{"id":2880,"date":"2024-02-07T04:07:00","date_gmt":"2024-02-07T02:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2880"},"modified":"2025-03-19T22:57:01","modified_gmt":"2025-03-19T20:57:01","slug":"frauenhandel-4-3_4-4-migration-osteuropa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2880","title":{"rendered":"Frauenhandel 4.3_4.4 Migration Osteuropa"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2893\"><strong>Weiterlesen: Frauenhandel Freierbefragung<\/strong><\/a><br>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.e6296ffa-9225-433d-aad4-af7789bc1258\">is, Rahel Zschokke<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230138-8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"69\" height=\"94\" src=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/9783907230138-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3520\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>4.3 Migrationssituation in Osteuropa nach der Wende<\/strong><strong><br>4.3.1 Hintergrund: Postsozialistische Gesellschaften<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Osteuropa ist weder geopolitisch noch kulturell eine klar definierbare Region. (387) Es gibt zwar grundlegende Tendenzen, die sich von der westeurop\u00e4ischen Entwicklung abheben, aber die Unterschiede unter den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern sind betr\u00e4chtlich. \u201eGenerell kann ein West-Ost-Gef\u00e4lle postuliert werden, das teilweise durch eine Nord-S\u00fcd-Differenzierung zu erg\u00e4nzen ist. Insbesondere lassen sich drei relevante Teilregionen unterscheiden: Ostmitteleuropa, S\u00fcdosteuropa bzw. Balkanregion und die GUS-L\u00e4nder bzw. die Ex-Sowjetunion.\u201c (388) Als vor mehr als zehn Jahren das \u201erealsozialistische System\u2018 zusammenfiel, hofften viele auf bessere Verh\u00e4ltnisse. \u201eDie Erwartungen richteten sich dabei auf eine Verbesserung der Wirtschaftslage, aber auch auf die Bildung demokratischer Verh\u00e4ltnisse, auf eine gerechte, \u201amoralisch\u2018 erneuerte Gesellschaft schlechthin. Heute herrscht in den postsozialistischen Staaten Osteuropas Ern\u00fcchterung vor. Selbst in den ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, die den schwierigen Transformationsprozess am besten bew\u00e4ltigt haben, sieht eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung wenig Grund zum Feiern. Sowohl die Umstellung der Wirtschaft wie die politischen Reformen erwiesen sich als komplizierte Prozesse mit enormen Problemen. Sie brachten auch gro\u00dfe regionale und l\u00e4nderspezifische Unterschiede mit sich, wobei vor allem die L\u00e4nder Ostmitteleuropas und der GUS auseinanderdrifteten\u201c (Juchler, 2001). Auf der Ebene der makro\u00f6konomischen Entwicklung haben die ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4nder wie Slowakei, Slowenien und Polen den wirtschaftlichen Umbau am besten \u00fcberstanden und den R\u00fcckgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) vom Tiefpunkt 1993 (Polen 1991) zum Teil wettgemacht oder den Stand von vor 1989 sogar \u00fcbertroffen (Polen 1999 um einen F\u00fcnftel). Die GUS-L\u00e4nder erzielten klar schlechtere Resultate, mit gro\u00dfen Unterschieden. Russland lag 1999 (1989=100) mit minus 44% ungef\u00e4hr im Durchschnitt der GUS-L\u00e4nder, die Ukraine mit minus 64% deutlich darunter, w\u00e4hrend die s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Staaten zwischen diesen Extremen lagen. Im heftigen Konkurrenzkampf um die Neuverteilung der wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen spielten sozial nicht legitimierte Praktiken eine gro\u00dfe Rolle: Korruption, Steuerbetrug in gro\u00dfem Stil, Hintergehen von Gesetzen und Vorschriften aller Art, Missachtung von Zoll-, Sozial- und Arbeitsgesetzen, direkte Betrugsman\u00f6ver wie Pyramidensysteme von \u201eFinanzgesellschaften\u201c, \u201eVetternwirtschaft\u201c, Monopole der Schattenwirtschaft durch Finanzoligarchien und gew\u00f6hnliche Verbrechen wie Mord. Die makro\u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen und das un\u00fcbersichtliche, sich neu formierende Wirtschaftsgeflecht mit den relativ schwachen Staatsapparaten und den anomischen sozialen Verh\u00e4ltnissen wirkten sich pr\u00e4gend auf die Lebensverh\u00e4ltnisse der betroffenen Bev\u00f6lkerung aus. \u201eDabei resultierten ambivalente Effekte. Einerseits er\u00f6ffneten die Umstellungen auf Marktstrukturen mit ihrem erweiterten Konsumangebot und teilweise auch neuartigen Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten sowie die Umgestaltung der Macht- und Besitzstrukturen mit ihren Mobilit\u00e4tschancen neue M\u00f6glichkeiten; andererseits f\u00fchrten diese Prozesse, gerade im Zusammenhang mit der krisenhaften Adaptation an die neuen Bedingungen, zu schwerwiegenden Problemen. Insgesamt gesehen \u00fcberwogen dabei f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung eher die Nachteile, allerdings mit deutlichen l\u00e4nderspezifischen Unterschieden\u201c (Juchler, 2001). Die Versorgungslage hat sich vor allem in ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern verbessert. Diese \u201eMarktharmonisierung\u201c wurde aber zu einem gro\u00dfen Teil durch Senkung der Reall\u00f6hne und Einkommen erreicht, und f\u00fcr viele verlagerten sich nur die Probleme: Im alten sozialistischen Mangelsystem konnte man nichts kaufen, jetzt fehlte das Geld. \u201eDie Situation verschlimmerte sich sogar, da ein betr\u00e4chtlicher Teil durch die wirtschaftlichen Krisen und die zunehmende Ungleichheit unter ein \u201asoziales\u2018 Minimum gedr\u00fcckt wurde oder in eigentliche Armut fiel. Lebten nach Angaben der Weltbank 1989 in ganz Osteuropa (inklusive der UdSSR) rund 14 Millionen oder 4 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Armut, waren es 1994 schon fast 150 Millionen bzw. Ein Drittel der Bev\u00f6lkerung. Durch die Folgen der j\u00fcngsten russischen Finanzkrise sind sch\u00e4tzungsweise nochmals 20 Millionen dazugekommen, vor allem in Russland selber sowie in andern GUS-Staaten. (389) Obwohl der Bev\u00f6lkerungsanteil in extremer Armut &#8211; mit einem Einkommen unter 1 8 pro Tag &#8211; weniger stark zugenommen hat, zeigte sich auch hier eine massive Verschlechterung. 1998 waren rund 6% davon betroffen, 1987 erst 1%\u201c (Juchler, 2001). Am meisten von der Armut betroffen sind kinderreiche Familien, allein erziehende M\u00fctter und Arbeitslose, eine Armutsstruktur, die mit westlichen L\u00e4ndern vergleichbar ist. W\u00e4hrend im alten System Arbeitslosigkeit kaum oder nur verdeckt aufgetreten war, zeigt sich dies im Postsozialismus als besonders akutes Problem. Zudem entwickelten sich die Realeinkommen ung\u00fcnstig. \u201e1998 war das Niveau immer noch rund 10% geringer als 1989. Auch im internationalen Vergleich waren die Durchschnittsl\u00f6hne sehr bescheiden.\u201c (390) \u201eDer Lebensstandard wurde auch durch den Abbau von Leistungen wie unentgeltlichen Kinderhorten, subventionierten Mieten, staatlichen Gesundheitsdiensten deutlich reduziert. Zudem wurden, vor allem in den GUS-L\u00e4ndern, die L\u00f6hne und Renten oft nicht vollst\u00e4ndig oder nur mit gro\u00dfer Versp\u00e4tung ausgezahlt. Viele konnten sich so nur mit Hilfe von Schreberg\u00e4rten, Schwarzarbeit und Darlehen von Verwandten und Bekannten einigerma\u00dfen \u00fcber Wasser halten\u201c (Juchler, 2001). Die zentralen Ver\u00e4nderungen schufen auf der einen Seite neue soziale Unterschiede, die, \u00e4hnlich wie im alten System wenig legitimiert waren, und machten andererseits die wachsende Armut einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung durch das neue Ph\u00e4nomen der conspicious consumption, eines eigentlichen Protzens einiger Neureicher, sichtbar. Gegen zwei Drittel der Osteurop\u00e4er befinden sich in mehr oder weniger gro\u00dfer wirtschaftlicher Bedr\u00e4ngnis, also der Gro\u00dfteil der Arbeiter, haupts\u00e4chlich aber unqualifizierte Arbeiter und die Bauern. Lebten nach Angaben der Weltbank 1989 in ganz Osteuropa (inklusive der UdSSR) rund 14 Millionen oder 4 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Armut, waren es 1994 schon fast 150 Millionen bzw. ein Drittel der Bev\u00f6lkerung. Durch die Folgen der j\u00fcngsten russischen Finanzkrise sind sch\u00e4tzungsweise nochmals 20 Millionen dazugekommen, vor allem in Russland selber sowie in andern GUS-Staaten. (391)<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den postsozialistischen L\u00e4ndern existiert ein deutliches Ost-Westgef\u00e4lle. In den meisten GUS-Staaten lebte bereits Mitte der 90er Jahre mindestens die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung in Armut. (392) In den am meisten entwickelten ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, Slowenien und Tschechien, waren die Raten mit 1% hingegen sehr gering geblieben. Nur in Polen war die Rate auf rund 20% angestiegen. Noch mehr war sie in den baltischen Staaten angewachsen, w\u00e4hrend in S\u00fcdosteuropa gro\u00dfe Unterschiede herrschten. Rum\u00e4nien wies fast 60% aus, Bulgarien 33%, eine Zahl, die nach der Krise von 1996 nach Angaben der Gewerkschaft 1998 ebenfalls 60% betrug. W\u00e4hrend vor der Wende noch eine geringe, allerdings aufgrund diverser versteckter Privilegien untersch\u00e4tzte Einkommensungleichheit vorgeherrscht hatte, war schon Mitte der 90er Jahre in allen L\u00e4ndern eine gro\u00dfe Ungleichheit feststellbar (Milanovic: 135ff). In den ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern war die Zunahme der Ungleichheit deutlich weniger ausgepr\u00e4gt als in den GUS-Staaten, Dazwischen lagen wiederum die baltischen Staaten sowie die s\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4nder Rum\u00e4nien und Bulgarien.<\/p>\n\n\n\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass unter diesen Umst\u00e4nden eine Mehrheit der Osteurop\u00e4er die wirtschaftliche Situation vor der Wende als besser einsch\u00e4tzt und das ehemalige sozialistische Regime in Umfragen besser bewertet. Die Tendenz, Wert- und Verhaltensorientierungen prim\u00e4r an der Privatsph\u00e4re auszurichten, sieht Juchler als Strategie, um auf diese ung\u00fcnstigen materiellen Verh\u00e4ltnisse, auf die wachsenden und wenig legitimierten sozialen Unterschiede und auf die weit verbreitete Frustration zu reagieren. Die schon zu Zeiten des Realsozialismus angewandte private \u201ePufferstrategie\u201c bindet den Gro\u00dfteil der Ressourcen privat, wodurch die soziale Atomisierungstendenz, die trotz formalem \u201eKollektivismus\u201c bereits im alten System dominierte, kaum abgebaut wird, aber die Einsch\u00e4tzung der eigenen Lage f\u00e4llt weniger dramatisch aus. Auch die im alten System erprobte Flexibilit\u00e4t und Adaptationsf\u00e4higkeit leistet weiterhin ihre Dienste, indem die geringeren Verdienst- und Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten durch die Erschlie\u00dfung anderer Einnahmequellen kompensiert werden. So gaben nach einem Bericht des New Democracies Barometer 1995\u201d nur jeweils eine Minderheit der regul\u00e4r Besch\u00e4ftigen an, der Verdienst reiche f\u00fcr die Deckung der Lebenskosten aus, im Durchschnitt 36%. Die \u00dcbrigen waren auf die eigene Nahrungsmittelproduktion, auf einen Nebenerwerb, auf Unterst\u00fctzung von Verwandten und Freunden oder auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen. Zudem bietet sich mit der tempor\u00e4ren oder langfristigen Migration in reichere L\u00e4nder f\u00fcr viele ein attraktiver Ausweg. \u201eDas \u00e4ndert allerdings nichts an der Tatsache, dass sich die wirtschaftlichsozialen Verh\u00e4ltnisse insgesamt f\u00fcr eine Mehrheit entt\u00e4uschend entwickelt haben. Selbst in den L\u00e4ndern, die makro-\u00f6konomisch eine deutliche Erholung und Stabilisierung erreicht und die Reformen relativ weit vorangetrieben haben, traf dies zu, wenn auch weniger deutlich als in den immer noch von akuten Krisenerscheinungen heimgesuchten L\u00e4ndern\u201c (Juchler, 2001).<\/p>\n\n\n\n<p>Migrationsstr\u00f6me reflektieren die internationale und nationale Arbeitsteilung. Durch die Entwicklungen in Osteuropa und die Aufhebung der Ausreise- und Reisebeschr\u00e4nkungen stieg die Mobilit\u00e4t der Einzelnen. In den ersten 18 Monaten nach dem Fall der Mauer verlie\u00dfen mehr als 1,5 Millionen Menschen die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder. Zugleich gewann aber Mittel- und Osteuropa selbst Bedeutung als Aufnahmeregion, wobei auch hier sehr unterschiedliche Migrationsmuster zum Tragen kommen. In fr\u00fcheren Auswandererl\u00e4ndern gibt es heute neben den Auswanderern auch Einwanderer und Asylbewerber, illegale Arbeitskr\u00e4fte und Touristen, die als Stra\u00dfenh\u00e4ndler oder eben als Prostituierte arbeiten. L\u00e4nder wie Polen, die Tschechische Republik oder Ungarn bef\u00fcrchteten eine Masseninvasion von \u201eTouristen\u201c aus der ehemaligen Sowjetunion, da ein 1993 in Kraft getretenes Gesetz allen Russen ein uneingeschr\u00e4nktes Ein- und Ausreiserecht erlaubte. Dazu steigt die Zahl der Migranten anderer Herkunft, die sich in diesen drei L\u00e4ndern aufhalten, da die urspr\u00fcnglich geplante Weiterreise in den Westen wegen un\u00fcberwindbarer Einreiseschranken abgebrochen werden musste. Die wirtschaftliche Neuordnung und die politischen Ver\u00e4nderungen der Sowjetunion haben auch zur Entwicklung von Saisonwanderungs- und Pendlerstr\u00f6men gef\u00fchrt, was vor allem auf die Aufhebung der Aus- und Einreisebeschr\u00e4nkungen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.\u201d W\u00e4hrend fr\u00fcher die Ausreise eine unwiderrufliche Entscheidung war, ist heute die R\u00fcckreise jederzeit m\u00f6glich. (396)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.2 Frauen als Verliererinnen nach der Wende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie f\u00fcr die Gesamtbev\u00f6lkerung gab es f\u00fcr die Frauen durch den Transformationsprozess positive wie negative Ver\u00e4nderungen. F\u00fcr die Mehrheit \u00fcberwiegen aber insgesamt die Nachteile, und zwar noch ausgepr\u00e4gter als bei den M\u00e4nnern. Es existieren deutliche Unterschiede nach Regionen und L\u00e4ndern, wobei auch hier ein West-Ostgef\u00e4lle vorherrscht. Die Frauen geh\u00f6ren seit der Wende zu den Verliererinnen im postsozialistischen Osten. (397) Die vorhandenen Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Frauen bekommen die negativen Auswirkungen der Aufhebung von sozialer Infrastruktur am unmittelbarsten zu sp\u00fcren. Dazu geh\u00f6rt die Demontage des Sozialstaats ebenso wie der R\u00fcckgriff auf vorsozialistische Gesetze, wie zum Beispiel die Scharia oder kulturelle Muster, die die Gleichstellung der Frauen bedrohen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Frauen h\u00e4ufig auf den unteren Stufen des sozialen Gef\u00e4lles einer Gesellschaft anzutreffen sind, dann liegt das vor allem an ihrer Rolle zur Wahrung der Interessen der nachfolgenden und \u00e4lteren Generation. Das Wohlbefinden der Frauen gilt in der Unicef-Studie \u00fcber Osteuropa als sensibler Indikator genereller gesellschaftlicher Entwicklungen. (398) Unicef stellte sich folgende Fragen: Existierte die Gleichstellung der Geschlechter hinter der Rhetorik des Eisernen Vorhangs? Was haben die sich entwickelnden \u201eMarkt-Demokratien\u201c den Frauen gebracht? Wird der aktuelle und potenzielle Beitrag der Frauen f\u00fcr eine sozial \u201eabgefederte\u201c\u2018 Wende anerkannt und kann er umgesetzt werden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.2.1 Existierte Gender Equality vor der Wende?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Analysen von Entwicklungsindices zeigen, dass die L\u00e4nder im \u00dcbergang einen relativen Vorteil in Bezug auf Gleichstellung und Gesundheit aufweisen, wenn man sie mit L\u00e4ndern auf einem \u00e4hnlichen Entwicklungsniveau au\u00dferhalb dieser Region vergleicht. Dieser Befund kann mit den Errungenschaften der fr\u00fcheren kommunistischen Regierungen erkl\u00e4rt werden, die einen besseren Zugang zu medizinischer Grundversorgung, zu Bildung und zu bezahlter Arbeit f\u00fcr Frauen garantierte. So l\u00e4sst sich denn Besch\u00e4ftigungsrate f\u00fcr Frauen wie auch die gender-spezifischen Lohnunterschiede vor der Wende mit den Werten von Schweden bzw. den USA und Frankreich vergleichen. Au\u00dferdem verf\u00fcgten berufst\u00e4tige Frauen \u00fcber den Zugang zu gut ausger\u00fcsteten Familien- Unterst\u00fctzungs- und Kinderh\u00fctediensten, Mutterschaftsurlauben, reservierten Arbeitspl\u00e4tzen nach der Mutterschaft und Tageshorten f\u00fcr Schulkinder \u2014 ein Angebot, von dem Schweizer Frauen nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.2.2 Indikatorenliste f\u00fcr Gender Equality<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Folgende Indikatoren zur Gleichstellung der Geschlechter entwickelte u.a. Unicef (1999), um internationale Vergleiche machen zu k\u00f6nnen.