Texte von Jana Avanzini 4

4 – Influencer

Weiterlesen © ProLitteris, Jana Avanzini

Hilfe, Influencer!

Man macht sich öffentlich gerne über sie lustig. Influencer sind für viele ein unverständliches, gar lächerliches Phänomen. Für andere hingegen sind sie Helden, Idole, ihre Beraterinnen und Unterhalter. Ein Blick hinter die gängigen Klischees.

Die Texte erschienen 2019 im Elternmagazin Fritz&Fränzi und im Präventionsmagazin laut&leise.

Influencerinnen und Influencer sind die Idole der Jugend von heute – und einmal mehr in der Geschichte der Menschheit steht die ältere Generation mit verständnislosem Kopfschütteln am Rande und belächelt im Kollektiv, wie die Jugend ihre digitalen Herzchen verteilt und in «lebenden Werbeplakaten» ihr Vorbilder sucht. Klischees über und Kritik an Influencern gibt es zuhauf. Befeuert durch die mediale Präsenz von oberflächlichen Beauty-Sternchen und dem Fingerzeig auf die absurden Auswüchse der Influencerei. Mit dem neuen Bügelbrett sexy am Strand posieren, mit der Lichterkette in der Badewanne abtauchen.

Eine einflussreiche Person

Die Definition eines Influencers lautet: Eine einflussreiche Person im Netz. Es sind Menschen, die in sozialen Netzwerken wie Instagram viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich damit ein soziales Kapital aufgebaut haben. Sie präsentieren und inszenieren ihr Leben in Bildern und Videos, und machen dabei immer öfters auch Werbung. Für Mode, für Reisen, Kosmetik, Autos oder technische Gadgets. Man könnte Influencer vereinfacht auch als Krönung des Testimonial-Marketings beschreiben. Doch der Unterschied zum Arzt, der die neuste Tube Elmex präsentiert, und zu einer Miss Schweiz, die für Wasserklosetts und Kreditfirmen Werbung macht, steht die Beziehung zu den Followern. Influencer tauchen nicht irgendwo in Werbungen auf. Die Werbung taucht irgendwo im Fluss «privater» Neuigkeiten der Influencer auf.

«Influencer sind Opinion-Leader, die in einem spezifischen Themengebiet über ihre eigenen Kanäle Inhalte posten», definiert Fabian Plüss, Mitgründer der Agentur Kingfluencer die Szene. Die Agentur verkuppelt Influencer und Firmen. Die Agentur bewegt sich in einer Branche, die in der Schweiz bis 40 Millionen Franken jährlich umsetzt, mit der Tendenz, diese Zahlen jährlich zu verdoppeln. «Und dabei sprechen wir noch immer von einer Nische des Marketing, einem Anfangsstadium dieser Werbeform», gibt Plüss zu denken. Die digitale Welt, in welcher sich die Menschen immer stärker bewegen, wird werbetechnisch noch viel wichtiger werden.

Falsches Bild in den Medien

Ein stark wachsender Marketingzweig in der digitalen Welt, doch die ältere Generation steht dem mehr als kritisch gegenüber. Ein Phänomen, das nicht überrascht und sich durch alle Medienentwicklungen zieht. Doch bei vielen Menschen besteht eine völlig falsche Vorstellung der Qualifikation von Influencern. Sie gehen davon aus, dass diese lediglich Schnappschüsse ins Netz stellen und beobachten, was passiert. Meist jedoch gehört zur Arbeit von Influencern Recherche und Strategien, das Entwickeln einer eigenen Bildsprache, Medienrecht, Marketing oder Grafik-Design. Doch die vielfältigen Themenbereiche von Influencern und das Professionelle am Beruf, das wird oft geflissentlich ignoriert. Fabian Plüss sieht ein Problem auch in den Fehlinformationen, die weit verbreitet sind – und im Verhalten der Presse. Denn die Realität der Influencer stehe im krassen Gegensatz dazu, wo medial der Fokus gelegt wird. «In der Schweiz sind wohl lediglich 10 oder 20 Personen Vollzeit-Influencer. Die meisten der 1500 Menschen, die wir in unserer Kartei haben, sind Sportlerinnen, Komiker, Musikerinnen, Moderatoren, Models. Leute, die ihren Hauptberuf haben, ihre Themen, in welchen sie top sind», so Plüss. «Keine Firma will sich mit einer Eintagsfliege schmücken, die für Trash-TV steht. Sie will sich an ein positives und glaubwürdiges Image koppeln.» Um als Influencer zu funktionieren, braucht es Kredibilität. Über Werte, Wissen oder Talent.

