{"id":3698,"date":"2025-12-04T15:55:42","date_gmt":"2025-12-04T13:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3698"},"modified":"2025-12-29T23:15:23","modified_gmt":"2025-12-29T21:15:23","slug":"avanzini","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3698","title":{"rendered":"Texte von Jana Avanzini 1"},"content":{"rendered":"\n<p>Segesser &#8211; Wagner &#8211; Wyrsch<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3715\"><strong>Weiterlesen <\/strong><\/a>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.78207218-13e8-4e86-8e2a-324ed709ad7e\">is, Jana Avanzini<\/p>\n<script src=\"https:\/\/ptag.prolitteris.ch\/ptag\/ptag.min.js\" onLoad=\"ptag('https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch','na','plzm.d818ebda-7c32-449e-acaa-4439e713c9b2');\"><\/script>\n\n\n\n<p><strong>Rassismus und Nationalsozialismus in K\u00fcnsten und Geschichtsschreibung der Zentralschweiz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Luzerner Dachboden wurde etwas gefunden, das nicht dort sein sollte. Es sind Ledermalereien, mehrere Meter gross. Kinder verschanzen sich hinter einer Palisade, ein Puma verfolgt ein Kaninchen, w\u00e4hrend spanische Offiziere das Apachendorf angreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gezeigte Szenerie wurde im fr\u00fchen 18. Jahrhundert in Santa F\u00e9 auf B\u00fcffelh\u00e4ute gemalt. Doch wieso verstaubten die Werke lange auf einem Luzerner Dachboden, anstatt in einem indigenen Museum zu h\u00e4ngen? Schuld daran ist ein Luzerner Missionar. Philipp <em>Segesser<\/em> wollte im 18. Jahrhundert seinem Bruder ein paar \u00abKuriosit\u00e4ten\u00bb aus dem exotischen Mexiko schicken. So verschwanden die Malereien von der Bildfl\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei w\u00e4ren sie kunstgeschichtlich bedeutsam, v\u00f6lkerkundlich eine wichtige Quelle und k\u00fcnstlerisch relevant. Erst Gottfried Hotz vom ehemaligen Indianermuseum in Z\u00fcrich barg die Werke aus ihrem staubigen Versteck. Ihre volle Pracht war jedoch l\u00e4ngst verronnen. In die B\u00fcffelh\u00e4ute wurden Fensterl\u00f6cher geschnitten, sie hatten wohl als Tapeten gedient.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nazis und Kolonialm\u00e4chte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die bemalten B\u00fcffelh\u00e4ute sind nur ein Beispiel, wie ausl\u00e4ndische Kunstwerke auf suspekte Weise in der Zentralschweiz gelandet sind. Raubkunst hat hier schon beinahe Tradition. So arbeitete der Luzerner Auktionator Theodor Fischer mit dem Nazi-Regime zusammen und versteigerte \u00abentartete Kunst\u00bb aus Deutschland im Grand Hotel National.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie steht es heute um das Inventar der Zentralschweizer Ausstellungsorte? Ist Kunst inzwischen unbedenklicher geworden? Das l\u00e4sst sich nur schwer sagen. Denn viele Museen tun sich schwer mit der moralischen Aufarbeitung ihrer Best\u00e4nde. Dabei g\u00e4be es guten Grund daf\u00fcr. Gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen von Experten sollen sich 90 Prozent der afrikanischen Kulturg\u00fcter ausserhalb des Kontinents befinden. Haupts\u00e4chlich in europ\u00e4ischen Museen und Sammlungen. Und auch wenn die Schweiz keine Kolonialmacht war, hat sie doch massiv mitgeholfen und davon profitiert. In zahlreichen Sammlungen und Schweizer Museen \u2013 besonders V\u00f6lkerkundemuseen \u2013 sind Objekte ausgestellt, bei denen die historische Verantwortung nicht wahrgenommen wird.