Mehr Repression – gleich viel Konsumenten

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Zur Sozialepidemiologie des Drogenkonsums. Von Josef Estermann, Soziologe, Bern

Aufgrund der aktuellen Crack-Krise in Schweizer Städten möchte ich auf unsere Erfahrungen mit der Heroinkrise der neunziger Jahre Bezug nehmen. Die mit Drogenkonsum in Zusammenhang stehende Verelendung einer nicht kleinen Zahl von Menschen, welche in den Innenstädten offensichtlich wird, bedarf der sozialpolitischen Intervention. Erfolgreich waren immer nur Strategien, die in den Bereichen Medizin und Sozialer Arbeit entwickelt wurden, während allein polizeilich bestimmte Strategien regelmässig nicht zun einer Verbesserung der Situation führten.

Der Artikel erschien erstmals in der NZZ.

Die Zahl der polizeilichen Verzeigungen hat sich von 1990 bis 1993 mehr als verdoppelt, die Zahl der Drogentoten wuchs von 1990 auf 1991 um 30%. In den letzten vier Jahren veränderte sich jedoch die Zahl der regelmässigen Benutzer von Heroin oder Kokain nicht messbar. Geändert haben sich seil 1991 die Rahmenbedingungen des Drogenkonsums: Die Repression hat gegenüber der medizinischen Versorgung und der Betreuung durch die Sozialarbeit an Gewicht gewonnen. Und sie scheint sich einem Grenznutzen zu nähern.

Die Prävalenz des Drogenkonsums – die Anzahl der Konsumenten von Heroin und Kokain oder der Anteil der Konsumenten an der gesamten Bevölkerung der Schweiz – ist schwer zu· schätzen. Die Spannweite zwischen Gelegenheitskonsumenten und Schwerstabhängigen ist gross. Dazu kommt, dass Heroin oder Kokain konsumierende Personen um die Illegalität des eigenen Tuns wissen und sich verständlicherweise der simplen Zählung entziehen. Dennoch verfügen die Institutionen der Drogenrepression, also Polizei, Justiz und Gefängnisse, über die besten Datenbestände. Deren Vollständigkeit und Umfang hängt im wesentlichen von zwei Faktoren ab: erstens von den Lebensumständen und der Geschicklichkeit oder Ungeschicklichkeit der einzelnen Konsumentinnen und Konsumenten, sich erwischen oder nicht erwischen zu lassen, und zweitens von den Ressourcen. Eine halbe Milliarde Franken gaben Gemeinden, Kantone und Bund im Jahre 1991 zur Bekämpfung des Drogenhandels und -konsums in den Bereichen Polizei, Justiz und Strafvollzug aus. Es ist dies ein Zehntel sämtlicher Ausgaben von Polizei, Justiz und Strafvollzug und etwa ein Sechstel der Gesamtausgaben sämtlicher Schweizer Hochschulen.

Viele Polizeibeamte und auch breite Teile der Bevölkerung glauben, dass ein vermehrter Einsatz von Personal und eine Erhöhung der Zahl der Gefängnisplätze eine schlagkräftige Antwort auf eine sich vermehrende Zahl von Konsumentinnen und Konsumenten sei und dass sich dann auch genügend Abschreckung und Abstinenz einstelle.

Manche in Eltern- und Angehörigenvereinen organisierte Menschen nehmen dagegen an, dass ein vermehrter Einsatz repressiver Art die Konsumentinnen und Konsumenten tiefer in ihr Elend treibe und so kriminelle Verhaltensweisen und das Verbreiten der inkriminierten Suchtmittel in die bisher unbelastete Bevölkerung fördere.

Mehr Verzeigungen – mehr Konsumenten?

Die Zahl der pro Jahr durch die Polizei identifizierten Personen hat sich zwischen 1990 und 1994 fast verdoppelt. Auf den ersten Blick zeichnet sich eine dramatische Epidemie des Missbrauchs von Heroin und Kokain ab. Der jährliche relative Zuwachs von Verzeigungen sinkt hingegen tendenziell. Da die Anzahl der Konsumenten nicht unendlich gross ist, muss sich bei einer hohen positiven Wachstumsrate die Zahl der identifizierten jener der überhaupt identifizierbaren Konsumenten und Konsumentinnen nähern. Jede zusätzliche, schwerer erreichbare Person muss mit einem immer grösseren Aufwand erfasst werden. Die maximale Wachstumsrate wurde 1991 erreicht, seither nähert sie sich der Sättigungsgrenze. Damit steigen die relativen Kosten einer weiteren Steigerung der repressiven Ausschöpfung überproportional.