Sex sells

Im Netz fischen sie alle nach Followern. Und dabei ist bekannt, dass jugendliche Influencer immer mehr Likes bekommen, desto lasziver und freizügiger die Bilder sind. Eine Gefahr, glaubt die ältere Generation. «Müssen wir denn in sozialen Netzwerken heiliger tun, als die Welt ist?», fragt Fabian Plüss dazu provokativ aber durchaus berechtigt. Und auch Ulla Autenrieth gibt zu bedenken: «Es geht in der Jugend viel um das Ausbilden der Geschlechts-Identität und um das Austesten und Kennenlernen der eigenen sexuellen Wirkung auf andere Menschen. Das haben Jugendliche schon immer gemacht – nur ist es heute öffentlich, langfristig sichtbar und bewertbar.» Sie weigere sich jedoch, so stark auf die Mädchen zu fokussieren, wie es gemeinhin getan wird. Das sei doch eine paternalisierende Haltung, dass wir entscheiden, welche Art der Selbstdarstellung in Ordnung sei. Wichtig sei jedoch, mit jungen Menschen darüber zu sprechen, weshalb sie sich in einer bestimmten Art darstellen und weshalb sie bestimmt Bilder mit Häme oder Herzchen überschütten.

Mehr Schein als Sein

Doch nicht nur Sex-sells ist ein Thema. Wer durch Instagram scrollt, fliegt durch eine Scheinwelt von Makellosigkeit, Attraktivität und Luxus. Kritisch betrachtet, und immer wieder thematisiert wird auch der Druck in den sozialen Netzwerken, stets perfekt sein zu müssen. So hiess es in den Anfängen von Social Media stets: «Hilfe, die Jugendlichen stellen nur peinliche Fotos von sich online. Halbnackt, betrunken, die bekommen deshalb keinen Job mehr.» Heute hingegen ist das Gegenteil der Fall. Jugendliche präsentieren sich perfekt, «haben es ‚endlich kapiert‘. Doch jetzt kommen die Erwachsenen und sagen: “Das ist ja alles nur Fassade. Die stellen sich alle viel zu positiv dar.“ Dabei könnte man genauso sagen: diese Entwicklung hin zur positiven Selbstdarstellung zeigt die Lernerfahrungen und Professionalisierung der jungen Menschen auf den sozialen Medien.»

Werbung

Ein weiteres Stichwort in der öffentlichen Kritik an Influencern ist der Konsumismus. «Avatare des Kapitalismus», so hat die ZEIT sie genannt. Sie seien die Auswüchse einer Gesellschaft, die Konsum über alles stellt – ohne Inhalte. «Wer das meint, kennt Influencer nur aus der Berichterstattung in Boulevard-Medien», sagt Fabian Plüss. Natürlich gehe es im Influencer-Marketing um Werbung. Doch die Vorstellung sei komplett falsch, dass Influencer pausenlos Werbung absetzten. «Das hat nichts mir der Realität zu tun. Die meisten lassen ihre Follower regelmässig an ihrem Leben teilhaben, informieren über ihre spezifischen Themen in Sport, Wissenschaft oder teilen ihre Reisen. Und dazwischen, manchmal nach Tagen, vielleicht Wochen landet Werbung darin.» Oft passiere dies jedoch so subtil, dass es kaum wahrgenommen werde. Follower empfänden das zu grössten Teilen nicht als störend, sondern nehmen die Werbung ihrer Idole gerne als Empfehlungen an. «Wer will schon selbst herausfinden, welcher von 300 Mascaras der Beste ist? Lieber verlässt man sich auf seine Lieblings-Beauty-Influencerin, der man vertraut und die, vielleicht als Model oder Kosmetikerin, viel Erfahrung damit hat.»

Nano oder Mega?

