{"id":2983,"date":"2025-01-01T22:08:21","date_gmt":"2025-01-01T20:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2983"},"modified":"2025-03-19T23:57:39","modified_gmt":"2025-03-19T21:57:39","slug":"das-gute-leben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=2983","title":{"rendered":"Das Gute Leben"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3033\"><strong>Weiterlesen Strafbarkeit des Cannabiskonsums <\/strong><\/a><br>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" height=\"1\" width=\"1\" border=\"0\" src=\"http:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.70bf8698-c3e9-44b5-bdb6-12d3b67b079b\">is, Josef Estermann<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/2005_Sust-Stansstad_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"720\" src=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/2005_Sust-Stansstad_01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3577\" style=\"width:306px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/2005_Sust-Stansstad_01.jpg 960w, https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/2005_Sust-Stansstad_01-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.orlux-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/2005_Sust-Stansstad_01-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Was zu einem guten Leben f\u00fchrt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von Josef Estermann<\/p>\n\n\n\n<p>Viele politische Forderungen setzen auf die individuelle Verantwortung f\u00fcr einen gesunden Lebensstil. Mehr als das individuelle Bem\u00fchen tr\u00e4gt die Gesamtverfassung der Gesellschaft zum pers\u00f6nlichen Wohlergehen bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesundheit ist nicht bloss die Abwesenheit von Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation definiert: \u00abHealth is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.\u00bb (1) Das umfassende physische und mentale Wohlbefinden, das gute Leben, findet im sozialen Raum statt, ist f\u00fcr den Menschen undenkbar ohne Gesellschaft. Gesundheit ist auch nicht nur ein durch individuelles Handeln erreichbares Gut, sondern von vielf\u00e4ltigen sozialen und umweltbedingten Umst\u00e4nden abh\u00e4ngig: \u00f6rtliche und \u00f6konomische Erreichbarkeit von \u00e4rztlichen und pflegerischen Dienstleistungen, Vorhandensein und Bezahlbarkeit von Medikamenten, unsch\u00e4dliche Arbeits- und Umweltbedingungen, Gesundheits- und K\u00f6rperbewusstsein, um einige der wichtigsten Einflussgr\u00f6ssen auf die individuelle Gesundheit zu nennen. Nur wenige davon sind durch den Einzelnen direkt zu beeinflussen, sie sind politisch bedingt und deshalb nur durch kollektive Aktion ver\u00e4nderbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei wichtige gesundheitssoziologische Konzepte vermitteln einen Zusammenhang zwischen individueller Gesundheit und gesellschaftlichen Bedingungen. Der Brite Michael Marmot (geb. 1945) analysiert seit einiger Zeit die gesellschaftlichen Unterschiede bez\u00fcglich individueller Gesundheit und damit dem guten Leben. Personen mit hoher Bildung, reichlichem Einkommen, gehobenem sozialen Status, etwas Verm\u00f6gen und minimalen, nicht belastenden Schulden haben eine bessere Gesundheit und leben l\u00e4nger. Er nennt dies \u00abStatus Syndrome\u00bb. Auch in der Schweiz ist der Einfluss solcher sozio\u00f6konomischer Faktoren durch wissenschaftliche Studien belegt. Es zeigt sich etwa auch, dass in Partnerschaft lebende Personen gegen\u00fcber Alleinstehenden gesundheitliche Vorteile haben. Es ist nicht m\u00f6glich, den Einfluss der einzelnen Faktoren f\u00fcr sich alleine zu bestimmen, da sie stark miteinander zusammenh\u00e4ngen: gute Ausbildung, hohes Einkommen und hoher sozialer Status gehen zusammen. Marmot schl\u00e4gt als entscheidendes Argument vor, dass der Status auf zwei zentralen menschlichen Bed\u00fcrfnissen beruhe: erstens das Bed\u00fcrfnis, das eigene Leben zu kontrollieren und zweitens ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft mit allen notwendigen Ressourcen und entsprechender Anerkennung zu sein. Gesundheitsbeeintr\u00e4chtigend sei der Stress, der aus der Unf\u00e4higkeit der Kontrolle des eigenen Lebens resultiert sowie aus der Unf\u00e4higkeit, sich an andere zu wenden. Dass Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein bei Managern st\u00e4rker verbreitetes Ph\u00e4nomen sei, ist ein in ungleichen Gesellschaften gepflegter Mythos, das Gegenteil ist wahr: Je weiter unten in der sozio-\u00f6konomischen Position, desto stressiger ist das Leben, desto h\u00f6her das Krankheitsrisiko.