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schweigen im Historischen Museum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Historischen Museum Luzern hat zwar eine gewisse Vergangenheitsbew\u00e4ltigung stattgefunden. Mit welchem Ergebnis, ist jedoch unklar. Bestimmte Teile der Sammlung wurden \u00fcberpr\u00fcft. Die Details dieser \u00dcberpr\u00fcfung sind jedoch nicht \u00f6ffentlich und Almut Gr\u00fcner, Leiterin der Kantonalen Museen Luzern, hat auf keine unserer Nachfragen reagiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Museen, die ihre Werke \u00fcberpr\u00fcfen lassen, konnten in den vergangenen Jahren auf die finanzielle Unterst\u00fctzung des Staates z\u00e4hlen. So hat der Bund zwischen 2016 und 2020 rund zwei Millionen Franken in die Provenienzforschung investiert, also in die Forschung nach der Herkunft gewisser Kunstobjekten. Jeweils zur H\u00e4lfte \u00fcbernahm der Bund dabei die Nachforschungen, die andere H\u00e4lfte mussten die Museen selbst aufbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesen Subventionen des Bundes profitierte 2016 auch das Kunstmuseum Luzern. Besonders einige Schenkungen wurden unter die Lupe genommen, rund 70 Werke wurden \u00fcberpr\u00fcft. Der damalige Kurator Heinz Stahlhut hatte sich daf\u00fcr eingesetzt und sich w\u00e4hrend des Prozesses der Sammlungsaufarbeitung mit vielen anderen Kurator*innen \u00fcber Vorgehen und die Ergebnisse ausgetauscht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Angst vor schlafenden Hunden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00fcro von Heinz Stahlhut im Hans Erni Museum, wo er heute als Leiter t\u00e4tig ist, steht voller Kunst und prall gef\u00fcllter Ordner. Von der Minigolf-Anlage klingt \u00fcbermotivierter Eurodance her\u00fcber. Der Kunsthistoriker betont als Erstes, es lohne sich, in der Provenienz proaktiv zu werden. Bei einigen Sammlungen und Museen bestehe die Angst, schlafende Hunde zu wecken, sagt Stahlhut aus Erfahrung. Doch irgendwann&nbsp;m\u00fcsse man sich dem Thema stellen.&nbsp;Dann sei es besser, dass der Anstoss nicht von aussen komme.&nbsp;Denn das Thema werde in den kommenden Jahren eine immer gr\u00f6ssere Pr\u00e4senz einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher sei der Handel mit kolonialen Kulturg\u00fctern&nbsp;als&nbsp;legal&nbsp;angesehen worden, sagt er. Man habe ohne Gedanken Mumien und Elfenbein verschoben, und noch heute liegen solche Objekte haufenweise in privaten Sammlungen. \u00abHeute hingegen ist es schlicht nicht mehr vertretbar, sich auf die Gesetze des Handels von damals zu berufen\u00bb, so Stahlhut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Religi\u00f6se Motive<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Laut Stahlhut muss man sich gerade bei S\u00f6ldnern und Missionaren die Fragen stellen: War das Objekt ein Geschenk, von einem befreundeten H\u00e4uptling zum Beispiel, oder wurde ein Volk \u00fcber den Tisch gezogen und beispielsweise mit einer Waffe f\u00fcr einen Haufen Kunst abgefertigt? Zudem m\u00fcsse man beachten, merkt Stahlhut an, dass Missionare oft zus\u00e4tzliche Motivationen f\u00fcr das \u00abMitnehmen\u00bb von Kulturg\u00fctern hatten. \u00abEs ging teilweise auch darum, St\u00e4mmen ihre heidnischen Altert\u00fcmer wegzunehmen, damit sie nach der Abreise der Christen nicht wieder einen&nbsp;\u2039R\u00fcckfall\u203a&nbsp;in ihre alte Religion erleiden.