Ab wie vielen Followern man in den sozialen Netzwerken Relevanz hat, ist extrem zielgruppenabhängig. Bloggt man zum Thema Astro-Physik, sind 5000 Follower beispielsweise enorm. Bei Travel-Blogs hingegen ist das nicht viel. Am erfolgreichsten sind Influencer in den Themenfeldern Reisen, Gaming, Lifestyle und Beauty. Kingfluencer unterscheidet dabei zwischen Nano, Mikro, Marko und Mega-Influencern. Zu den Nanos gehört man bereits mit rund 1000 Followern. Fast jede Person mit etwas Reichweite in einem sozialen Netzwerk ist also theoretisch ein Influencer. Und praktisch jede Person, die online einen eigenen Kanal unterhält – einen Blog, Vlog, ein Social-media-Profil – und in ihrem Bereich erfolgreich ist, influenct. Mehr oder weniger.

Interview

Wer Influencer ganz genau unter die Lupe nimmt, ist Ulla Autenrieht. Die Medienwisschenschaftlerin und Mutter zweier Kinder forscht an der Universität Basel zum Thema Mediennutzung und -kompetenz von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Ulla Autenrieth, was tun, wenn die Tochter mit 13 Jahren entscheidet, dass sie sich nun als Influencerin einen Namen machen will?

Erstmal ist es toll, wenn sie damit zu den Eltern kommt und über ihre Wünsche und Ziele spricht und diese nicht mit einem Account mit bereits 60’000 FollowerInnen überrascht. Ich würde diesen Wunsch auf jeden Fall annehmen und herausfinden, welchen Aspekt sie daran reizt und wie viel Ernsthaftigkeit dahintersteckt. Model, Rockstar, Profi-Fussballer – die glamourösen Berufswünsche hatte fast jeder als Jugendliche mal und die Eltern verdrehten die Augen. Heute kommen die Influencer dazu.

Doch was, wenn der Wunsch wirklich ernst ist. Wie gehe ich damit um? Soll ich Sie dabei unterstützen?

Absolut. Ich würde dabei empfehlen, inhaltlich zu arbeiten, weg von den Klischees. Die Frage ist, welche Dinge interessieren das Kind? Worüber will es sich definieren und vielleicht auch eine grössere Community finden? Tanzen, Nähen, Lego? Wir reden meist über die populärsten Influencer in Lifestyle oder Beauty und tragen damit selbst dazu bei, Klischees zu verfestigen. Aber es gibt so viele unterschiedliche Felder mit teilweise sehr grosser Expertise und Kreativität. MaiLab beispielsweise ist eine junge Chemikerin, die Experimente und ihr Leben als Wissenschaftlerin zeigt, mittlerweile mit eigenem Fernseh-Programm. Ein anderes Beispiel ist Coldmirror, die eher künstlerische und gesellschaftskritische Inhalte produziert. Diese jungen Frauen hätten auch Werbung für Lippenstift machen können, haben sich aber für das entschieden, was wirklich ihr Ding ist. Und das ist der Punkt: Mit was man sich positionieren will.

Viele Likes gibt es bekannterweise für sexy Fotos und nicht für Legotürme. Lolita-Posen, Schmollmund und freizügige Bilder. Wie gehe ich damit um, wenn sich meine Tochter mit solchen Posen präsentiert?

Man muss hierbei bedenken: Es geht in der Jugend viel um das Ausbilden der Geschlechts-Identität und um das Austesten und Kennenlernen der eigenen sexuellen Wirkung auf andere Menschen. Das haben Jugendliche schon immer gemacht – nur ist es heute öffentlich, langfristig sichtbar und bewertbar. Ich weigere mich, dass wir uns wieder so stark auf die Mädchen fokussieren. Sie werden damit in eine sexualisierte Opferrolle gedrängt. «Du stellst dich so dar, dann muss du auch mit einem Shitstorm umgehen können.» Das ist doch eine paternalisierende Haltung, dass wir entscheiden, welche Art der Selbstdarstellung okay ist.

Dann sind Bikini-Bilder okay?

Eine solche Aussage ist mir zu pauschal. Die Haltungen sind je nach Familie und Kultur extrem unterschiedlich. Wichtig ist eine offene Diskussion darüber, weshalb sich Kinder oder Jugendliche in einer bestimmten Art darstellen möchten. Darüber, was sie zeigen wollen, aus welchen Gründen und wie. Wenn ich sage: «Das sieht billig aus, das darfst du nicht!» hat das keinen Entwicklungswert. Lass uns doch mit den Mädchen und Jungen darüber reden, weshalb sie bestimmte Bilder mit Beleidigungen oder Komplimenten kommentieren.