<br><strong>1. Politik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Wende sa\u00dfen Frauen auf ca. einem Drittel der Parlamentssitze, ein Anteil, der nur mit den nordischen, westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern vergleichbar war. Dieser Anteil sackte nach den ersten demokratischen Wahlen massiv ab. Dies kann so interpretiert werden, dass das kommunistische Regime nicht in der Lage war, die politische Gleichstellung auch soziokulturell zu verankern, aber auch, dass das demokratische politische System die reellen Machtverh\u00e4ltnisse ad\u00e4quater spiegelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Wirtschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnfzehn Jahre nach der Wende zeigt sich, dass Frauen vor allem im \u00f6ffentlichen Sektor Arbeit finden, w\u00e4hrend ihre m\u00e4nnlichen Kollegen leichter in der Privatwirtschaft Fu\u00df fassen konnten. Dies erkl\u00e4rt sich aus dem h\u00f6heren Wettbewerbsdruck in der Privatwirtschaft, die sich den globalisierten \u00f6konomischen Herausforderungen anzupassen sucht. Der Staat hingegen, den W\u00e4hlern und W\u00e4hlerinnen verpflichtet, erweist sich als sozialer Arbeitgeber und federt dort ab, wo es die Privaten aus Gr\u00fcnden des Wettbewerbdrucks nicht zu tun bereit sind, eine Tendenz, die f\u00fcr die lokale Gesellschaft verheerende soziale Folgen haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Arbeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frauen hatten im alten Regime nicht die gleichen Karrierechancen wie M\u00e4nner. Hier kann man von Occupational Segregation sprechen, denn die Frauen waren unter Parteif\u00fchrern, Planern und Direktoren von gro\u00dfen staatlichen Betrieben untervertreten, genau die Positionen, die \u00f6konomisch und gesellschaftlich eine Rolle spielten. Nun fallen die Reall\u00f6hne unter gleichzeitigem Druck auf die Zahl der Arbeitspl\u00e4tze. Begleitet wird diese Tendenz durch heftig steigende Lohndifferenzen. Die Regierungen haben gewaltige Einbu\u00dfen bei den Steuereinnahmen hinnehmen m\u00fcssen, da sie offenbar nicht in der Lage waren, ad\u00e4quate Steuererh\u00f6hungen durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1989 sind in den postsozialistischen L\u00e4ndern gesch\u00e4tzte 28 Millionen Arbeitspl\u00e4tze verloren gegangen, wovon \u00fcber die H\u00e4lfte von Frauen besetzt waren. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist in diesem Zeitraum von fast Null auf \u00fcber zehn Millionen angewachsen. Beispielsweise betrug 1997 der Frauenanteil an Arbeitslosen sechs Millionen, also wiederum ein deutlich h\u00f6herer Anteil als die vergleichbare M\u00e4nnerquote. Die Dunkelziffer der Arbeitslosen und Ausgesteuerten d\u00fcrften unterdessen enorme Ausma\u00dfe angenommen haben, wobei aufgrund von Erfahrungen im Westen auch hier der Anteil der Frauen deutlich h\u00f6her ausfallen d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Familie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen bezahlen am Arbeitsplatz einen hohen Preis f\u00fcr die Wende und haben auch im Haushalt das schlechtere Teil erhalten: Obwohl ein Familienhaushalt immer noch auf zwei Einkommen angewiesen ist, finden verheiratete M\u00e4nner offenbar eher einen Job als verheiratete Frauen. Aufgrund fehlender Kinderbetreuungseinrichtungen sind Frauen teilweise bei ihrer Arbeitssuche behindert, weil sie Kinder versorgen m\u00fcssen. Dies ist sicher mit ein Grund, dass die Geburtenrate um 10 bis 50% zur\u00fcckgegangen ist. Ein drastisches Resultat, vielleicht dazu geeignet, kurzfristige Probleme zu l\u00f6sen, das aber l\u00e4ngerfristig wiederum fatale soziale Folgen haben kann, wie die \u00dcberalterungsproblematik im Westen zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Gesetze eine gleiche Machtverteilung in der Ehe vorsahen, belief sich bereits vor der Wende die Doppelbelastung der Frauen auf etwa 70 Stunden pro Woche, verglichen mit 55 Stunden in Westeuropa.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Gleichstellung ist die Gewalt gegen Frauen, vor allem die h\u00e4usliche Gewalt, die offenbar in diesen Regionen weit verbreitet war und offenbar immer noch ist. Ein Thema, das in Westeuropa leider ebenso aktuell ist, gilt doch beispielsweise die Schweiz h\u00e4usliche Gewalt als gr\u00f6\u00dftes Sicherheitsrisiko.<br><strong>5. Gesundheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die neonatale Sterblichkeitsraten wiesen im alten Regime eine sehr hohe Varianz auf und lagen teilweise weit \u00fcber den WHO Richtlinien, obwohl f\u00fcr Spezialprogramme in diesem Bereich sehr viel Geld ausgegeben wurde. Auf Gesundheitsrisiken wurde ebenso wenig geachtet wie auf eine gesunde Lebensf\u00fchrung, worauf Zahlen \u00fcber Alkoholmissbrauch und Fehlern\u00e4hrung schlie\u00dfen lassen. Familienplanung fand kaum statt. Die Fruchtbarkeitsrate unter Teenagern betrug oft ein Mehrfaches der westlichen L\u00e4nder, und medizinische Abtreibungen waren leichter zu haben als Ma\u00dfnahmen zur Familienplanung. Fremdplatzierungen von S\u00e4uglingen und Kinder in Heime zu geben waren mit weniger Umtrieben verbunden als Elternbeihilfe zu bekommen. Die Erkenntnis hat sich langsam durchgesetzt, dass M\u00e4nner und Frauen gesundheitlichen Risiken unterschiedlich ausgesetzt sind und anders darauf reagieren. Jedenfalls wird die Gesundheit der Frauen in Osteuropa nach der Wende durch niedriges Einkommen, gr\u00f6\u00dfere Einkommensdifferenz und reduziertes Gesundheitswesen beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. Bildung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz allem weisen doch einige Zahlen nach oben, so zum Beispiel im Bereich Bildung, in welchem die Frauen in einzelnen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern sehr gut abschneiden. Als Schl\u00fcsselfaktor kann dieser Bereich die Ressourcen von Frauen auf den neuen M\u00e4rkten g\u00fcnstig entwickeln und unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.2.3 Frauen und Migration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Ukraine wurden Ende der neunziger Jahre 1100 Frauen i im Alter zwischen 15 und 35 Jahren zu ihrer Migrationsbereitschaft befragt. (399) F\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Frauen, n\u00e4mlich f\u00fcr 54%, w\u00e4re ein \u201ebesseres Einkommen\u201c die st\u00e4rkste Triebkraft, um ins Ausland zu migrieren, gefolgt von \u201eArbeit finden\u201c, was 32% der Befragten als Hauptmotivation zur Migration angaben. Die Wahl \u201eStartkapital sparen\u201c (5%) deutet darauf hin, dass diese Befragten die Opportunit\u00e4ten des Westens lediglich als kurzfristiges \u201eSprungbrett\u201c nutzen m\u00f6chten, um nach der R\u00fcckkehr ins Herkunftsland bessere Chancen im Erwerbsleben zu haben. Beachtliche 10% f\u00fchlen sich vom \u201ewestlichen Lebensstil\u201c und der \u201epolitischen Freiheit\u201c angezogen, ein Hinweis auf die sozio-kulturelle Attraktivit\u00e4t und die Wertsch\u00e4tzung demokratischer Errungenschaften westlicher Gesellschaften. Die restlichen Befragten gaben \u201eFamilienzusammenf\u00fchrung\u201c oder andere Gr\u00fcnde an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eArbeitslosigkeit\u201c nahmen 25% der Befragten als gr\u00f6\u00dftes Problem im Heimatland wahr, gefolgt von \u201eKorruption\u201c (16%), \u201e\u00f6konomischer Krise\u201c (15%), \u201eArmut\u201c (14%) und \u201emangelnde Zukunftsperspektiven\u201c (9%). Von \u201eKriminalit\u00e4t\u201c und \u201eGewalt\u201c f\u00fchlten sich 4% am st\u00e4rksten bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau ist gef\u00e4hrdet, Opfer von Frauenhandel zu werden, wenn ihre Ausreisebereitschaft gro\u00df ist und wenn sie Optionen, die einer Migration entgegenstehen k\u00f6nnten, nicht wahrnimmt, nicht wahrnehmen kann oder diese tief bewertet. Daraus lassen sich die Gr\u00fcnde ableiten, die migrationsbereite Frauen von einer Migration abhalten k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die H\u00e4lfte der Frauen, die ausreisen m\u00f6chten, w\u00fcrde eine bezahlte Arbeit in ihrer Heimat davon abhalten, die Ukraine zu verlassen (58% Nennungen, Mehrfachnennungen). Mit 35% Nennungen an zweiter Stelle steht die \u201eAngst\u201c der Frauen, im Ausland \u00fcbervorteilt zu werden, gefolgt von \u201efamili\u00e4ren Verpflichtungen\u201c (33%). Auch f\u00fcrchten sie, aus Mangel an Informationen im Ausland keine Chancen zu haben (24%). Fehlende Finanzen spielen bei 22% eine Rolle, je 15% werten ihre fehlenden Fremdsprachenkenntnisse, die fehlende Berufsausbildung und unzureichende Reisedokumente als Schranken. Die Nennung \u201eNegative Erfahrungen mit Freunden\u201c, die 7% der Frauen von einer Reise ins Ausland abh\u00e4lt, ist deshalb relevant, da \u201eFreunde und Bekannte\u201c von 80% der Befragten als wichtigste Informationsquelle \u00fcber Frauenhandel und sexuelle Ausbeutung im Ausland wahrgenommen werden, weit vor \u201eLekt\u00fcre\u201c und \u201eDiskussionsveranstaltungen\u201c (48%) oder Informationen von Frauenorganisationen (12%).<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Umfrage (repr\u00e4sentatives Sample von \u00fcber 15- bis 30-j\u00e4hrigen Polen) \u00fcber die Bereitschaft zur Schwarzarbeit im Ausland. (400) Entschieden Ja sagten 11%, eher Ja 14%, eher Nein 21%, entschieden Nein 52%. Insgesamt war also rund ein Viertel geneigt, eine Schwarzarbeit anzunehmen. Bei den Frauen waren es allerdings nur gut 16%, bei den M\u00e4nnern ein Drittel. 95% gaben aber an, dass man zu Offerten, die Frauen eine attraktive gut bezahlte Arbeit im Westen anbieten, kein Vertrauen haben k\u00f6nne. 93% hatten auch schon von Frauenhandelsf\u00e4llen geh\u00f6rt, vor allem aus den Medien. Aufgrund dieser Zahlen kann das Potenzial von Frauen, die in Polen auf die g\u00e4ngigen Anwerbungsmethoden \u201ehereinfallen\u201c k\u00f6nnten, nicht sehr hoch sein. Bei der eigentlichen Zielgruppe, den j\u00fcngeren Frauen zwischen 15 und 30, ist allerdings sowohl die Bereitschaft wie das Vertrauen etwas gr\u00f6\u00dfer, so dass yon einem Opferpotential im niedrigen Prozentbereich ausgegangen werden kann. (401) Das scheint zwar gering zu sein; in absoluten Zahlen sind das aber an die 100\u2019000 junge Frauen und M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>In anderen L\u00e4ndern d\u00fcrften es wesentlich mehr sein, da der Informationsstand bisher eher d\u00fcrftig war und erst in letzter Zeit vermehrt Kampagnen angelaufen sind, die meist, yon internationalen Organisationen wie der IOM oder der EU unterst\u00fctzt werden. (402) In Ungarn ergab eine k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrte Umfrage, dass 50% der 13- bis 24-j\u00e4hrigen Frauen sagten, sie wollten im Ausland arbeiten; 40% davon meinten aber gleichzeiti itig, sie w\u00fcssten nicht, wie sie die damit verbundenen Gefahren vermeiden k\u00f6nnten. (403) In Tschechien ergab eine Untersuchung nach einer breit angelegten Informationskampagne, die in den Medien gestartet und Ende Februar 2000 beendet worden war, dass damit nur 51% der Zielgruppe junger M\u00e4dchen und Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren erreicht wurde. W\u00e4hrend Ungarn und Tschechien zu den L\u00e4ndern geh\u00f6ren, in denen der unmittelbare materielle Druck auf junge Frauen weniger stark ist, sieht es in L\u00e4ndern wie Bulgarien, der Ukraine oder Russland deutlich schlechter aus, obwohl auch dort in letzter Zeit vermehrt auf die Thematik aufmerksam gemacht worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefahren werden angesichts des lockenden Angebots und der eigenen Perspektivlosigkeit oft verdr\u00e4ngt. Hier sind die Ergebnisse einer allerdings kleinen Umfragestudie unter ausreisebereiten Russinnen aufschlussreich. Selbst unter denjenigen, die in \u201eHoch-Risiko-Besch\u00e4ftigungen\u201c wie Tanzlokalen, Bars usw. einen Job in Aussicht hatten, waren sich zwar 52% der M\u00f6glichkeit sexueller Ausbeutung bewusst, meinten aber, dass sie es schon schaffen w\u00fcrden, dem zu entgehen, w\u00e4hrend 40% eine solche M\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt verneinten. (404) Dabei spielte eine mehr oder weniger bewusste Kalkulation der Risiken mit eine Rolle. An einem Arbeitsplatz in Russland werde man oft zu sexuellen Handlungen gen\u00f6tigt, ohne jedoch viel damit verdienen zu k\u00f6nnen. (405)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.3 Frauenhandel und Prostitution<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Wende von 1989\/90 waren Frauen aus Osteuropa im westlichen Sexgesch\u00e4ft kaum vertreten und Frauenhandel war kein Thema. Das hat sich in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren gr\u00fcndlich ge\u00e4ndert. Heute sind Prostituierte aus Osteuropa, vor allem aus Polen, Tschechien und Bulgarien, sowie aus GUS-L\u00e4ndern wie Russland und der Ukraine in vielen westlichen L\u00e4ndern aktiv, Frauenhandel ist zu einem wichtigen gesellschaftlichen Problem geworden. Das h\u00e4ngt nicht nur mit der generellen Globalisierung zusammen, sondern vor allem mit den Ver\u00e4nderungen in Osteuropa selbst, die sich nach der Wende von 1989\/90 abgespielt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.3.1 Voraussetzungen f\u00fcr Prostitutionsmigration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ver\u00e4nderungen der wirtschaftlich-sozialen Lage sind besonders typisch und von einiger Relevanz f\u00fcr die Entwicklung der Prostitution und des Frauenhandels. Im realsozialistischen System hatten zwar gerade die Frauen durch die Mangelwirtschaft mit ihrem schlechten Angebot und den Warteschlangen gelitten, was sich nach der Wende massiv verbesserte. Aber die wirtschaftlich-soziale Sicherheit verschlechterte sich f\u00fcr sie besonders deutlich, so dass viele nicht oder nur partiell vom reichhaltigeren Konsumangebot profitieren konnten. Die Frauen waren u.a. von der Arbeitslosigkeit st\u00e4rker betroffen als die M\u00e4nner. Ende 1990 waren z.B. in Polen insgesamt 6,5% aller Besch\u00e4ftigten oder 1,126 Millionen Personen arbeitslos; davon waren etwas mehr als die H\u00e4lfte Frauen. Ende 1995 betrug die Zahl 14,9% oder 2,629 Millionen; darunter bereits 55% Frauen. Ende 1998 war die Arbeitslosigkeit auf 10,4% oder 1,826 Millionen zur\u00fcckgegangen, aber der Anteil der Frauen betrug nun 58,5%. Im M\u00e4rz 2000 schlie\u00dflich hatte sich die Arbeitslosigkeit erneut auf 13,9% bzw. 2,534 Millionen erh\u00f6ht; darunter 54,4% Frauen. Unter 24-J\u00e4hrige, die 1998 \u00fcber 30% aller arbeitslosen Frauen ausmachten, waren besonders stark betroffen. (406) In andern L\u00e4ndern, insbesondere den GUS-L\u00e4ndern, ist der Frauenanteil bei der Arbeitslosigkeit noch h\u00f6her. In Russland z.B. betrug er 1996 durchschnittlich zwei Drittel, in bestimmten Regionen sogar bis zu 85%. (407)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.3.2 Bereitschaft zur Prostitutionsmigration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ber\u00fccksichtigt man zudem den in Umfragen festgestellten Wertewandel (Verschiebungen von traditionellen, auf Familie und Sicherheit ausgerichteten Werthaltungen zu Pr\u00e4ferenzen in Richtung Karriere und Geldbesitz) sowie eine gr\u00f6\u00dfere \u201eLiberalisierung\u201c gegen\u00fcber abweichenden Verhaltensweisen ergibt sich, dass die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen der Transformationsphase die Bereitschaft der Frauen zur Prostitution f\u00f6rderten. Unter den neuen Verh\u00e4ltnissen, wo grunds\u00e4tzlich alle materiellen G\u00fcter \u00fcber die Ressource Geld zug\u00e4nglich sind und diese G\u00fcter f\u00fcr eine wachsende Zahl hohe Priorit\u00e4t gewinnen, ist gelegentliche oder professionelle Prostitution als relativ lukrative oder leicht zug\u00e4ngliche Einnahmequelle deutlich attraktiver geworden. \u201eDies gilt umso mehr, als die \u201anormalen\u2018 Wege zur Erlangung materieller G\u00fcter durch geringe L\u00f6hne, schlechte Karrierechancen sowie direkte Stressfaktoren wie Arbeitslosigkeit und Armut massiv eingeschr\u00e4nkt und die sozialen und psychologischen Hemmschwellen durch einen gesellschaftlichen Wertewandel reduziert sind. Dabei wird etwa im Rahmen der Marktliberalisierung auch die vorherige offiziell vorherrschende Pr\u00fcderie durch ein breites \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliches Angebot an Sex-Produkten abgel\u00f6st. (408)<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen differieren laut Juchler (2001) die sozialen Milieus der der Prostitution nachgehenden Frauen. In Polen reichten sie z.B. von gut gebildeten Studentinnen bzw. Hochschulabsolventinnen bis zu wenig gebildeten, vom Land kommenden Frauen ohne Berufsperspektiven. Dabei existieren, noch mehr als im Westen, unterschiedliche Formen der Prostitution, die meist mit den Herkunftsmerkmalen korrelieren. In exklusiven Call-Girl-Ringen finden sich vor allem gebildete, gro\u00dfst\u00e4dtische Frauen, in der Hotelprostitution und Massagesalons bzw. Fitnessclubs bis hin zur Stra\u00dfenprostitution und der gelegentlichen Hausfrauen-Prostitution oder Weekend-Prostitution in Kleinst\u00e4dten und D\u00f6rfern anteilsm\u00e4\u00dfig mehr Frauen aus tieferen Schichten. (409) W\u00e4hrend vor der Wende praktisch nur die Hotelprostitution praktiziert wurde, nahmen danach die Massagesalons stark zu, sp\u00e4ter auch die Stra\u00dfenprostitution, die vor allem an bestimmten Autobahnstrecken floriert. Aufgrund l\u00e4nderspezifischer Besonderheiten existieren unterschiedliche Akzentsetzungen: Im kleinen baltischen Estland gibt es zum Beispiel praktisch keine Stra\u00dfenprostitution, w\u00e4hrend diese in Lettland und Litauen ausgepr\u00e4gt ist. Am ausgepr\u00e4gtesten und sichtbarsten ist sie jedoch in Moskau, wo sie alle anderen Formen dominiert.