Texte von Jana Avanzini 2

Weiterlesen © ProLitteris, Jana Avanzini

Der Glüsteler

Der erste Text erschien 2019 in der Sonntagszeitung des Tages-Anzeigers, der zweite wurde in einer überarbeiteten, grob gekürzten Version im Magazin Reportagen veröffentlicht.

Das Ziel war ein nettes Porträt über einen älteren Herrn. Doch das Treffen verlief nicht wie geplant.

Anzüglichkeiten, sexistische Sprüche, oder ein Griff an den Hintern. Wer darauf nicht mit der angebrachten Vehemenz reagiert, hat es wahrscheinlich mit einem Glüsteler zu tun. Denn diesem verzeiht die Schweizerin gemeinhin etwas viel. Unter anderem wohl aus historischen Gründen.

Wir trafen uns in seinem Keller. Dort, wo zu all seinen Geschichten die Artefakte lagern. Ich plante ein Porträt, war interessiert und freundlich. Er war vor allem interessiert. Er machte mir Komplimente zuhauf und schmückte seine Ausführungen immer öfters mit anzüglichen Witzen. Er redete von Löchern, gestopften Löchern und engen Löchern, zwinkerte. «Du bist ein Schnüggel», sagte er.

Man trifft die sogenannten Glüsteler in der freien Wildbahn gar nicht selten. Sei es an Familienfesten, bei Vereinsanlässen, in Dorfbeizen. Dort sitzen sie an der Bar, im Vorstand, am Stamm- und Schreibtisch. Oft sind sie gut integriert und nicht selten in Machtpositionen. Glüsteler outen sich jedoch meist recht schnell in ihrer antiquierten Umgangsweise mit dem anderen Geschlecht.

Ganz eindeutig identifizierbar werden sie im Umgang mit weiblichem Servicepersonal, das sie gerne mit «Schätzeli» und Schnalzgeräuschen heranzitieren. Oder am Spruch: «Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre …»

Sie sind die älteren Herren, die ihre Finger nicht bei sich behalten können und die blanken Sexismus mit Charme verwechseln. Anzügliche Witze, Kommentare und Komplimente gegenüber Mitarbeiterinnen und entfernteren Familienangehörigen gehören für sie zum guten Ton, ein Griff an die Hüfte oder ein Klaps auf den Po sind nett gemeint.

Doch wer glaubt, die Glüsteler seien hauptsächlich als Stammtischler auf dem Land anzutreffen, der irrt. Im linken Kulturkuchen, in intellektuellen Kreisen, an Wirtschaftsforen trifft man sie genauso gerne – alleinstehend, mit Frau und Familie, Arbeiter oder Patrons. Durch alle Klassen und Schichten, Religionen und Kulturen ist ihnen zu eigen, dass sie Grenzen immer wieder überschreitet, und frau es ihnen oftmals durchgehen lässt. Aus Anstand, Mitleid oder schlicht, weil sie die Konfrontation scheut. Weil sie Diskussionen vermeiden will und den Vorwurf des Glüstelers scheut, sie übertreibe, sei hysterisch und habe sowieso alles ganz falsch verstanden.

Ich lächelte die Anzüglichkeiten weg, während wir uns durch die Kellerräume arbeiteten, liess den alten Mann seine Sprüche klopfen. Man will ja nicht unfreundlich sein. In meinem Kopf entschuldigte ich ihn mit seinem Alter, der Sozialisierung, den unbefriedigten Trieben, der Einsamkeit.

Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, ein Lächeln interpretiert der Glüsteler schnell als Einladung. Eine Art Lernbehinderung, nennt es Joseph Bendel, Psychologe, Paartherapeut und Mitgründer des Mannebüro in Luzern. Solche Männer haben das Dekodieren von Signalen nicht gelernt und verstehen schlichte Freundlichkeit als Interesse des Gegenübers. Hü und Hott! Verstehe einer die Frauen! Das betonen sie gerne, reagiert das gegenüber ablehnend – aus ihrer Sicht vollkommen unerwartet und plötzlich. Zeigt ein Blick sexuelles Interesse, bloss Freundlichkeit oder ist diese bereits zur Maske gefroren. Das muss wahrgenommen und reflektiert werden. Auf verbaler und manchmal auf nonverbaler Ebene – beim Flirt, beim Tanzen, im Bett.

