hinein, der Plan k\u00f6nne nicht stimmen, denn er habe ja gestern den Tisch abger\u00e4umt, ohne auf dem Plan aufgef\u00fchrt gewesen zu sein. Es sei sicher nicht gerecht, wenn er heute schon wieder an der Reihe sei. \u00dcberhaupt m\u00fcsse der Plan angepasst werden, weil n\u00e4mlich vorgestern ein anderer freiwillig geholfen habe, weil der zum Abr\u00e4umen bestimmte Kuno ja beim Anstaltsdirektor &#8222;vortraben&#8220; musste. Dies habe der Bernhard auch gewusst, und jetzt stimme eben der Plan nicht mehr. Bernhard wendet sich von der Gruppe ab, schaut auf den Plan an der Wand und sagt nichts mehr. Die anderen anwesenden Insassen stimmen Karl zu: Ja, der Plan stimme nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion am Tisch dreht sich nun darum, wer denn gestern, vorgestern usw. was gemacht habe, und es wird unter den Insassen &#8211; kaffeetrinkenderweise &#8211; nach einer L\u00f6sung des Problems f\u00fcr den &#8222;falschen&#8220; Plan und das heutige Abr\u00e4umen und Abwaschen gerungen. Dabei ger\u00e4t einer der Anwesenden (Bruno) ins Schussfeld der Aufmerksamkeit. Niemand am Tisch kann sich erinnern, wann denn der abger\u00e4umt habe. Zu seiner Verteidigung bringt Bruno vor, er habe einmal abgewaschen, als er nicht musste, doch er k\u00f6nne eben nicht gut abr\u00e4umen, weil er &#8222;das huer\u00e4 Zitter\u00e4&#8220; (sinngem\u00e4\u00df: das verdammte Zittern) in den H\u00e4nden habe. Wegen dem Zittern habe er zudem bereits einmal eine zerbrochene Tasse bezahlen m\u00fcssen. Das Zittern komme von den &#8222;gottverdammten Medi vom M\u00fcller&#8220;. Zur Erl\u00e4uterung: Dr. M\u00fcller ist der Anstaltspsychiater. Eine wichtige Aufgabe von ihm besteht darin, den Insassen ihre Medikamentenration zuzuteilen. Viele Insassen bekommen Psychopharmaka, vor allem f\u00fcr die Nacht. Bernhard verspricht jetzt in die Runde hinein, den Plan anzupassen. Die Diskussion teilt sich praktisch gleichzeitig in zwei Gruppen: Die einen sprechen \u00fcber den Sinn und den Unsinn der Medi und dar\u00fcber, wie &#8222;Chloralsirup&#8220; und &#8222;Habli&#8220; (Haschisch) eben zusammen eingenommen, ein &#8222;Downer&#8220; seien. Die anderen suchen immer noch nach einer L\u00f6sung f\u00fcr die Bestimmung desjenigen, der abr\u00e4umen soll. Jetzt meldet sich Erwin freiwillig zum Abr\u00e4umen und verlangt, dass dies aber im Plan auch ber\u00fccksichtigt werde, denn er habe schlie\u00dflich schon vorgestern abger\u00e4umt. Sein Kollege Karl meint nun, dies sei aber nicht gerecht, wenn jetzt schon wieder der Erwin abr\u00e4ume. Der &#8222;huer\u00e4 Zitteri&#8220; (sinngem\u00e4\u00df: der verdammte Zitterer) solle das Geschirr nur<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;\u00fcber\u00e4zitter\u00e4&#8220; (hin\u00fcberzittern, d.h. vom Tisch zum Abwaschtrog tragen). Dies sei doch ein Affentheater, was der da mache. Er m\u00fcsse sich ja nicht dauernd verladen lassen vom M\u00fcller, denn der gebe ja immer doppelt soviel, wie man eigentlich brauche. Deshalb und wegen der Drogen sei ja ohnehin und \u00fcberhaupt der ganze Laden &#8222;zu&#8220;. Eine Betreuerin versucht nun die Diskussion beim Abr\u00e4umen