{"id":3715,"date":"2025-12-08T20:22:52","date_gmt":"2025-12-08T18:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3715"},"modified":"2025-12-29T23:14:39","modified_gmt":"2025-12-29T21:14:39","slug":"texte-von-jana-avanzini-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3715","title":{"rendered":"Texte von Jana Avanzini 2"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3717\"><strong>Weiterlesen <\/strong><\/a>\u00a9 ProLitter<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch\/na\/plzm.97006b29-aad0-45e1-9550-5a8442b459f9\">is, Jana Avanzini<\/p>\n<script src=\"https:\/\/ptag.prolitteris.ch\/ptag\/ptag.min.js\" onLoad=\"ptag('https:\/\/pl01.owen.prolitteris.ch','na','plzm.705bdc9d-9d8a-4555-9b09-252893941538');\"><\/script>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Gl\u00fcsteler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der erste Text erschien 2019 in der Sonntagszeitung des Tages-Anzeigers, der zweite wurde in einer \u00fcberarbeiteten, grob gek\u00fcrzten Version im Magazin Reportagen ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Ziel war ein nettes Portr\u00e4t \u00fcber einen \u00e4lteren Herrn. Doch das Treffen verlief nicht wie geplant.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anz\u00fcglichkeiten, sexistische Spr\u00fcche, oder ein Griff an den Hintern. Wer darauf nicht mit der angebrachten Vehemenz reagiert, hat es wahrscheinlich mit einem Gl\u00fcsteler zu tun. Denn diesem verzeiht die Schweizerin gemeinhin etwas viel. Unter anderem wohl aus historischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trafen uns in seinem Keller. Dort, wo zu all seinen Geschichten die Artefakte lagern. Ich plante ein Portr\u00e4t, war interessiert und freundlich. Er war vor allem interessiert. Er machte mir Komplimente zuhauf und schm\u00fcckte seine Ausf\u00fchrungen immer \u00f6fters mit anz\u00fcglichen Witzen. Er redete von L\u00f6chern, gestopften L\u00f6chern und engen L\u00f6chern, zwinkerte. \u00abDu bist ein Schn\u00fcggel\u00bb, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Man trifft die sogenannten Gl\u00fcsteler in der freien Wildbahn gar nicht selten. Sei es an Familienfesten, bei Vereinsanl\u00e4ssen, in Dorfbeizen. Dort sitzen sie an der Bar, im Vorstand, am Stamm- und Schreibtisch. Oft sind sie gut integriert und nicht selten in Machtpositionen. Gl\u00fcsteler outen sich jedoch meist recht schnell in ihrer antiquierten Umgangsweise mit dem anderen Geschlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz eindeutig identifizierbar werden sie im Umgang mit weiblichem Servicepersonal, das sie gerne mit \u00abSch\u00e4tzeli\u00bb und Schnalzger\u00e4uschen heranzitieren. Oder am Spruch: \u00abWenn ich zwanzig Jahre j\u00fcnger w\u00e4re \u2026\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind die \u00e4lteren Herren, die ihre Finger nicht bei sich behalten k\u00f6nnen und die blanken Sexismus mit Charme verwechseln. Anz\u00fcgliche Witze, Kommentare und Komplimente gegen\u00fcber Mitarbeiterinnen und entfernteren Familienangeh\u00f6rigen geh\u00f6ren f\u00fcr sie zum guten Ton, ein Griff an die H\u00fcfte oder ein Klaps auf den Po sind nett gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wer glaubt, die Gl\u00fcsteler seien haupts\u00e4chlich als Stammtischler auf dem Land anzutreffen, der irrt. Im linken Kulturkuchen, in intellektuellen Kreisen, an Wirtschaftsforen trifft man sie genauso gerne \u2013 alleinstehend, mit Frau und Familie, Arbeiter oder Patrons. Durch alle Klassen und Schichten, Religionen und Kulturen ist ihnen zu eigen, dass sie Grenzen immer wieder \u00fcberschreitet, und frau es ihnen oftmals durchgehen l\u00e4sst. Aus Anstand, Mitleid oder schlicht, weil sie die Konfrontation scheut. Weil sie Diskussionen vermeiden will und den Vorwurf des Gl\u00fcstelers scheut, sie \u00fcbertreibe, sei hysterisch und habe sowieso alles ganz falsch verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich l\u00e4chelte die Anz\u00fcglichkeiten weg, w\u00e4hrend wir uns durch die Kellerr\u00e4ume arbeiteten, liess den alten Mann seine Spr\u00fcche klopfen. Man will ja nicht unfreundlich sein. In meinem Kopf entschuldigte ich ihn mit seinem Alter, der Sozialisierung, den unbefriedigten Trieben, der Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, ein L\u00e4cheln interpretiert der Gl\u00fcsteler schnell als Einladung. Eine Art Lernbehinderung, nennt es Joseph Bendel, Psychologe, Paartherapeut und Mitgr\u00fcnder des Manneb\u00fcro in Luzern. Solche M\u00e4nner haben das Dekodieren von Signalen nicht gelernt und verstehen schlichte Freundlichkeit als Interesse des Gegen\u00fcbers. H\u00fc und Hott! Verstehe einer die Frauen! Das betonen sie gerne, reagiert das gegen\u00fcber ablehnend \u2013 aus ihrer Sicht vollkommen unerwartet und pl\u00f6tzlich. Zeigt ein Blick sexuelles Interesse, bloss Freundlichkeit oder ist diese bereits zur Maske gefroren. Das muss wahrgenommen und reflektiert werden. Auf verbaler und manchmal auf nonverbaler Ebene \u2013 beim Flirt, beim Tanzen, im Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man es aus einer psychologischen Perspektive, so fehlt dem Gl\u00fcsteler die Wahrnehmung seiner Impulse und die Kontrolle derselben \u2013 gepaart mit der Unf\u00e4higkeit zu kommunizieren. An erster Stelle jedoch steht das Laster (Wol-)Lust. Der Gl\u00fcsteler findet das Gegen\u00fcber geil. Hier, wo bei den meisten Menschen die Reflektion beginnt, kommt es beim Gl\u00fcsteler zum Kurschluss. Bendel erkl\u00e4rt es mit einem inneren Kaperlitheater \u001f\u001f\u2013 eine extended version von \u00abEngel links, Teufel rechts\u00bb. Bei einem ausgebildeten Erwachsenen-Ich diskutieren Polizist, R\u00e4uber, Mutter und Kasperli und w\u00e4gen gemeinsam ab, wie man reagiert. Was gef\u00e4llt, wie reagiere ich darauf, kommuniziere ich und wie reagiere ich wiederum auf die Antwort. Man w\u00fcrde im Ergebnis die Kommunikation zwischen zwei Menschen erhalten. Der Gl\u00fcsteler jedoch \u00fcberspringt das Ganze. R\u00e4uber Toggel entscheidet ohne Absprache mit dem Team: Gef\u00e4llt mir, fasse ich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bed\u00fcrfnisse des Gegen\u00fcbers sind keine Variabel in der Rechnung des Gl\u00fcstelers. Ein Grund mehr daf\u00fcr, weshalb seine Komplimente meist anz\u00fcglich oder schlicht plump daherkommen. Sie wirken auswendig gelernt und haben meist wenig mit dem zu tun, was gef\u00e4llt. Ein T\u00e4tscheln, Pfeifen oder der Kommentar \u00abAlso wenn ich no jung w\u00e4r \u2026\u00bb, kommt selten an.