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einfluss sozio\u00f6konomischer Faktoren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept der Salutogenese des Soziologen Aaron Antonovsky (1923\u20131994) ist ein verwandtes, allerdings vom Individuum ausgehendes Modell. Personen, welche eigene Handlungsm\u00f6glichkeiten sehen, die Welt und die Gesellschaft f\u00fcr verstehbar und sinnvoll strukturiert halten, mit Zuversicht in die Zukunft blicken und glauben, dass auf die Mitmenschen und die Strukturen Verlass ist, haben einen bedeutend besseren Gesundheitszustand, genesen schneller und leben l\u00e4nger. Auch hier bezieht sich die individuelle Einstellung auf die Gesellschaft als salutogenetisches Moment.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Indikator f\u00fcr Lebensqualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die gesundheitspolitischen Diskussionen der letzten Jahre in Medien und Politik hingegen fokussieren auf die Gesundheitskosten und das individuelle selbstverantwortete gesundheitsf\u00f6rderliche Verhalten. Belastungen des Rentensystems durch die Kosten der sogenannten \u00dcberalterung lassen ein langes Leben beinahe als sozialsch\u00e4dlich erscheinen, mindestens f\u00fcr diejenigen, die mangels eines Verm\u00f6gens auf die Rente angewiesen sind. Eine einfache Frage wird dabei nicht gestellt: Wof\u00fcr sollte denn eine Gesellschaft mehr Aufwand betreiben als f\u00fcr das Wohlergehen ihrer Mitglieder, also f\u00fcr Gesundheit und ein langes gutes Leben? Ich setze ohne zu z\u00f6gern den Anteil der Gesundheitskosten in einer Volkswirtschaft als direkten Indikator f\u00fcr die Lebensqualit\u00e4t der Mitglieder. Sch\u00e4dlich w\u00e4re h\u00f6chstens die individuelle \u00dcberversorgung, also das Ergreifen von teuren invasiven Massnahmen, wenn eine konservative Behandlung einen \u00e4hnlichen  oder auch gr\u00f6sseren Erfolg versprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bedeutung intakter Gesundheitssysteme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuelle Corona-Pandemie (Covid-19) macht den Zusammenhang gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und individueller Gesundheit deutlich. Wurden dem Gesundheitswesen im Rahmen verschiedenster Spar\u00fcbungen massiv Mittel entzogen, wie etwa in Italien, Frankreich oder Grossbritannien, oder stehen diese prinzipiell beinahe nur verm\u00f6genden und sich in Arbeitsverh\u00e4ltnissen befindlichen Personen zur Verf\u00fcgung, wie in den USA, kann der Anteil der Todesf\u00e4lle an klinischen Erkrankungen zehn Prozent \u00fcbersteigen. Jedenfalls nimmt die Epidemie unter dem Spardiktat einen wesentlich steileren Verlauf. In ebenfalls unter Spardruck stehenden, aber noch intakten Gesundheitssystemen wie in Deutschland und in der Schweiz nimmt sie einen flacheren Verlauf und die Sterblichkeit unter den klinischen F\u00e4llen bleibt bei etwa f\u00fcnf Prozent. Niedrig ist die Sterblichkeit und die Anstiegsgeschwindigkeit der Fallzahlen in S\u00fcdkorea und in China, wo das \u00f6ffentliche Gesundheitswesen gerade bez\u00fcglich Infektionskrankheiten inzwischen professionell aufgestellt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Weltweit haben w\u00e4hrend der Pandemie die Regierungen Massnahmen verordnet und durchgesetzt, welche das Individuum adressieren: Bleib zu Hause, wasch dir die H\u00e4nde, triff dich nicht mit mehr als zwei oder f\u00fcnf oder zehn Personen, halte Abstand und vieles mehr. Argumentativ wird der Schutz des Gesundheitssystems vor \u00dcberlastung angesprochen. F\u00fcr den Schutz des Gesundheitspersonals stehen allerdings auch in der Schweiz zu wenig Masken und Schutzkleidung zur Verf\u00fcgung, eine der Hauptursachen der hohen Infektions- und Sterberaten in Italien und Spanien. Selbst Desinfektionsmittel sind zu wenig vorhanden. Man stelle sich vor, die Schweiz ist nicht in der Lage, gen\u00fcgend 60- bis 70-prozentigen Alkohol vorzuhalten, nachdem