zu halten. Sie kann sich aber nicht durchsetzen. Die Insassen sind beim Thema Medizin eingeschnappt. Mittlerweile ist es 16 Uhr 23. Die Lautst\u00e4rke der Diskussion nimmt zu. Unvermittelt steht der &#8222;Zitteri&#8220; (der Zitterer) auf und entfernt sich vom Tisch mit der Bemerkung, das sei ja ein v\u00f6lliges Irrenhaus, und er haue sich jetzt auf das Sofa nebenan bis &#8222;die da&#8220; (er zeigt in Richtung der Gruppe am Tisch) wieder normal seien. Die Angesprochenen reagieren mit herablassenden Spr\u00fcchen und setzen ihre Diskussion \u00fcber die Medi und den Dr. M\u00fcller fort. Inzwischen hat Karin, die zweite Betreuerin, den Insassen Anton in ein Gespr\u00e4ch verwickelt, und beide beginnen nun ohne Ank\u00fcndigung abzur\u00e4umen. Die anderen helfen ein wenig mit, indem sie die Tassen und Teller auf dem Tisch so verschieben, dass die beiden Abr\u00e4umenden diese knapp erreichen k\u00f6nnen. Insasse Karl meint nun zum Anton, er k\u00f6nne ja nun gem\u00fctlich abr\u00e4umen, denn schlie\u00dflich mache er das ja freiwillig. Wenn er langsam mache, k\u00f6nne er zudem der Karin noch l\u00e4nger sch\u00f6ne Augen machen. Anton stimmt zu, dass er es nicht eilig habe. Aber nicht wegen der da &#8211; die habe ja schon einen &#8222;daf\u00fcr&#8220; und macht mit dem Finger eine unmissverst\u00e4ndliche Geste -, sondern weil er es eben tue, aber nicht tun m\u00fcsse und weil Karin immer nett zu ihm sei. Karin, bereits am Waschtrog stehend, fordert Anton auf, nun doch das &#8222;Gschn\u00f6rr&#8220; (Geschw\u00e4tz) zu beenden und endlich das Geschirr zu bringen. Umst\u00e4ndlich und langsam findet nun das Geschirr seinen Weg zum Waschtrog. Langsam verlassen die Leute den Raum in Richtung der zugewiesenen Arbeitspl\u00e4tze. In der Sprache des Personals hei\u00dft dies: &#8222;zur B\u00fc\u00e4z uus\u00e4tr\u00f6pfl\u00e4&#8220; (zur Arbeit hinaus zu tropfen). Die Betreuerin Karin und der Insasse Anton bleiben allein im Raum zur\u00fcck um aufzur\u00e4umen. Zum Abtrocknen meldet sich niemand. Die Uhr zeigt 16 Uhr 27.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts, auch nicht die kleinste Verrichtung, geschieht hier ,einfach so&#8216;. Vielmehr bedarf es der dauernden Aushandlung, was jetzt wie und als n\u00e4chstes geschehen soll. Es wird in der Beschreibung deutlich, wie das Personal solche Probleme fast nie mit grober Macht, sondern meistens mit dem angeht, was es selber als &#8222;uuskoche loo&#8220; (auskochen lassen) bezeichnet. Dabei setzen die Insassen im Aushandlungsprozess immer wieder verschiedene Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr ein Wegkommen vom ,eigentlichen Thema&#8216; aus, die ein problemloses Weiterstricken des Gespr\u00e4chs erm\u00f6glichen und damit die Pause verl\u00e4ngern. Insgesamt haben in unserem kleinen Fall die Insassen dreizehn solche diskussionsf\u00e4higen, indexikalen Markierungen (Verweise, Ankn\u00fcpfungspunkte) gesetzt, von denen sich die Medikamentenfrage und der damit in Verbindung gebrachte Anstaltspsychiater als die wirksamsten erwiesen haben. In der vorliegenden Interaktionssequenz verhilft letztlich die Chance mit einer weiblichen Person sprechen