(410)<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Prostitution, allerdings verdeckter, auch zu sozialistischen Zeiten existierte, hat sie nicht nur wegen des gr\u00f6\u00dferen und zug\u00e4nglicheren \u201eAngebots\u201c, sondern auch wegen der gestiegenen \u201eNachfrage\u201c seit der Wende zugenommen. Daran sind nicht nur die zahlreicheren Touristen beteiligt, die sich dank des immer noch gro\u00dfen, teilweise sogar horrenden Wechselkursgef\u00e4lles die luxuri\u00f6seren Formen der Prostitution leisten k\u00f6nnen, sondern auch die einheimischen M\u00e4nner, die aus finanziellen Gr\u00fcnden mehrheitlich billigere Varianten, insbesondere Stra\u00dfenprostitution, konsumieren. Zudem werden meist auch die gesetzlichen Bestimmungen liberaler gehandhabt und, noch wichtiger, die Justizorgane und die Polizei sind durch \u00dcberforderung und Korruption weniger imstande, die illegalen Erscheinungen wie etwa Kinderprostitution, Schutzgelderpressungen oder den Frauenhandel zu bek\u00e4mpfen. Recherchen vor Ort best\u00e4tigen dies und ergaben \u00fcbereinstimmend, dass die Beh\u00f6rden wenig Interesse zeigen, die Problematik um Frauenhandel, Prostitution und Prostitutionsmigration wahrzunehmen oder gar zu bek\u00e4mpfen, da dieser Erwerbszweig die Sozialhilfekassen wesentlich entlastet. (411)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.3.3 Das Ausma\u00df der Prostitution<\/strong><br>\u00dcber das Ausma\u00df der Prostitution in Osteuropa existieren nur grobe und unzuverl\u00e4ssige Sch\u00e4tzungen. Hohe Zahlen werden zum Beispiel f\u00fcr Moskau angegeben. Dort wurde die Zahl der im Sexgewerbe t\u00e4tigen Frauen Mitte 1999 nach einem starken Anstieg in den letzten Jahren von offiziellen Stellen auf rund 60&#8217;000 gesch\u00e4tzt (bei einer Einwohnerzahl von gut 8 Millionen), wobei viele Frauen, die meist aus den umliegenden Regionen stammen, nur f\u00fcr eine bestimmte Zeit der Prostitution nachgehen, um ihre prek\u00e4re materielle Situation zu sanieren. (412) Im kleinen Lettland mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern wird die enorm angestiegene Zahl der Prostituierten auf 10&#8217;000 bis 15&#8217;000 gesch\u00e4tzt, in Litauens Hauptstadt Vilnius mit seinen 600&#8217;000 Einwohnern auf rund 1000 bis 5000. (413) Das sind relativ hohe Zahlen, wenn man sie mit entsprechenden Angaben aus westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern vergleicht, etwa mit der Schweiz, wo die Zahl auf etwa 14\u2019000 Frauen, einschlie\u00dflich der Prostitutionsmigrantinnen, gesch\u00e4tzt wird. (414) Auch in Polen wurde 1998 allein die Zahl der in der Stra\u00dfenprostitution t\u00e4tigen Frauen mit rund 10&#8217;000 angegeben. (415) Interessant ist, dass davon rund 40% Ausl\u00e4nderinnen waren, deutlich mehr als noch Anfang der 90er Jahre. Die meisten kamen aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, wo die L\u00f6hne und die wirtschaftlich-sozialen Bedingungen deutlich schlechter waren, etwa aus den Balkanstaaten Bulgarien und Rum\u00e4nien oder den GUS-Staaten Ukraine, Wei\u00dfrussland oder Russland. Diese 14- bis 35-j\u00e4hrigen Frauen verdienten auch deutlich am wenigsten: rund 20 bis 50 Zloty f\u00fcr einen Freier (8 bis 20 Franken), wobei der h\u00f6here Tarif f\u00fcr ungesch\u00fctzten Geschlechtverkehr bezahlt wurde, der von den meisten Polinnen nicht mehr angeboten wurde. In den exklusiven Call-Girl-Ringen bezahlten Freier hingegen bis zu 1\u2019500 Zloty, also immerhin gegen 600 Franken. Auf dem Arbeitsmarkt waren im Jahr 1999 gem\u00e4\u00df polnischen Sch\u00e4tzungen 200&#8217;000 bis 500&#8217;000 \u201eSchwarzarbeiterInnen\u201c aus dem Osten aktiv. (416) W\u00e4hrend Prostituierte aus den besser gestellten L\u00e4ndern Osteuropas, insbesondere den mittelosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern Polen, Ungarn und Tschechien, verst\u00e4rkt in die lukrativeren M\u00e4rkte westlicher L\u00e4nder dr\u00e4ngten, arbeiteten Prostituierte aus schlechter gestellten L\u00e4ndern wie Bulgarien, Ukraine und Russland und selbst aus asiatischen GUS L\u00e4ndern wie Kazachstan vermehrt in den relativ zug\u00e4nglichen ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Allerdings war auch eine gro\u00dfe und schnell wachsende Zahl aus den bev\u00f6lkerungsreichen GUS-L\u00e4ndern, vor allem aus Russland und der Ukraine, im Sexgewerbe westlicher L\u00e4nder t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.3.4 Die Methoden von Frauenhandel: freiwillig &#8211; unfreiwillig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, inwieweit sich Frauen freiwillig in die Abh\u00e4ngigkeit von Anwerbungs- und Vermittlerorganisationen begeben oder ob sie gewaltsam entf\u00fchrt, verschleppt oder unter falschen Versprechungen gelockt wurden, ist f\u00fcr eine praktikable und anerkannte Definition von Frauenhandel zwecks Bek\u00e4mpfung und Rechtsprechung zentral. Die Beurteilung der \u201eFreiwilligkeit\u201c \u00e4ndert aber wom\u00f6glich wenig an den Einflussm\u00f6glichkeiten auf die von physischem und psychischem Druck und finanziellen Zwangssituationen gepr\u00e4gten Erwerbsbedingungen, denen sich Frauen im internationalen Prostitutionsmarkt ausgesetzt sehen. Dazu die Aussage einer Prostitutionsmigrantin w\u00e4hrend eines Interviews: \u201eBald werde ich zum vierten Mal nach Deutschland reisen. Eine Freundin kommt mit, eine andere hat sich noch nicht entschieden. Ich habe sie ehrlich informiert, dass sie nicht im Service arbeiten, sondern dass sie M\u00e4nnern zu Diensten sein m\u00fcssen. Ich helfe ihnen mit den Reisedokumenten, und sie bezahlen mir sp\u00e4ter je 500 DM.\u201c (417)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Analyse von Gerichtsentscheiden und Polizeiprotokollen und bei Interviews mit betroffenen Frauen, NRO, Opferhilfestellen, Migrations\u00e4mtern und Polizeistellen waren keine F\u00e4lle von gewaltsam in die Prostitution verschleppten Frauen bekannt. NRO und internationale Hilfswerke in Herkunfts- und Transitl\u00e4ndern der internationalen Prostitution gehen jedoch von gesch\u00e4tzten 10 bis 15% Frauen und M\u00e4dchen aus, die unter Anwendung von Gewalt ihrer Freiheit beraubt und der internationalen Prostitution zugef\u00fchrt werden. (418)<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich risikofreudiges Verhalten oft zum Schaden der Frauen umkehrt, ist zu vermuten. Unterst\u00fctzt durch h\u00e4usliche Gewalt gegen Frauen und verst\u00e4rkt durch ethnische Konflikte, in denen Gewalt gegen Frauen als Waffe im Krieg (419) eingesetzt wird, scheint sich die Kultur der Instrumentalisierung von Frauen bis in die westeurop\u00e4ischen St\u00e4dte auszubreiten, wohin Frauen zwecks Einkommenserwerb auf dem Sexmarkt unter verschiedensten Bedingungen gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Opfer von Frauenhandel kehrten laut IOM-Bericht (1999, S.96) in die Ukraine zur\u00fcck, nachdem es ihnen gelungen war, aus den Sexclubs und Bordellen zu fl\u00fcchten. Aber viele junge Frauen in vergleichbaren Situationen sind verzweifelt \u00fcber die Situation zuhause: \u201eEs war schrecklich dort, und ich versuchte nach Hause zu kommen. Aber was muss ich hier sehen? Dort war es wenigstens sch\u00f6n und sauber\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Statements haben gro\u00dfen Einfluss auf die Entscheidung von Frauen und M\u00e4dchen, sich Frauenhandel auszusetzen oder nicht, denn die meisten potenziellen Prostitutionsmigrantinnen verlassen sich auf den Rat und die Informationen ihrer Freundinnen und Bekannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern mit erschwertem Zugang zu westlichen L\u00e4ndern (insbesondere wegen des Visumszwangs) sind Formen des Frauenhandels h\u00e4ufig. Denn selbst\u00e4ndige Migration ist kaum m\u00f6glich, und meist fehlt auch das Geld f\u00fcr die Reisekosten und die Beschaffung der erforderlichen Reisedokumente. Bulgarien, das wirtschaftlich-sozial stark zur\u00fcckgefallen ist, liefert ein illustratives Beispiel f\u00fcr die s\u00fcdosteurop\u00e4ische Region. Nach einer Recherche einer bulgarischen Zeitschrift waren von 345 Agenturen, die \u201eJobs\u201c im Westen anboten, nur 45 legal zugelassen; selbst von diesen war keine einzige im Bereich Tourismus oder Showbusiness spezialisiert. Die Zahl der vom Frauenhandel betroffenen Opfer wird von einer einheimischen, bulgarischen Hilfsorganisation auf 10\u00b0000 gesch\u00e4tzt, wobei die untere Altersgrenze der Frauen bis 14 Jahre reichte. Oft sind es \u201enaive\u201c M\u00e4dchen vom Lande, zum Teil aber auch gebildete Frauen mit Sprachkenntnissen, die sich einen Ausweg aus ihrer prek\u00e4ren materiellen Situation erhoffen oder einfach gut bezahlte Jobs im Westen erlangen wollen. Auch der eigentliche \u201eVerkauf\u201c durch die Familie ist bekannt, vor allem bei mittellosen Romas. (420) Besonders betroffen vom Frauenhandel sind die europ\u00e4ischen GUS-L\u00e4nder. Ein typisches Land ist die Ukraine, wo die wirtschaftliche Lage selbst f\u00fcr GUS-Verh\u00e4ltnisse besonders prek\u00e4r ist. Hier wurde die Zahl der im ausl\u00e4ndischen Sexgewerbe t\u00e4tigen Frauen von offiziellen Stellen auf \u00fcber 100\u2019000 gesch\u00e4tzt, davon taten dies rund 85% gegen ihren Willen. (421) Diese gesch\u00e4tzte Zahl scheint allerdings stark \u00fcbertrieben, wird doch beispielsweise in Albanien, einem Transit- und Exportland von Prostitutionsmigrantinnen, mit etwa 10 bis 15% gewaltsam in die Prostitution verschleppten Frauen gerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl einige westliche Studien zum Schluss kommen, dass die Zahl der direkt oder indirekt ins Sexgewerbe gezwungenen Frauen aus den GUS-Staaten hoch ist, (422) l\u00e4sst sich dies aufgrund der vorliegenden Schweizer Daten nicht best\u00e4tigen. Es fehlen zudem komparative, l\u00e4nder\u00fcbergreifende Studien. Auch ist weder der Begriff Frauenhandel noch die Rechtslage in den einzelnen L\u00e4ndern harmonisiert, und die Rechtspraxis und Rechtsprechung ist nicht ohne weiteres vergleichbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.3.5 Bek\u00e4mpfung von Prostitution und Frauenhandel in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im besser gestellten und westerfahreneren Polen sch\u00e4tzte die Polizei die Zahl der F\u00e4lle von gewaltsamem Frauenhandel f\u00fcr das Jahr 1997 auf nur rund 200, wobei etwa 60% der Frauen schon in Polen Prostituierte gewesen sein sollen (Juchler, 2001). (423) F\u00fcr den Zeitraum 1995-1998 wurden nach Angaben der Justizministerin 131 F\u00e4lle abschlie\u00dfend untersucht, wobei 709 Frauen betroffen waren, nicht nur Polinnen, sondern auch Frauen aus anderen osteurop\u00e4ischen Nationen. In Polen mit 40 Millionen Einwohnern sind, auf die Bev\u00f6lkerungszahl bezogen, deutlich weniger Frauen betroffen als beispielsweise in Bulgarien mit 8 Millionen Einwohnern oder in der Ukraine mit 51 Millionen. Zudem scheint der Trend wieder abzunehmen. 1994 wurden in Polen von der Polizei immerhin 52 F\u00e4lle von Frauenhandel aufgedeckt, 1995 noch 36 und 1997 27 F\u00e4lle, 1998 nur 18 und 1999 sogar nur f\u00fcnf (Juchler, 2001).<\/p>\n\n\n\n<p>Juchler sch\u00e4tzt diese Zahlen als zu tief ein, da es bei osteurop\u00e4ischen Polizeistellen allgemein \u00fcblich sei, Probleme um Frauenhandel und Prostitution zu bagatellisieren. (424) Die Auffassung, dass in osteurop\u00e4ischen Staaten kein gro\u00dfes Interesse besteht, gesellschaftliche Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit, h\u00e4usliche Gewalt etc., unter denen besonders Frauen zu leiden haben, und die sich f\u00fcr einen Teil der Frauen und M\u00e4dchen in Form von Prostitution, gewaltsamem Frauenhandel, Migrationsprostitution, \u201eZwangsprostitution ausdr\u00fccken, ernst zu nehmen, best\u00e4tigen Recherchen vor Ort. (425)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.4 Ein L\u00e4nderbeispiel: Die CR nach der Wende<br>4.3.4.1 Prostitution in der CR<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anhand eines Situationsberichts eines osteurop\u00e4ischen Landes, werden hier die Bedingungen der Internationalisierung der Prostitution beleuchtet. (426)<\/p>\n\n\n\n<p>Prostitution findet man in erster Linie in den grenznahen Gebieten zu Deutschland und \u00d6sterreich und in den durch Tourismus gepr\u00e4gten Gro\u00dfst\u00e4dten wie Prag und Br\u00fcnn. Ein dritter m\u00f6glicher Standort sind Rastst\u00e4tten und Tankstellen entlang des nationalen und internationalen Stra\u00dfennetzes. Es wird gesch\u00e4tzt, dass zwischen 80 bis 90% der Freier der in der CR t\u00e4tigen Prostituierten Ausl\u00e4nder sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In Prag stehen die Prostituierten, von denen ein sehr gro\u00dfer Teil Ausl\u00e4nderinnen sind, in einigen wenigen Zonen des Stadtzentrums. Hier zeigen sich Ans\u00e4tze der Prostitutionssubstitution: j\u00fcngere Tschechinnen werden in den Westen exportiert, w\u00e4hrend bei der Stra\u00dfenprostitution in Prag immer mehr Frauen aus Bulgarien und der Ukraine sowie Roma zum Einsatz gelangen. (427)<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann unterscheiden zwischen Frauen und M\u00e4dchen, die sich freiwillig prostituieren, um ihre soziale Situation zu verbessern (Studentinnen, Hausfrauen, allein erziehende M\u00fctter) und anderen, die zur Prostitution durch psychische oder physische Gewalt gezwungen werden. Soweit es sich um den ersten Typ handelt, suchen sich die Frauen bei Bedarf ihren Zuh\u00e4lter aus und vereinbaren mit ihm die Konditionen ihres Schutzes. In die zweite Gruppe geh\u00f6ren Frauen, die unter falschen Versprechungen angeworben wurden (Anstellung als Serviertochter, Hostess, Gesellschafterin in Clubs, T\u00e4nzerin oder Model), sowie Frauen und M\u00e4dchen, die gewaltsam entf\u00fchrt und an den Zielort verfrachtet wurden. Die meisten Frauen, die bewusst in die Prostitution einsteigen, haben die Vorstellung eines tempor\u00e4ren Zusatzverdienstes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder unterscheiden sich bez\u00fcglich Alternativen zur Prostitution. So gibt es L\u00e4nder mit zahlreicheren Optionen f\u00fcr Frauen, wie die Tschechische Republik, Polen und Ungarn, und L\u00e4nder mit weniger M\u00f6glichkeiten, wie etwa Russland, Ukraine, Bulgarien und Rum\u00e4nien. Die Prostitution in der CR und der Frauenexport aus der CR ist folglich weniger durch \u00f6konomische Probleme verursacht und erzwungen als zum Beispiel in Russland, in der Ukraine und Bulgarien. So sind viele der inl\u00e4ndischen Prostituierten in der CR bzw. in Prag Ausl\u00e4nderinnen, w\u00e4hrend in Russland fast ausschlie\u00dflich einheimische Prostituierte t\u00e4tig sind. (428)<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Probleme finden sich in der Gruppe mit dem niedrigsten Status, die Strassenprostituierten, die in den St\u00e4dten, grenznahen Gebieten und in den Bars und Restaurants in der untersten Preisklasse t\u00e4tig sind. Sie sind meist sehr jung, ungebildet und verf\u00fcgen \u00fcber wenige Selbstschutzmechanismen, weshalb sie h\u00e4ufiger als andere zum anonymen, schnellen und risikoreichen Sex bereit sind. Sie laufen am st\u00e4rksten Gefahr, sich mit sexuell \u00fcbertragbaren Krankheiten anzustecken oder zu Opfern von Kupplern, Frauenh\u00e4ndlern und gewaltt\u00e4tigen Klienten zu werden. Die Stra\u00dfenprostitution wird denn auch fast immer von Kupplern organisiert und kontrolliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesamtzahl der Personen, die in der CR von der Prostitution leben, wird bei einer Gesamtbev\u00f6lkerung von ca. 10 Millionen Einwohner auf 15\u2019000 bis 20\u00b0000 Menschen gesch\u00e4tzt; das hei\u00dft, dass jeder Tausendste der Gesamtbev\u00f6lkerung und Jeder F\u00fcnfhundertste der Bev\u00f6lkerung im erwerbst\u00e4tigen Alter von der Prostitution lebt. (429)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.4.2 Frauenhandel in der CR<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frauenhandel geh\u00f6rt nach Einsch\u00e4tzung von lokalen Experten zu den weicheren bzw. weniger stark strukturierten Formen des organisierten Verbrechens. Aus der Analyse von Gerichtsakten und Polizeischriften kann man ableiten, dass es um planm\u00e4\u00dfige, organisierte und koordinierte Straft\u00e4tigkeit geht. Im Jahre 1994 wurden insgesamt 220 Frauenhandelsf\u00e4lle in der CR registriert, davon die meisten in den Provinzen an der Deutsch-Tschechischen Grenze. Die T\u00e4ter sind vorwiegend m\u00e4nnlichen Geschlechts, doch gibt es auch ehemalige Opfer, die sich sp\u00e4ter als Vermittlerinnen oder Kupplerinnen bet\u00e4tigen. Von den insgesamt 371 Straft\u00e4tern waren 286 M\u00e4nner und 85 Frauen, mehrheitlich zwischen 19 bis 33 Jahre alt. Bei den 314 Opfern handelte es sich um 292 Frauen und 22 Kinder. (430) \u201eProstitution and traffic in women increased rapidly in the Czech Republic and Slovakia since the political, economic and social changes at the end of the 1980s. Especially at the Czech-German border, between Bohemia and Bavaria, a growth of prostitution of more than 200% is being observed\u201c (Butterweck: 39).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit Frauenhandel und Prostitution treten eine ganze Reihe von Sittlichkeitsdelikten, Gewalt- und Eigentumsdelikten, Drogenkonsum sowie verschiedene Formen der organisierten Kriminalit\u00e4t auf. Diese Art von Folgekriminalit\u00e4t konzentriert sich in gewissen Regionen, wie etwa im Bezirk Cheb (Eger), wo 87% aller Straftaten im Zusammenhang mit der Prostitution stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verzweigte und gut eingespielte Organisationen, die \u00fcber gro\u00dfe Mengen an Falschdokumenten verf\u00fcgen, handeln und exportieren die jungen Frauen und M\u00e4dchen aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Es wird zunehmend schwieriger, zwischen Herkunfts-, Transit- und Ziell\u00e4ndern des Frauenhandels zu unterscheiden. Weit verbreitet ist auch das Rotationsprinzip, wobei die Frauen nach gewisser Zeit den Ort und das Land ihres Wirkens wechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herkunft der Opfer des Frauenhandels konzentriert sich auf Gro\u00dfst\u00e4dte, aber auch auf ehemalige Schwerindustriegebiete, die heute wegen der wirtschaftlichen Transformation stark unter der Arbeitslosigkeit leiden, wie etwa Ostrava, Pilsen und Nordb\u00f6hmen. In diesen Regionen ist oft der famili\u00e4re und gemeinschaftliche Hintergrund gest\u00f6rt, was die Migrationsbereitschaft erh\u00f6ht. Zudem werden Frauenhandelsopfer in verschiedenen Heimen und sozialen Institutionen rekrutiert, in denen viele M\u00e4dchen ohne Familienangeh\u00f6rige leben.