Die absolute Zahl der von der Polizei identifizierten Personen sagt als solche also nichts über die Anzahl der Konsumenten und Konsumentinnen aus. Polizeidaten geben Auskunft über Personen, die von der Polizei erwischt wurden. Jede daraus abgeleitete Aussage über die Konsumenten kann also nur Personen betreffen, die einen Lebensstil pflegen, bei dem die Chance, den Repressionsinstanzen aufzufallen, nicht Null Ist. Nicht anfällige, represslonsimmune Personen haben ein reiferes Alter, einen höheren Sozialstatus und eine höhere Bildung. Zudem sind Frauen immuner als Männer. Diese Merkmale kennzeichnen übrigens das gesamte Repressionswesen. Es lassen sich aber auch Personen identifizieren, die über alle Merkmale der Immunität verfügen, die aber nach mehreren Jahren des Konsums durch einen sozusagen dummen Zufall aufgefallen sind. Ein Teil taucht im Gesundheitssystem auf, und sei es auch nur beim Hausarzt, der seine Patienten nirgendwo meldet. Das Repressionssystem erreicht einen wesentlichen Teil der Patienten, welche medizinische Betreuung finden, nicht.

Die Anzahl aller regelmässig Heroin oder Kokain konsumierenden Menschen, die gegen-über den Repressionsorganen nicht weitgehend immun sind, beträgt zur Zeit ungefähr 30 000, etwa 24 000 bis 28 000 Männer und 5000 bis 7000 Frauen. Nur allzu bereitwillig halten viele die Verdopplung der Zahl der polizeilichen Verzeigungen, die Verdreifachung der Zahl der Methadonverschreibungen in den letzten vier Jahren sowie den 30prozentigen Zuwachs an Drogentoten im Jahre 1991 für gültige Hinweise auf eine explosionsartig sich ausweitende Drogenepidemie. Die Bedeutung der Messung oder Erfassung selber wird oft erst in zweiter Linie reflektiert: Wer sucht, der findet; wer gut hinschaut, der sieht mehr; wer kauft, dem wird angeboten.

Überschätzte Zahl der Neueinsteiger

Indikatoren wie etwa die unterschiedliche Verzeigungsdichte von neu aufgetauchten und bereits bekannten Konsumenten geben gültige Hinweise auf die Verbreitung des Drogenkonsums. Bei einer Intensivierung der Beobachtungstätigkeit müssen selbstverständlich mehr bisher unbekannte Personen auftauchen. Gleichzeitig erscheinen aber auch bereits beobachtete Personen immer öfter. Die Beobachtungsdichte ist direkt proportional zur Erfassungsdichte beziehungsweise zur durchschnittlichen Erfassungshäufigkeit pro Person und Zeiteinheit. Dieser Indikator wächst seit 1990 konstant und beträchtlich. Inwiefern nun ein Wachstum der Zahl der erfassten Personen tatsächlich einem Wachstum der Grundgesamtheit entspricht oder vielmehr die blosse Intensivierung der Beobachtung und Behandlung wichtig ist, lässt sich nur schätzen. Beobachtung und Behandlung dienen nämlich erklärtermassen nicht der Statistik, sondern der Intervention.

Die Zahl der erstmals polizeilich wegen Heroin- oder Kokainkonsums aufgefallenen Personen bleibt seit 1991 konstant, diejenige der bereits bekannten, wiederholt verzeigten Personen steigt hingegen stark an. Die Zahl der zwar polizeilich bekannten, aber in diesem Jahr gerade nicht erfassten Personen ist abhängig von der Definition des Ausstiegs aus der Karriere. Taucht eine Person etwa ein Jahr lang nicht auf, wird sie nicht als Teil der Konsumentengruppe gezählt. Taucht sie aber irgendwann später wieder auf, kann sie als – unechter – neuer Fall, als Wiederholungsfall (Rezidiv) oder aber retrospektiv als Dauermitglied der Konsumentengruppe angesehen werden. Zwischen den Jahren 1990 und 1993 wurden kumuliert mehr als 15 000 Personen mindestens einmal als Konsumenten von Heroin oder Kokain polizeilich registriert.