<\/p>\n\n\n\n<p>Er w\u00fcrde mich gerne \u00abvon oben bis unten abschlecken\u00bb, sagte er, als wir vor der grossen Standuhr in der Ecke standen. Er l\u00e4chelte, machte einen Schritt auf mich zu. Seine Hand griff um meine H\u00fcfte, griff an meinen Hintern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWir m\u00fcssen unterscheiden zwischen Vergewaltigung, einer Dummheit und Respektlosigkeit. Wir sollten nicht jeden t\u00f6richten Ton eines geilen Greises oder eines engstirnigen, einf\u00e4ltigen Esels an den Pranger stellen\u00bb, schrieb Autorin Zana Ramadani. Wir k\u00f6nnten Gl\u00fcsteler also mit den Worten Dummheit und Respektlosigkeit abkanzeln, ihn bedauern und bel\u00e4cheln. Oder aber, wir betrachten ihn als Teil einer Gesellschaft, die ein solches Verhalten noch gar nicht lange \u00f6ffentlich diskutiert und kritisiert. Und selbst heute bleibt es bei einer Diskussion, in der sich h\u00e4ufig genug zeigt, dass ein Rest der patriarchalen Gesellschaft existiert, die Frauen nicht f\u00fcr gleichwertig h\u00e4lt und schon gar nicht f\u00fcr voll nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gl\u00fcsteler jedoch zeigt nicht unbedingt seine individuelle Haltung gegen\u00fcber von Frauen. Er kopiert Verhaltensweisen. Der Gl\u00fcsteler verh\u00e4lt sich so, wie er es von seinen Mitmannen, seinen V\u00e4tern und Onkeln vorgelebt bekam. In einer Zeit, einem Umfeld, wo Geschlechterrollen klar verteilt waren und man der Serviertochter mit Schmackes auf den Hintern klatschte. In dieser Gesellschaft galten klare Regeln, wie man sich zu verhalten hatte und M\u00e4nner schrieben B\u00fccher dar\u00fcber, wie Frauen allgemein funktionieren. K\u00f6rperlich, geistig, beim Sport, Sex oder in der Mutterschaft. Frauen waren dazu da, den M\u00e4nnern das harte Leben angenehmer und die Welt etwas h\u00fcbscher zu gestalten. Sie hatten bei wichtigen Themen den Mund zu halten, nicht zu provozieren und keine Forderungen zu stellen. F\u00fcr Frauen galt bedingungslose Hingabe und Aufopferung, dem vornehmlich triebgesteuerten Mann gegen\u00fcber, als Pflicht. Der Gl\u00fcsteler stammt aus einer Welt, wo die M\u00e4nner aktiv warben, Leitern zum Fenster des M\u00e4dchenzimmers hochstiegen. Die Frauen hingegen passiv warteten, das Fenster \u00f6ffneten, oder eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Grapschen galt damals als Kompliment. Als Zeichen daf\u00fcr, dass die Frau der M\u00e4nnerwelt gefiel \u2013 dass sie ihre Rolle erf\u00fcllte. Und die Frauen f\u00fcgten sich der Rolle. Manchmal war es so ganz in Ordnung, oft weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Regeln jedoch haben sich seit der Jugend des Gl\u00fcstelers gewandelt \u2013 ohne ihn. Durch die Normenverschiebungen in den 60er- bis 80er-Jahren in der Schweiz wurden g\u00e4ngige Verhaltensweisen hinterfragt und \u00fcber den Haufen geworfen. Die sexuelle Revolution machte nicht am Bettrand halt. Sie erfasste Politik und Familie. Frauen emanzipierten sich zunehmend, \u00fcber die Arbeitswelt, die Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Rollenbilder und Geschlechterverh\u00e4ltnisse wurden flexibler. Pl\u00f6tzlich galt es, ein Selbstverst\u00e4ndnis unabh\u00e4ngig vom Usus zu entwickeln. Und das ist Arbeit. Arbeit, die viele offenbar noch nicht getan haben. Sein Bild von sich als Mensch, von sich als Mann, ist beim Gl\u00fcstleler untrennbar mit den alten Rollenbildern verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine entsetzte Reaktion seinen den Griff an meinen Hintern schien ihn zu irritieren. Trotzdem entschuldigte er sich. \u00abSo bin ich halt einfach, das hab ich halt einfach gern.