Betrachtet man es aus einer psychologischen Perspektive, so fehlt dem Glüsteler die Wahrnehmung seiner Impulse und die Kontrolle derselben – gepaart mit der Unfähigkeit zu kommunizieren. An erster Stelle jedoch steht das Laster (Wol-)Lust. Der Glüsteler findet das Gegenüber geil. Hier, wo bei den meisten Menschen die Reflektion beginnt, kommt es beim Glüsteler zum Kurschluss. Bendel erklärt es mit einem inneren Kaperlitheater – eine extended version von «Engel links, Teufel rechts». Bei einem ausgebildeten Erwachsenen-Ich diskutieren Polizist, Räuber, Mutter und Kasperli und wägen gemeinsam ab, wie man reagiert. Was gefällt, wie reagiere ich darauf, kommuniziere ich und wie reagiere ich wiederum auf die Antwort. Man würde im Ergebnis die Kommunikation zwischen zwei Menschen erhalten. Der Glüsteler jedoch überspringt das Ganze. Räuber Toggel entscheidet ohne Absprache mit dem Team: Gefällt mir, fasse ich an.

Die Bedürfnisse des Gegenübers sind keine Variabel in der Rechnung des Glüstelers. Ein Grund mehr dafür, weshalb seine Komplimente meist anzüglich oder schlicht plump daherkommen. Sie wirken auswendig gelernt und haben meist wenig mit dem zu tun, was gefällt. Ein Tätscheln, Pfeifen oder der Kommentar «Also wenn ich no jung wär …», kommt selten an.

Er würde mich gerne «von oben bis unten abschlecken», sagte er, als wir vor der grossen Standuhr in der Ecke standen. Er lächelte, machte einen Schritt auf mich zu. Seine Hand griff um meine Hüfte, griff an meinen Hintern.

«Wir müssen unterscheiden zwischen Vergewaltigung, einer Dummheit und Respektlosigkeit. Wir sollten nicht jeden törichten Ton eines geilen Greises oder eines engstirnigen, einfältigen Esels an den Pranger stellen», schrieb Autorin Zana Ramadani. Wir könnten Glüsteler also mit den Worten Dummheit und Respektlosigkeit abkanzeln, ihn bedauern und belächeln. Oder aber, wir betrachten ihn als Teil einer Gesellschaft, die ein solches Verhalten noch gar nicht lange öffentlich diskutiert und kritisiert. Und selbst heute bleibt es bei einer Diskussion, in der sich häufig genug zeigt, dass ein Rest der patriarchalen Gesellschaft existiert, die Frauen nicht für gleichwertig hält und schon gar nicht für voll nimmt.

Der Glüsteler jedoch zeigt nicht unbedingt seine individuelle Haltung gegenüber von Frauen. Er kopiert Verhaltensweisen. Der Glüsteler verhält sich so, wie er es von seinen Mitmannen, seinen Vätern und Onkeln vorgelebt bekam. In einer Zeit, einem Umfeld, wo Geschlechterrollen klar verteilt waren und man der Serviertochter mit Schmackes auf den Hintern klatschte. In dieser Gesellschaft galten klare Regeln, wie man sich zu verhalten hatte und Männer schrieben Bücher darüber, wie Frauen allgemein funktionieren. Körperlich, geistig, beim Sport, Sex oder in der Mutterschaft. Frauen waren dazu da, den Männern das harte Leben angenehmer und die Welt etwas hübscher zu gestalten. Sie hatten bei wichtigen Themen den Mund zu halten, nicht zu provozieren und keine Forderungen zu stellen. Für Frauen galt bedingungslose Hingabe und Aufopferung, dem vornehmlich triebgesteuerten Mann gegenüber, als Pflicht. Der Glüsteler stammt aus einer Welt, wo die Männer aktiv warben, Leitern zum Fenster des Mädchenzimmers hochstiegen. Die Frauen hingegen passiv warteten, das Fenster öffneten, oder eben nicht.

Grapschen galt damals als Kompliment. Als Zeichen dafür, dass die Frau der Männerwelt gefiel – dass sie ihre Rolle erfüllte. Und die Frauen fügten sich der Rolle. Manchmal war es so ganz in Ordnung, oft weniger.