zu k\u00f6nnen dazu, dass die Anstaltsordung nicht allzu stark ins Wanken ger\u00e4t; wobei darauf hinzuweisen ist, dass die Betreuerinnen infolge der sexuellen Komponente, die sie ungewollt in das Programm einbringen, ab und zu auch heikle Situationen zu bew\u00e4ltigen haben. (10)<\/p>\n\n\n\n<p>Klar erkennbar ist, dass das anwesende Personal zur Beendung der Pause nicht auf irgendeine amtliche Autorit\u00e4t zur\u00fcckgreift. Die lnteraktionsregeln folgen nicht dem Muster von ,Befehl und Gehorsam&#8216; und Androhung von Strafen und Sanktionen. Bernhard gibt Anordnungen, erzwingt aber nicht ihre sofortige Durchf\u00fchrung. Er zieht sich sogar minutenlang zur\u00fcck, als er von einem der Insassen auf einen (vermeintlichen?) Fehler in der Planung hingewiesen wird. Es wird diskutiert, es werden Begr\u00fcndungen vorgebracht und eingefordert. Beim Versuch der Steuerung m\u00fcssen die Betreuer versuchen, von der Notwendigkeit der Anordnungen zu \u00fcberzeugen. Man verzichtet auf Androhungen, man appelliert an die Kooperationsbereitschaft der Gruppe und der einzelnen Teilnehmer und die Drogenfrage wird nicht als Anlass genommen, irgendwelche Sanktionen anzudrohen oder einzuleiten. Beispiele in der Beschreibung sind: Bernhard mahnt das Pausenende an, er verspricht den Plan anzupassen, er l\u00e4sst die Diskussion um die Medikamente gew\u00e4hren, eine Betreuerin versucht jemanden zum Abr\u00e4umen zu bewegen, Karin l\u00f6st einen einzelnen Insassen aus der Gruppe und beginnt selber mit der Arbeit. Die Insassen kooperieren &#8211; aber erst, nachdem sie sich die Kooperation haben abhandeln lassen und schon die F\u00e4hrte f\u00fcr k\u00fcnftige Neuverhandlungen angelegt worden ist. Die aktuelle L\u00f6sung stellt jetzt n\u00e4mlich schon die Weichen f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen Verhandlungen dar\u00fcber, wer morgen abzuwaschen hat. Es leuchtet unmittelbar ein, dass diese Art des besonders langsamen und in der Alltagsstruktur einer Strafanstalt relativ verhandlungsintensiven Umgangs den insbesondere die &#8222;Dr\u00f6geler&#8220; verursachen, diesen beim Personal den Ruf als besonders m\u00fchsame und aufwendige Insassen eintragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hier ausf\u00fchrlich beschriebene, interaktive Umgangskompetenz mit drogenabh\u00e4ngigen Gefangenen st\u00fctzt sich auf einen als &#8222;folk theory&#8220; (Spradley 1979, 1980) beschreibbaren Sonderwissensbestand einer Insassentypisierung der f\u00fcr viele Situationen einen Rahmen (Goffman 1977) bereitstellt. Das Personal ist in der Beobachtung immer wieder damit besch\u00e4ftigt, die Insassen im Hinblick auf ihren Drogenstatus zu kategorisieren. Es unterscheidet im semantischen Feld &#8222;Dr\u00f6geler&#8220; idealtypisch zwischen den &#8222;Giftlern&#8220; und den &#8222;Paffern&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Giftler&#8220; sind die &#8222;richtigen Dr\u00f6geler, die Fixer&#8220;, von denen angenommen wird, dass sie harte Drogen konsumieren und die auch ausnahmslos wegen Verst\u00f6\u00dfen gegen Bet\u00e4ubungsmittelgesetz oder wegen der Beschaffungskriminalit\u00e4t inhaftiert sind. Die &#8222;Giftler&#8220; umfassen ein relativ breites Spektrum von Personen in Bezug auf die Sichtbarkeit ihres Kontaktes mit harten Drogen. Es finden sich darunter gesundheitlich bereits schwer gezeichnete junge M\u00e4nner mit \u00e4rztlichen Diagnosen wie Hepatitis, HIV-positiven Blutbefunden und fast immer mit auffallend zerst\u00f6rtem Gebiss. Daneben sind jedoch auch durchaus noch gesund wirkende, kr\u00e4ftige und vom harten Drogenkonsum k\u00f6rperlich noch nicht gezeichnete Insassen anzutreffen. Entscheidend f\u00fcr das Personal und die \u00fcbrigen Insassen ist<\/p>\n\n\n\n<p>weniger der auch f\u00fcr Au\u00dfenstehende sichtbare gesundheitliche Zustand eines Mitglieds des Typus &#8222;Giftler&#8220;, als vielmehr was mit dieser Etikettierung mitkommuniziert wird: Diesen Personen kann und darf man nicht trauen und es ist konstant erh\u00f6hte Aufmerksamkeit verlangt. &#8222;Giftler tun alles f\u00fcr die Drogen und die hauen jeden in die Pfanne f\u00fcr ihren Stoff&#8220;, so lautet f\u00fcr die Aufsicht die umgangssprachliche Generalregel. In der Tat ist mit den Drogen eine inoffizielle Unterorganisation der Anstalt verbunden, deren Vorhandensein allgemein zugestanden wird, \u00fcber deren konkrete Ausgestaltung und insbesondere personelle Ausstattung jedoch das Personal nur sehr ungenau informiert ist. Selbstredend f\u00fchrt genau dieses Wissens zu vielen Kontrollen im Gef\u00e4ngnisalltag und diese wiederum kosten nicht nur das Personal, sondern auch die Drogenkonsumenten Sympathie und Kooperation bei den \u00fcbrigen Insassen. In diesem \u00fcbertragenen Sinn ,vergiften&#8216; harte Drogen das Klima in der Anstalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Handlungsinventare werden bei den als &#8222;Paffern&#8220; erkannten Insassen ben\u00f6tigt, die Haschisch und Marihuana konsumieren. Diese H\u00e4ftlinge gelten prinzipiell als friedlich und umg\u00e4nglich, solange sie nicht durch Kontrollen oder andere Einschr\u00e4nkungen &#8222;scharf gemacht werden&#8220;, wie es im Jargon hei\u00dft. Diese Drogenkonsumenten, die, im Unterschied zu den &#8222;Giftlern&#8220;, sich selber auch nicht in eine den Nichtkonsumenten v\u00f6llig verschlossene Subkultur ausgrenzen, l\u00f6sen zudem auch zwei wichtige Probleme f\u00fcr die gesamte Insassenschaft. Erstens beschaffen sie ein fungibles Wertautbewahrungs- und -weitergabemittel an einem Ort, an dem der Geldbesitz durch die Anstaltsorganisation stark eingeschr\u00e4nkt ist, und zweitens verschaffen sie den Insassen ein wirksames Substitut f\u00fcr den verbotenen Alkohol. Dies wird vom Personal durchaus anerkannt, wenn auch nicht gutgehei\u00dfen. F\u00fcr den Umgang mit Cannabiskonsumenten hat sich ein prek\u00e4res Arrangement, nicht un\u00e4hnlich dem au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses, etabliert: Der individuelle Konsum f\u00fchrt, solange er unsichtbar bleibt und nicht provokativ erfolgt, nur sporadisch zu Sanktionen. Jedenfalls erfolgt wegen einer einzigen Marihuanazigarette, auch wenn sie gerochen werden kann, kein Eingriff, sondern bestenfalls ein m\u00fcndlicher Hinweis man solle mit diesem &#8222;Schei\u00df&#8220; aufh\u00f6ren. Der