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Man m\u00fcsse den Geschichten nachgehen, die Hintergr\u00fcnde und Wege der Kunstobjekte aufzeigen. \u00abViel seltener als man meint, geht es um die R\u00fcckgabe der Objekte\u00bb, sagt Stahlhut. Es m\u00fcsse eine gerechte Einigung gefunden werden: \u00abEs kann sein, dass Objekte zur\u00fcckgefordert werden, nur Teile, oder dass man ein Objekt klar als Dauerleihgabe vermerkt und mit&nbsp;Informationen die koloniale Geschichte des Werks kommuniziert.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fragen zu Kriegsmaterial<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Nidwaldner Museum hat vor ein paar Jahren die ganze Sammlung auf heikle Inhalte hin analysiert. Da diese jedoch haupts\u00e4chlich aus regionaler Kunst und hiesigen historischen Objekten besteht, sei man nicht auf verd\u00e4chtige St\u00fccke gestossen, sagt Sammlungskuratorin und baldige Leiterin des Nidwaldner Museums, Carmen Stirnimann. Sollten sich in Zukunft trotzdem bei einem Objekt Zweifel ergeben, m\u00fcsste man das sofort transparent behandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Und tats\u00e4chlich entwickelt sich in Gespr\u00e4chen mit Kultz das Bestreben, eine Objektgruppe mit kolonialer Vergangenheit vertiefter anzuschauen, die bisher noch zu wenig im Fokus stand.&nbsp;Es handelt sich um den Nachlass des Nidwaldner S\u00f6ldners in holl\u00e4ndischen Diensten, Louis Wyrsch, \u2013 der sogenannte \u00abBorneo Louis\u00bb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So liegt in der Sammlung zum Beispiel ein Schild mit einer breit lachenden Figur, mit verschiedenfarbigen, kreisrund umrandeten Augen und Brustwarzen. Ein D\u00e4mon, wie er h\u00e4ufig auf Schilden des Volks der Dayak auf der Insel Borneo vorkam, beschreibt es der Historiker Andr\u00e9 Holenstein. Doch was bewog \u00abBorneo-Louis\u00bb, diesen Schild sowie Speere, Blasrohre und Textilien mitzubringen? Wie hatte er sie erworben. Waren es Troph\u00e4en, Beute-St\u00fccke, Geschenke oder K\u00e4ufe?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Immer noch rassistische Vorurteile<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte eines Objekts so weit wie m\u00f6glich zu dokumentieren geh\u00f6re definitiv zum Bildungsauftrag eines Museums heute, sagt Museumsleiterin Stirnimann.&nbsp;Man wolle ja m\u00f6glichst viel \u00fcber die Objekte und dar\u00fcber, was sie uns \u00fcber die Geschichte sagen, wissen und vermitteln. \u00abDeshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen.\u00bb&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem genauen Hinschauen tut man sich in der Zentralschweiz teils schwer \u2013 obwohl die kolonialen Verflechtungen der Zentralschweiz kein Geheimnis sind. So streitet man sich teilweise noch intensiv dar\u00fcber, unter welchen Umst\u00e4nden Missionare oder S\u00f6ldner Kunst- und Kulturobjekte \u00aberworben\u00bb haben. Dabei entwickelt sich oft ein politischer oder moralischer Diskurs, auch einer, der noch immer von rassistischen Vorurteilen gepr\u00e4gt ist. So werden beispielsweise afrikanischen Staaten in diesem Zusammenhang oft die Kompetenzen oder die finanziellen Mittel abgesprochen, sich um die \u2013 wohlgemerkt \u2013 eigenen kulturellen Sch\u00e4tze k\u00fcmmern zu k\u00f6nnen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu merkte die Kunsthistorikerin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy in einem Interview an: \u00abWenn mir jemand meinen Mercedes klaut und ihn mir zur\u00fcckgeben will, dann kann er nicht voraussetzen, dass ich mir zuerst eine Garage baue; denn es ist mein Mercedes.