Es stellt sich die Frage, wie Rezidive (Rückfälle) von echten Inzidenzen (Neueinsteigern) zu unterscheiden sind. Dies ist nur im Nachhinein möglich, und die Anzahl der erkannten Rezidive hängt natürlich von der Länge des Beobachtungszeitraumes ab. Frauen beispielsweise ändern zudem öfter durch Heirat ihren Namen und sind dadurch schwerer identifizierbar und die wahren Inzidenzen werden überschätzt. Solche und andere systemische Schätzfehler sind ein Element der Überdimensionierung des nationalen Drogenproblems. Aus der Relation zwischen erstmaligen und wiederholten Verzeigungen derselben Person kann dennoch ein Indikator für die Inzidenz abgeleitet werden. Die Ergebnisse weisen auf jährlich 5000 bis 7000 Neueinsteiger in den vergangenen vier Jahren hin.

Wie lange dauert eine Drogenkarriere?

Bei der Schätzung der Inzidenz, der Zahl der jährllch dazustossenden Konsumentinnen und Konsumenten, treten schon auf der Definitionsebene beträchtliche Schwierigkeiten auf. Die wichtigste ist der temporäre Ausstieg. Häufig folgen auf Jahre des kontrollierten Gebrauchs Phasen des exzessiven, unkontrollierten Konsums und wieder Jahre der Abstinenz. Prognosen für den weiteren Verlauf der Konsummuster nach einer Konsumpause von einem Jahr oder auch mehr sind äusserst unsicher. Weder das Alter zur Zeit des Einstiegs noch die Geschwindigkeit der Abhängigkeits- und Toleranzentwicklung scheinen die Dauer und die Intensität der Drogenkarriere zu determinieren. Unter Umständen sind der intermittierende Gebrauch und die Dauer der Abstinenz wichtige Indikatoren„ Retrospektiv betrachtet haben integrierte Konsumentinnen und Konsumenten kürzere Episoden und sind deshalb weniger anfällig gegen repressive Massnahmen.

Ob jemand nun endgültig aus der Drogenkarriere ausgestiegen ist, kann nur schwer festgestellt werden. Vor allem ältere Konsumenten durchlebten oft Jahre dauernde Phasen der Freiheit von Opiaten und Kokain. Die Prognose «abgeschlossene Karriere» ist selbst nach zwei oder drei Jahren noch unsicher. Konsumierte jemand über längere Zeiträume Opiate ohne medizinische Indikation, ist auch nach langjähriger Abstinenz die Wahrscheinlichkeit eines Wiedereinstiegs grösser als die Wahrscheinlichkeit des Einstiegs einer bisher unbelasteten Person.

Unter den Opiat- und Kokainkonsumenten gibt es heute mehr Eltern als unmündige Jugendliche. Das Alter der verzeigten Personen verschiebt sich in den letzten vier Jahren stetig von den Minderjährigen zu den älteren Konsumenten. Von sämtlichen im Jahr 1993 wegen Konsums irgendeiner Droge (auch Haschisch) verzeigten Personen sind 1600 unter 19 Jahre alt, 2400 sind 19 oder 20 Jahre alt, und mehr als 20 000 sind älter als 20 Jahre. Dabei richten sich Verzeigungen wegen Haschischkonsums überproportional häufig gegen Jugendliche. Die Kurve der Altersverteilung gleicht sich zunehmend der Altersverteilung der Berufstätigen mit Untergewichtung der älteren Personen an. Zwischen 1990 und 1993 hat sich die Verzeigungshäufigkeit in den Altersklassen über 22 Jahre und besonders in denjenigen zwischen 27 und 37 verstärkt. Bei den über Dreissigjährigen hat sich die Zahl verdoppelt. Dies scheint die Folge einer intensivierten Beobachtung einer Gruppe von Konsumenten zu sein, die bisher in geringerem Masse fokussiert wurde.

Kein Einfluss auf den Drogenmarkt

Die Chance derjenigen konsumierenden Personen, die nicht über eine.genügende lmmunität verfügen, polizeilich erfasst zu werden, liegt zurzeit bei etwa 40% pro Jahr. Dies bedeutet,·dass Personen in der offenen Szene auch nach drei oder vier Jahren intensiven Konsums mit einer Wahrscheinlichkeit von um die 20% nicht vorbestraft abstinent werden können oder aber einem eingeschränkten, kontrollierten und repressionsimmunen Konsum frönen: Eine Verdopplung der Repressionsintensität und damit eine Erhöhung der Chance der polizeilichen Erfassung auf etwa 60% jährlich senkt diesen Anteil auf 5%. Die Gesamtkosten der Drogenrepression betragen dann etwa eine Milliarde Franken, was der Hälfte des Defizits sämtlicher Gemeinden in der Schweiz im Jahre 1991 entspricht.