<\/p>\n\n\n\n<p>So gibt es denn zwei unterschiedliche Typen des Frauenhandels aus Tschechien: die Anwerbung, der Transfer und die Vermittlung von gut ausgebildeten, jungen Frauen aus den St\u00e4dten, die h\u00e4ufig \u00fcber ihre k\u00fcnftige Arbeit gut informiert sind und das Gesch\u00e4ft mit marginalisierten, und eher schlecht ausgebildeten Frauen aus den ehemaligen Industrieregionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tschechische Frauen migrieren nach Westeuropa, aber auch in die T\u00fcrkei, nach Israel, in die USA und in verschiedene reiche arabische L\u00e4nder. Es bestehen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Annahme, dass die nach Westeuropa migrierenden Frauen in der Regel \u00fcber bessere Bildung und Sprachkenntnisse verf\u00fcgen. (431)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Inland kostet die Vermittlung einer Prostituierten zwischen 300 und 800 Euro, im Falle eines Transfers ins Ausland um 1\u2019500 Euro. Der Preis f\u00fcr eine Prostituierte richtet sich nicht nur nach ihrem Aussehen, sondern auch nach F\u00e4higkeit, Willigkeit und Bereitschaft \u201eGeld zu machen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.4.3 Charakteristischer Verlauf von Frauenhandel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermittlung der Kontakte im Ausland beginnt mit der Belohnung des Vermittlers und dem Festlegen des Ausreisetermins. Diese T\u00e4tigkeit \u00fcben vorwiegend M\u00e4nner aus Ex-Jugoslawien, Deutschland, Italien, Griechenland, der Ukraine, Polen und Russland aus. Vermehrt werden auch F\u00e4lle registriert, in denen tschechische Kuppler f\u00fcr tschechische Frauen Arbeit im Ausland suchen. Zieldestinationen sind in solchen F\u00e4llen vor allem Deutschland, Italien, Frankreich und \u00d6sterreich, in letzter Zeit auch Holland.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach geeigneten Frauen ist professionell. Nach einer Phase der aktuellen Marktanalyse wenden die Anwerber vor allem T\u00e4uschungspraktiken an, wie etwa Inserate, in welchen Vermittler und Agenturen gut bezahlte attraktive Jobs im Ausland versprechen. Die jungen Frauen bekommen manchmal Vorsch\u00fcsse bzw. r\u00fcckzahlbare Darlehen und m\u00fcssen Vertr\u00e4ge unterschreiben, die nach tschechischem Recht g\u00fcltig sind. Es gibt aber auch zahlreiche F\u00e4lle, in welchen Frauen entf\u00fchrt und ohne vorherige Absprachen durch unbekannte Personen ins Ausland verschleppt werden. Bekannt ist ebenfalls, dass Frauen ohne ihre Einwilligung von ihren tschechischen Zuh\u00e4ltern gegen Honorar vermittelt und gewaltsam an ihre Destination gebracht werden. F\u00fcr die gehobene Prostitution werden Frauen mit guter Bildung angeworben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Transport an den Bestimmungsort liegt grunds\u00e4tzlich Evidenz f\u00fcr zwei Varianten vor: den legalen Transfer, der mit der Einwilligung der Betroffenen und unter Kenntnis ihrer k\u00fcnftigen Arbeit mit echten und g\u00fcltigen Reisedokumenten organisiert wird und den illegalen Transport, der mit Hilfe von Gewalt und gegen den Willen der Frauen mit falschen Dokumenten oder versteckt in einem Fahrzeug \u00fcber die gr\u00fcne Grenze f\u00fchrt. Zum Ausma\u00df der jeweiligen Methode liegen keine Angaben vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorbereitung auf die Aus\u00fcbung der Prostitution findet in der Regel au\u00dferhalb der CR statt. Den Frauen werden die Reisedokumente weggenommen und die freie Bewegung untersagt. Nachteilig wirkt sich dabei die Unkenntnis fremder Sprachen und Milieus aus. Die Frauen, die einen Vorschuss erhalten haben, wissen, dass sie diesen Vorschuss abzuarbeiten haben. Zu Beginn werden die Frauen falls n\u00f6tig auch durch Gewalt, Drogen und Drohungen zur Prostitution gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den traditionellen Aufgaben des Kupplers geh\u00f6ren die Verhandlungen \u00fcber die Art der angebotenen Dienste und Preise, Geldinkasso etc. Der Kuppler \u00fcberwacht auch, dass die Frauen arbeiten und besch\u00fctzt sie vor gewaltt\u00e4tigen und abartigen Klienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein bis zwei Monaten gilt eine Frau als \u201eabgeguckt\u201c und wird an einen anderen Ort vermittelt. Der Preis wird nicht nur durch Aussehen und Alter, sondern auch dadurch bestimmt, ob die Frau im Besitz von g\u00fcltigen Dokumenten ist oder nicht. Im Falle einer schlechten Leistung k\u00f6nnen Frauen auch fr\u00fcher bzw. schneller als nach zwei Monaten weitervermittelt werden. Die Frauen werden oft ins Ausland vermittelt, wo es ihnen manchmal gelingt, sich abzusetzen. Dort stellen sie sich in seltenen F\u00e4llen der Polizei. \u00d6fter werden sie von dieser aufgegriffen und festgehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der tschechischen Republik kreuzen sich seit alters her bedeutende Handelswege zwischen Ost und West. Man sch\u00e4tzt, dass seit dem Fall des eisernen Vorhangs mehrere zehntausend Frauen auf dem Weg in die Prostitution diese Routen benutzt haben und \u00fcber Grenzen geschleust worden sind. Es handelt sich dabei in erster Linie um Russinnen, Frauen aus der Ukraine und Polinnen, aber auch um Chinesinnen, Vietnamesinnen, Filipinas und andere Asiatinnen. Der Frauenhandel, dem die CR als Transitland dient, w\u00e4chst noch immer. Die Asiatinnen kommen in der Regel \u00fcber Moskau als Studentinnen oder Touristinnen. F\u00fcr die Frauen aus Osteuropa ist es kein Problem, in die CR zu gelangen. Von da aus werden sie dann von Gangs in die BRD, Holland, \u00d6sterreich, Italien und weitere Staaten, wie USA, Kanada und L\u00e4nder im Nahen und Fernen Osten transferiert. Begehrt sind reiche L\u00e4nder, die eine gro\u00dfe und wenig reglementierte Sexindustrie haben wie Deutschland, \u00d6sterreich, die Schweiz und Italien. (432)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Expertensch\u00e4tzung beteiligen sich am Frauenhandel aus der CR zu ca. 15 bis 30% Personen ohne vorherige Kriminalkarriere. Die T\u00e4ter sind zu 25% Tschechen, 5% Slowaken, 48% Romas, 13% Deutsche. 9% sind Ex-Jugoslawen, Russen, Ukrainer, Italiener und Griechen.(433)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.4.4 Die Bek\u00e4mpfung von Frauenhandel in der CR<\/strong><br>Seit 1991 verzeichnet die CR einen starken Anstieg von F\u00e4llen der Kuppelei. (434) In den Jahren 1995 bis 1997 betrafen fast 60% der registrierten Kuppeleif\u00e4lle Personen, die zur Tatzeit unter 18 Jahre alt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der wichtigsten NRO, die sich mit Prostitution und Frauenhandel befasst, ist La Strada mit Filialen in mehreren ost- und zentraleurop\u00e4ischen St\u00e4dten. La Strada Prag befasst sich einerseits mit der Beratung betroffener Frauen und ist andererseits auch in der Pr\u00e4vention t\u00e4tig. Zusammen mit dem IOM starteten sie die Informationskampagne \u201eFrauenhandel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen, die zu den tschechischen Beratungszentren kommen, wurden eher von kleineren famili\u00e4ren und verwandtschaftlichen Netzwerken angeworben und ausgebeutet. Prostituierte, die von gro\u00dfen internationalen Netzwerken kontrolliert werden, sind untervertreten. M\u00f6glich ist, dass sich diese aus Angst vor Repressionen seltener melden, wie NRO vermuten. Diese Fakten lassen aber auch den Schluss zu, dass Vorstellungen \u00fcber international, arbeitsteilig und professionell agierende kriminelle Organisationen revisionsbed\u00fcftig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Tabelle: Strafrechtlich verfolgte F\u00e4lle von Kuppelei in der CR von 1989-1998<\/p>\n\n\n\n<p>Jahr, registrierte F\u00e4lle, gekl\u00e4rte F\u00e4lle<br>1989 56 53<br>1990 9 9<br>1991 42 40<br>1992 6 63<br>1993 113 109<br>1994 203 192<br>1995 238 226<br>1996 157 156<br>1997 120 115<br>1998 333 348<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Innenministerium der CR, Prag, Stand 2000.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Desinteresse des Staates an der Unterdr\u00fcckung der Frauenprostitution und des Frauenhandels wird von verschiedenen Seiten konstatiert. Dies kann zumindest teilweise mit den \u00f6konomischen Interessen staatlicher Einrichtungen erkl\u00e4rt werden: Angesichts der gro\u00dfen Anzahl Arbeitsloser, die auf staatliche Unterst\u00fctzung angewiesen sind, ist man mit der Aussicht auf Einsparungen an Sozialhilfegeldern offenbar geneigt, Personen m\u00f6glichst in Erwerbszusammenh\u00e4ngen zu belassen, wenn sie auch nur ein kurzfristiges existenzsicherndes Einkommen versprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass auf der anderen Seite staatliche Einnahmen in Form von Steuergeldern verloren gehen, ist ebenfalls bekannt. Denn die betr\u00e4chtlichen Betr\u00e4ge unversteuerter Gelder, die Prostitution und Frauenhandel akkumulieren, werden als \u00f6konomisch bedeutsam eingesch\u00e4tzt. Laut Interviewpartner besteht Anlass zur Vermutung, dass diese Finanzmittel in der \u201eSchatten\u00f6konomie\u201c verbleiben und als Grundkapital f\u00fcr weitere Aktivit\u00e4ten im illegalen Bereich verwendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.4.5 Die tschechische Gesetzgebung in Bezug auf die Prostitution<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Wende von 1989 dominiert eine v\u00f6llig neue Grundauffassung von Recht: Jedermann darf machen, was durch das Gesetz nicht verboten ist, und niemand darf gezwungen werden, etwas zu machen, was das Gesetz nicht verlangt. Prostitution ist in der CR nicht strafbar, Kuppelei (Art. 204) hingegen schon, wie in den meisten CEC-L\u00e4ndern. Es gibt auch zahlreiche andere Paragraphen, die auf Prostitution und Frauenhandel angewendet werden k\u00f6nnen, wie Art. 246 Frauenhandel, Art. 216a Handel mit Kindern, Art. 171a unerlaubter Grenz\u00fcbertritt und Art. 232 StGB, Freiheitsberaubung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die tschechische Gesetzgebung befasst sich jedoch mit der Prostitution auf der Grundlage von abolitionistischen Grunds\u00e4tzen, indem sie die negativen Folgen der Prostitution einzugrenzen versucht. Sie bietet bislang wenig Spielraum f\u00fcr die notwendige Reglementierung und Kontrolle der Prostitution. Es br\u00e4uchte neue Gesetze als Instrument gegen die schlimmsten Ausw\u00fcchse, denn das enorme Wachstum der Prostitution in den letzten zehn Jahren stellt f\u00fcr verschiedene Bereiche der tschechischen Gesellschaft eine gro\u00dfe Herausforderung dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der illegale und tabuisierte Charakter der Prostitution bietet ideale Bedingungen f\u00fcr den aggressiven Frauenmissbrauch und die Straflosigkeit jener, die vom Frauenhandel profitieren. Die Gesetzgebung und Rechtsprechung bietet den Opfern wenige M\u00f6glichkeiten zu rechtlichen Schritten gegen ihre Ausbeuter und Nutznie\u00dfer, weil gerade Prostitutionsmigrantinnen sowohl von der Gesetzgebung als auch von weiteren gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen ausgegrenzt sind. Frauen, die in diesem Bereich erwerbst\u00e4tig sind, riskieren ihre Verhaftung als Prostituierte und ihre Ausschaffung als illegale Migrantinnen. Durch diese Ma\u00dfnahmen gegen Zeuginnen in allf\u00e4lligen Gerichtsverfahren wird nicht nur die Bestrafung von tatverd\u00e4chtigen Personen verunm\u00f6glicht, sondern auch Signale von staatlicher Toleranz gegen\u00fcber allf\u00e4lligen Straftaten transportiert bzw. das staatliche Wegschauen perpetuiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das Gesetz den Frauen erm\u00f6glicht, eine Strafanzeige zu erstatten, haben die meisten von ihnen Angst vor Verfolgung und Repressionen. Die Erfahrung der Korruption lehrt, keinen Schutz von Polizisten, Richtern und Beh\u00f6rdenvertretern zu erwarten, da sie mit den Nutznie\u00dfern oft gemeinsame Sache machen. Das Vertrauen in die Polizei und die Rechtsprechung ist klein, da die Frauen bef\u00fcrchten, dass die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden die Rechte der Prostituierten missachten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.4.6 Organisierte Kriminalit\u00e4t in der CR<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die im Rahmen dieser Forschungsarbeit konsultierten Experten und Akteure sind sich darin einig, dass Gruppierungen organisierter Kriminalit\u00e4t in der CR und deren Aktivit\u00e4ten zunehmen und sich die verschiedenen Banden an der Prostitution und am Frauenhandel stark beteiligen. F\u00fcr die T\u00e4tigkeit von Gruppen der organisierten Kriminalit\u00e4t haben sich Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre g\u00fcnstige spezifische Bedingungen ausgebildet. Die nationalen Grenzen wurden ge\u00f6ffnet, es begann eine umfassende \u00f6konomische und politische Reform mit gro\u00dfen Verschiebungen der Macht- und Eigentumsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesetzgebung, die nur mit Verzug und ungen\u00fcgend auf die vielen \u00c4nderungen zu reagieren vermag, ist nicht in der Lage, die Rechtssicherheit in allen Bereichen zu garantieren. Auch der gerichtliche, polizeiliche und administrative Apparat ist schnellem Wandel unterworfen, was einschneidende Konsequenzen f\u00fcr die Strafverfolgung, die Rechtsprechung und die politisch administrativen Prozesse nach sich zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>International organisierte Kriminalit\u00e4t stellt f\u00fcr die Tschechische Republik eine gro\u00dfe und ernsthafte Gefahr dar, denn es wirken heute zahlreiche Organisationen ausl\u00e4ndischer Herkunft auf tschechischem Territorium, aber auch einheimische kriminelle Gruppen sind aktiv. Zwischen diesen Gruppen kommt es zum Wettstreit um Macht sowie zur Teilung der Einflusssph\u00e4ren und zur arbeitsteiligen Zusammenarbeit. Das organisierte Verbrechen muss als Konsequenz g\u00fcnstiger Rahmenbedingungen gesehen werden, wie etwa der geographischen Lage und dem visumfreien Verkehr mit vielen L\u00e4ndern, dem schnellen Umbau der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, legislativer Unklarheiten und M\u00e4ngel der juristischen und polizeilichen Autorit\u00e4t. Es k\u00f6nnen zwei Formen der organisierten Kriminalit\u00e4t unterschieden werden: 1) Organisationen, die auf der Tradition der famili\u00e4ren Clans und des autorit\u00e4ren F\u00fchrungsanspruchs beruhen und 2) zweckgebundene kriminelle Vereinigungen mit freiem Charakter. Die Organisationen ausl\u00e4ndischer Herkunft sind Gruppen aus der ehemaligen UdSSR, (435) aus Italien, Ex-Jugoslawien, Albanien, der T\u00fcrkei sowie aus China, Vietnam und arabischen L\u00e4ndern. Alle kriminellen Vereinigungen sind in einer konkreten regionalen oder ethnischen Kultur entstanden und behalten trotz Zusammenarbeit auch sp\u00e4ter ein ethnisches Grundger\u00fcst. Das Kriterium dieses ethnischen Ursprungs stellt das Hauptkriterium zur Unterscheidung der verschiedenen kriminellen Gruppierungen dar. Insgesamt richtet sich das organisierte Verbrechen in der CR auf h\u00f6here Organisationsformen aus und ist mit den wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Staates verkn\u00fcpft. In diesem Zusammenhang ist auch vom Versuch des Durchdringens der \u201enormalen\u201c Gesellschaft die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.3.5 Zusammenfassung: Migrationssituation in Osteuropa<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die sozialen Umw\u00e4lzungen nach der Wende weisen besonders Frauen als Verliererinnen des politisch-\u00f6konomischen Regimewechsels aus. Der Zugang zu den knappen bezahlten Arbeitsstellen ist f\u00fcr Frauen aufgrund der Doppelbelastung eingeschr\u00e4nkt, Familienverb\u00e4nde sind aber auf den Verdienst von Frauen angewiesen. Die Aussicht auf bezahlte Arbeit im In- oder Ausland beeinflusst den Migrationsentscheid von Frauen wesentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der politischen Wende entsteht eine neue Positionierung osteurop\u00e4ischer L\u00e4nder, wobei nebst wirtschaftlicher St\u00e4rke u.a. auch die historische und kulturelle N\u00e4he zu Westeuropa eine Rolle spielt. Mit den neuen M\u00f6glichkeiten zu Binnenwanderungen im osteurop\u00e4ischen Raum wird versucht, \u00f6konomische Gef\u00e4lle durch Migration auszugleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mangelnde Mittel und Einrichtungen in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern erschweren es, organisierte Kriminalit\u00e4t, Transitprostitution und Frauenhandel zu bek\u00e4mpfen. Das Methodenarsenal der auf Frauenhandel spezialisierten Strukturen und Netzwerke wie physische Gewalt, psychischer Druck und Strategien zwecks finanzieller Abh\u00e4ngigkeit der Migrantinnen schafft die Voraussetzung f\u00fcr die Abwicklung von Gesch\u00e4ften mit der internationalen Prostitution.