\u00bb Diese Veranschaulichung sollten wir in Europa verinnerlichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richard <em>Wagner<\/em> war ein grosser Komponist, und auch ein gl\u00fchender Antisemit und Nationalist. Seine Nachfahren, die in Bayreuth die Wagner-Festspiele mit eigenem Opernhaus weiter f\u00fchrten, spielten nochmals in einer anderen Liga. Die Familie war Feuer und Flamme f\u00fcr das NS-Regime. Der Enkel Wieland Wagner, der Hiltler liebevoll \u00abOnkel Wolf\u00bb nannte, stand dem F\u00fchrer besonders nahe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Musik- und Theaterwissenschaftler Anno Mungen zeigt in seinem Buch \u00abHier gilts der Kunst\u00bb die Entwicklung Wieland Wagners zur NS-Zeit chronologisch auf. Und damit auch, wie der verhinderte K\u00fcnstler Hitler den damals aufstrebenden Regisseur und B\u00fchnenbildner Wieland Wagner in seiner Arbeit beeinflusste. Und damit das moderne Regietheater.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lieber Anno, wieso ist es wichtig, die N\u00e4he von Wieland Wagner und Hitler genau zu betrachten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um die Aufarbeitung der NS-Zeit in Kunst und Kultur. Die Kunst kann sich nicht unter dem Deckmantel des Unpolitischen verstecken. Kunst ist nicht unpolitisch. Sie tut oft nur so. Wenn man sich das Dritte Reich ansieht, dann zeigt sich das in seinen Extremen. Wie hoch Kunst gewichtet und gewertet wurde, im positiven wie auch im negativen. Und wie man die Zerst\u00f6rung und Vernichtung \u00fcber Kunst st\u00fctzte und rechtfertigte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seit dem 2002 erschienen Buch \u00abWinifred Wagner oder Hitlers Bayreuth\u00bb sei die N\u00e4he der Wagners zu Hitler Allgemeinwissen \u2013 nichts Neues \u2013 wirft dir ein Kritiker vor. Was sagst du dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Brigitte Hamann hat mit \u00abWinifred Wagner oder Hitlers Bayreuth\u00bb ein \u00e4usserst relevantes Buch geschrieben, das auch ich in meiner Arbeit verwendet habe. Der Fokus darin liegt jedoch bei der Leitung der Bayreuther Festspiele und bei Wielands Mutter, Winifred Wagner. Ich habe mich jedoch vertieft mit der Beziehung von Wieland Wagner zu Hitler besch\u00e4ftigt, und damit, wie Hitler Wagners Arbeit auch offensichtlich beeinflusst \u2013 wenn man den Quellen Glauben schenken will.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das heisst konkret?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da sind die Tageb\u00fccher von Gertrud Strobel, eine enge Vertraute der Wagners. Sie liefert Aussagen und Beobachtungen, die Hitlers Einfluss auf Wieland Wagners Inszenierungen zeigen. Eine sehr wichtige Notiz von ihr ist dabei, als sie das Schlussbild der \u00abG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u00bb beschreibt, das die sp\u00e4tere \u00c4sthetik Wieland Wagners bereits vorwegnimmt. Zur Beschreibung hatte sie \u00abIdee des F\u00fchrers\u00bb vermerkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weshalb ist das relevant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, in den 1950er und 1960er-Jahren hat Wieland Wagner sehr stark mit der Scheibe und dem abstrakten, reduzierten Regiestil als Markenzeichen gearbeitet. Er pr\u00e4gte damit viele Regisseur*innen nach ihm, und oft wurde behauptet, diese \u00c4sthetik sei eine Abkehr von der Vergangenheit. Sie beziehe sich auf die Jahre vor der NS-Zeit und habe sich danach entwickelt. Doch sie war offenbar bereits in Inszenierungen 1943 und 1944 in wesentlichen Ans\u00e4tzen vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jetzt k\u00f6nnte man fragen: Ist das denn wichtig? Ob er diese \u00c4sthetik vor, nach oder w\u00e4hrend des NS-Regimes entwickelt hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das kann man auf jeden Fall in Frage stellen. Doch es ist Fakt, dass wir damit einen Teil der Theatermoderne in die NS-Zeit zur\u00fcckdatieren m\u00fcssen. Und in diesem Zusammenhang ist die These des Politikwissenschaftlers Samuel Salzborn interessant, der sagt: Die NS-Kultur ist gerade in den K\u00fcnsten noch immer sehr stark pr\u00e4sent, ohne dass wir dies wahrnehmen. Sei es in Film, in der Architektur, der bildenden Kunst. Und anscheinend ebenfalls beim heute dominierenden Regietheater, das in grossen Teilen auch auf Wieland Wagner zur\u00fcckgeht. Ich will Wieland Wagner und seine Arbeit damit auch nicht \u00abbesch\u00e4digen\u00bb, ich will bloss aufzeigen, wie sie beeinflusst wurde und sich entwickelte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weshalb sollte Luzern diese Verbindungen interessieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Luzern ist vor allem Richard Wagner relevant. Und selbstverst\u00e4ndlich kann man die Verbindung der Wagners im Dritten Reich mit Richard Wagners Haltungen in Verbindung bringen. Er war ja auch ein Nationalist und ein strammer Antisemit. Wie viele seiner Zeitgenossen. Doch das Mass ist nicht im Geringsten vergleichbar mit dem NS-Regime und der Zeit danach.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dennoch ist Richard Wagner gerne Thema, wenn von der Beziehung der Wagners zu Hitler die Rede ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Sicht wird diese R\u00fcckprojektion ins 19. Jahrhundert gemacht, um von den 1930er-Jahren bis heute abzulenken. Doch die Auseinandersetzungen damit sind wichtig, und die Diskussionen sind es wert, gef\u00fchrt zu werden. Da w\u00fcrde ich auch die Schweiz nicht ausschliessen, obwohl ich zum Mass der Verdr\u00e4ngung hier wenig sagen kann. Das wird sich jedoch hoffentlich durch den Austausch mit Luzerns Wagner-Community \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kam es \u00fcberhaupt, dass du dich so intensiv mit der Beziehung Wieland Wagners mit Hitler auseinandergesetzt hast?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das kam \u00fcber ein paar Umwege zustande. Am Anfang stand ein Projekt in Bayreuth, bei welchem wir die Aufarbeitung der Jahre 1933-1945 des Staatstheaters N\u00fcrnberg \u00fcbernahmen. Und untersucht man die Oper dieser Zeit, st\u00f6sst man unweigerlich auf Wieland Wagner.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum bist du an ihm h\u00e4ngengeblieben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erstmal blieb ich an einem Datum h\u00e4ngen, dem 31. August 1944, h\u00f6chstwahrscheinlich die letzte Auff\u00fchrung einer Oper im Dritten Reich. Diese Auff\u00fchrung ist einerseits bemerkenswert, da sie so sp\u00e4t stattfand. Man kann sich kaum vorstellen, dass mitten im Krieg noch der Aufwand betrieben wurde, Opern zu inszenieren. Und dann ist da die Wahl der Oper selbst, \u00abDie G\u00f6tterd\u00e4mmerung\u00bb von Richard Wagner. Auch diese Wahl ist aussergew\u00f6hnlich, da in der \u00abG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u00bb der Weltuntergang regelrecht zelebriert wird \u2013 das, was dem NS-Regime recht offensichtlich bevorstand. Und die Inszenierung verantwortete Wieland Wagner in einem Stil, der \u00fcberraschte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist hier eine moderate Moderne sichtbar, weit entfernt von der erwarteten germanisierenden Inszenierung mit \u00abB\u00e4renfell-Romantik\u00bb. Diese Beobachtung motivierte mich dazu, mich st\u00e4rker mit Wieland Wagner und seinem Stil zu befassen. Denn er war, und ist bis heute, eine der pr\u00e4gendsten Figuren f\u00fcr das Regietheater in der Oper und die moderne Oper \u00fcberhaupt. Ich begann also eine Chronologie anzulegen, um zu verstehen, wie er sich entwickelt hat und wodurch er beeinflusst wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie waren die Reaktionen aus Bayreuth?