Handel und insbesondere der Transfer in die Anstalt hinein werden hingegen strikt und konsequent geahndet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlussfolgerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Entlang den dem Personal auferlegten Relevanzen der Herstellung eines funktionierenden Anstaltsbetriebes werden die drogens\u00fcchtigen Insassen mit einem speziellen Begriffslexikon in &#8222;native-terms&#8220; (Spradley 1979) sortiert. Die daraus resultierende Unterscheidung von H\u00e4ftlingen macht es m\u00f6glich, eine gro\u00dfe Bandbreite von Insassenverhalten in den Erwartungshorizont des Personals und in die von ihm stabilisierte Anstaltsordnung einzupassen. Das in Personentypisierungen aufbewahrte Wissen enth\u00e4lt in einer Art kommunikativer Stenographie von Bezeichnungsetiketten wichtige Handlungsanleitungen (Berger und Luckmann 1969, S. 33f), und es erschlie\u00dft sich den Forschenden und den Mitgliedern der Gef\u00e4ngniskultur durch seine allt\u00e4gliche Versprachlichung. Die Begriffskategorien als kleine semantische Felder enthalten erfahrungsges\u00e4ttigte Beschreibungen von erwartbarem Verhalten von Insassen und versorgen das Personal mit interpretativen Ressourcen daf\u00fcr, was vorfallen kann und wie man zweckm\u00e4\u00dfigerweise durchaus auch mit Rollendistanz (Goffman 1973b) darauf reagiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wichtigste und gemeinsame Merkmal aller dieser Bezeichnungen liegt in seinem prognostischen und pr\u00e4ventiven Wert, den es f\u00fcr das Personal hinsichtlich des lnsassenverhaltens und -handelns hat. Diese \u201eOrganisationsfolklore&#8220; (Jones et al. 1988), die ein Komplement zum sogenannte Insassencode (11) der Gef\u00e4ngnisliteratur darstellt, ist zentral f\u00fcr das Verstehen und die Dauerhaftigkeit der sozialen Ordnung im Strafvollzug, in dem Drogens\u00fcchtige inhaftiert sind. Sie verhindert Fehler im Umgang mit Insassen, die leicht zu Irritationen und im Extremfall gar zu Gewalt f\u00fchren k\u00f6nnten. (12) Funktional betrachtet ergibt dieses inoffizielle Wissen, das ausschlie\u00dflich in der ethnographischen Beschreibung verschriftet wird, ein wirksames narratives Arsenal f\u00fcr die Aufrechterhaltung der l\u00e4ngerfristigen Kontrolle des Personals \u00fcber die Insassen in der Anstalt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 Ausf\u00fchrlich und speziell f\u00fcr den ethnographischen Ast in der Soziologie hat Honer (1993) diese Position beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Das Material, \u00fcber das hier berichtet wird, stammt aus einer Forschungsarbeit in der kantonalen Strafanstalt Saxerriet im Auftrag des Eidgen\u00f6ssischen Justiz- und Polizeidepartements. Mittels teilnehmender Beobachtung wurde im Rahmen eines sogenannten Modellversuchs (siehe dazu: Bundesamt f\u00fcr Justiz 1996) eine neuartige Vollzugsform, das &#8222;Zusatzprogramm f\u00fcr leistungsschwache Insassen&#8220; evaluiert. Methodisch wurden dabei die Verfahren der ethnographischen Semantik eingesetzt, die theoretisch in die sogenannte &#8222;ethnoscience&#8220; (Werner\/Schoepfle 1987) eingebettet sind (ausf\u00fchrlich dazu: Maeder 1995, 36-84; Maeder\/ Brosziewski 1997).