<\/p>\n\n\n\n<p>Die liberalere Handhabung der Gesetze in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, die teilweise gro\u00dfe Korruptionsbereitschaft der zust\u00e4ndigen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden, aber auch die fehlende Kenntnisnahme der Problematik und die Aussicht auf Entlastung der Sozialhilfekassen f\u00f6rdern die internationale Prostitution und schr\u00e4nken die Effizienz der internationalen Kooperation der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit direkter Anwerbung, Zeitungsinseraten, aktiven Agenturen und Informationen von Freundinnen und Bekannten werden Gelegenheiten und konkrete Angebote zur Ausreise pr\u00e4sentiert, die den Auswanderungsentscheid von migrationsbereiten Frauen beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Attraktivit\u00e4t des Westens zeigt sich an den Wohlstandsgrenzen, die sich von Westen nach Osten schieben. Die geographische und kulturelle N\u00e4he zu Westeuropa mag die Nachfrage nach osteurop\u00e4ischen Frauen beeinflussen. Von entscheidender Bedeutung ist aber eher ihre Bereitschaft, schlechte Bedingungen und ein niedriges Einkommen zu akzeptieren. Weil die Einkommenschancen im Westen immer noch ungleich besser sind als im Osten, lassen sich osteurop\u00e4ische Frauen zwingen, sich unter Umst\u00e4nden zu prostituieren, die f\u00fcr westliche Prostituierte unakzeptabel sind. Es ist also vor allem die leichtere Ausbeutbarkeit von Frauen in wirtschaftlicher Not, die die Nutznie\u00dfer von Prostitutionsmigration veranlassen, Osteurop\u00e4erinnen f\u00fcr den Schweizer Sexmarkt anzuwerben. Die Nachfrage nach ausbeutbaren Prostituierten und das Wohlstandsgef\u00e4lle von West nach Ost beeinflussen wiederum die Migrationsmotivationen, -ziele, und -chancen von migrationsbereiten Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.4. Aussagen von Prostitutionsmigrantinnen in der Schweiz<\/strong><strong><br>4.4.1 Die Aussteigerin: Eine ehemalige T\u00e4nzerin berichtet<br><\/strong><br>Yulia, die ehemalige T\u00e4nzerin und illegale Prostituierte aus der Ukraine, ist 32 Jahre alt und lebt heute geschieden von ihrem Schweizer Ehemann mit ihrem 5-j\u00e4hrigen Sohn in einer gr\u00f6\u00dferen Ortschaft in der Schweiz. Neben ihrer Arbeit in einer Fabrik ist sie als Mediatorin f\u00fcr das Barf\u00fc\u00dferprojekt der Aids-Hilfe Schweiz t\u00e4tig. \u00dcber diesen Kontakt war sie bereit zu einem Gespr\u00e4ch. (436)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Motivation zur Einreise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe schon vorher als T\u00e4nzerin gearbeitet. Vor acht Jahren. Das war die erste Etappe. In Griechenland und Bulgarien. Dann kam das Angebot Schweiz. Man hat uns viel Geld versprochen. Das war gut. Ich wollte einfach eine Chance.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Kontakt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe das Angebot \u00fcber eine Agentur in St. Petersburg bekommen. Die Agenturen suchen Mannequins, Models, aber auch Zimmerm\u00e4dchen und bieten \u201eluxuri\u00f6sen Job\u201c in D\u00e4nemark, \u00d6sterreich oder der Schweiz an. Also, jemand hat die Telefonnummer einer Agentur. Die brauchen ein Foto im Badeanzug von dir. Dann machen die einen 3-monatigen Vertrag und aufgrund dieses Vertrages bekommen die ein Visum von der Botschaft. Die seri\u00f6se Agentur geht selber nach Moskau. Die Frau sitzt zuhause und wartet. Wenn der Entscheid kommt, arbeitet man zuerst einen Monat im Cabaret. Man bekommt ja die L-Bewilligung (8 Monate Aufenthalt). Die Schweizer Agenturen verlangen daf\u00fcr 1300 Franken. Dann wird ein Gesuch an die Fremdenpolizei gemacht und man wechselt den Kanton und geht woanders hin. Das erste Jahr geht das so, das n\u00e4chste Jahr machen die Frauen das selbst. Die Agentur streckt Geld vor (f\u00fcr Reisekosten, Kleider etc.), das man zur\u00fcckzahlen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>So bin ich in die Schweiz gekommen. Aber viele Frauen kommen auch ohne Visum rein, als Touristinnen. Vor allem in Deutschland. Aber auch in die Schweiz. Heute gibt es eine neue Tendenz: Frauen, die fr\u00fcher selber dieses Business gemacht haben, gehen in ihre Heimatorte und treffen andere Frauen in Kantinen, Cafes oder Wohnheimen. Sie locken sie mit guten Angeboten. Dann m\u00fcssen die Frauen also 1000 Franken f\u00fcr eine Telefonnummer bezahlen (Stellenvermittlung als Prostituierte in Westeuropa). Man muss sich verpflichten, auch das Reisegeld und Vermittlungsgeb\u00fchren zu bezahlen. Andere kommen direkt als Ehefrau in die Schweiz. Das ist fr\u00fcher auch \u00fcber Agenturen gelaufen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Information<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war aber nicht so einfach, in die Schweiz zu kommen. Man hat uns erz\u00e4hlt, dass wir tanzen. Einige Frauen haben dann eine Tanzausbildung gemacht. Man hatte Angst, dass man zur Prostitution gezwungen w\u00fcrde. Man musste eine gute Statur haben und h\u00fcbsch aussehen. Ich hatte ja einen Vertrag als T\u00e4nzerin. Aber ich wusste schon, dass ich noch andere Sachen machen muss, sonst h\u00e4tte ich das Geld ja nie zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen (Vorschuss f\u00fcr Reisekosten und Vermittlungsgeb\u00fchren). Einige Frauen sind aber naiv und bilden sich ein, sie h\u00e4tten einen Traumjob gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. T\u00e4tigkeit vor der Einreise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Ukraine arbeitete ich in einer Fabrik. Habe keine Wohnung gehabt. War schon \u00fcber 20, also schon alt. Musste einfach nehmen, was kommt. Mama hat gesagt, du springst wie ein Schmetterling und denkst nicht an die Zukunft. Das war der Grund, warum ich weggegangen bin. Ich wollte nicht im Wohnheim bleiben bis 40. Und dann langsam alt werden. Gut, ich verdiente nicht schlecht, so f\u00fcr prim\u00e4re Bed\u00fcrfnisse schon. Aber ich hatte keine eigene Wohnung etc. Dann dachte ich, weg, so schnell wie m\u00f6glich. Dann habe ich als T\u00e4nzerin gearbeitet. In Bulgarien und Griechenland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. T\u00e4tigkeit in der Schweiz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe f\u00fcnf Jahre lang in der ganzen Schweiz in Cabarets und Bordellen gearbeitet. Ich bin dann immer wieder zur\u00fcckgegangen und habe einen neuen Vertrag gemacht. Ohne Bewilligung ist es schwierig in der Schweiz. Es hat eine Polizei und Gesetze. Ich habe Frauen aus Ungarn oder Bulgarien ohne Bewilligung gesehen, die wurden geschleppt. Die konnten dann nur in einem Hotel animieren. Aber das ist nur in gro\u00dfen St\u00e4dten m\u00f6glich. In Z\u00fcrich oder in Genf. Dort ist dann alles viel tougher. Ich musste trinken, tanzen und Show machen. Und man kann selber noch dazu verdienen. Wenn dir ein Mann gef\u00e4llt, kannst du das Geld behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe dann einen Schweizer geheiratet, aber es hat nicht so gut geklappt. Er wollte ein liebes \u201eMeiteli\u201c heiraten. Keine erwachsene Frau. Ich war auch stur. Schwarzwei\u00df. Er ist dann einfach weggegangen. Im Moment habe ich keinen Freund. Ich habe keine Zeit und will beruflich weiterkommen. Ich habe eine Familie gefunden. Schweizer. Ich habe ja auch ein Kind, das ist f\u00fcnf Jahre alt. Mein Kind hat einen G\u00f6tti (Paten). Ich f\u00fchle mich wohl. Ich habe auch Schweizer Freunde. Jetzt mache ich eine Anlehre und will dann sp\u00e4ter in die Modefachschule gehen. Ich arbeite f\u00fcnf Tage pro Woche. Ich habe mit dem Chef abgemacht, dass ich zweimal sp\u00e4ter kommen kann. Aber dann muss ich bis 18 Uhr bleiben. Ich bin sehr ehrgeizig und muss zus\u00e4tzlich Schulen machen. Ich habe einen Deutsch- und einen Computerkurs besucht. Ein Jahr lang. Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn. Hat er genug Mittel, um eine gute Ausbildung zu machen? Kann er zur Universit\u00e4t gehen? Hat er bessere Chancen als ich? In zehn Jahren wird es hier vermutlich noch strenger als jetzt schon. Ich habe einen Plan. Zuerst Deutsch, dann das Diplom. Man kann nicht sofort die goldenen Berge haben. Aber mit der Zeit schon. Wenn man Geduld und viel Willen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich arbeite auch als Mediatorin. Das mache ich f\u00fcr die Frauen. Ich gehe dann in die Lokale und verteile gratis Kondome und Informationsbl\u00e4tter. Dort stehen auch Telefonnummern, wenn sie Hilfe brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. Der Verdienst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als T\u00e4nzerin verdient man nicht genug. Man muss dann noch animieren und so. Aber auch wenn man drei M\u00e4nner pro Tag hat, ist es einfach unm\u00f6glich, soviel Geld zur\u00fcckzuzahlen. Daraus wird dann eine langwierige Sache. Man muss auch noch Kundentaxe zahlen. Das hei\u00dft, man muss eine Flasche Champagner pro Kunde bezahlen. Da gibt es ein Minimum und ein Maximum. Das ist, bevor man ins Separee oder ins Zimmer geht mit dem Kunden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Z\u00fcrich kann man schon mehr Geld verdienen. Dort gibt es Cabarets der h\u00f6heren Klasse und M\u00e4nner mit dicken Portemonnaies. Ich fand es schwierig, in Z\u00fcrich zu leben, da geht es immer um Geld. \u00dcberall wird immer alles f\u00fcr Geld gemacht. Ich finde das wahnsinnig. Oder vielleicht noch im Tessin. Dort gibt es viele Touristen und riesige Discos.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>7. Das Beziehungsnetz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man lange im Gesch\u00e4ft ist, spricht es sich rum unter den Frauen, wo es gute Arbeitspl\u00e4tze hat, und wo man viel Geld verdienen kann. Bei der Agentur kennt man sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe in Russland auch eine Freundin, die eine Karriere hat, aber keine Kinder. Wenn man eine gute Ausbildung hat, hat man dort schon Chancen. W\u00e4re ich ein Mann, h\u00e4tte ich auch gerne drei Kinder und eine Karriere.<\/p>\n\n\n\n<p>All die russischen M\u00e4nner, die in der Schweiz arbeiten, die gehen ins Cabaret und nennen uns Nutten. Das ist keine Gleichberechtigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab hier mal eine Drogenmafia. Hatte aber mit uns Frauen wenig zu tun. Die Frauen haben eine gro\u00dfe Klappe. Das ist ung\u00fcnstig f\u00fcrs Gesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>8. K\u00f6rperliche Drohungen\/psychischer Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zum ersten Mal im Cabaret arbeitete, habe ich zuerst geweint. Nach einigen Monaten ist das vorbei. Man adaptiert sich. Zuhause sagen die M\u00e4dchen ja nicht, was sie machen. Wenn die Familie es erf\u00e4hrt, wird es peinlich. Sie sagen nicht die Wahrheit. Sie sagen, sie arbeiten als Kellnerin oder so. Und wenn sie verheiratet sind, fragt niemand mehr. Bei mir war das nicht so. Ich habe Vorw\u00fcrfe geh\u00f6rt von zuhause. Ich lebe in Luxus und gebe zuwenig Geld ab. Nach einigen Jahren habe ich dann trotzdem die Wahrheit gesagt. Ich sagte, sorry, das ist kein Luxus, all die Geschenke und so. Das habe ich selber verdienen m\u00fcssen. Ich habe ihnen dann gesagt, was f\u00fcr eine Arbeit ich gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland wurden vor ein paar Jahren vier Russinnen ermordet. Privat. In einem normalen Wohnhaus. Niemand wusste, was dort lief. Manchmal war es l\u00e4rmig. Pl\u00f6tzlich ist die Polizei gekommen und alle vier Frauen waren erschossen. Eine davon habe ich gekannt. Niemand wusste genau, was passiert ist. Man sagt ja nicht, was man macht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>9. Finanzieller Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als T\u00e4nzerin muss man auch noch animieren. man verdient nicht genug. Ich habe verr\u00fcckte Summen geh\u00f6rt (f\u00fcr die Vermittlung). Die Frauen verpflichten sich, das zu bezahlen. Sie haben Angst. Also ich kenne eine Frau, die hat nicht bezahlt. Schon am Flughafen waren Leute da mit ihrem Sohn und haben gesagt, wenn du nicht bezahlst, dann siehst du deinen Sohn nie wieder. Also alle zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>10. Gesundheitliche Risiken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frauen schlucken schon manchmal (Drogen). Aber vor allem trinken sie Whisky. Man kann sonst nicht so leben. Man muss ja ein bisschen entspannt sein. Einfach zu einem Mann gehen und sagen, ich m\u00f6chte was trinken, das braucht schon Laune. Man ist dann beschwipst. Dann k\u00f6nnen die Frauen nicht mehr aufh\u00f6ren zu trinken, auch wenn sie verheiratet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Pilze oder andere Krankheiten bekommt man schon. Man arbeitet ja ohne Unterw\u00e4sche und der Mann greift dann an jede Stelle. Und die Frauen m\u00fcssen ja Umsatz machen und greifen auch \u00fcberall hin. Da steckt man sich leicht an.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder die unerwartete Schwangerschaft. Nach der Arbeit sind alle betrunken und d\u00fcrften keinen Mann ins Bett nehmen. Der Mann macht dann, was er will. Am n\u00e4chsten Morgen stellt man fest, dass das Kondom nicht benutzt wurde. Dann, nach einem Monat, bleibt die Periode weg. Dann reist man nach Z\u00fcrich f\u00fcr eine Abtreibung. Eine hat mal ein Kind gekriegt. Die hat es nicht gemerkt und dann war es zu sp\u00e4t. Sie dachte nicht daran. Dann war es zu sp\u00e4t und der Bauch schon da.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11. Freiwillige Abh\u00e4ngigkeit \u2014 abh\u00e4ngige Freiwilligkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, aus einer Familie, wo die Frauen nicht gefragt wurden, was sie wollen. Die Mutter hatte nie Geld und musste Schulden machen. Viele von uns m\u00fcssen die Schulden von Vater oder Mutter zur\u00fcckzahlen. Die Familie zuhause macht gro\u00dfen Druck. Das war bei mir auch so. Meine Nichte hat sich sp\u00e4ter auch auf ein solches Inserat gemeldet. Ich sagte ihr: Vergiss es, du wei\u00dft, wo du landest. Was stellst du dir eigentlich vor? Welche Fabrik nimmt dich? Die Schweiz hat genug Arbeitslose.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne die Schweiz von allen Seiten. Man muss viel Disziplin und Geduld haben, wenn man etwas will. Das ist schwierig. Ich lebe allein mit meinem Kind. Ich habe keine Zeit, einen Freund zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und im Moment l\u00e4uft hier nicht so viel. Viele Frauen kommen aus l\u00e4ndlichen Gebieten der Ukraine und aus Bulgarien und Rum\u00e4nien. Das sind die \u00c4rmsten. Die kommen ohne Sprache, ohne nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es Frauen gibt, die Erfolg haben. Tschechinnen, weniger Ungarinnen, aber auch Russinnen. Die haben schon Chancen. Die investieren dann Geld in ihrem Heimatland. Kaufen Wohnungen in Russland und vermieten sie weiter, an Hotels und so. Oder sie bleiben im business und lassen Frauen kommen. Das macht mich verr\u00fcckt, dass Russinnen, die anst\u00e4ndige Schweizerm\u00e4nner haben, andere Frauen vermitteln und daf\u00fcr Geld verlangen. Ich finde das unmoralisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Frauen denken, dass sie das (T\u00e4nzerin, Prostituierte) nur f\u00fcr kurze Zeit machen. Aber daraus ergibt sich dann eine langwierige Sache. Sie k\u00f6nnen nicht mehr aussteigen, weil sie Schulden zur\u00fcckzahlen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man einmal drau\u00dfen ist, ist es am besten, man vergisst diese ganze Sauerei schnell.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12. Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Yulia ist ein Beispiel f\u00fcr die vielen Frauen, die mit einer Bewilligung L in einem Schweizer Nachtclub als Striptease-T\u00e4nzerin arbeiten. Ausgenommen Frauen, die aufgrund ihres hohen Ausbildungsstandes Arbeitserlaubnis f\u00fcr hoch qualifizierte T\u00e4tigkeiten an Universit\u00e4ten, Spit\u00e4lern, Anwaltskanzleien, Banken und dergleichen erhalten, ist dies die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr Frauen aus visumpflichtigen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, zivilstandunabh\u00e4ngig in die Schweiz einzureisen und einer legalen, geregelten T\u00e4tigkeit nachzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der \u201eNebenerwerb\u201c \u00fcber die vom Gesetz verbotene Animation und illegale Prostitution \u00fcblich und sowohl f\u00fcr Nachtclubbetreiber als auch f\u00fcr T\u00e4nzerinnen der lukrative Teil des Anstellungsvertrags ist, wird von Interviewpartnern und Gerichtsakten \u00fcbereinstimmend best\u00e4tigt. Einzig ein Agenturbesitzer hat bestritten, dass Frauen, die \u00fcber seine Agentur Vertr\u00e4ge mit Nachtclubbesitzern abgeschlossen haben, sich der Prostitution und Animation widmeten. Die Polizei ist in solchen F\u00e4llen machtlos, da die Grenzen zwischen bewilligter T\u00e4tigkeit als Striptease-T\u00e4nzerin, Animation und Prostitution flie\u00dfend sind und weder Clubbetreiber noch T\u00e4nzerinnen interessiert sind, auf diese lukrativen Einnahmequellen zu verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.4.2 Verh\u00f6rprotokolle: Polinnen suchen Arbeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden werden die Aussagen von zwei Frauen wiedergegeben, die als Angeschuldigte einzeln vom Verh\u00f6rrichter und der Polizei und bei einer Gegen\u00fcberstellung einvernommen wurden. Sie sind aufgrund ihres Aufenthaltsstatus der illegalen Prostitution angeklagt. Quellen sind Polizei- und Gerichtsprotokolle aus Einvernahmen und Gegen\u00fcberstellungen mit weiteren Angeklagten. Die Protokolle enthalten die w\u00f6rtlichen Reden, die von vereidigten Dolmetschern aus dem Polnischen ins Deutsche \u00fcbersetzt wurden. Die Strafverfolgungsbeh\u00f6rde und bei Gegen\u00fcberstellungen auch Vertreter der Verteidigung stellten Fragen an die Frauen. Die Protokolle enthalten also weder Erlebnisberichte noch individuelle Erinnerungen der Befragten, sondern gerichtsverwertbar verarbeitete Erfahrungen. Die Gerichtsprozessforschung macht klar, dass die Narration in den konkreten Verh\u00f6rzusammenhang gestellt und von diesen gegebenen Machtbeziehungen aus interpretiert werden muss. Dadurch unterscheiden sie sich von anderen Formen der Narration, wie z.B. selbst gestaltete Erlebnisberichte oder Interviews. (437)<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Protokollausschnitte m\u00f6gen als Muster f\u00fcr F\u00e4lle dienen, wie sie bei den Interviews, bei den Polizei- und Gerichtsakten und bei den Gerichtsentscheiden am h\u00e4ufigsten auftraten. Gleichzeitig eignen sie sich als Vorlage, die Situation von ausl\u00e4ndischen Frauen, die sich in der Schweiz ohne die erforderlichen Bewilligungen prostituieren, zum besseren Verst\u00e4ndnis zu strukturieren. Neben den Angaben zur Person (Herkunft, famili\u00e4rer und beruflicher Hintergrund) sind folgende Themenkreise unterscheiden, die wesentlich den Erfahrungshorizont von illegalen Prostituierten in der Schweiz bestimmen: Motivation zur Einreise, Kontakt\/Anwerbung, Informiertheit\/Information, T\u00e4tigkeit vor der Einreise, T\u00e4tigkeit in der Schweiz\/Arbeitsbedingungen in der Schweiz, Verdienst, Beziehungsnetz in der Schweiz, finanzieller Druck, k\u00f6rperliche Drohungen\/psychischer Druck, gesundheitliche Risiken, Freiwilligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadtpolizei Z\u00fcrich ermittelte gegen einen Zuh\u00e4lterring mit Verdacht auf Menschenhandel (Art. 196 StGB), F\u00f6rderung der Prostitution (Art. 195 StGB) und Beteiligung an einer kriminellen Organisation (Art. 260ter StGB). Sie griffen u.a. Elzbieta und Marie auf, die sie im September 1995 der Bezirksanwaltschaft als Angeschuldigte zur Befragung vorf\u00fchrten. Ein Jahr sp\u00e4ter verurteilte sie das Bezirksgericht Z\u00fcrich in gesonderten Verfahren wegen Vergehen gegen das ANAG in Abwesenheit zu Gef\u00e4ngnis und \u201eBu\u00dfe, sprach sie aber von der Beteiligung an einer kriminellen Organisation frei.