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von Seiten der Festspiele oder der Familie habe ich keine R\u00fcckmeldungen auf mein Buch erhalten. Bei einer Lesung, die ich in Bayreuth hielt, wurde es sehr wohlwollend aufgenommen und offenbar auf dem H\u00fcgel (Anm. der Red.: Die Bayreuther Anh\u00f6he, auf welcher das Richard-Wagner-Festspielhaus steht, wird \u00abGr\u00fcner H\u00fcgel\u00bb genannt.) ganz gut verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Anno Mungen, geboren 1961 in K\u00f6ln, ist Musik und Theaterwissenschaftler an der Universit\u00e4t Bayreuth und Leiter des Forschungsinstituts f\u00fcr Musiktheater in Thurnau. Seine Arbeitsschwerpunkte sind das Musiktheater vom 18.\u201320. Jahrhundert, Musik und Film sowie Oper und Politik. Mungen lebt in K\u00f6ln und Bayreuth, l\u00e4sst sich aber gelegentlich auch in Luzern blicken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht lange her, da erfuhr ich von Alois <em>Wyrsch<\/em>, dem ersten nicht-weissen Parlamentarier der Schweiz \u2013 wahrscheinlich sogar Europas. 1860 bis 1872 sass er f\u00fcr Nidwalden im Nationalrat. W\u00e4hrend meiner Schulzeit in Stans jedoch hatte ich nie von ihm geh\u00f6rt. Auch nirgends sonst in Nidwalden hatte diese Figur je eine Rolle gespielt. Das verwundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wyrsch Geschichte h\u00e4ngt unweigerlich mit den kolonialen Machenschaften seines Vaters Louis zusammen. 1814 stellte sich dieser als S\u00f6ldner in die Dienste der Holl\u00e4ndischen Armee, nahm an der Schlacht bei Waterloo teil und wurde zehn Jahre sp\u00e4ter Milit\u00e4r- und Zivilkommandant der S\u00fcd- und Ostk\u00fcste Borneos. Dort diente ihm Ibu Silla, eine Einheimische als \u00abNjai\u00bb, als Haush\u00e4lterin und Sklavin. Mit ihr zeugte er drei Kinder. Eines davon war Alois.<\/p>\n\n\n\n<p>Alois war sieben Jahre alt, als er mit seinem Vater und seiner vierj\u00e4hrigen Schwester Konstantia \u00fcber Rotterdam in die Schweiz reiste. Die beiden Kinder sprachen bei ihrer Ankunft in Nidwalden lediglich malaiisch und holl\u00e4ndisch. Also wurde Alois vom sprachbegabten Kaplan Mathis von Rickenbach unterrichtet. Bei Konstantia ist dazu nichts bekannt. \u00dcber sie weiss man lediglich, dass sie in Buochs, wo die Familie lebte, Theater spielte, dass sie eine Ehe mit einem untreuen Mann f\u00fchrte und in die USA auswanderte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Einwanderer zum Nationalrat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Alois wurde M\u00fcller, arbeitete in Alpnach und Ennetb\u00fcrgen. Auch politisch war Alois Wyrsch engagiert. 1858 wurde er in die Nidwaldner Kantonsregierung gew\u00e4hlt, 1860 folgte der Sprung aufs nationale Parkett, und w\u00e4hrend 12 Jahren sass er als gem\u00e4ssigter Liberaler im Nationalrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wyrschs Geschichte ist aussergew\u00f6hnlich \u2013 selbst in unserer Zeit. Noch heute haben wenige Parlamentarier*innen Migrationshintergrund. Umso erstaunlicher ist es, dass Wyrsch in der Geschichtsschreibung praktisch permanent \u00fcbergangen wurde. \u00dcberhaupt hatten bei Wyrsches alle, die nicht weiss und m\u00e4nnlich waren, schlechte