3 – Kunst im Quadrat
Weiterlesen © ProLitteris, Jana Avanzini
Kunst im Quadrat
Atelierbesuche bei vier Zuger Künstlerinnen.
Die Texte erschienen zwischen Februar 2023 und Mai 2025 im Zug Kultur Magazin.
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Engagiert in der Kunst und drumherum
Die Zuger Künstlerin Esther Löffel ist bekannt für ihre grossformatigen Bilder. Im März jedoch wird sie mit ihrer Skulptur Free yourself – be yourself» Teil einer feministischen Ausstellung im Zürcher Hauptbahnhof. Wir haben sie in ihrem Atelier besucht und versucht, mehr über sie zu erfahren.
Die Sonne scheint, über dem See hängen noch ein paar Nebelschwaden. Wir steigen die paar Stufen runter ins Souterrain zu Esther Löffels Atelier am Zuger Stadtrand. Seit 1985 arbeitet sie hier.
An den Wänden hängen grossformatige Bilder mit der für die Künstlerin typischen Pinselhandschrift, diese serviert uns Kafi und Basler Läckerli.
Mitten im Raum steht Esther Löffels aktuelle Arbeit. Eine «Advancine». Eine goldene Figur, die sie für eine Kunstausstellung im Zürcher Hauptbahnhof, mit Vernissage am internationalen Frauentag, dem 8. März, bearbeitet hat. Organisiert wird die Ausstellung vom Unternehmensverband Advance, der sich für die Gleichstellung und die Erhöhung des Anteils von Frauen im Management einsetzt.
Unter einem Netz voller Erwartungen
Mit einem «Open Call» wurden Kunstschaffende eingeladen, sich mit dem Thema Gleichstellung auseinanderzusetzen. Ihre Botschaften sollen mittels einer zwei Meter grossen Skulptur, in einer vorgegebenen Form, transportiert werden. Eine unabhängige Jury entschied sich schliesslich für 30 der rund 100 eingegangenen Ideen. Die der Zuger Künstlerin Esther Löffel ist eine von ihnen.
Und ihre Arbeit ist bereits getan. Ganz in Gold steht die Figur da. Ein schwarzes Volierenetz liegt über ihr, scheint sie am Hinaufsteigen hindern zu wollen. Es ist hinter ihr zusammengezogen, über Kopf und Hand aber scheint es zu reissen. Die Hand der Figur ist erhoben, als würde sie sich aktiv aus dem Netz befreien. «Free yourself – be yourself» hat Esther Löffel sie genannt. An diesem sind 26 schwarze Plättchen befestigt. Eingraviert darauf Begriffe wie «always there», «perfect mother», «sexy», «flexible». Patriarchale Erwartungen – Forderungen und Vorstellungen, die von den Eltern, vom Partner, von den Kindern, von den Familien, von der Unternehmung, vom Team, von den Vorgesetzten, von der ganzen Gesellschaft an Frauen gestellt werden.
Geschlechterdiskriminierung in Wirtschaft und Kunst
«Es gibt immer wieder Momente im Leben, in welchen einem die diskriminierenden Strukturen und die Ungleichheit der Geschlechter stärker ins Bewusstsein gerufen werden. Wenn man Kinder bekommt, zum Beispiel», sagt Esther Löffel, selbst Mutter zweier, mittlerweile erwachsener Kinder. Ein anderes Mal sei es eine engagierte Person, deren Aktivismus den eigenen Kampfgeist wieder aktiviere, oder Studienergebnisse und Zahlen, die einem die Ausmasse der noch immer anhaltenden Diskriminierung der Geschlechter vor Augen führen. Esther Löffel zückt die Dokumentation der Ausstellung: 77 Prozent der gesamten unbezahlten Haus- und Familienarbeit wird von Frauen gestemmt. «Noch sehr viel Raum für Verbesserung!» So wie die 15 Prozent Künstlerinnen-Anteil in Schweizer Museen.