\u201d (438) Die Fremdenpolizei hatte die Frauen bereits vor dem Gerichtstermin des Landes verwiesen. Sechs Jahre sp\u00e4ter verurteilte das Bezirksgericht Z\u00fcrich den Hauptangeklagten Goran wegen F\u00f6rderung der Prostitution (Art. 195 StGB) und Versto\u00dfes gegen das Bundesgesetz \u00fcber ANAG zu einer zweij\u00e4hrigen bedingten Gef\u00e4ngnisstrafe und zu einer Bu\u00dfe (vgl. Kap. 5.5.1).<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta aus Polen ist 20 Jahre alt, ledig, hat ein Kind und ist ohne Beruf. Sie ist wegen illegaler Aus\u00fcbung der Prostitution und Beteiligung an einer kriminellen Organisation angeschuldigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie ist 20 Jahre alt und ledig. Sie hat keine Kinder und gibt als Beruf Dentalhygienikerin an. Sie kommt ebenfalls aus Polen und lebt ohne festen Wohnsitz in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Befragung der Bezirksanwaltschaft erfolgte in gesonderten Konfrontationseinvernahmen und in Anwesenheit eines Rechtsanwalts. (439)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Motivation zur Einreise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich habe fr\u00fcher bereits einmal in Berlin und Stettin als T\u00e4nzerin gearbeitet. Ich hatte Interesse, als mir eine Kollegin von einem Job als T\u00e4nzerin in der Schweiz sprach. Ich habe mir allerdings ein paar Tage Bedenkzeit ausbedungen. Urspr\u00fcnglich wollte ich meine Kollegin dazu bringen, mit mir zusammen in die Schweiz zu fahren, doch sie wollte nicht. Ich hatte eigentlich zuerst Angst, alleine in die Schweiz zu fahren, habe aber schlie\u00dflich eingewilligt. Ich kannte ja niemanden und wusste nicht genau, was f\u00fcr eine Arbeit es war und wo; da ist es ja normal, wenn man Angst hat. Ich wollte nur einen Monat, w\u00e4hrend der polnischen Schulferien, als T\u00e4nzerin in der Schweiz arbeiten.<br>Marie: Ich kam in die Schweiz, um hier f\u00fcr eine Agentur zu arbeiten. Ich habe in einer polnischen Tageszeitung ein Inserat gefunden und habe mich daraufhin telefonisch gemeldet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Der Kontakt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich kenne den hier anwesenden Boris. Ich habe ihn in Stettin kennen gelernt, kurz vor meiner Anreise in die Schweiz. Eigentlich hat mir meine Kollegin gesagt, dass der Mann, der mich in die Schweiz mitnehmen w\u00fcrde, da sei, und ich habe mit ihm Kontakt aufgenommen. Weil ich mich nicht sofort entscheiden konnte, hat Boris bei mir zu Hause angerufen. Er hat mich dann abgeholt und wir sind in die Schweiz gereist. Auch war noch ein anderer Chauffeur dabei, G\u00fcnther.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Auf diese Weise kam ich mit Andrej in Kontakt. Andrej hat mich mit dem Auto aus Polen direkt zu Goran nach A. (Schweiz) gebracht. Goran war der Chef.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Information<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich sprach mit niemandem in Polen \u00fcber mein Engagement in der Schweiz, au\u00dfer mit dieser Kollegin. Sie sagte nur, dass ich einen Monat in der Schweiz arbeiten k\u00f6nnte und daf\u00fcr gut bezahlt w\u00fcrde. Konkrete Zahlen hat sie aber nicht genannt. Sie hat mich einfach gefragt, ob ich in der Schweiz als T\u00e4nzerin arbeiten wolle. Ich wusste nicht genau, was f\u00fcr eine Arbeit es war. Die Kollegin erkl\u00e4rte mir, dass ich in einem Nachtclub tanzen w\u00fcrde und nichts mehr. Ich ging davon aus, dass ich etwa die gleiche Arbeit machen w\u00fcrde wie in Berlin und Stettin. Doch war der Unterschied darin, dass ich nicht in einer Diskothek, sondern in einem Nachtclub tanzen w\u00fcrde. Ein Nachtclub ist meiner Meinung nach exklusiver, w\u00e4hrend eine Diskothek mehr popul\u00e4r ist. Unterwegs habe ich Boris gefragt, wie viele M\u00e4dchen denn im Club arbeiten. Ich glaube, dass er von vier gesprochen hat. Die konkreten Arbeitsbedingungen wurden mir erst in der Schweiz vom Chef mitgeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Im Inserat war lediglich die Rede von Arbeit in der Schweiz, wobei nicht geschrieben stand, um was f\u00fcr eine Arbeit es sich dabei handelt. Ich habe mich bei Andrej gemeldet und dabei erfahren, dass es sich um Prostitution handelt. Ich war einverstanden, f\u00fcr einen Monat in die Schweiz zu reisen, um dort der Prostitution nachzugehen. Andrej erkl\u00e4rte mir, dass ich 3&#8217;000 Franken im Monat verdienen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. T\u00e4tigkeit vor der Einreise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: In Berlin und Stettin tanzte ich in einer Diskothek und machte Striptease und den Spezialtanz mit der Stange. Ich musste mich dabei nicht ganz ausziehen, sondern war nur topless. Bevor ich in die Schweiz kam, habe ich mich nie prostituiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage des Rechtsanwalts: Beim Bezirksanwalt sagten Sie aus, dass Sie in Berlin von einem polnischen Zuh\u00e4lter an einen T\u00fcrken zur Prostitution vermittelt worden seien. Ist es denn nicht ein bisschen blau\u00e4ugig von Ihnen, wenn Sie glaubten, in der Schweiz als T\u00e4nzerin arbeiten zu k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Nein. Vorher lief alles \u00fcber den polnischen Zuh\u00e4lter. Die Schweizersache habe ich aber nicht mit ihm, sondern mit meiner Kollegin abgesprochen. Ich habe \u00fcbrigens verschiedene Angebote von T\u00fcrken gehabt, als Prostituierte zu arbeiten. Die habe ich aber alle abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage des Rechtsanwalts: Der Zuh\u00e4lter und Boris behaupten, Sie h\u00e4tten sich in Berlin schon prostituiert. Was sagen Sie dazu?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Das stimmt nicht. Ich wei\u00df selbst besser, was ich gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Ich habe schon als Striptease-T\u00e4nzerin gearbeitet. Ich habe keine andere Stelle gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. T\u00e4tigkeit in der Schweiz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Am Morgen nach der Ankunft erkl\u00e4rte mir Goran, dass ich zu Kunden fahren m\u00fcsse. Ich w\u00fcrde einen Monatslohn erhalten, der von meinen Eins\u00e4tzen und der Qualit\u00e4t meiner Arbeit abh\u00e4ngt. Sp\u00e4ter habe ich von den M\u00e4dchen erfahren, dass ich zwischen 2000 und 2500 Franken verdienen k\u00f6nnte, wenn ich gut arbeiten w\u00fcrde. Ich musste Sex mit Freiern machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Die M\u00e4dchen, die auch f\u00fcr Goran arbeiteten, haben mir gesagt, was ich zu tun habe. Mit dem Chef (440) habe ich dar\u00fcber nicht gesprochen, weil ich die Sprache nicht beherrsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chef hat die Telefone entgegengenommen und mit den Kunden gesprochen. Und er hat uns teils selbst zu den Kunden gefahren, teils hat er dies durch die Chauffeure machen lassen. Er hat auch den Zahltag gemacht. Die Chauffeure fuhren uns dann zu den Kunden und holten uns wieder ab. Wenn es weit weg war, warteten sie, bis wir fertig waren. Jeder der Chauffeure hatte ein Telefon dabei. Teilweise waren es auch die Chauffeure, die die M\u00e4dchen den Kunden zuwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten keine festen Arbeitszeiten und auch keine festgelegten Ruhezeiten. So hatte ich beispielsweise keinen einzigen Tag frei. Meistens sind wir um 9 Uhr nachhause gekommen und konnten dann etwa bis 13 oder 14 Uhr schlafen. Um 15 Uhr mussten wir meistens schon wieder los.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Waren Sie bez\u00fcglich der sexuellen Praktiken in der Entscheidung frei oder gab es Vorschriften?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Wir mussten auf Gehei\u00df vom Chef alles machen, was die Kunden w\u00fcnschten. Frage: Konnten Sie sich w\u00e4hrend Ihres Aufenthalts in der Schweiz jederzeit frei bewegen oder wurden Sie \u00fcberwacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Wir hatten zwar nur wenig Freizeit, aber wir konnten uns dabei frei bewegen, respektive wir haben uns extra nicht abgemeldet, damit wir nicht aus der Freizeit zu einem Kunden geholt wurden. Der Pass wurde mir nicht abgenommen. Grunds\u00e4tzlich waren wir frei. Man hat mich nur beobachtet, als ich nach Polen zur\u00fcck wollte. Zusatzfrage des Rechtsanwalts: Haben Sie versucht, eine andere Arbeit zu finden? Marie: Nein. Aber einmal meldeten wir uns bei einer Fotoagentur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. Der Verdienst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich wei\u00df nicht genau, was abgemacht war. Ich habe zwei Monate gearbeitet, und so, wie mir meine Kolleginnen erz\u00e4hlten, bezahlte er 2500 Franken pro Monat, sodass ich eigentlich 5000 Franken zugute habe. Eigentlich sogar ein bisschen mehr, da ich l\u00e4nger als zwei Monate gearbeitet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese Zeit w\u00fcrde ich etwa von 200 Freiern ausgehen. Man muss dazu allerdings sagen, dass ich einige f\u00fcr eine ganze Nacht hatte, andere wiederum nur f\u00fcr zwei Stunden. F\u00fcr 90 Minuten mussten sie bar 450 Franken oder mit Kreditkarte 500 Franken bezahlen, f\u00fcr die ganze Nacht 1000 bis 1200 Franken. Das hing davon ab, was der Chef mit den Kunden vereinbarte. Das Trinkgeld durften wir behalten. Einmal habe ich 700 Franken bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Hatten Sie bez\u00fcglich Preise nichts zu sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Absolut nein.<br>Frage: Wer kassierte das Geld jeweils von den Kunden?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich. Ich musste es dann jeweils direkt nach dem Kundenbesuch dem Chauffeur aush\u00e4ndigen, der es wiederum an den Chef weiterreichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage an Goran: Sind Sie bereit, Elzbieta den vereinbarten Lohn zu zahlen?<\/p>\n\n\n\n<p>Goran: Im Prinzip ja, ich habe jedoch kein Geld. Ich habe Schulden, auch wegen eines Privatprozesses.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Ganz genau wei\u00df ich das nicht. Ich habe im ersten Monat 1300 Franken bekommen sowie Vorbez\u00fcge in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 1000 Franken. Das Geld gab mir jeweils der Chef.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir M\u00e4dchen haben das Geld vom Kunden entgegengenommen und dann dem Chauffeur weitergegeben. Was dieser damit machte, wei\u00df ich nicht. Trinkgelder durften wir behalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>7. Das Beziehungsnetz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Kennen Sie die hier anwesenden Angeschuldigten? (Die Frage wird f\u00fcr jeden der anwesenden oder auf Foto pr\u00e4sentierten M\u00e4nner einzeln gestellt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich wei\u00df, dass er Stepan hei\u00dft und dass Marie in ihn verliebt ist. Ich habe ihn einmal gesehen. Ich wei\u00df von Marie, dass er als Chauffeur kurze Zeit f\u00fcr den Chef gearbeitet hat. \u2014 Und das ist Hans. Ich habe ihn durch den Chef kennen gelernt, in einem Restaurant. Sp\u00e4ter durfte ich bei ihm und seinem Sohn wohnen. Ich bin mit ihm einige Male gefahren. Ich habe vom August bis zu meiner Verhaftung bei ihm gewohnt und bin von seinem Sohn schwanger. Als ich dort wohnte, musste ich etwa einmal pro Tag arbeiten. Ich glaube, es handelte sich dabei um Kunden von Goran. Ich wurde in dieser Zeit von Hans gefahren und ihm musste ich auch das Geld abgeben, wie ich es immer dem Chauffeur abgeben musste. \u2014 Und das ist der Chef. Als ich mit Boris (und dem Zuh\u00e4lter) im Haus in der Schweiz angekommen bin, habe ich ihn dort kennen gelernt. Goran war der oberste Chef. Er erteilte allen Mitarbeitern Befehle.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Kennen Sie diese Herren? (Die Frage wird f\u00fcr jeden der anwesenden oder auf Foto pr\u00e4sentierten M\u00e4nner einzeln gestellt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Ja. Das ist Stepan. Ich habe ihn in einem Hotel in Z\u00fcrich kennen gelernt. Goran hat ihn geschickt, damit er mich zu einem Klienten fuhr. Ich war dann mit ihm zusammen. Gewisserma\u00dfen privat. Ich war bei ihm zuhause. In dieser Zeit habe ich nicht gearbeitet. \u2014 Ja. Das ist der Chef. \u2014 Ja. Das ist ein Chauffeur von Goran. Ich habe ihn bei ihm kennen gelernt. \u2014 Ja. Das ist Hans. Der Mann war mein Klient. \u2014 Ja. Der hat mich oft chauffiert. Ich lernte ihn auch bei Goran in A. kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Haben Sie in der Schweiz mit einer anderen Person \u00fcber ihre Arbeitsbedingungen gesprochen?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Nein. Die M\u00e4dchen haben mir gesagt, was ich zu tun habe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>8. K\u00f6rperliche Drohungen\/psychischer Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Am Anfang, bis ich mich zu dieser Arbeit entschloss, gab es keine Drohungen, sp\u00e4ter schon. Ich hatte relativ oft Reklamationen von Freiern \u2014 einmal drei Mal am gleichen Tag \u2014 und dann richtete mir mein damaliger Chauffeur aus, dass Goran sehr w\u00fctend sei und er mich t\u00f6ten w\u00fcrde, wenn er mich zu Gesicht bek\u00e4me. Am andern Tag hat er die Drohungen mir gegen\u00fcber pers\u00f6nlich wiederholt. Ich hatte Angst. Ich hatte ja gesehen, wie er seine Freundin Jana schlug.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Hei\u00dft das, dass Sie glaubten, Goran w\u00fcrde seine Drohung wahr machen?<br>Elzbieta: Ja, ich war fest davon \u00fcberzeugt. Er hat mir immer wieder gedroht, ich hatte aber auch immer wieder Probleme mit den Freiern. Ich wollte nicht alles machen und soll einige Dinge auch nicht richtig ausgef\u00fchrt haben. Beispielsweise war Pascal ein Stammkunde. Ich hatte bei einem Besuch bei ihm Bauchweh und ging weg von ihm zu Boris ins Auto. Goran fragte mich am n\u00e4chsten Tag, warum ich so gehandelt habe. Ich wollte mich verteidigen und ihm sagen, dass Pascal eine Sexmaschine sei. Goran forderte mich auf, Pascal und den anderen Kunden k\u00fcnftig einen Superservice zu bieten, sonst w\u00fcrde er mich schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Hat er dies getan?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Haben Sie gesehen, wie Goran seine Freundin schlug?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Nein, aber ich habe sie nachher gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Wissen Sie, warum er sie geschlagen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ganz genau wei\u00df ich es nicht. Einmal hat er sie aber geschlagen, weil sie in seiner Abwesenheit eine Disco besucht hat. Ich wei\u00df nicht, ob er sie mehrmals geschlagen hat, ich habe dies nur einmal bemerkt. Damals hat sie schrecklich ausgesehen. Ich sah nur ihr Gesicht, aber das leuchtete in allen Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Ich habe gesehen, wie der Chef Jana geschlagen hat. Nicht nur einmal. Ich hatte auch Angst vor ihm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>9. Finanzieller Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Der Chef hat mir gesagt, dass er mir f\u00fcr jede Reklamation 500 Franken abziehen w\u00fcrde. Ich wei\u00df nicht, ob er es getan hat, da ich bis heute kein Geld von ihm bekommen habe. Ich war aber fest davon \u00fcberzeugt, dass er dies tun w\u00fcrde. Ich sollte monatlich bezahlt werden, und am 10. August wurde mir versprochen, dass ich nach Hause fahren d\u00fcrfte. An diesem Tag sagte mir der Chef aber, dass ich nicht fahren d\u00fcrfte, da zu wenig M\u00e4dchen da w\u00e4ren. Er w\u00fcrde mir meinen Lohn erst dann geben, wenn ich tats\u00e4chlich nach Polen zur\u00fcckfahren w\u00fcrde. Ich hatte von ihm nur zweimal einen Vorschuss f\u00fcr das Essen erhalten. Einmal 100 Franken und einmal 200 Franken. Ich reklamierte bei ihm, aber er wollte nicht zahlen. Er hatte Angst, dass ich abhauen w\u00fcrde, was ich tats\u00e4chlich auch gemacht h\u00e4tte. Aber ich hatte ja kein Geld; das h\u00e4tte nicht einmal f\u00fcr die R\u00fcckreise gereicht. Au\u00dferdem wollte ich nicht gratis arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage an Marie: In der Einvernahme vom 31.8. erkl\u00e4ren Sie, in einem solchen Falle (Reklamation des Kunden) h\u00e4tte der Chef das Geld einbehalten, das der Kunde bezahlte. Sie selbst h\u00e4tten sich geweigert, aber das Geld verlangten Sie trotzdem. Was sagen Sie dazu?