Die Regeln jedoch haben sich seit der Jugend des Glüstelers gewandelt – ohne ihn. Durch die Normenverschiebungen in den 60er- bis 80er-Jahren in der Schweiz wurden gängige Verhaltensweisen hinterfragt und über den Haufen geworfen. Die sexuelle Revolution machte nicht am Bettrand halt. Sie erfasste Politik und Familie. Frauen emanzipierten sich zunehmend, über die Arbeitswelt, die Bildung.

Rollenbilder und Geschlechterverhältnisse wurden flexibler. Plötzlich galt es, ein Selbstverständnis unabhängig vom Usus zu entwickeln. Und das ist Arbeit. Arbeit, die viele offenbar noch nicht getan haben. Sein Bild von sich als Mensch, von sich als Mann, ist beim Glüstleler untrennbar mit den alten Rollenbildern verbunden.

Meine entsetzte Reaktion seinen den Griff an meinen Hintern schien ihn zu irritieren. Trotzdem entschuldigte er sich. «So bin ich halt einfach, das hab ich halt einfach gern.» Mein Unverständnis dafür war ihm unverständlich, meine Gefühle offenbar keine Variabel in seiner Rechnung. «Aber das tut mir demfall leid.» Er streckte die Hand aus und ich schüttelte sie. Selbstverständlich. War ja nichts passiert, also weiter im Text, weiter im Keller. Aus dem Regal zog er ein längliches Objekt. «Ein getrockneter Wal-Penis.» Er zwinkerte. Einer seiner üblichen Scherze auf der Führung offenbar. Doch mein Lächeln wollte nicht mehr so recht.

Entschuldigungen? Der Glüsteler kann sich durchaus für sein Verhalten entschuldigen. Meist reicht jedoch die handelsübliche Ausflucht: Dass er als Mann halt so tickt, Bedürfnisse hat, und dass ein Klaps ja nicht bös, sondern als Kompliment gemeint war. Testosteron, sexuelle Energie. Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er sich hinter seiner Biologie versteckt?

Klar, dort hatte er es über Jahrhunderte warm und gemütlich. Dann kamen die Feministinnen, jüngst #Metoo und diese sogenannte toxische Männlichkeit. Der alte weisse Mann hat es derzeit nicht leicht, das ist wahr. Mann darf überhaupt keine Komplimente mehr machen. Mann darf ja nicht mal mehr schauen. Besonders die jungen Frauen würden auf eine freundliche Kontaktaufnahme bereits mit angeekelten Blicken reagieren, wird gerne moniert. Das kommt unbestritten vor. Das kann man nicht abstreiten. Denn das Alter ist sexlos, wenn es nach unserer Gesellschaft geht. Der lüsterne Greis, der Glüsteler, impliziert in seiner Definition auch den Grüsel. Wohl, weil den älteren Generationen Sexualität abgesprochen wird. Die Jagd nach einer Partnerin zur Paarung gehört zum jungen Mann, zum Alten gehört die Weisheit. Theoretisch.

Natürlich gibt es auch die nächste Generation Glüsteler, die analogen und die digitalen. So genannt werden sie jedoch kaum. Denn bei jungen Männern wird eine übergriffige und uneingeladene Art der Annäherung klarer als sexuelle Belästigung oder dann als unterirdischer Flirtversuch wahrgenommen. Dem jungen Grapscher und Sexisten fehlt offenbar ein entscheidender Faktor für die Bezeichnung Glüsteler. Der Mitleidsfaktor.

Wirklich gefährlich werden kann einem der alte Glüstler nämlich oft nicht, will es wohl meist auch gar nicht – und so bemitleidet man ihn, während seine Hand eine Etage zu tief rutscht. Man bemitleidet ihn für seine Einsamkeit vielleicht, für den körperlichen Zerfall und sein gleichzeitiges Gieren nach dem jungen Gegenüber. Man will ihn, in seinem zerbrechenden Selbstbild der testosteronschwangeren, harten Kerls, nicht verletzen. Vielleicht. So hat es sich jedenfalls angefühlt.

Er wollte mir noch in die Jacke helfen. Ich kam ihm zuvor. Er wollte einen weiteren Besuch verabreden und versuchte sich, mit weiteren Komplimenten und einem hilflosen Hundeblick, drei Küsschen zum Abschied zu holen. Er trat mit kleinen Schritten näher, die Lippen gespitzt. Ich wich zurück. Eine Armlänge Abstand. Sekunden später schlug ich die Autotüre zu. In meinem Kopf drehten Erinnerungen an den Ferienjob in der Dorfbeiz ihre Runden – an die immergleichen primitiven Witze und unangebrachten Komplimente.
Ich liess das Fenster runter. Er stand neben dem Haus, winkte und lächelte.
Ich winkte und lächelte.