\u00bb Mein Unverst\u00e4ndnis daf\u00fcr war ihm unverst\u00e4ndlich, meine Gef\u00fchle offenbar keine Variabel in seiner Rechnung. \u00abAber das tut mir demfall leid.\u00bb Er streckte die Hand aus und ich sch\u00fcttelte sie. Selbstverst\u00e4ndlich. War ja nichts passiert, also weiter im Text, weiter im Keller. Aus dem Regal zog er ein l\u00e4ngliches Objekt. \u00abEin getrockneter Wal-Penis.\u00bb Er zwinkerte. Einer seiner \u00fcblichen Scherze auf der F\u00fchrung offenbar. Doch mein L\u00e4cheln wollte nicht mehr so recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigungen? Der Gl\u00fcsteler kann sich durchaus f\u00fcr sein Verhalten entschuldigen. Meist reicht jedoch die handels\u00fcbliche Ausflucht: Dass er als Mann halt so tickt, Bed\u00fcrfnisse hat, und dass ein Klaps ja nicht b\u00f6s, sondern als Kompliment gemeint war. Testosteron, sexuelle Energie. Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er sich hinter seiner Biologie versteckt?<\/p>\n\n\n\n<p>Klar, dort hatte er es \u00fcber Jahrhunderte warm und gem\u00fctlich. Dann kamen die Feministinnen, j\u00fcngst #Metoo und diese sogenannte toxische M\u00e4nnlichkeit. Der alte weisse Mann hat es derzeit nicht leicht, das ist wahr. Mann darf \u00fcberhaupt keine Komplimente mehr machen. Mann darf ja nicht mal mehr schauen. Besonders die jungen Frauen w\u00fcrden auf eine freundliche Kontaktaufnahme bereits mit angeekelten Blicken reagieren, wird gerne moniert. Das kommt unbestritten vor. Das kann man nicht abstreiten. Denn das Alter ist sexlos, wenn es nach unserer Gesellschaft geht. Der l\u00fcsterne Greis, der Gl\u00fcsteler, impliziert in seiner Definition auch den Gr\u00fcsel. Wohl, weil den \u00e4lteren Generationen Sexualit\u00e4t abgesprochen wird. Die Jagd nach einer Partnerin zur Paarung geh\u00f6rt zum jungen Mann, zum Alten geh\u00f6rt die Weisheit. Theoretisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch die n\u00e4chste Generation Gl\u00fcsteler, die analogen und die digitalen. So genannt werden sie jedoch kaum. Denn bei jungen M\u00e4nnern wird eine \u00fcbergriffige und uneingeladene Art der Ann\u00e4herung klarer als sexuelle Bel\u00e4stigung oder dann als unterirdischer Flirtversuch wahrgenommen. Dem jungen Grapscher und Sexisten fehlt offenbar ein entscheidender Faktor f\u00fcr die Bezeichnung Gl\u00fcsteler. Der Mitleidsfaktor.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich gef\u00e4hrlich werden kann einem der alte Gl\u00fcstler n\u00e4mlich oft nicht, will es wohl meist auch gar nicht \u2013 und so bemitleidet man ihn, w\u00e4hrend seine Hand eine Etage zu tief rutscht. Man bemitleidet ihn f\u00fcr seine Einsamkeit vielleicht, f\u00fcr den k\u00f6rperlichen Zerfall und sein gleichzeitiges Gieren nach dem jungen Gegen\u00fcber. Man will ihn, in seinem zerbrechenden Selbstbild der testosteronschwangeren, harten Kerls, nicht verletzen. Vielleicht. So hat es sich jedenfalls angef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wollte mir noch in die Jacke helfen. Ich kam ihm zuvor. Er wollte einen weiteren Besuch verabreden und versuchte sich, mit weiteren Komplimenten und einem hilflosen Hundeblick, drei K\u00fcsschen zum Abschied zu holen. Er trat mit kleinen Schritten n\u00e4her, die Lippen gespitzt. Ich wich zur\u00fcck. Eine Arml\u00e4nge Abstand. Sekunden sp\u00e4ter schlug ich die Autot\u00fcre zu. In meinem Kopf drehten Erinnerungen an den Ferienjob in der Dorfbeiz ihre Runden \u2013 an die immergleichen primitiven Witze und unangebrachten Komplimente.