Karten, um im historischen Ged\u00e4chtnis zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigt einen Blick in den Wyrsch-Nachlass im Nidwaldner Staatsarchiv. Dort finden sich kistenweise Briefe und Tageb\u00fccher, in geschwungener, kaum leserlicher Schrift. Und es findet sich eine Reihe maschinengetippter Recherchen, in welchen sich motivierte Familienchronisten mit ihren Vorfahren besch\u00e4ftigt haben. W\u00e4hrend dem S\u00f6ldner Louis Wyrsch darin seitenweise Recherche gewidmet wurde, hatte man f\u00fcr seinen Sohn, dem in Borneo geborenen Nationalrat Alois Wyrsch nur wenige S\u00e4tze \u00fcbrig. F\u00fcr seine Schwester Konstantia lediglich einen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herausgeschnitten und geschw\u00e4rzt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mann fokussierte sich auf die sogenannten Helden. Auf die \u00abAbenteurer\u00bb, die auszogen, unbekanntes Land \u00abzu erobern\u00bb und \u00abden Wilden\u00bb \u00abZivilisation\u00bb zu bringen. Und dementsprechend auf \u00abBorneo-Louis\u00bb. Fairerweise muss dazu gesagt werden, dass von ihm aussergew\u00f6hnlich viel Material in Form von Tageb\u00fcchern und Briefen \u00fcberliefert ist. Doch auch vom Sohn, Alois Wyrsch w\u00e4ren sehr viele Briefe vorhanden. Diese jedoch blieben in den Recherchen eher liegen. Der Fokus ist bezeichnend f\u00fcr die Art, wie in den vergangenen Jahrhunderten Geschichte geschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst in den letzten Jahren hat man sich mit mehr als nur \u00abBorneo-Louis\u00bb genauer auseinandergesetzt. So hat sich zum Beispiel die Obwaldner K\u00fcnstlerin Olivia Ab\u00e4cherli in einer Ausstellung intensiv mit Alois\u2019 Mutter Ibu Silla besch\u00e4ftigt. Dabei ging sie vor allem auf die blinden Flecken der Geschichte ein. Denn Ibu Silla wurde in den Tageb\u00fcchern ihres<br>\u00abHerren\u00bb grossfl\u00e4chig herausgeschnitten oder geschw\u00e4rzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00abIndischen Rarit\u00e4ten\u00bb \u00fcber dem Kamin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Andr\u00e9 Holenstein ist Historiker und hat zur Wyrsch-Dynastie eine spezielle Beziehung. Seine Frau ist eine direkte Nachfahrin von Louis Wyrsch. Er erz\u00e4hlt von \u00abindischen Rarit\u00e4ten\u00bb, die der S\u00f6ldner von Borneo mitgebracht hatte. Einiges war vor ein paar Jahrzehnten noch im Besitz der Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erinnere sich an einen Schild \u00fcber dem Kamin seiner Schwiegereltern. \u00abDazu gab es gute Geschichten zu erz\u00e4hlen, verr\u00fcckte Geschichten\u00bb, so Holenstein. Die Mutter der beiden Kinder, Ibu Silla, erhielt in diesen Geschichten den holl\u00e4ndischen Namen Johanna van den Berg, man erz\u00e4hlte sich, sie auf der gemeinsamen \u00dcberfahrt gestorben, oder in ganz wilden Erz\u00e4hlungen war sie gar eine Inselprinzessin gewesen. So wurden die Heldengeschichten \u00fcber Generationen wiedergegeben, und Erinnerungen dabei zurechtgestutzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Holenstein betont dabei: \u00abGeschichte ist nicht Vergangenheit, wie gerne behauptet wird. Geschichte ist der gegenw\u00e4rtige Umgang mit der Vergangenheit.