Der Umsatz des Heroinmarktes in der Schweiz kann heute mit etwa einer Milliarde Franken und einer Menge von elf Tonnen Gassenheroin von 50% Reinheit beziffert werden. Polizeilich konfisziert werden seit 1992 jährlich etwa 200 kg Heroin, also nicht mehr als 5% der umgesetzten Menge. In den achtziger Jahren konfiszierte die Polizei jährlich kaum mehr als 50 kg. Für eine wirksame Reduktion des Angebotes wären jedoch Anteile von mindestens 30% des Marktvolumens zu erreichen, Dies liegt offenbar fern jeder möglichen materiellen Steigerung der Drogenrepression. Dass der Einfluss der Drogenrepression auf das Marktgeschehen minimal ist, zeigt sich auch in dem Preiszerfall für Heroin bei gleichzeitiger Verstärkung der Repression in den letzten vier Jahren. Hier zeigt sich kein Unterschied zu der Geschichte der Alkoholprohibition in den Vereinigten Staaten.

Für viele Leute in der Schweiz und im Ausland ist der repressive Aufwand noch viel zu gering. Das U. S. Department of Justice fördert das Maricopa County Demand Reduction Program, das unter dem Slogan steht «Do drugs. Do time»: Nimm Drogen und wandere in den Knast. Jeder Gelegenheitskonsument soll wissen; dass er, wird er erwischt, zwangsläufig seine Zeit: abzusitzen hat. Wohlweislich wurde das Programm In Arizona durchgeführt und nicht in New York.

Die Zukunft der Drogenrepression

Gelegenheitskonsumenten werden hierzulande nicht unbedingt sofort ins Gefängnis gesteckt. Dazu bräuchten wir zusätzliche Gefängnisse in der Grösse von Schweizer Kleinstädten sowie beträchtliche Steuererhöhungen. Konzeptionell haben die Protagonisten der Drogenpolitik aus der gescheiterten Platzspitzaktion im:Jahre 1991 gelernt, dass eine frühzeitige deutliche Ankündigung das Selbstorganisationstalent der Konsumenten und Händler aufblühen lässt. Sie können sich dann als private, dezentralisierte und weniger öffentliches Ärgernis erregende Gruppen installieren. Gegenstand dieses pädagogisch-repressiven Interesses ist eine Gruppe von Menschen, die mit hoher Inzidenz und ziemlich konstanter Prävalenz sich nun seit über einem Dutzend Jahren mehr oder weniger offen mit Opiaten und Kokain auf dem Schwarzmarkt versorgt. Nach eventueller sozialer oder psychischer Dekompensation bedürfen diese Leute medizinischer und sozialarbeiterischer Hilfe, nicht zuletzt wegen der mit hohen Gewinnmargen belasteten Preise. Der Preiszerfall im Drogenmarkt der vergangenen Jahre hat sich günstig auf die Lebenshaltung der Konsumierenden und die Beschaffungskriminalität ausgewirkt. Die unterschiedlichen Politiken der vergangenen Jahre, nämlich das gesundheitspolitische (HIV-/ Aids-)Primat in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre und das Repressionsprimat seit 1991, haben – soweit erkennbar – auf Inzidenz und Prävalenz des Drogenkonsums keinen nachhaltigen Einfluss ausgeübt. Bei jedem sprunghaften Wechsel der Politik jedoch steigt tendenziell das Elend der Betroffenen, die zunehmend orientierungslos werden. Auf der gesundheitspolitischen Ebene sollte die für die Überlebenshilfe ohne Zweifel positive Möglichkeit der wissenschaftlich betreuten ärztlichen Abgabe von Opiaten nicht auch wieder einem politischen Kurswechsel zum Opfer fallen.

Der Autor leitet ein Forschungsprojekt über die Sozialepidemiologie des Drogenkonsums am Institut für Soziologie der Universität Bern. Die Studie wird gefördert durch das Bundesamt für Gesundheitswesen.