<br>Ich liess das Fenster runter. Er stand neben dem Haus, winkte und l\u00e4chelte.<br>Ich winkte und l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die urspr\u00fcngliche Geschichte: In Ruedis Keller<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ruedis Lebensgeschichte ist faszinierend, seine Sammlung an historischen Trouvaillen beeindruckend. Der Forrest Gump der Zentralschweiz, ein perfekter Protagonist f\u00fcr ein Portr\u00e4t. Doch in Ruedis Keller dr\u00e4ngt er mir eine Geschichte auf, die so nicht geplant war.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Ruedi* jung war, haute man der Serviertochter mit Schmackes auf den Hintern. Die Frauen hatten die Mannen zu Fragen, wenn sie sich etwas H\u00fcbsches kaufen wollten. Sie waren dankbar und lieb. Als Ruedi jung war, l\u00e4chelten die Frauen artig, wenn er ihren festen Busen komplimentierte. Heute ist Ruedi ein Gl\u00fcsteler. So nennt man in der Innerschweiz die alten M\u00e4nner, die ihre Finger nicht bei sich behalten k\u00f6nnen. Diese Gedanken waren fern, als ich mit Ruedi in seinen verschachtelten, vollgestopften Keller hinunterstieg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ruedi steht schon vor dem Haus, als ich um die Ecke biege. Er winkt und l\u00e4chelt und weist mich in die Parkl\u00fccke ein. Sein graues Haar ist frisch gewaschen, Seitenscheitel, gestrickter Pullunder \u00fcber dem hellblauen Hemd. An der Haust\u00fcre f\u00fchrt er seine Klingel vor. Sie tr\u00f6tet ohrenbet\u00e4ubend wie das Horn eines Schiffes und Ruedi freut sich wie ein Junge. Er f\u00fchrt sie mehrfach vor, auch wenn niemand zuhause ist. Das sei nicht bloss Spielerei, sondern auch praktisch, sagt er. Da er nicht mehr besonders gut h\u00f6rt. Auch sein Ged\u00e4chtnis ist nicht mehr das Beste, seit er vor ein paar Jahren einen Schlaganfall hatte. Jahreszahlen und Namen wollen ihm nicht mehr sofort einfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er f\u00fchrt mich in den schmalen, dunklen Flur, nimmt mir die Jacke ab und macht mir nun ungef\u00e4hr das vierte Kompliment seit der Ankunft. F\u00fcr mein L\u00e4cheln. Ich l\u00e4chle. Ob er mir noch mehr ausziehen d\u00fcrfe? Tanja hatte mich gewarnt. Er sei ein Charmeur, oft anz\u00fcglich, auch mal an der Grenze zum guten Geschmack. Tanja hat ihn mir empfohlen. Als Mann mit Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei geh\u00e4ufte Teel\u00f6ffel Zucker schaufelt er in seinen Instant-Kaffee. Unsere weissen Tassen stehen auf dem gr\u00fcnen Wachstischtuch. Die Orangen-Roulade, so gross wie ein Laib Brot schneidet er in zwei Teile, verteilt sie auf die beiden kleinen Teller. Die muss gegessen werden. Ich habe die Ehre. Die K\u00fcche ist spartanisch eingerichtet, praktisch und k\u00fchl. Ein paar leere Weinflaschen in der Recycling-Ecke zeigen, dass hier wirklich jemand lebt. Er brauche bloss ein Dach \u00fcberm Kopf und ein \u00abdieniges N\u00e4scht\u00bb sagt Ruedi, lacht, und die blauen Augen unter den grauen, buschigen Augenbrauen blitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schaffen die Orangen-Roulade erstaunlich schnell aus der Welt und beginnen mit der versprochenen F\u00fchrung durch Ruedis Museum. Das beginnt bereits im Wohnzimmer. Mobiliar aus dem abgebrannten Windsor-Palast, ein Albert Anker, eine der \u00e4ltesten Landkarten der Schweiz, eine Wand voller Gewehre. Doch das ist erst der Anfang. Wenige Meter