<\/p>\n\n\n\n<p>3 Die kleine, genau erfasste Gruppe von zwischen sechs und acht Insassen, die als sogenannte &#8222;leistungsschwache&#8220; in einer speziellen Vollzugsform untergebracht waren, hat in drei Jahren 28 Vorf\u00e4lle mit Drogen verursacht, die zu einer schriftlichen Eintragung in der Insassendokumentation gef\u00fchrt hat. Vierzehnmal wurde Alkoholkonsum, siebenmal Haschisch-, viermal Heroin- und einmal Kokainkonsum registriert und bestraft.<\/p>\n\n\n\n<p>4 Die Untersuchung der Kultur einer Strafvollzugsanstalt wurde in Anlehnung an die klassischen amerikanischen Gef\u00e4ngnis-Studien von Goffman (1973), Irwin (1970, 1980, 1985) und Sykes (1958) mittels teilnehmender Beobachtung und offenen Interviews durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>5 Eine umfassende Literatur\u00fcbersicht zur englischsprachigen Gef\u00e4ngnisforschung, aus der, von wenigen Ausnahmen abgesehen die genuin soziologischen Konzepte zu dieser Einrichtung stammen, gibt Ditchfield (1990). Ein k\u00fcrzerer \u00dcberblick \u00fcber die zentralen Erkenntnisse zum Gef\u00e4ngnis als einer Sozialisationsagentur findet sich bei Morgan (1994).<\/p>\n\n\n\n<p>6 Zur strukturellen Problematik aufseherischen Handelns zwischen Aufsicht, Kontrolle und Betreuung wird verwiesen auf Schneeberger Georgescu (1996).<\/p>\n\n\n\n<p>7 Die hier vorgenommene Fokussierung auf die Drogenfrage hat zur Folge, dass andere wichtige Dimensionen des semantischen Feldes &#8222;Insasse&#8220; mit seinen Attributen hier ausgeblendet werden. Eine vollst\u00e4ndiges Insassenbezeichungslexikon findet sich in Maeder (1997).<\/p>\n\n\n\n<p>8 &#8222;A sociology of occasions is here advocated. Social organization is the central theme, but what is organized is the co-mingling of persons and the temporary interactional enterprises that can arise therefrom. A normatively stabilized structure is at issue, a &#8217;social gathering&#8216;, but this is a shifting entity, necessarily evanescent, created by arrivals and killed by departures&#8220; (Goffrnan 1967, 2).<\/p>\n\n\n\n<p>9 Aufgrund verhaltensm\u00e4\u00dfiger, medizinisch festgestellter oder sozialversicherungsrechtlich begr\u00fcndeter Unf\u00e4higkeit in den Werkst\u00e4tten der Anstalt zu arbeiten, wurde 1991 das &#8222;Zusatzprogramm f\u00fcr leistungschwache Insassen&#8220; in der Anstalt eingef\u00fchrt. Die dieser Vollzugsform zugeordneten Insassen arbeiten nur am Morgen im Betrieb und werden nachmittags einem sozialp\u00e4dagogischen Programm zugewiesen. Etwa zwei Drittel dieser Insassen waren im Beobachtungszeitraum von vier Jahren noch aktive oder ehemalige Drogens\u00fcchtige, die harte Drogen konsumierten. Knapp mehr als die H\u00e4lfte erhielten in der Anstalt Methadon.