\u00bb Nat\u00fcrlich gebe es spannende Geschichten von People of Color in der Schweiz, oder von Frauen. Heute, da Minderheiten mehr Pr\u00e4senz erhalten, da Sexismus und Rassismus gesellschaftlich st\u00e4rker wahrgenommen und hinterfragt werden, kommen diese Geschichten ans Licht. \u00abDoch es wurde lange nicht nach diesen Geschichten gefragt\u00bb, so Holenstein. Auch er wisse sehr viel mehr \u00fcber den S\u00f6ldner Louis Wyrsch, als \u00fcber den Politiker Alois Wyrsch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele Unklarheiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So stellen sich Holenstein im Fall Wyrsch viele offene Fragen. Zum Beispiel welche Positionen Alois Wyrsch in der Politik vertreten hatte. Wie er sich zur Niederlassungsfreiheit, oder zum Umgang mit dem und den \u00abFremden\u00bb ge\u00e4ussert hatte. In welcher Richtung er in die Nidwaldner Politik vielleicht beeinflusst hatte. Alles Dinge, die von seinem Vater durchaus bekannt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannend w\u00e4re auch: Inwiefern hat die Herkunft der beiden Kinder ihr Leben in der Schweiz allgemein beeinflusst, ihre Beziehungen, ihre Identit\u00e4t, ihre Karrieren? Wurden sie anders behandelt, oder war der Familienstand wichtiger? Was geschah mit Ibu Silla? Wie gingen der Vater und die Kinder mit der Abwesenheit der Mutter um? Wie war ihre Beziehung zueinander? Wie viele solcher Kinder wurden so gezeugt, wie viele blieben zur\u00fcck, was wurde aus ihnen, welchen Stand hatten sie in der kolonialisierten Welt und wie viele von ihnen kamen nach Europa?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gegen die m\u00e4nnliche Geschichtsschreibung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Historiker Bernhard Sch\u00e4r, der sich intensiv mit diesem Fall besch\u00e4ftigt hat, sieht ihn als exemplarisch f\u00fcr das Funktionieren von \u00abGeschichte\u00bb und f\u00fcr den Umgang der Schweiz mit ihren historischen Verflechtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWenn sich die Perspektive auf die Geschichte ver\u00e4ndert, ver\u00e4ndert sich alles: Fokus, Fragen und Interpretation\u00bb, so Sch\u00e4r. Man finde nicht einfach ein neues Puzzle-Teil, um es bisherigen Erz\u00e4hlungen hinzuzuf\u00fcgen, sondern alles, was bisher erz\u00e4hlt wurde, erscheine in einem anderen Licht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Held, der Karriere in der Fremde machte, der z\u00e4he Hund, der Kriege \u00fcberlebte, ist auch Profiteur einer versklavenden, kriegstreibenden Kolonialmacht. \u2013 Seine \u00abKonkubine\u00bb, die aus den Quellen und dem historischen Ged\u00e4chtnis getilgt wurden, wird zur Akteurin und, obschon versklavt, zur Mitgestalterin einer schweizerischen Globalgeschichte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was alles nicht bedeutet, dass man den Helden nun verteufeln muss, ihn aus den Geschichten herausschneiden oder schw\u00e4rzen soll. \u00abEs bedeutet lediglich, ihn zu dezentrieren\u00bb, so Sch\u00e4r. Das heisst die Beziehungen, die er mit Menschen wie Ibu Silla einging, mitzuerz\u00e4hlen. Das gilt exemplarisch auch f\u00fcr die Geschichte der Schweiz. \u00abWir verstehen sie nur, wenn wir sie als Ergebnis von kolonialen Verflechtungen und damit von Beziehungen zu unz\u00e4hligen kolonisierten Menschen begreifen, die unsere gemeinsame Vergangenheit mitgestaltet haben\u00bb, sagt Sch\u00e4r. Der springende Punkt sei, dass wir von einer europ\u00e4isch m\u00e4nnerzentrierten Geschichte wegkommen.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Segesser &#8211; Wagner &#8211; Wyrsch Weiterlesen \u00a9 ProLitteris, Jana Avanzini Rassismus und Nationalsozialismus in K\u00fcnsten und Geschichtsschreibung der Zentralschweiz Teil 1 Auf einem Luzerner Dachboden wurde etwas gefunden, das nicht dort sein sollte. Es sind Ledermalereien, mehrere Meter gross. 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