unter unseren F\u00fcssen befinden sich die echten Sch\u00e4tze. Immer wieder bekommt Ruedi deswegen Besuch, f\u00fchrt G\u00e4ste herum und erz\u00e4hlt seine Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde nicht zu Grossem geboren. Aufgewachsen auf einem kleinen Bauernhof mit den Eltern und drei Schwestern. Er tr\u00e4umte vom Beruf des Juristen, schliesslich reichte es jedoch nur f\u00fcr sechs Jahr Grundschule. Eine Lehre oder gar ein Studium waren finanziell keine Option. Die Lebensgeschichte des 80-J\u00e4hrigen, nichtsdestotrotz, liest sich wie ein Abenteuerroman. Er hat f\u00fcr Kuba Schiffe gehoben und daf\u00fcr von Fidel Castro eine Bronze-Figur geschenkt bekommen. Er hat f\u00fcr Russland Flugzeuge gebaut und die wertvollsten Lokomotiven restauriert. Er besitzt Berge von historischen Zeugnissen und ist einer der weltweit wenigen Experten f\u00fcr dampfbetriebene Motoren. Ich bin beeindruckt. Zweifle zwischendurch. Doch haufenweise Fotos und Dokumente beweisen seine Geschichten, die alle fachm\u00e4nnisch gef\u00e4lscht und manipuliert zu haben traue ich ihm nicht zu. Ruedi sammelt nicht nur Briefe, Urteile, Gesetze zur\u00fcck bis ins 14. Jahrhundert. \u00dcber 300 Pistolen und Vitrinen voller Taschenuhren, selbst seltene Pflanzen von einer Insel bei Madagaskar, ein Rennauto mit Spitzengeschwindigkeit 60 km\/h, einige fahrt\u00fcchtige Oldtimer aus Vorkriegszeiten finden sich in seinem Keller. In f\u00fcnf riesigen R\u00e4umen, bis zur Decke ausgenutzt. Hier t\u00f6nen mittlerweile die verschiedensten Ger\u00e4te durcheinander. Aus zwei selbst restaurierte Edison Phonographen klingen metallisch deutsche Frauenstimmen, eine Uhr l\u00e4utet, ein Dampfapparat rattert und die integrierte Spieluhr im Fotoalbum eines wohl recht wohlhabenden Mannes spielt weiter aus der schon wieder zugestossenen Schublade.<\/p>\n\n\n\n<p>Angefangen hat Eduards Leidenschaft f\u00fcr das Historische und Technische mit Louis Favre\u2019s Pl\u00e4nen des Gotthardtunnels, die in einem Inserat zum Kauf angeboten wurden. Die Mutter legte dem kleinen Ruedi zu Weihnachten das n\u00f6tige Geld unter den Tannenbaum. Der Start einer ungebrochenen Sammelleidenschaft. \u00abIch finde diese Dinge \u00fcberall, oder sie finden mich\u00bb, sagt Ruedi stolz.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich sicher und wendig bewegt er sich zwischen den Fahrzeugen und \u00fcber die Lagen an Teppichen, \u00fcber die eine Schwelle und die andere hinunter. Immer wieder rutscht die feine eckige Brille auf seiner Nase nach vorne. Er freut sich \u00fcber den Besuch, das Interesse. \u00abDas ist die erste, das \u00e4lteste, der seltenste \u2026\u00bb Worte, die beinahe schon inflation\u00e4r aus seinem Mund kommen. Drei Stunden lang erz\u00e4hlt er Geschichten, schliesst Schr\u00e4nke auf und Vitrinen, \u00f6ffnet Safes und pr\u00e4sentiert seine Sch\u00e4tze. Die Begeisterung ist ansteckend. Trotzdem: Beinahe begraben f\u00fchlt man sich unter all dem Material, all den Anekdoten. Weniger als ein Drittel seines \u00abMuseums\u00bb habe ich zum Ende gesehen, wird Ruedi nicht m\u00fcde zu betonen und am liebsten w\u00fcrde er mich noch viel l\u00e4nger dabehalten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Immer wieder schm\u00fcckt Ruedi seine Ausf\u00fchrungen mit anz\u00fcglichen Witzen. Oft redet er von L\u00f6chern, gestopften oder engen, zwinkert. \u00abDu bist ein Schn\u00fcggel\u00bb. Ich