Die meisten schaffen den Ausstieg

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© ProLitteris, Josef Estermann

Neue Studie zur Sozialepidemiologie des Drogenkonsums

Zur Zeit (1996) leben in der Schweiz ungefähr 30’000 Personen, die regelmässig Heroin oder Kokain konsumieren. Zehn Prozent aller Konsumierenden brechen den Konsum innerhalb eines Jahres auf Dauer ab, allerdings stirbt jeder fünfzigste Drogenabhängige im Laufe eines Jahres. Trotz massiver Verstärkung der polizeilichen Arbeit im Drogenbereich in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Konsumierenden nicht reduziert.

Dies geht aus einer Studie (1) des Instituts für Soziologie der Universität Bern über die soziale und gesundheitliche Lage von Heroin- und Kokainkonsumierenden hervor.

Die Studie orientiert über die soziale und gesundheitliche Lage von Heroin- und Kokainkonsumierenden, über ihre Zahl, den jährlichen Zuwachs, den Abbruch der Karriere und die Sterblichkeit. Sie trägt den Titel »Sozialepidemiologie des Drogenkonsums. Zu Prävalenz und Inzidenz (2) des Heroin- und Kokaingebrauchs und dessen polizeiliche Verfolgung«. Die Studie wurde unterstützt durch das Bundesamt für Gesundheitswesen, Bern.

Tod wegen Überdosis und Infektionskrankheiten

Gemäss der Studie leben in der Schweiz zur Zeit (Mitte der neunziger Jahre) ungefähr 30’000 Personen, die regelmässig Heroin oder Kokain konsumieren. Jede fünfzigste stirbt im Laufe eines Jahres, andererseits bricht immerhin jede zehnte betroffene Person den Konsum innerhalb eines Jahres auf Dauer ab. Dies bedeutet, dass etwa 80% der Konsumierenden auf Dauer »clean« werden. Kürzere Konsumpausen sind noch wesentlich häufiger. Mehr als ein Prozent der Bevölkerung in der Schweiz oder etwa zwei Prozent der fünzehn- bis fünfundvierzigjährigen, das heisst also über 70’000 Personen, besitzen Erfahrung mit Heroin oder Kokain.

Wie die Studie zeigt, hat sich die Zahl der Konsumierenden in den vergangenen sechs Jahren nicht wesentlich verändert. Hingegen wurden seit 1991 bedeutend mehr Personen wegen Konsums strafrechtlich belangt, als dies in den achtziger Jahren der Fall gewesen ist. Ebenfalls stark zugenommen haben die Methadonbehandlungen, so dass sich zur Zeit etwa die Hälfte der regelmässig Heroin, Kokain oder Methadon Konsumierenden in ärztlicher Betreuung befinden.

Seit 2020 hat sich allerdings der Gebrauch von «Crack» (freebase Kokain) zu einer Epidemie vor allem in grösseren und mittelgrossen Städten der Schweiz entwickelt, welche näher beobachtet werden muss. Auch hier ist die Dynamik des Marktes entscheidend und die Möglichkeiten der polizeilichen Intervention beschränkt. Es muss dringend darauf geachtet werden, dass die polizeiliche Arbeit Händler fokussiert, die selber nicht konsumieren und Zugriff auf grössere Menhen von Kokain haben. Allerdings hat bei Kokain der schnelle Toleranzabbau nicht die direkt tödlichen Konsequenzen wie bei Opiaten.

Drogenkonsum ist möglich, ohne aufzufallen

Die Studie widerlegt das verbreitete Vorurteil, dass der Konsum harter Drogen zwangsläufig zu sozialer Verelendung führt. Gefährdet sind jedoch jugendliche Einsteiger eher als ältere, Männer eher als Frauen und Personen mit schlechten sozioökonomischen Voraussetzung eher als solche in guten sozialen Verhältnissen. Personen mit starkem Selbstbewusstsein, mit Bedürfnis nach Autonomie und mit einer klaren Arbeitsorientierung können länger harte Drogen konsumieren ohne aufzufallen.

Zentral ist dabei das strikte Einhalten des Budgets, das heisst, es darf nicht mehr konsumiert werden, als sich das jemand leisten kann. Bei Budgetüberschreitungen droht ein Abgleiten in Kriminalität. Wiederholte Interventionen der Organe sozialer Kontrolle, die nicht mit einem Bedürfnis nach Behandlung und Betreuung der Konsumierenden einhergehen (Intervention der Polizei ohne Beizug von Sozialarbeitenden oder Ärzten mit Einverständnis der Kontrollierten), gefährden die Stabilität der Betroffenen.

Keine Reduktion der Zahl der Konsumierenden, aber gesundheitliche Besserstellung

Erkenntnisse über die Zahl der Konsumierenden, deren Zuwachs beziehungsweise Abnahme, die Sterblichkeit der Konsumierenden und deren gesundheitlicher Zustand sind für die Beurteilung der jeweiligen Drogenpolitik unverzichtbar. Die Ausweitung des therapeutischen Angebots und insbesondere die massive Verstärkung der polizeilichen Arbeit im Drogenbereich in den vergangenen fünf Jahren haben laut der Studie unterschiedliche Wirkungen gezeigt, ohne jedoch die Zahl der Konsumierenden vermindern zu können. Allerdings zeigte sich auch keine Erhöhung, aber eine Verminderung der Drogentodesfälle durch medizinische Interventionen und Informationen der Polizeiorgane durch medizinisch ausgebildetes Personal.

»Sozialepidemiologie des Drogenkonsums. Zu Prävalenz und Inzidenz des Heroin-und Kokaingebrauchs und dessen polizeiliche Verfolgung«. Von JosefEstermann, mit Beiträgen von Ute Herrmann, Daniela Hügi, Bruno Nydegger.

Erhältlich bei Orlux Verlag, Zürich

Die Studiengruppe ist in der Lage, auf Anforderung hin Analysen der regionalen Verteilung zu liefern und Unterschiede zwischen hoch belasteten Kantonen und weniger betroffenen Regionen sowie zeitliche Entwicklungen aufzuzeigen.

(1) »Sozialepidemiologie des Drogenkonsums. Zu Prävalenz und Inzidenz des Heroin- und Kokain-gebrauchs und dessen polizeiliche Verfolgung«. Von Josef Estermann, mit Beiträgen von Ute Hemnann, Daniela Hügi und Bruno Nydegger.

(2) Prävalenz: Zahl der Konsumierenden oder Anteil der Konsumierenden an der Bevölkerung. lnzidenz: Zahl der Einsteiger oder Anteil der Einsteiger in der Bevölkerung pro Jahr.