Ab wann zählt man als Influencerin eigentlich dazu?

Das ist sehr zielgruppenabhängig. Blogge ich zum Thema Astro-Physik, sind 5000 Follower enorm. Bei einem Travel-Blog hingegen wäre das nicht viel. Am erfolgreichsten sind Influencer in den Themenfeldern Reisen, Gaming, Lifestyle und Beauty.

Seit Herbst 2018 gibt es auch in der Schweiz einen Lehrgang für Influencer. Was beinhaltet eine solche Ausbildung?

Es gibt mittlerweile einige Lehrgänge. Was man dort vermittelt bekommt, ist beispielsweise Medienrecht, Marketing oder Grafik-Design – die handwerklichen Dinge. Bei vielen Menschen besteht eine falsche Vorstellung der Qualifikation von Influencern. Sie stellen nicht Schnappschüsse ins Netz und beobachten, was passiert. Dahinter stecken Recherche und Strategien zu Zeitpunkt, Bildsprache – oft haben sie eine eigene Ästhetik, ein Corporate Design. Dazu kommen sehr umfangreichen Arbeitszeiten. Doch alle Ausbildung, Recherche und der beste Filter machen noch keine erfolgreiche Influencerin. Das gewisse Etwas gehört ebenfalls dazu. Wie als Model, als Sänger oder Moderatorin.

Weshalb sind trotzdem viele Menschen diesem Berufsfeld gegenüber kritisch eingestellt?

Es liegt an einem Phänomen, das sich durch alle Medienentwicklungen zieht: Was junge Leute machen, besonders was junge Frauen machen, wird von den älteren Generationen maximal kritisch betrachtet. «Das kann ja nichts Rechtes sein.» Es hat sich nicht über Jahre etabliert und es gibt keine offizielle Ausbildung nach formalen Kriterien dafür. Es wird als laienhaft und klischeehaft kategorial abgestempelt. Das Professionelle daran und das weite Feld an Themenbereichen werden oft gar nicht wahrgenommen. Für viele sind es lediglich «ein paar Mädchen, die zuhause rumsitzen und einen Lippenstift in die Kamera halten.»

Wird dieses «Lippenstift in die Kamera halten» zu Unrecht kritisiert?

Wenn man sich überlegt, mit welchem Erfolg das einige machen, dann definitiv. Das muss man erstmal so hinbekommen, dass Millionen es toll finden und Firmen einen dafür bezahlen. Man kann Influencer in diesem Aspekt auch mit Künstlern vergleichen, die für ihre Bilder unglaubliche Summen erhalten: Jeder kann einen einzelnen Strich auf eine Leinwand malen und bekommt trotzdem keine Millionen dafür.

Weshalb geht mir der Vergleich mit Künstlern gegen den Strich? Sind Influencer nicht einfach bloss lebende Werbetafeln?

Das wäre die extrem entgegengesetzte Haltung. Wenn wir Influencer mit klassischen Werbedarstellern vergleichen, wird das deutlich. Durch Influencer haben wir so kompetente und authentische Werbung wie noch nie. Denn sie «hängen und sterben» mit ihrem Namen und ihrer Person dafür, wofür sie werben. Influencer müssen stark auf Branding und Glaubwürdigkeit achten. Der Shitstorm kommt schnell, wenn sie ein Shirt bewerben, dass unter miesen Bedingungen hergestellt wurde. Im Gegensatz zu einem Model in einem Katalog, das kaum als Person mit den Produkten in Verbindung gebracht wird.

Sind die Follower so kritisch? Recherchieren gerade die Jüngeren Produktionsbedingungen von Marken-Shirts?

Natürlich ist das unterschiedlich. Aber beobachtet man die aktuellen Jugendbewegungen, sieht man, wie viele Jugendliche in vielem durchaus kritisch sind, wo wir gar nicht hingesehen haben. Jungen wird grundsätzlich gerne vorgeworfen, sie seien naiv und konsumorientiert. Und im Alter fühlt man sich den Jüngeren meist überlegen. Diese «Altersdiskriminierung» würde ich stark hinterfragen.

Kommen wir zurück zur 13-jährigen Tochter. Sie hat sich das überlegt und möchte nun zum Thema Lego influencen. Wie unterstütze ich sie dabei?