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Das stimmt nicht. Dieses Vorgehen wurde nur angewandt, wenn ein Kunde reklamiert hat. Einmal rannte ich von einem Kunden weg. Der Chef stellte mir in Aussicht, dass das Geld vom Lohn abgezogen w\u00fcrde. Ob das tats\u00e4chlich geschah, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>10. Gesundheitliche Risiken<\/strong> (441)<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich wollte nicht alles machen und soll einige Dinge auch nicht richtig ausgef\u00fchrt haben. Beispielsweise war Pascal ein Stammkunde. Ich hatte bei einem Besuch bei ihm Bauchweh und ging weg von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage an Marie: Kam es auch vor, dass Sie w\u00e4hrend des Schlafens geweckt und an einen Kunden vermittelt wurden?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Ja, das kam vor, und ich bin auch gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Konnten Sie sich nicht weigern?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Man musste einfach gehen. Auch wenn man unp\u00e4sslich war.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Haben Sie sich nie konkret geweigert?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Ich habe mich nicht geweigert. Andere haben geweint, aber das hat nichts ge\u00e4ndert. Einmal wollte ich etwas nicht machen, was der Kunde wollte. (Praktiken ohne Kondom). Da hat der Kunde bei Goran reklamiert und ich musste es doch machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11. Freiwillige Abh\u00e4ngigkeit \u2014 abh\u00e4ngige Freiwilligkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Wie stellen Sie sich dazu, dass Sie Sex mit Freiern machen mussten?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Eigentlich wollte ich es nicht machen, Goran hat mir das Ganze aber in rosaroten Farben geschildert, so war ich schlie\u00dflich einverstanden. Er sagte auch, dass ich das nicht lange machen m\u00fcsste. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rte er mir, dass ich dies w\u00e4hrend dreier Monate tun m\u00fcsse. Der Chef erlaubte mir, bis 14 Uhr ins Solarium zu gehen oder in einem nahen Gesch\u00e4ft einzukaufen. Um 14 Uhr musste ich immer zur\u00fcck sein, manchmal auch fr\u00fcher, wenn ein Kunde nach mir verlangt hatte. Dabei sind wir teilweise erst um 19 Uhr oder 20 Uhr oder noch sp\u00e4ter von der Arbeit zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Wer hatte Ihren Pass?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Den hatte ich bei mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Hatten Sie bez\u00fcglich der Wahl der Freier oder bez\u00fcglich der Sexualpraktiken etwas zu sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Nein. Das w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, dann h\u00e4tte ich keinen besucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Wurde Ihnen bez\u00fcglich der Sexualpraktiken vorgeschrieben, wie weit Sie zu gehen hatten?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Generell hie\u00df es, ich m\u00fcsste Superservice bieten, das hei\u00dft, dass ich alles machen musste, was die Klienten wollten. Es hie\u00df aber, dass der Geschlechtsverkehr mit Kondom vollzogen werden m\u00fcsse, w\u00e4hrend \u201efranz\u00f6sisch\u201c ohne Gummi gemacht werden musste. Diese Anordnungen kamen von Goran.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Gab es Freierw\u00fcnsche, die Sie nicht erf\u00fcllen wollten?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ja, selbstverst\u00e4ndlich. Deswegen hatte ich auch Reklamationen und Probleme.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Wieso machten Sie Boris am Telefon vom 18.7.95 keine Vorw\u00fcrfe, dass er Sie an einen solchen Ort vermittelte?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich habe \u00fcber Jana, die Freundin des Chefs gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: F\u00fchlen Sie sich durch die Vorkommnisse in der Schweiz ausgen\u00fctzt und gedem\u00fctigt?<\/p>\n\n\n\n<p>Elzbieta: Ich f\u00fchle mich sehr gedem\u00fctigt, weil ich f\u00fcr nichts gearbeitet habe. Au\u00dferdem konnte ich nicht nach Hause fahren zu meinem Kind und ich konnte nicht in die Schule gehen. Wenn ich nicht verhaftet worden w\u00e4re, dann h\u00e4tte ich bis heute nicht nach Hause fahren k\u00f6nnen. Ich h\u00e4tte abarbeiten m\u00fcssen, bis ein anderes M\u00e4dchen meine Stelle eingenommen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Urspr\u00fcnglich wollten Sie nur einen Monat bleiben. Warum sind Sie l\u00e4nger geblieben?<\/p>\n\n\n\n<p>Marie: Als der erste Monat vorbei war, wollte ich eigentlich nach Hause reisen. Ich hatte meinen Lohn auch schon erhalten. Der Chef erkl\u00e4rte mir dann allerdings, dass er Andrej bereits Geld f\u00fcr mich bezahlt hatte, sodass ich jetzt f\u00fcr ihn weiterarbeiten m\u00fcsse. Ich war damit nicht einverstanden, doch er erkl\u00e4rte mir, dass ich ihm in diesem Falle das Geld, das er Andrej bezahlt habe, zur\u00fcckerstatten m\u00fcsse. Da ich in diesem Falle den ganzen Verdienst wieder h\u00e4tte zur\u00fcckgeben m\u00fcssen, entschloss ich mich, weiterzuarbeiten. Ich beschloss dann, einen weiteren Monat zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12. Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Aussagen der unabh\u00e4ngig voneinander befragten Frauen decken sich in Details und wesentlichen Punkten. Sie bringen vor allem zum Ausdruck, dass die Frauen zwar freiwillig in die Schweiz gekommen waren, um ohne die erforderliche Arbeitserlaubnis, also illegal, als Prostituierte Geld zu verdienen, dass sie aber \u00fcber die konkrete Arbeit und die Arbeitsbedingungen unvollst\u00e4ndig informiert waren. Einmal in der Schweiz, fanden sie sich in einer Zwangssituation wieder, die gepr\u00e4gt war von k\u00f6rperlichen Drohungen, psychischem und finanziellem Druck. Eine freie Entscheidung, sowohl was die T\u00e4tigkeit selbst betrifft als auch das Wechseln des Begleitservices oder das \u201eAussteigen\u201c, erschien den Frauen unter diesen Umst\u00e4nden nicht m\u00f6glich. Diese Zwangssituation war vor allem geeignet, die Machtposition des Chefs zu st\u00e4rken und diente dem Profit, den er und seine Mitarbeiter aus dem Gesch\u00e4ft mit den illegalen Prostituierten erwirtschafteten. Dies m\u00f6ge ein Rechenbeispiel verdeutlichen:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gewinnmarge f\u00fcr die Dienstleistungen einer einzigen illegalen Prostituierten sind betr\u00e4chtlich: Geht man von den Angaben von Elzbieta aus, ergeben 200 Freier zu durchschnittlich 500 Franken den stattlichen Betrag von 100&#8217;000 Franken in drei Monaten (Goran zwang Elzbieta unter R\u00fcckbehaltung des Lohnes, drei Monate bei ihm zu arbeiten, statt, wie von der Frau geplant, nur einen Monat). Zieht man den versprochenen Lohn von 2500 Franken pro Monat und nochmals gesch\u00e4tzte 1500 Franken f\u00fcr Kost und Logis pro Monat ab, summiert sich das zu einem Betrag von 12&#8217;000 Franken, ein Lohn, der ca. 10% ihrer Einnahmen entspricht. Zum Vergleich sch\u00e4tzen die Steuerbeh\u00f6rden das steuerbare Einkommen einer selbst\u00e4ndigen, legal in der Schweiz arbeitenden Vollzeit-Prostituierten auf ca. 100&#8217;000 Franken im Jahr, allerdings mit betr\u00e4chtlicher individueller Varianz (Interview mit einem Steuerbeamten, Z\u00fcrich, Oktober 1999). Die freie Prostituierte kann also, bei frei w\u00e4hlbaren Arbeitsbedingungen, mit einem doppelten bis dreifachen Einkommen rechnen wie die abh\u00e4ngige Prostituierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Aussagen der beiden Frauen geht hervor, dass beide schon Erfahrungen im Sex-Milieu hatten und bereit waren, weiterhin in diesem Bereich erwerbst\u00e4tig zu sein. Obwohl sie \u00fcber die konkreten Arbeitsbedingungen im Unklaren waren, beeinflusste dies den Migrationsentscheid nicht negativ. Dies zeigt die Bedeutung der organisierten Anwerbung und des konkreten Angebots f\u00fcr die Migration.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beispiele zeigen auch, dass die Motivation der Frauen zum Gelderwerb gr\u00f6\u00dfer war als das Unrechtsempfinden hinsichtlich ihrer eigenen illegalen T\u00e4tigkeit. Als besonders belastend erscheint ihnen die Unm\u00f6glichkeit ihre Arbeitsbedingungen zu beeinflussen, die physischen und psychischen Gewaltandrohungen und die unerf\u00fcllten Erwartungen auf einen gro\u00dfen Verdienst.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass in den Befragungen durch die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden die Situation in der Heimat vor und nach dem Aufenthalt in der Schweiz nicht zur Sprache kam. Dies erstaunt umso mehr, als es sich in einem Fall um eine junge Frau handelte, die ein Kind von einem Schweizer B\u00fcrger erwartete. \u00dcber das weitere Schicksal der beiden verurteilten und des Landes verwiesenen Frauen ist nichts mehr bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.4.3 Das ungarische Familiennetz: Besitzer und Sklavin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember 1999 warf ein Gerichtsprozess in Lugano hohe Wellen und verunsicherte Zuh\u00e4lter und Bordellbesitzer. Eine Ungarin, die ohne erforderliche Bewilligung als Prostituierte t\u00e4tig war, wurde von der Tessiner Polizei bei einer Razzia aufgegriffen. Sie drehte dann aber den Spie\u00df um und klagte ihre Zuh\u00e4lter an, in der Hoffnung, sich mit Hilfe von Polizei und Gerichten von ihnen zu befreien, unbehelligt nach Hause zu reisen und dort ein geordnetes Leben zu f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Die Tessiner Justiz konnte aber nur die Schwester des Hauptzuh\u00e4lters belangen, da weitere involvierte Personen weder in der Schweiz Wohnsitz hatten noch ihre Personalien bekannt waren. Mit Entscheid vom Januar 2000 verurteilte das Gericht die Schwester des Hauptverd\u00e4chtigen wegen Beihilfe zur F\u00f6rderung der Prostitution und wiederholten Verst\u00f6\u00dfen gegen das ANAG zu einer bedingten Haftstrafe von neun Monaten und zu f\u00fcnf Jahren Landesverweis. Das Urteil wurde nicht angefochten. Lena ist Ungarin und stammt aus einer l\u00e4ndlichen Umgebung. Sie war beim Prozess 19 Jahre alt, ledig und kinderlos. Sie hatte in Ungarn eine Handelsschule besucht und 1998 mit dem Diplom abgeschlossen. Danach war sie w\u00e4hrend eines Jahres an einer h\u00f6heren Schule eingeschrieben. In Ungarn hat sie nie gearbeitet. Ihre Eltern sind Fabrikarbeiter mit je einem Lohn von circa 350 Franken monatlich. Ihr Bruder geht noch zur Schule. Die Aussagen sind aus dem Italienischen \u00fcbersetzt, gek\u00fcrzt und in Kategorien geordnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Motivation zur Einreise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit ihm (Andras) habe ich erfahren, dass es in Italien und der Schweiz die M\u00f6glichkeit gebe, viel Geld mit Prostitution zu verdienen. Da meine finanzielle Situation sowie die meiner Familie prek\u00e4r ist, habe ich mir das \u00fcberlegt. Andras hat mir von der M\u00f6glichkeit erz\u00e4hlt, in die Schweiz zu gehen, genauer nach Lugano, wo ich in einer Bar als Prostituierte arbeiten und 12\u201d000 bis 15\u00b0000 Franken im Monat verdienen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Kontakt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich im Juli 1999 eine Reise mit dem Zug zu meinen Verwandten machte, habe ich Andras kennen gelernt (ungarischer Zuh\u00e4lter\/Vermittler). Als ich sein Angebot annahm, mich in die Schweiz als Prostituierte zu vermitteln, hat er mir Ferenc vorgestellt (ungarischer Zuh\u00e4lter\/Vermittler ohne festen Wohnsitz). Mit ihm bin ich dann in die Schweiz gereist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Information<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Andras als auch Ferenc hatten mir gesagt, dass ich ihnen die H\u00e4lfte meines Verdienstes als Prostituierte abgeben m\u00fcsse. Ferenc nannte mir den Namen der Bar, wo ich arbeiten w\u00fcrde, und erz\u00e4hlte mir von seiner Schwester Niki, die schon in Lugano war. Sie w\u00fcrde das Geld f\u00fcr ihn und Andras t\u00e4glich bei mir einkassieren, w\u00e4hrend er abwesend sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern sind \u00fcberzeugt, dass ich in der Schweiz als Kellnerin arbeite.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. T\u00e4tigkeit vor der Einreise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe in Ungarn nie gearbeitet. Ich war ein Jahr lang an einer h\u00f6heren Schule eingeschrieben. Bevor ich in die Schweiz kam, hatte ich mich nie prostituiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. T\u00e4tigkeit in der Schweiz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Club W. in Lugano hatte ich einen bis zwei Freier pro Tag. Es gab nicht viel Arbeit, und das Geld reichte nur gerade, um f\u00fcr das Zimmer und meinen Unterhalt aufzukommen. In der Zeit, als ich im Lokal G. in Lugano logierte, verkehrte ich durchschnittlich mit f\u00fcnf bis sechs Freiern pro Tag. Die Arbeitszeit war von 12 Uhr mittags bis zur Polizeistunde um 1 Uhr nachts.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. Der Verdienst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr jeden Verkehr musste ich 100 Franken oder 120\u2019000 Lire verlangen. Wenn ich alles hochrechne, so habe ich mit durchschnittlich vier Freiern pro Tag vom 1. August bis heute (Dezember) circa 30&#8217;000 Franken brutto verdient. Von dieser Summe m\u00fcssen mindestens 12000 Franken f\u00fcr die Miete der verschiedenen Zimmer abgezogen werden und die Quoten, welche ich Ferenc und Niki bezahlt habe (ca. 10&#8217;000 bis 11&#8217;000 Franken). Die verbleibenden 7000 bis 8000 Franken habe ich f\u00fcr meinen Unterhalt, Vergn\u00fcgungen und verschiedene Anschaffungen ausgegeben. Ich habe meiner Familie nie Geld geschickt. Momentan bin ich lediglich im Besitz von 300 Franken und 300&#8217;000 Lire. Ich musste Niki 50 Franken pro Tag f\u00fcr das Zimmer geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>7. Das Beziehungsnetz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich Andras in einem Zug in Ungarn kennen gelernt hatte, hat.er mich mehrere Male in meinem Dorf besucht. Als ich sein Angebot angenommen hatte, mich als Prostituierte in die Schweiz zu vermitteln, hat er mir Ferenc vorgestellt. Dieser wohnt in einem Nachbardorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit meiner Ankunft in der Schweiz hatte ich nur Kontakt mit Ferenc und seiner Schwester Niki. Zu Andras war der direkte Kontakt abgebrochen. Ferenc lie\u00df mich aber wissen, dass alles oder ein Teil des Geldes, welches er von mir einkassiere, f\u00fcr Andras bestimmt sei. Nach der ersten Zeit in Lugano teilte mir Ferenc allerdings mit, dass er mich bei Andras ausgel\u00f6st habe, so dass nun die H\u00e4lfte meines Verdienstes direkt bei ihm bleibe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferenc kam oft nach Lugano und logierte w\u00e4hrend ganzer Wochen im Lokal G. Manchmal habe ich ihn in meinem Zimmer beherbergt und manchmal kam er bei anderen Personen unter. Es ist wahr, dass wir bei gewissen Gelegenheiten miteinander schliefen, zum Beispiel, wenn Ferenc bei mir \u00fcbernachtete. Er hat mich nie dazu gezwungen, aber ich war auch nicht in ihn verliebt. Ich wei\u00df nicht, warum ich es gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Niki war die Mieterin des Zimmers, in dem ich als Untermieterin wohnte. Sie hat das Zimmer f\u00fcr mich gefunden. Sie erkl\u00e4rte mir auch, wie ich mich den Freiern gegen\u00fcber verhalten m\u00fcsse, welchen Tarif ich f\u00fcr jede sexuelle Dienstleistung verlangen m\u00fcsse, und die Arbeitszeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich kenne ich keine anderen ungarischen M\u00e4dchen, die von Ferenc oder seiner Schwester abh\u00e4ngig sind. Ferenc hat mich bei einem seiner letzten Anrufe aufgefordert, mich rumzuh\u00f6ren, um Pl\u00e4tze f\u00fcr zwei weitere M\u00e4dchen zu finden, die mit ihm in die Schweiz kommen w\u00fcrden. Nat\u00fcrlich habe ich das nicht gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>8. K\u00f6rperliche Drohungen\/psychischer Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wahr, dass Ferenc mich mehrere Male bedroht und auch geohrfeigt hat. Er setzte mich unter Druck, damit ich mehr Geld verdiene. Niki hat mich nie geschlagen oder offen bedroht, aber es ist vorgekommen, dass sie mich laut beschimpfte. Als sie mit mir schimpfte, war es wegen des Geldes, das ich ihr geben musste. Es ist auch vorgekommen, dass Niki die Drohungen ihres Bruders gegen mich wiederholte, z.B. dass er mir alle Z\u00e4hne einschlage.