<\/p>\n\n\n\n<p>10 Obwohl die Chancen zu handgreiflichen sexuellen Handlungen infolge der extrem dichten sozialen Kontrolle klein sind, m\u00fcssen sie mit der Tatsache fertig werden, dass die Insassen oftmals kleine Zoten an ihre Adressen richten oder anderswie sexuelle Anspielungen und Bewertungen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>11 Als &#8218;Code&#8216;, &#8218;Convict Code&#8216; oder auch &#8218;Inmate Code&#8216; wird in der soziologischen Literatur zum Gef\u00e4ngnis jenes normative Wissen bezeichnet, das den Umgang von Insassen mit dem Personal anleitet. Der Begriff des Code wurde von Clemmer (1940) in die Soziologie des Gef\u00e4ngnisses eingef\u00fchrt und sp\u00e4ter vielfach verfeinert und variiert (siehe dazu Wieder 1974 und Maeder 1995, 10-16).<\/p>\n\n\n\n<p>12 Die Definition und Operationalisierung von Gewalt im Gef\u00e4ngnis ist ein immer noch nicht befriedigend gel\u00f6stes Problem (siehe dazu exemplarisch die Arbeiten in Cohen, Cole und Bailey 1975). F\u00fcr die Gewaltanwendung unter Insassen, sofern sie dem Personal bekannt wird, oder f\u00fcr von Insassen gegen das Personal gerichtete Handlungen, wird in den meisten Anstalten ein Register gef\u00fchrt und es werden Disziplinierungen mit Akteneintrag verh\u00e4ngt. In umgekehrter Richtung, d.h. bei Gewalt von Personal gegen Insassen, gibt es kaum je eine Dokumentation, und die direkte Beobachtung ist praktisch unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturangaben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Berger, P.L.; Luckmann, T.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt a.M., Fischer, 1969.<\/p>\n\n\n\n<p>Bundesamt f\u00fcr Justiz: Modellversuche. Informationen \u00fcber den Straf- und Ma\u00dfnahmenvollzug. 21\/2, 1996.<\/p>\n\n\n\n<p>Cohen, A.K.; Cole, G.F.; Bailey, R.G. (eds.): Prison Violence. Lexington\/Toronto\/London, Lexington Books, 1976.<\/p>\n\n\n\n<p>Cohen, S.; Taylor, L.: Psychological Survival: The Experience of Long-Term Imprisonment. New York, Pantheon, 1972.<\/p>\n\n\n\n<p>Ditchfield, J.: Control in Prisons. A Review ofthe Literature. London, Horne Office, 1990.<\/p>\n\n\n\n<p>Fine, G.A.: Negotiated Orders and Organizational Cultures. In: Annual Review of Sociology, 10, 1984, S. 239-262.<\/p>\n\n\n\n<p>Goffman, E.: On the Characteristics of Total Institutions: The Inmate World. In: Cressey, D.R. (ed.): The Prison. Studies in Institutional Organization and Change. New York, Holt, Rinehart and Winston, 1961a, S. 15-67. t<\/p>\n\n\n\n<p>Goffman, E.: On the Characteristics of Total Institutions: Staff-Inmate Relations. In: Cressey, D.R. (ed.): The Prison. Studies in Institutional Organization and Change. New York, Holt, Rinehart and Winston, 1961b, S. 68-106.<\/p>\n\n\n\n<p>Goffman, E.: Interaction Ritual. Essays on the Face-to-Face Behavior. New York, Pantheon, 1967.<\/p>\n\n\n\n<p>Goffman, E.: Asyle. \u00dcber die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt, Suhrkamp. 1973a.<\/p>\n\n\n\n<p>Goffrnan, E.: Interaktion: Spa\u00df am Spiel, Rollendistanz. M\u00fcnchen, Piper, 1973b.<\/p>\n\n\n\n<p>Goffman, E.: Rahmen-Analyse. Ein Versuch \u00fcber die Organisation von Alltagserfahrung. Frankfurt, Suhrkamp, 1977.<\/p>\n\n\n\n<p>Honer, A.: Lebensweltliche Ethnographie. Ein explorativ-interpretativer Forschungsansatz am Beispiel von Heimwerker-Wissen. Wiesbaden, Deutscher Universit\u00e4ts-Verlag, 1993.<\/p>\n\n\n\n<p>Irwin, J.: The Felon. Englewood Cliffs, Prentice Hall, 1970.<\/p>\n\n\n\n<p>Irwin, J.: Prisons in Turmoil. Toronto, Little Brown and Company, 1980.