Die ursprüngliche Geschichte: In Ruedis Keller

Ruedis Lebensgeschichte ist faszinierend, seine Sammlung an historischen Trouvaillen beeindruckend. Der Forrest Gump der Zentralschweiz, ein perfekter Protagonist für ein Porträt. Doch in Ruedis Keller drängt er mir eine Geschichte auf, die so nicht geplant war.

Als Ruedi* jung war, haute man der Serviertochter mit Schmackes auf den Hintern. Die Frauen hatten die Mannen zu Fragen, wenn sie sich etwas Hübsches kaufen wollten. Sie waren dankbar und lieb. Als Ruedi jung war, lächelten die Frauen artig, wenn er ihren festen Busen komplimentierte. Heute ist Ruedi ein Glüsteler. So nennt man in der Innerschweiz die alten Männer, die ihre Finger nicht bei sich behalten können. Diese Gedanken waren fern, als ich mit Ruedi in seinen verschachtelten, vollgestopften Keller hinunterstieg.

Ruedi steht schon vor dem Haus, als ich um die Ecke biege. Er winkt und lächelt und weist mich in die Parklücke ein. Sein graues Haar ist frisch gewaschen, Seitenscheitel, gestrickter Pullunder über dem hellblauen Hemd. An der Haustüre führt er seine Klingel vor. Sie trötet ohrenbetäubend wie das Horn eines Schiffes und Ruedi freut sich wie ein Junge. Er führt sie mehrfach vor, auch wenn niemand zuhause ist. Das sei nicht bloss Spielerei, sondern auch praktisch, sagt er. Da er nicht mehr besonders gut hört. Auch sein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste, seit er vor ein paar Jahren einen Schlaganfall hatte. Jahreszahlen und Namen wollen ihm nicht mehr sofort einfallen.

Er führt mich in den schmalen, dunklen Flur, nimmt mir die Jacke ab und macht mir nun ungefähr das vierte Kompliment seit der Ankunft. Für mein Lächeln. Ich lächle. Ob er mir noch mehr ausziehen dürfe? Tanja hatte mich gewarnt. Er sei ein Charmeur, oft anzüglich, auch mal an der Grenze zum guten Geschmack. Tanja hat ihn mir empfohlen. Als Mann mit Geschichte.

Drei gehäufte Teelöffel Zucker schaufelt er in seinen Instant-Kaffee. Unsere weissen Tassen stehen auf dem grünen Wachstischtuch. Die Orangen-Roulade, so gross wie ein Laib Brot schneidet er in zwei Teile, verteilt sie auf die beiden kleinen Teller. Die muss gegessen werden. Ich habe die Ehre. Die Küche ist spartanisch eingerichtet, praktisch und kühl. Ein paar leere Weinflaschen in der Recycling-Ecke zeigen, dass hier wirklich jemand lebt. Er brauche bloss ein Dach überm Kopf und ein «dieniges Näscht» sagt Ruedi, lacht, und die blauen Augen unter den grauen, buschigen Augenbrauen blitzen.

Wir schaffen die Orangen-Roulade erstaunlich schnell aus der Welt und beginnen mit der versprochenen Führung durch Ruedis Museum. Das beginnt bereits im Wohnzimmer. Mobiliar aus dem abgebrannten Windsor-Palast, ein Albert Anker, eine der ältesten Landkarten der Schweiz, eine Wand voller Gewehre. Doch das ist erst der Anfang. Wenige Meter unter unseren Füssen befinden sich die echten Schätze. Immer wieder bekommt Ruedi deswegen Besuch, führt Gäste herum und erzählt seine Geschichten.