das Pflichtlager der eidgen\u00f6ssischen Alkoholverwaltung im Rahmen von Sparmassnahmen und \u00abNew Public Management\u00bb liquidiert wurde. Ein anderes Argument ist der Schutz der vulnerablen Personen, also der \u00e4lteren Personen und Personen mit Vorerkrankungen. Die \u00e4lteren Personen haben aber auch einen grossen Teil der psychosozialen Kosten zu tragen, sollen nicht mehr einkaufen gehen und am besten die Wohnung \u00fcberhaupt nicht verlassen. Altersheime werden zugesperrt, Besuche der geliebten Nahestehenden sind nicht mehr erlaubt. K\u00f6nnten diese Massnahmen und Empfehlungen nicht auch zu einer erh\u00f6hten Sterblichkeit der vulnerablen Personen beitragen? Autonomie ist eine entscheidende Dimension der Lebensqualit\u00e4t, soziale Einschr\u00e4nkungen k\u00f6nnen das Leben verk\u00fcrzen. \u00dcberhaupt ist den Kosten und deren argumentativer Verwendung ein besonderes Augenmerk zu schenken, nicht nur den direkten monet\u00e4ren Kosten, sondern auch den Kosten von Einschr\u00e4nkungen, reduzierter Lebensqualit\u00e4t, zus\u00e4tzlichen psychischen Erkrankungen und vieles mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr ein gutes Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wohl ungen\u00fcgend, den Gesundheitsfokus bloss oder auch nur in erster Linie auf das individuelle Verhalten zu legen. Das Handeln der Einzelnen und damit auch die Verantwortung und die Zurechenbarkeit liegen h\u00e4ufig ausserhalb des deliberativen individuellen Entscheides, es sind die Bedingungen und die Handlungsm\u00f6glichkeiten, die einen entscheidenden Anteil an der Gesundheit des Einzelnen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was beeinflusst die Todesursachen, die Sterblichkeit und das gute Leben? Nicht nur die liberal unterf\u00fctterte Selbstverantwortung des Einzelnen, sondern mehr noch die Gesamtverfassung der Gesellschaft, die Zuweisung von Mitteln f\u00fcr das Wohlergehen der Gesamtbev\u00f6lkerung, der soziale Zusammenhalt, Solidarit\u00e4t sowie das Vertrauen in die eigene Handlungsf\u00e4higkeit und Entscheidungsautonomie.<\/p>\n\n\n\n<p>Fussnote:<\/p>\n\n\n\n<p>(1) Gesundheit ist ein Zustand des vollst\u00e4ndigen k\u00f6rperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten oder Gebrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Datenquellen:<\/p>\n\n\n\n<p>BFS, Bundesamt f\u00fcr Statistik, Bern; BAG, Bundesamt f\u00fcr Gesundheit, Bern; ECDC, European Centre for Disease Prevention and Control, Paris.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Antonovsky, Aaron, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, T\u00fcbingen, 1997.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Marmot, Michael, Fair Society, Healthy Lives, Firenze, 2013.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Marmot, Michael \/ Wilkinson, R., Social Determinants of Health, Oxford 2005.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Amann, Anton \/ Estermann, Josef, Pflegevorsorge f\u00fcr die \u00c4lteren \u2013 Probleme der Systemintegration, in: Estermann, Josef \/ Page, Julie \/ Streckeisen, Ursula (Hg.), Neue Berufe im Gesundheitswesen, Wien 2013.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Autor<\/p>\n\n\n\n<p>PD Dr. phil. Dr. iur. Josef Estermann (geb. 1955) war Fachgebietsleiter am deutschen Bundesgesundheitsamt in Berlin, am schweizerischen Bundesamt f\u00fcr Gesundheit und am Bundesamt f\u00fcr Statistik in Bern. Er lehrt seit den Achtzigerjahren an den Universit\u00e4ten Bern, Luzern, Z\u00fcrich und an der Freien Universit\u00e4t Berlin. Zur Zeit arbeitet er als Senior Researcher beim Vienna Centre for Societal Security (VICESSE) in Wien. Seine Schwerpunkte sind u. a. Rechtssoziologie, Gesundheitssoziologie und Sozialepidemiologie.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen Strafbarkeit des Cannabiskonsums \u00a9 ProLitteris, Josef Estermann Was zu einem guten Leben f\u00fchrt von Josef Estermann Viele politische Forderungen setzen auf die individuelle Verantwortung f\u00fcr einen gesunden Lebensstil. Mehr als das individuelle Bem\u00fchen tr\u00e4gt die Gesamtverfassung der Gesellschaft zum pers\u00f6nlichen Wohlergehen bei. Gesundheit ist nicht bloss die Abwesenheit von Krankheit. 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