<\/p>\n\n\n\n<p>Irwin, J.: The Jail. Managing the Underclass in American Society. Berkeley\/Los Angeles\/London, University of California Press, 1985.<\/p>\n\n\n\n<p>Jones, M.O.; Moore, M.D.; Snyder, R.C. (eds.): Inside Organizations. Understanding the Human Dimension. Newbury Park\/London\/New Dehli, Sage, 1988.<\/p>\n\n\n\n<p>Maeder, C.: Vom Fertigmachen. Das Wissen von Experten zur Ordnungspraxis im Gef\u00e4ngnis. In: Hitzler, R.; Honer, A.; Maeder, C. (Hrsg.): Expertenwissen. Die institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit. Opladen, Westdeutscher Verlag, 1994, S. 167-179.<\/p>\n\n\n\n<p>Maeder, C.: In totaler Gesellschaft &#8211; Eine ethnographische Untersuchung zum offenen Strafvollzug. St. Gallen, Dissertation, 1995.<\/p>\n\n\n\n<p>Maeder, C.: &#8222;Schwachi und schwierigi L\u00fc\u00fct&#8220;: Die Bedeutung inoffizieller Insassenkategorien im Strafvollzug. In: Amann, K.; Hirschauer, S. (Hrsg.): Die ethnographische Herausforderung &#8211; Beitr\u00e4ge zur Erneuerung soziologischer Empirie. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1997, S. 125-137 (im Druck).<\/p>\n\n\n\n<p>Maeder, C.; Brosziewski, A.: Ethnographische Semantik: Ein Weg zum Verstehen von Zugeh\u00f6rigkeit. In: Hitzler, R.; Honer, A. (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Opladen, Leske und Budrich, 1997 (im Druck).<\/p>\n\n\n\n<p>McDermott, K.; King, R.D.: Mind Games: Where the Action is in Prisons. In: British Journal of Criminology, 28, 1988, S. 357-377.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgan, R.: Imprisonment. In: Maguire, M.; Morgan, R.; Reiner, R. (eds.): The Oxford Handbook of Criminology, Oxford, Clarendon Press, 1994, S. 889-948.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneeberger Georgescu, R.: Betreuung im Strafvollzug. Das Betreuungspersonal zwischen Helfen und Strafen. Bern\/Stuttgart\/Wien, Paul Haupt, 1996.<\/p>\n\n\n\n<p>Spradley, J.P.: The Ethnographic Interview. New York, Holt, Rinehart &amp; Winston, 1979.<\/p>\n\n\n\n<p>Spradley, J.P.: Participant Observation. New York, Holt, Rinehart &amp; Winston, 1980.<\/p>\n\n\n\n<p>Strauss, A.L.: Continual Permutations of Action. New York, Aldine de Gruyter, 1993.<\/p>\n\n\n\n<p>Sykes, G.M.: Men, Merchants, and Thoughs: A Study of Reactions to Imprisonment. In: Social Problems, 4, 1956, S. 130-138.<\/p>\n\n\n\n<p>Werner, O.; Schoepfle, M.G.: Systematic Fieldwork. Foundations of Ethnography and Interviewing. Newbury Park\/London\/New Dehli, Sage, 1987.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder, L.D.T.: Language and Social Reality. The Case of Telling the Convict Code. Den Haag\/Paris, Mouton, 1974.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen: Busch DOSIS \u00a9 ProLitteris, Christoph Maeder Christoph Maeder &#8222;Dr\u00f6geler, Giftler und Paffer&#8220;: Zum kompetenten Umgang mit drogens\u00fcchtigen Insassen im Strafvollzug Die soziologische Grundfrage, wie soziale Ordnung entsteht und stabilisiert wird (Berger\/Luckmann 1969), stellt sich im Alltag des Strafvollzugs dem praktisch Involvierten nicht in dieser Form. 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