Als erstes sollte man sich vergleichbare Accounts anschauen. Da gibt es grossartige Sachen. Dann kann man sich überlegen, was kann sie oder was können wir anders, ähnlich, neu machen? Stellt sie sich in den Fokus oder bleibt sie im Hintergrund? Macht sie aufwändige Filme oder arbeitet sie vor allem mit Bildern? Gibt sie Tipps oder stellt sie Aufgaben? Dann geht es ums vernetzen mit Menschen, die dasselbe interessiert, produzieren, online stellen. In all dem kann man sie konstruktiv begleiten. Und auch darin, aufzuzeigen, wo sie aufpassen muss – wenn jemand zum Beispiel Fotos von ihr will, oder die Adresse.

Das hört sich nach ziemlich Aufwand an!

Ganz bestimmt. Es ist nicht nur Licht, Kameraführung und Schnitt. Auch Inhalt und Hintergrund. Und es ist auch gut, dass die Kinder und Jugendlichen das sehen. Es kann aber auch viel Spass machen und je nach dem zu einem gemeinsamen Hobby in der Familie werden. Wichtig finde ich grundsätzlich, dass man einen konstruktiven Umgang mit diesen neuen Medien pflegt. Es reicht halt eben nicht mehr, einfach dazusitzen und zu sagen: «Gefährliche Medien, böse Menschen und sowieso sind die Pädophilen überall!» Wir müssen aktiv werden. Und klar ist das viel Arbeit. Das sag ich aus professioneller Perspektive und als Mutter.

Gibt es Influencer, die mir dabei helfen? Damit ich nicht gleich einen Lehrgang besuchen muss.

Personen, die dazu interessante und hilfreiche Infos bieten sind zum Beispiel Heiko Bielinski oder «dasnuf» Patricia Cammarata. Die haben sich intensiv mit diesen Themen, den Möglichkeiten und Herausforderungen beschäftigt.

Apropos Gefahren. Immer wieder ist Thema, dass auf den sozialen Medien alle perfekt zu sein scheinen. Wie bewerten sie den Druck, der dadurch auf die Jugendlichen wirkt?

Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit dem Thema und möchte deshalb etwas vorwegnehmen. Erinnern wir uns an die Anfänge von Social Media, als es hiess: «Hilfe, die Jugendlichen stellen nur peinliche Fotos von sich online. Halbnackt, betrunken, die bekommen deshalb keinen Job mehr.» Heute ist das kein Thema mehr. Heute zeigen sie nur ihre guten Seiten, sie haben es sozusagen ‚endlich kapiert‘. Doch jetzt kommen die Erwachsenen und sagen: «Das ist ja alles nur Fassade. Die stellen sich alle viel zu positiv dar. Ihr bringt uns alle um!» Dabei könnte man ebenso sagen: diese Entwicklung hin zur positiven Selbstdarstellung zeigt die Lernerfahrungen und Professionalisierung der Jugendlichen auf den sozialen Medien.

Trotzdem ist das Thema Druck sehr präsent: Weiss man, wie sich diese Welle von Makellosigkeit, Attraktivität, Luxus sich auswirkt?

Man traut den Jugendlichen auch hier zu wenig zu. Der Einfluss wird überschätzt und die Lernerfahrung unterschätzt. Wenn man Jugendliche befragt wird klar, ihnen ist definitiv bewusst, dass viel inszeniert ist, und dass im Freundeskreis andere Probleme den Alltag beeinflussen. Es gab neulich auch eine Studie, die den Einfluss von Social Media auf unser Wohlbefinden untersucht hat. Die Auswirkungen sind laut dieser Untersuchung offenbar marginal. Der Konsum von Kartoffeln wirkt sich gleich stark aus, wie der Konsum von Social Media. (Gelächter.)


Experten empfehlen, dass man Kinder ab Kindergartenalter an die sozialen Medien heranführt. Wie soll das gehen?

Klar ist: Die Eltern sind oft mit dem Smartphone beschäftigt und die Kinder deshalb neugierig. Man sollte sie deshalb altersgemäss einbeziehen. Wichtig ist zu besprechen, was ich mir anschaue, wie lange, weshalb? Wem schicke ich welche Bilder und wann lege ich das Smartphone auch mal ganz weg?

An Sie als Mutter und Medienwissenschaftlerin: Wie kann ich das Kind konkret damit vertraut machen?