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>9. Finanzieller Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es existiert kein schriftlicher Vertrag mit Ferenc, aber in der Praxis musste ich ihm von dem Moment an, als ich mich prostituierte, Geld \u00fcberweisen. Ich konnte nicht aus eigener Initiative damit aufh\u00f6ren, nur er h\u00e4tte mich \u201eentlassen\u201c k\u00f6nnen. Ferenc beklagte sich immer, dass ich ihm nicht das einbr\u00e4chte, was er sich von mir erhofft hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ins Lokal O. wechselte, war ich ohne Geld. Meinen Verdienst hatte ich f\u00fcr meinen Unterhalt und die \u00dcberweisungen an Ferenc ausgegeben. Ich hatte beschlossen, die Beziehung zu Ferenc abzubrechen, um etwas Geld zu sparen und die Schweiz verlassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>10. Gesundheitliche Risiken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss sagen, dass ich in diesen Monaten in Stress und Angst gelebt habe. Ich war dieses Lebens m\u00fcde. Ich war nicht daf\u00fcr gemacht. Ich konnte meine Heimkehr kaum noch erwarten. Ich h\u00e4tte mir nie vorstellen k\u00f6nnen, was mich wirklich erwartete, bevor ich aus Ungarn abgereist bin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11. Freiwillige Abh\u00e4ngigkeit \u2014 abh\u00e4ngige Freiwilligkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ferenc hat mir ganz klar gesagt, dass er entscheide, ob und wann ich mit der Prostitution aufh\u00f6ren k\u00f6nne. Insbesondere ist es mehrmals vorgekommen, dass er mir offen gedroht hat, sich an meiner Familie zu r\u00e4chen, wenn ich ihm nicht genug Geld ablieferte oder wenn ich ihm zu verstehen gab, dass ich aufh\u00f6ren wollte. Niki sagte mir, dass ich mich anstrengen sollte. Je mehr ich arbeiten w\u00fcrde, umso mehr w\u00fcrde ich auch verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Tagen, als ich im O. war, wurde mir bewusst, dass es unm\u00f6glich war, mich von Ferenc abzusetzen, ohne Konsequenzen f\u00fcr mich oder meine Familie in Kauf zu nehmen. So hatte er seit meiner Abreise aus Ungarn einige meiner Dokumente als Garantie zur\u00fcckbehalten, also meine Identit\u00e4tskarte und meinen Fahrausweis. Zudem kennt er die Adresse meiner Familie. Darum nahm ich \u00fcber seine Telefonnummer in Ungarn Kontakt mit ihm auf und informierte ihn, dass ich ins O. gewechselt habe. Er sagte mir, dass er das schon wisse, und dass, wenn ich mich nicht gemeldet h\u00e4tte, er mich suchen gekommen w\u00e4re, oder sich an meiner Familie ger\u00e4cht h\u00e4tte. Sicher h\u00e4tte ich, wenn ich nicht von Ferenc abh\u00e4ngig gewesen w\u00e4re, viel mehr verdient und h\u00e4tte mehr sparen und das Geld meiner Familie schicken k\u00f6nnen. Praktisch war mein Verh\u00e4ltnis zu Ferenc wie das einer Sklavin zu ihrem Besitzer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12. Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die 19-j\u00e4hrige Ungarin auf \u201eselbst\u00e4ndiger\u201c Basis als Prostituierte arbeitete und z.B. das Lokal wechseln konnte, wenn sie ihren Zuh\u00e4lter davon unterrichtetewar sie doch einem starken Druck und einschneidender Kontrolle ausgesetzt, vornehmlich durch die Schwester des Zuh\u00e4lters, die st\u00e4ndig in Lugano anwesend war und sich im Milieu auskannte. F\u00fcr das Einkassieren des Geldes reichte es, die junge Frau telefonisch oder \u00fcber die Schwester verbal unter Druck zu setzen. Die physische Pr\u00e4senz des Zuh\u00e4lters\/Frauenh\u00e4ndlers war nicht unbedingt erforderlich. Das Druckmittel \u201eFamilie\u201c wirkte denn auch hier, da ihre Eltern nicht \u00fcber ihre T\u00e4tigkeit als Prostituierte unterrichtet waren und sie Vergeltungsakte bef\u00fcrchten musste. Ebenso waren ihre Dokumente durch den Zuh\u00e4lter zur\u00fcckbehalten worden, was ihre Bewegungsfreiheit einschr\u00e4nkte. Neben diesen direkten Profiteuren m\u00fcssen aber auch die indirekten gesehen werden, welche mit der Vermietung von Hotelzimmern an Prostituierte in Lugano betr\u00e4chtliche Summen einnehmen (zwischen 80 und 135 Franken pro Tag oder 840 Franken w\u00f6chentlich in der Diskothek mit Hotelbetrieb, 2000 Franken pro Monat in Zimmern der Bar), und den Frauen Arbeitszeiten, Kleidungsvorschriften etc. vorgeben, wie wenn es sich um regelrechte Arbeitsverh\u00e4ltnisse handeln w\u00fcrde. Die Lokalbesitzer und Betreiber sind \u00fcber die Aktivit\u00e4ten ihrer G\u00e4ste informiert und daran interessiert. Unter diesen Umst\u00e4nden brauchen sie sich keine Sorgen \u00fcber den Tourismusr\u00fcckgang im Tessin zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der finanzielle Gewinn und der Verdienst der Ungarin f\u00e4llt auch deshalb eher gering aus, weil sie nach nur vier Monaten von der Polizei aufgegriffen wurde und bei dieser Gelegenheit ihre Zuh\u00e4lter denunziert hat. Diese Bereitschaft steht im Zusammenhang mit ihrem Alter und ihrer Unerfahrenheit. Der Prozess hat im Tessin einigen Wirbel ausgel\u00f6st, auch wenn der Hauptverd\u00e4chtige dem Prozess fern blieb, was wiederum Konsequenzen f\u00fcr sie und ihre Familie in Ungarn haben k\u00f6nnte. In ihrer ausweglosen Situation erhoffte sie sich durch den Prozess vermutlich die Verhaftung und Bestrafung und somit das Unsch\u00e4dlichmachen der T\u00e4ter, was auch die ermittelnde Polizeibeh\u00f6rde und der zust\u00e4ndige Staatsanwalt des Kantons Tessin best\u00e4tigten. Der Polizeisprecher in Lugano erkl\u00e4rte, es handle es sich bei Andras um einen ungarischen Zuh\u00e4lter, der vor allem in Ungarn, aber auch in Italien, Deutschland und der Schweiz Frauen ins Prostitutionsgewerbe vermittelt und von den Zahlungen lebt, die er von Mittelsleuten einkassieren l\u00e4sst. So muss er diese L\u00e4nder nur ab und zu bereisen und kann sich so der westeurop\u00e4ischen Strafverfolgung entziehen. T\u00f6tungsdelikte in F\u00e4llen von Frauenhandel, Prostitution und organisierter Kriminalit\u00e4t in Ungarn sind bekannt (Juchler 2001), Lenas Angst vor Andras und Ferenc scheint durchaus berechtigt. Erst nachtr\u00e4glich stellte sich heraus, dass Ferenc in Deutschland wegen \u00e4hnlicher Delikte bereits verurteilt wurde. \u00dcber das weitere Schicksal von Lena, Ferenc und Andras ist nicht bekannt. <strong>Anmerkungen<\/strong><br>387 Vgl. Juchler, Jakob (1992): Ende des Sozialismus \u2014 Triumph des Kapitalismus? Eine vergleichende Studie moderner Gesellschaftssysteme.<br>388 Juchler, Jakob (2001): Zum Kontext der postsozialistischen L\u00e4nder. 389 Daten der Weltbank, Sch\u00e4tzung der Bev\u00f6lkerung mit einem (kaufkraftbereinigten) Einkommen unter 4 $ pro Tag. 390 Juchler, Jakob (2000): \u201eIn Dollars umgerechnet ergaben sich 1999 selbst f\u00fcr ostmitteleurop\u00e4ische L\u00e4nder nur Werte im Bereich von gut 250 bis knapp 400 US$. Nur Slowenien erreichte mit 940 US$ einen deutlich h\u00f6heren Wert. Die baltischen L\u00e4nder rangierten zwischen 230 und 300 US$, w\u00e4hrend Rum\u00e4nien und Bulgarien mit 110 bzw. 120 US$ schon deutlich zur\u00fccklagen, allerdings vor Russland mit seinen nur gut 60 US$\u201c (Business Central Europe, The Annual 2000, S. 57). 391 Daten der Weltbank, Sch\u00e4tzung der Bev\u00f6lkerung mit einem (kaufkraftbereinigten) Einkommen unter 4 $ pro Tag.<br>392 Milanovic, Branko (1998): Income Inequality and Poverty during the Transition from Planned to Market Economy.<br>393 Andere Sch\u00e4tzungen gaben tiefere Raten von 12 bis 14% an.<br>394 SPP (Studies in Public Policy) (1994ff.) New Democracies Barometer, Centre for the Study of Public Policy, University of Strathelyde, Glasgow.<br>395 Morokvasic, M. and Rudolph, H. (eds) (1993): Bridging States and Markets. International Migration in the Early 1990s.<br>396 Aufgrund der Freiz\u00fcgigkeit im EU-Raum d\u00fcrften sich die Migrationsmuster auch in Westeuropa entsprechend \u00e4ndern.<br>397 Dazu Juchler, Jakob (2001) Zum Kontext der postsozialistischen L\u00e4nder. 398 Women in Transition. Regional Monitoring Report No. 6, unicef 1999.<br>399 IOM, Res. Rep., July 1998, Information Camp. against Trafficking in Women from Ukraine.<br>400 Umfrage der OBOB, 1998, zitiert nach Juchler, Jakob (2001).<br>401 Faktisch d\u00fcrfte der Anteil noch h\u00f6her sein, da die Anwerbemethoden vielf\u00e4ltiger und trickreicher geworden sind als die in der Umfrage genannten Arbeitsangebote. So werden z.B. Auch Junge M\u00e4nner eingesetzt, die M\u00e4dchen als \u201eFreundinnen\u201c gewinnen und sie dann unter Druck setzen; die Anwerbung geschieht meist erst im Westen, wenn die M\u00e4dchen dort etwa als Au-Pair arbeiten oder studieren (vgl. Budapest Sun vom 4. April 2000; Human Rights Commission, 1996).<br>402 vgl. IOM News Release, 12.11.1999, No. 842, Trafficking in Migrants, 1999, No. 20. 403 Budapest Sun vom 4.4.2000.<br>404 Caldwell, Gillian et al. (1999): Capitalizing on transition Economies: The Role ofthe Russian Mafiya in Trafficking Women for Forced Prostitution, in: Transnational Organized Crime No. 2\/4. 405 Eine 21-j\u00e4hrige T\u00e4nzerin, die gerade ihre Koffer f\u00fcr eine Arbeitsstelle in der Schweiz packte, meinte: \u201eIn Russland gibt es auch sexuelle Ausbeutung am Arbeitsplatz, und zwar ohne Schutz durch das Gesetz f\u00fcr die M\u00e4dchen. Im Ausland werde ich wenigstens mehr Geld daf\u00fcr verdienen.\u201c Fast 70% gaben auch an, sie w\u00fcrden wegen des besseren Verdiensts Arbeit im Ausland suchen (Caldwell et al. 1999). 406 GUS (1999); Rocznik Statystyczny, GUS, Warzawa, S. 105ff, zit. nach Juchler, Jakob (2001).<br>407 Foundation of Women\u2019s Forum\/Stiftelsen Kvinnoforum (1998): Trafficking in Women for the Purpose of Sexual Exploitation \u2014 Mapping the Situation and Existing Organisations Working in Belarus, Russia and Nordic States; Caldwell, Gillian et al. (1999): Capitalizing on Transition Economies: The Role of the Russian Mafia in Trafficking Women for Forced Prostitution.<br>408 Juchler, Jakob (2001) \u00fcbersetzt aus Polityka, 5\/2000, S. 4f.<br>409 Vgl. Commission on Human Rights, 1996, 48.<br>410 Russia Today vom 15. Juli 1999, zit. nach Juchler, Jakob (2001).<br>411 Interviews mit Beh\u00f6rdenvertretern in Tirana, Albanien, Sommer 2001; Gala Avakiants: Meetings, Talks, Materials: Mission to St. Petersburg. Winter 2000, unver\u00f6ffentlichtes Manuskript; Michal Arend: Materialien zur CR.<br>412 Russia Today vom 15. Juli 1999, zit. Nach Juchler, Jakob (2001).<br>413 Foundation of Womens Forum\/Stiftelsen Kvinnoforum, 1998.<br>414 Bundesamt f\u00fcr Polizeiwesen (BAP): Lagebericht 1999, Szene Schweiz.<br>415 \u201eDen Hauptzweig d\u00fcrften aber nach wie vor die Formen mit fixen Standorten sein, wie Massagesalons, Klubs, Hotels, Begleitserviceagenturen usw. Dass auch Gelegenheitsprostitution recht h\u00e4ufig vorkommt, illustriert ein Ergebnis aus einer Umfrage von Warschauer Studentinnen, bei der jede sechste angab, gelegentlich f\u00fcr Geld sexuelle Beziehungen zu haben, vgl. Commission on Human Rights, 1996, S. 51.<br>416 Polityka 22\/2000, zit. nach Juchler, Jakob (2001).<br>417 TOM. Trafficking of women to EU: characteristics, trends and policy issues. Paper presented at the EU Conference on Trafficking in Women, Wien, 10.-11. Juni 1996.<br>418 Pers\u00f6nliche Mitteilung von Eglantina Gjermeni, Leiterin \u201eQuendra e Gruas\u201c (Women Centre) in Tirana, Albanien, August 2001; IOM Mission in Albania, Research Report on Trafficking Victims in Albania, Tirana, 2000; OSCE presence in Albania, Anti-trafficking Activities in Albania, Tirana 2001.<br>419 Mit dem Krieg in Jugoslawien wurde es einem breiten Teil der Bev\u00f6lkerung in Westeuropa bewusst, dass die Vergewaltigung von Frauen durch Soldaten und nicht uniformierte M\u00e4nner als Teil der Kriegsf\u00fchrung massiv praktiziert wurde. 420 Sergueva, Vessela (2000): Bulgaria declares War on classified Ads seeking Prostitutes, Agence France Press vom 17. M\u00e4rz 2000, zit. Nach Juchler, Jakob (2001).<br>421 Zalisko, Walter (1999): Russian Organized Crime. Trafficking in Women and Governements Response. New York; Rog, Jelena (1999): Sensationspresse statt Aufkl\u00e4rung, Referat.<br>422 Im amerikanischen Bundesstaat New Jersey gaben 1999 fast drei Viertel von 300 befragten Prostituierten aus Russland, der Ukraine und Wei\u00dfrussland an, dass sie wegen anderer Jobs hierher gekommen seien; t\u00e4tig waren sie vor allem in Go-Go-Girl-Bars, Massagesalons und Begleitservice-Agenturen (Juchler, 2000). In einer niederl\u00e4ndischen Studie gaben schon 1994 27 von 44 Frauen an, die aus verschiedenen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern von \u201eFrauenh\u00e4ndlern\u201c<br>transferiert worden waren und bei einer Hilfsorganisation Unterst\u00fctzung gesucht hatten, sie h\u00e4tten vom Reisezweck nichts gewusst (Commission on Human Rights, 1996: 47). Die Ergebnisse einer weiteren Studie aus den Niederlanden von 1995\/96 zeigten \u00e4hnliche Resultate. Bei 250 von Frauenhandel betroffenen Prostituierten waren 177 F\u00e4lle durch Zwangsmethodeneruiert worden (Caldwell et al., 1999).<br>423 Dass ein ansehnlicher Teil der vom Frauenhandel betroffenen Frauen professionell oder gelegentlich schon in ihrem eigenen Land als Prostituierte t\u00e4tig gewesen waren, d\u00fcrfte ein genereller Trend sein, vor allem in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. In der bereits angef\u00fchrten Studie aus Estland gaben z.B. auch 55% der befragten Prostituierten an, sie wollten ihre T\u00e4tigkeit im Ausland fortsetzen, vor allem in Schweden und Deutschland.<br>424 Beispielhaft ist hier folgender Fall: W\u00e4hrend die CIA einen Bericht verfasste, in dem auf einen florierenden Frauenhandel in Tschechien aufmerksam gemacht wurde, dementierte dies die tschechische Polizei: sie h\u00e4tte hierf\u00fcr keine Anhaltspunkte, vgl. Carolina-Charles University, 20. April 2000.<br>425 Avakiants, Gala (2000): Mission to St. Petersburg; Arend, Michal (2000): Materialien aus der CR; Zschokke, Rahel (2002): Prevent Trafficking in Women in Albania.<br>426 Unterlagen zu diesem Kapitel (4.3.4) wurden aus Recherchen vor Ort (1999\/2000) von Michal Arend, Dr. phil. I, Soziologe, Z\u00fcrich, zur Verf\u00fcgung gestellt.<br>427 Interview von Michal Arend mit A. Slamova, IOM Office, Prag, am 25.3.1999.<br>428 Interview von Michal Arend mit D. Francikova, S. Tielbachova und J. Bartunkova, La Strada, Prag, am 25.3.1999.<br>429 Arend, Michal (2000): Eine Materialsammlung. Darin ist auszugsweise ein Bericht des tschechischen Innenministeriums zur organisierten Kriminalit\u00e4t in der CR vom Jan. 1999 zuhanden der Tschechischen Regierung enthalten und stellenweise \u00fcbersetzt.<br>430 Butterweck, B. (1996), S. 39f.<br>431 Interview von Michal Arend mit A. Slamova, Head Office IOM Prague vom 25.3.1999.<br>432 Vgl. Artikel aus Lidove Noviny vom 20.3.1999.<br>433 TOM Head Office, Prag. Stand 1994.<br>434 Bericht des Tschechischen Innenministeriums zuhanden der Tschechischen Regierung, zit. nach Arend, Michal (2000).<br>435 Laut Bericht des tschechischen Innenministeriums zur organisierten Kriminalit\u00e4t in der CR vom Januar 1999, das Michal Arend auszugsweise zur Verf\u00fcgung stand und von ihm stellenweise \u00fcbersetzt wurde, betrifft dies die Organisation von Semjon Mogilevic, die Gruppe von Djamal Mschiladze, die Gruppe von Samil Negomedov und die Gruppe Hermes und I.FSK, in Arend, Michal (2000): Eine Materialsammlung.<br>436 Ihre Aussagen sind aufgrund der Tonband-Transskription wiedergegeben, in Kategorien geordnet, gek\u00fcrzt und sprachlich angepasst. Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte die Autorin am 4. Mai 2000 in der Wohnung von Yulia auf Deutsch. Es handelt sich um ein offenes Interview, bei dem die Autorin die Themen vorgab, den Redefluss der Gespr\u00e4chspartnerin aber so wenig wie m\u00f6glich beeinflusste. Manchmal hakte die Autorin bei Unklarheiten nach. Die Darstellung des<br>Gespr\u00e4chs verzichtet auf die Wiedergabe der einleitenden Thematisierung zugunsten der sp\u00e4ter gebildeten Kategorien, die die unmittelbare Vergleichbarkeit der \u00c4u\u00dferungen von weiteren Prostitutionsmigrantinnen weiter unten in diesem Kapitel (4.4.2) erm\u00f6glichen.<br>437 Dazu etwa Roper, L., (1991): \u201eWille\u201c und \u201eEhre\u201c: Sexualit\u00e4t, Sprache und Macht in Augsburger Kriminalprozessen, in: Wunder, H. und Vanja, C., (Hg.): Wandel der Geschlechterbeziehungen zu Beginn der Neuzeit.<br>438 Der Fall ist dargestellt bei Josef Estermann: Organisierte Kriminalit\u00e4t in der Schweiz, S. 179-181.<br>439 Die Zitate beschr\u00e4nken sich auf die parallele Wiedergabe der Aussagen von Elzbieta und Marie zu den entsprechenden, von der Autorin ausgearbeiteten Kategorien. Zugunsten der Lesbarkeit sind die Fragen weggelassen und die Zitate teilweise gek\u00fcrzt. Wiederholungen wurden so weit als m\u00f6glich beibehalten, um das Insistieren der Befrager deutlich zu erhalten. \u201aWo Aussagen nur als Antworten auf die entsprechende Frage verst\u00e4ndlich sind, wurden sie in die Darstellung miteinbezogen.<br>440 Der \u201eChef\u201c ist Goran, Vgl. Kap. 5.5.1.<br>441 Gesundheitliche Risiken werden oft weder von Befragern noch von Befragten als solche wahrgenommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen: Frauenhandel Freierbefragung\u00a9 ProLitteris, Rahel Zschokke 4.3 Migrationssituation in Osteuropa nach der Wende4.3.1 Hintergrund: Postsozialistische Gesellschaften Osteuropa ist weder geopolitisch noch kulturell eine klar definierbare Region. (387) Es gibt zwar grundlegende Tendenzen, die sich von der westeurop\u00e4ischen Entwicklung abheben, aber die Unterschiede unter den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern sind betr\u00e4chtlich. \u201eGenerell kann ein West-Ost-Gef\u00e4lle postuliert werden, das &hellip; <a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2880\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Frauenhandel 4.3_4.4 Migration Osteuropa<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":197,"menu_order":8,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2880","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2880","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2880"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2880\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3521,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2880\/revisions\/3521"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}