Er wurde nicht zu Grossem geboren. Aufgewachsen auf einem kleinen Bauernhof mit den Eltern und drei Schwestern. Er träumte vom Beruf des Juristen, schliesslich reichte es jedoch nur für sechs Jahr Grundschule. Eine Lehre oder gar ein Studium waren finanziell keine Option. Die Lebensgeschichte des 80-Jährigen, nichtsdestotrotz, liest sich wie ein Abenteuerroman. Er hat für Kuba Schiffe gehoben und dafür von Fidel Castro eine Bronze-Figur geschenkt bekommen. Er hat für Russland Flugzeuge gebaut und die wertvollsten Lokomotiven restauriert. Er besitzt Berge von historischen Zeugnissen und ist einer der weltweit wenigen Experten für dampfbetriebene Motoren. Ich bin beeindruckt. Zweifle zwischendurch. Doch haufenweise Fotos und Dokumente beweisen seine Geschichten, die alle fachmännisch gefälscht und manipuliert zu haben traue ich ihm nicht zu. Ruedi sammelt nicht nur Briefe, Urteile, Gesetze zurück bis ins 14. Jahrhundert. Über 300 Pistolen und Vitrinen voller Taschenuhren, selbst seltene Pflanzen von einer Insel bei Madagaskar, ein Rennauto mit Spitzengeschwindigkeit 60 km/h, einige fahrtüchtige Oldtimer aus Vorkriegszeiten finden sich in seinem Keller. In fünf riesigen Räumen, bis zur Decke ausgenutzt. Hier tönen mittlerweile die verschiedensten Geräte durcheinander. Aus zwei selbst restaurierte Edison Phonographen klingen metallisch deutsche Frauenstimmen, eine Uhr läutet, ein Dampfapparat rattert und die integrierte Spieluhr im Fotoalbum eines wohl recht wohlhabenden Mannes spielt weiter aus der schon wieder zugestossenen Schublade.

Angefangen hat Eduards Leidenschaft für das Historische und Technische mit Louis Favre’s Plänen des Gotthardtunnels, die in einem Inserat zum Kauf angeboten wurden. Die Mutter legte dem kleinen Ruedi zu Weihnachten das nötige Geld unter den Tannenbaum. Der Start einer ungebrochenen Sammelleidenschaft. «Ich finde diese Dinge überall, oder sie finden mich», sagt Ruedi stolz.

Erstaunlich sicher und wendig bewegt er sich zwischen den Fahrzeugen und über die Lagen an Teppichen, über die eine Schwelle und die andere hinunter. Immer wieder rutscht die feine eckige Brille auf seiner Nase nach vorne. Er freut sich über den Besuch, das Interesse. «Das ist die erste, das älteste, der seltenste …» Worte, die beinahe schon inflationär aus seinem Mund kommen. Drei Stunden lang erzählt er Geschichten, schliesst Schränke auf und Vitrinen, öffnet Safes und präsentiert seine Schätze. Die Begeisterung ist ansteckend. Trotzdem: Beinahe begraben fühlt man sich unter all dem Material, all den Anekdoten. Weniger als ein Drittel seines «Museums» habe ich zum Ende gesehen, wird Ruedi nicht müde zu betonen und am liebsten würde er mich noch viel länger dabehalten.

Immer wieder schmückt Ruedi seine Ausführungen mit anzüglichen Witzen. Oft redet er von Löchern, gestopften oder engen, zwinkert. «Du bist ein Schnüggel». Ich lächle, lasse ihn seine Sprüche klopfen. Man will ja nicht unfreundlich sein.

Verheiratet war Ruedi zwei Mal, heute ist er zweifacher Grossvater. Aus der ersten Ehe stammen eine Tochter und ein Sohn, die er lange alleine grosszog, da seine Frau von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden sei. Seine zweite Frau stammt ursprünglich aus Kenia, dass schwarzweisse Hochzeitsfoto hängt im Wohnzimmer, sie ganz in weiss, er im glitzerbesetzten Frack. Sie hätten sich in einem Etablissement kennengelernt – sie die Tänzerin, er der Gast. Sie seien nach England gezogen, er habe Häuser renoviert, gemeinsam hätten sie ein Gasthaus geführt, wo sogar Lady Di dreimal eingekehrt sein soll. Er zeigt Fotos. Aus England, Russland, Kuba.