Schon Kleinkinder verstehen, dass man mit den Grosseltern skypen oder ihnen Fotos schicken kann. Man kann das gemeinsam tun und zum Beispiel auch Emojis anschauen und diskutieren, was sie bedeuten. Es gibt auch tolle Bilderbuch-Apps für Kleinkinder oder solche, mit welchen man Buchstaben lernen kann. Eine solche hat mein Sohn geliebt. Damit hat er auch mal zwei Stunden gespielt. Da stellt sich die Frage der Perspektive. Nerve ich mich, dass mein Sohn seit zwei Stunden vor dem Handy hockt, oder freue ich mich darüber, dass er schon so lange eigenmotiviert und begeistert lesen und schreiben lernt? Mediennutzung ist nicht gleich Mediennutzung.

Wir sprechen nun von Lern-Apps und Kommunikation und von jüngeren Kindern. Was, wenn aber der Jugendliche einfach stundenlang durch Instagram scrollt. Wie gehe ich damit um?

Wenn er das tut, aber daneben auch noch vieles anderes – wenn er aktiv am Leben teilnimmt und dieses «Scrollen» zwischendurch als Entspannung nutzt, so wie wir auch, sehe ich kein Problem. Wenn er jedoch kaum noch rausgeht und an anderem keine Freude zeigt, dann sollte man es sicher ansprechen und klären, was zu kurz kommt. Wichtig ist auch, Alternativen anzubieten. Gemeinsames Wandern, Ausflüge ins Museum oder in den Tierpark, ein Kurs oder ein Hobby. Was nicht hilft, ist, wenn man sich bloss hinstellt und sagt: «Lass das!» Auch da sollte man bei sich als Vorbild ansetzen. Man merkt dann schnell wie schwer es ist, und wie oft man die eigenen Regeln übertritt. Was soll man da sagen: Kinder haben ist ein Minenfeld.


Wie kritisch sehen Sie Influencer, die auf dem Profil ihre Kinder zeigen und vermarkten?

Hier geht es um die grundsätzliche Frage, ob man Kinderfotos online stellen darf oder nicht. Oft sind Kinder für ihre Eltern ein grosser Teil ihres Lebens. Und zeigen sie ihre Leben, gehört da auch das Kind dazu. Wichtig finde ich dabei: «Kinder zeigen» ist nicht gleich «Kinder zeigen». Man kann beispielsweise auch nur die Hand, den Hinterkopf oder das Kind von weitem zeigen. Grundsätzlich finde ich es eine krasse Haltung, wenn man Kinderfotos online verteufelt. Und muss ich dann nicht auch fragen: Warum sollte es in anderen kommerziellen Kontexten wie Werbung, Unterhaltung, Journalismus etc. akzeptable sein? Was würde es bedeuten, wenn Kinderfotos nicht mehr gezeigt werden dürfen?

Wie argumentieren Sie gegen diese Haltung?

Social Media spiegeln unsere Gesellschaft, und Kinder sind ein Teil davon. Wollen wir eine Welt, in der Kinder und Familien nicht sichtbar sind? Man muss auch bedenken, dass Sichtbarkeit ein politisches Instrument ist. Zudem haben Nachfragen bei Kindern selbst gezeigt, dass sie auch sichtbar sein möchten und teilweise enttäuscht sind, wenn sie nicht auftauchen. Sie fragen sich: «War ich nicht dabei? Haben wir nichts Tolles unternommen? Bist du nicht stolz auf mich, oder war ich dir gar peinlich?»

Peinlich ist ein gutes Stichwort. Oft wird kritisiert, Eltern würden peinliche Fotos ihrer Kinder online stellen.

Es wird hier immer sehr in Extremen argumentiert. Die zur ‚Veranschaulichung‘ gezeigten Beispiele entstammen dabei häufig Stockbildagenturen, also den bereits erwähnten ‚professionellen‘ Kontexten. Eltern wollen ihr Kind grundsätzlich ja nicht unvorteilhaft zeigen oder blossstellen. Natürlich ist die Darstellung teilweise eine Geschmacks- und Einstellungsfrage. Wie so vieles bei der Verantwortung für Kinder: Stoffwindeln oder nicht, vegan oder nicht, impfen oder nicht? Es ist ein Minenfeld. (Sie lacht.)