l\u00e4chle, lasse ihn seine Spr\u00fcche klopfen. Man will ja nicht unfreundlich sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Verheiratet war Ruedi zwei Mal, heute ist er zweifacher Grossvater. Aus der ersten Ehe stammen eine Tochter und ein Sohn, die er lange alleine grosszog, da seine Frau von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden sei. Seine zweite Frau stammt urspr\u00fcnglich aus Kenia, dass schwarzweisse Hochzeitsfoto h\u00e4ngt im Wohnzimmer, sie ganz in weiss, er im glitzerbesetzten Frack. Sie h\u00e4tten sich in einem Etablissement kennengelernt \u2013 sie die T\u00e4nzerin, er der Gast. Sie seien nach England gezogen, er habe H\u00e4user renoviert, gemeinsam h\u00e4tten sie ein Gasthaus gef\u00fchrt, wo sogar Lady Di dreimal eingekehrt sein soll. Er zeigt Fotos. Aus England, Russland, Kuba.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pl\u00f6tzlich stehe ich wieder im Fokus. Er w\u00fcrde mich gerne \u00abvon oben bis unten abschlecken\u00bb. Er l\u00e4chelt und macht einen Schritt auf mich zu. Das reicht \u2013 ihm nicht. Seine Hand greift um meine H\u00fcfte, greift an meinen Hintern.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Alter, Sozialisierung, der leichte Schlaganfall und das Bed\u00fcrfnis, seine Geschichte zu erz\u00e4hlen, gegen\u00fcber der Anz\u00fcglichkeiten \u00fcberwogen. Jetzt geht\u2019s um Klartext. Grenzen. Ein Schritt zur\u00fcck. Das geht so nicht. Er entschuldigt sich. \u00abSo bin ich halt einfach, das hab ich halt einfach gern.\u00bb Ich aber nicht. \u00abDas tut mir demfall leid.\u00bb Er scheint es ernst zu meinen, streckt die Hand aus. Ich nehme sie und er sch\u00fcttelt. Ich betone nochmals, dass das so nicht geht. Er nickt und greift nach einem l\u00e4nglichen Objekt. \u00abEin getrockneter Wal-Penis.\u00bb Das scheint einer seiner \u00fcblichen Scherze auf der F\u00fchrung zu sein. Meine L\u00e4cheln will nicht mehr so recht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Langsam wird es k\u00fchl, nach fast drei Stunden zwischen Vitrinen und Maschinen im Keller. Wir sind mittlerweile im hintersten Teil des Kellers angelangt. Ganz Gentleman bietet Ruedi mir die Jacke eines russischen Astronauten an, die in seiner Sammlung h\u00e4ngt. Nur eine grosse letzte Sehensw\u00fcrdigkeit steht noch an. Seinen liebsten Oldtimer pr\u00e4sentiert Ruedi mit allen technischen und historischen Details. Spiralen und Pumpen, mit Seilen und R\u00e4dchen und einer Bremse aus Zuckerrohr und Holz. Einmal sei der damit auf einer Flugpiste richtig schnell gefahren \u2013 einmal nur habe er versucht, alles rauszuholen. Einmal und nie wieder, sagt er lachend und gibt dem Metall einen fast z\u00e4rtlichen Boxer von der Seite.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Er will mir in die Jacke helfen. Ich komme ihm zuvor. Es kann mir nicht mehr schnell genug gehen. Er m\u00f6chte einen weiteren Besuch verabreden, versucht sich mit Komplimenten und einem hilflosen Hundeblick drei K\u00fcsschen zum Abschied holen. Er tritt mit kleinen Schritten n\u00e4her, die Lippen gespitzt. Ich weiche zur\u00fcck. Weit genug aber nicht so bestimmt wie ich sollte. Sekunden sp\u00e4ter schlage ich die Autot\u00fcre zu. Holy Crap. Der Motor l\u00e4uft, ich fahre.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ruedi steht neben dem Haus, winkt und l\u00e4chelt. Ich winke und l\u00e4chle. Er winkt weiter bis ich am Ende der Strasse um die Ecke biege.