Plötzlich stehe ich wieder im Fokus. Er würde mich gerne «von oben bis unten abschlecken». Er lächelt und macht einen Schritt auf mich zu. Das reicht – ihm nicht. Seine Hand greift um meine Hüfte, greift an meinen Hintern.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Alter, Sozialisierung, der leichte Schlaganfall und das Bedürfnis, seine Geschichte zu erzählen, gegenüber der Anzüglichkeiten überwogen. Jetzt geht’s um Klartext. Grenzen. Ein Schritt zurück. Das geht so nicht. Er entschuldigt sich. «So bin ich halt einfach, das hab ich halt einfach gern.» Ich aber nicht. «Das tut mir demfall leid.» Er scheint es ernst zu meinen, streckt die Hand aus. Ich nehme sie und er schüttelt. Ich betone nochmals, dass das so nicht geht. Er nickt und greift nach einem länglichen Objekt. «Ein getrockneter Wal-Penis.» Das scheint einer seiner üblichen Scherze auf der Führung zu sein. Meine Lächeln will nicht mehr so recht.

Langsam wird es kühl, nach fast drei Stunden zwischen Vitrinen und Maschinen im Keller. Wir sind mittlerweile im hintersten Teil des Kellers angelangt. Ganz Gentleman bietet Ruedi mir die Jacke eines russischen Astronauten an, die in seiner Sammlung hängt. Nur eine grosse letzte Sehenswürdigkeit steht noch an. Seinen liebsten Oldtimer präsentiert Ruedi mit allen technischen und historischen Details. Spiralen und Pumpen, mit Seilen und Rädchen und einer Bremse aus Zuckerrohr und Holz. Einmal sei der damit auf einer Flugpiste richtig schnell gefahren – einmal nur habe er versucht, alles rauszuholen. Einmal und nie wieder, sagt er lachend und gibt dem Metall einen fast zärtlichen Boxer von der Seite.

Er will mir in die Jacke helfen. Ich komme ihm zuvor. Es kann mir nicht mehr schnell genug gehen. Er möchte einen weiteren Besuch verabreden, versucht sich mit Komplimenten und einem hilflosen Hundeblick drei Küsschen zum Abschied holen. Er tritt mit kleinen Schritten näher, die Lippen gespitzt. Ich weiche zurück. Weit genug aber nicht so bestimmt wie ich sollte. Sekunden später schlage ich die Autotüre zu. Holy Crap. Der Motor läuft, ich fahre.

Ruedi steht neben dem Haus, winkt und lächelt. Ich winke und lächle. Er winkt weiter bis ich am Ende der Strasse um die Ecke biege.

Zuhause erst kommt der Ärger. Selbstzweifel. Hätte ich härter reagieren sollen, ihm die Leviten lesen, das Treffen abbrechen? Freundinnen sind entsetzt. Die Diskussionen füllen Abende. Über Belästigungen, über Rollenbilder und darüber, wie man reagieren sollte. Am Schreibtisch schreibe ich das Porträt. Von Ruedi. Einem Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte und Leidenschaft – für seine Maschinen und historischen Schätze. Ein Mann, der so viel geleistet hat. Ich trenne Mensch von Begegnung. Ein lebloses Porträt. Unbrauchbar. Seiner Lebensgeschichte nicht würdig. Nötigen Nachfragen zu Details gehe ich aus dem Weg. Ganze vier Monate bleibt die Datei ungeöffnet auf dem Desktop.

Dann setze ich mich doch wieder an den Text. Soll ich die Belästigung antönen? Sie harmloser schildern, als sie war? Nur die Sprüche erwähnen? Doch ganz verschweigen?

Als Ruedi jung war, haute man der Serviertochter mit Schmackes auf den Hintern. Die Frauen hatten die Mannen zu Fragen, wenn sie sich etwas Hübsches kaufen wollten. Sie waren dankbar und lieb. Als Ruedi jung war, lächelten die Frauen artig, wenn er ihren festen Busen komplimentierte.

Soll ich richtig ehrlich werden? Aufschreiben, wie es bestimmt nicht das erste und letzte Mal in Ruedis Museum abläuft? Den Mann als den zeigen, der er wirklich ist? Stolzer Abenteurer, leidenschaftlicher Sammler und alter Glüsteler?

So nennt man bei uns in der Innerschweiz die älteren Herren, die ihre Finger nicht bei sich behalten können und die blanken Sexismus mit Charme verwechseln. Gefährlich werden können sie einem nicht mehr – und so bemitleidet man sie, während sie einem den Hintern tätscheln. Man lächelt, wenn man sich verabschiedet und entschuldigt das Verhalten mit ihrem Alter, ihrer Einsamkeit und ihren Trieben. Und das muss sich ändern.