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause erst kommt der \u00c4rger. Selbstzweifel. H\u00e4tte ich h\u00e4rter reagieren sollen, ihm die Leviten lesen, das Treffen abbrechen? Freundinnen sind entsetzt. Die Diskussionen f\u00fcllen Abende. \u00dcber Bel\u00e4stigungen, \u00fcber Rollenbilder und dar\u00fcber, wie man reagieren sollte. Am Schreibtisch schreibe ich das Portr\u00e4t. Von Ruedi. Einem Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte und Leidenschaft \u2013 f\u00fcr seine Maschinen und historischen Sch\u00e4tze. Ein Mann, der so viel geleistet hat. Ich trenne Mensch von Begegnung. Ein lebloses Portr\u00e4t. Unbrauchbar. Seiner Lebensgeschichte nicht w\u00fcrdig. N\u00f6tigen Nachfragen zu Details gehe ich aus dem Weg. Ganze vier Monate bleibt die Datei unge\u00f6ffnet auf dem Desktop.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann setze ich mich doch wieder an den Text. Soll ich die Bel\u00e4stigung ant\u00f6nen? Sie harmloser schildern, als sie war? Nur die Spr\u00fcche erw\u00e4hnen? Doch ganz verschweigen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Ruedi jung war, haute man der Serviertochter mit Schmackes auf den Hintern. Die Frauen hatten die Mannen zu Fragen, wenn sie sich etwas H\u00fcbsches kaufen wollten. Sie waren dankbar und lieb. Als Ruedi jung war, l\u00e4chelten die Frauen artig, wenn er ihren festen Busen komplimentierte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Soll ich richtig ehrlich werden? Aufschreiben, wie es bestimmt nicht das erste und letzte Mal in Ruedis Museum abl\u00e4uft? Den Mann als den zeigen, der er wirklich ist? Stolzer Abenteurer, leidenschaftlicher Sammler und alter Gl\u00fcsteler?<\/p>\n\n\n\n<p><em>So nennt man bei uns in der Innerschweiz die \u00e4lteren Herren, die ihre Finger nicht bei sich behalten k\u00f6nnen und die blanken Sexismus mit Charme verwechseln. Gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen sie einem nicht mehr \u2013 und so bemitleidet man sie, w\u00e4hrend sie einem den Hintern t\u00e4tscheln. Man l\u00e4chelt, wenn man sich verabschiedet und entschuldigt das Verhalten mit ihrem Alter, ihrer Einsamkeit und ihren Trieben. Und das muss sich \u00e4ndern.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterlesen \u00a9 ProLitteris, Jana Avanzini Der Gl\u00fcsteler Der erste Text erschien 2019 in der Sonntagszeitung des Tages-Anzeigers, der zweite wurde in einer \u00fcberarbeiteten, grob gek\u00fcrzten Version im Magazin Reportagen ver\u00f6ffentlicht. Das Ziel war ein nettes Portr\u00e4t \u00fcber einen \u00e4lteren Herrn. Doch das Treffen verlief nicht wie geplant. Anz\u00fcglichkeiten, sexistische Spr\u00fcche, oder ein Griff an den &hellip; <a href=\"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/?page_id=3715\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Texte von Jana Avanzini 2<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3715","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3715","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3715"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3715\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3799,"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3715\/revisions\/3799"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orlux-ag.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3715"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}