«Die Business-Welt und die Kunstwelt unterscheiden sich sehr, und doch wird im Austausch schnell klar: Wir Frauen fechten darin die oft gleichen Kämpfe aus.» Man sollte sich deshalb viel mehr verbinden. Mittel und Möglichkeiten seien in der Wirtschaft oft sehr viel stärker. Die Kunst hingegen finde andere Wege als der Kampf mit Statistiken, um Inhalte zu vermitteln, die Menschen zu berühren und zum Nachdenken anzuregen. Genau das sei das Ziel in der Zusammenarbeit von Advance und 30 Künstlerinnen.
Die Künstlerin im Fokus
Esther Löffel ist bildende Zuger Künstlerin, die im Raum Zentralschweiz und darüber hinaus – auch in Berlin und Venedig – diverse Ausstellungen hatte und auch im Bereich Kunst am Bau tätig ist. Im Jahr 2000 erhielt sie das Atelierstipendium des Kantons Zug in Berlin und im Jahr 1996 einen Werkbeitrag der Hürlimann-Wyss-Stiftung. Ihre Arbeiten sind jedoch in Zug auch im öffentlichen Raum zu sehen – als Deckenmalerei in der Musikschule Baar beispielsweise.
Doch Esther Löffel spricht lieber über Inhalte als über sich selbst. Stellt man ihr eine Frage zu ihrer Person, landet sie mit ihrer Antwort innert kürzester Zeit wieder bei der Gesellschaft, bei Hintergründen und Engagement.
Für unsichtbare Pionierinnen
Esther Löffel ist engagiert. 2021 erschuf sie eine goldene Frauenfigur für eine Ausstellung im Bundeshaus zur Gleichstellungsthematik. Sie spricht über Sichtbarkeit von Künstlerinnen, es geht um die Natur, um Gleichstellung in Wirtschaft und um Bildung. So setzt sie sich in den letzten Jahren gegen das Fällen alter Bäume ein, oder entwickelte als Zeichenlehrerin gemeinsam mit ihrem Ehemann ein Lehrmittel über wichtige aber wenig beachtete Künstlerinnen.
Bei der Recherche dazu habe sie unglaubliche Künstlerinnen entdeckt. Broncia Koller-Pinell beispielsweise. «Ich will nicht bloss meine eigene Kunst machen. Ich möchte auch Kunst entdecken, diesen Frauen eine Plattform bieten», sagt Löffel. Das tat sie beispielsweise oft auch in ihrer Kolumne in der Neuen Zuger Zeitung von 1992 bis 2002.
«Es ist äussert wichtig, dass junge Frauen Vorbilder in allen Bereichen haben. Solange jedoch in Schulmaterialien nur männliche Künstler, Autoren, Wissenschaftler Thema sind, ändert sich das nicht.»
Mit kleinsten Strichen in die Tiefe
Bekannt ist Esther Löffel für ihre grossformatigen, aber kleinteiligen Bilder, die durch unzählige kleine Linien in unterschiedlichen Farben immer dichter und dichter werden. So entstehen gewebeartige oder pflanzliche, dynamische Strukturen, die durch ihre unzähligen Überlagerungen von Schichten neue Farbnuancen erzeugen und in undurchdringbare Tiefen zu führen scheinen.
So wie sie gerade skulptural gerne mit Gold arbeitet, war und ist es in ihren Bildern oft Rot, das dominiert. «Ich liebe starke Farben, die man nicht übersehen kann.» Deshalb auch reise sie gerne nach Ägypten. «Dort leuchten die Farben nochmals anders.» Aufgewachsen ist Esther Löffel in Bern, in einem Haus mit grossem, wildem Garten. In einem Geflecht, wie ihre Bilder es oft zeigen.
Immer in Bewegung
Esther Löffel ist ein Mensch in Bewegung. Sie scheint selten still zu sitzen, steht auch jetzt im Atelier immer mal wieder auf, um etwas von Nahem zu betrachten, etwas zu zeigen, zu bringen. Sie ist Winterschwimmerin, Mitglied im Kanuclub, bis vor kurzem ritt sie regelmässig. Und auch bei ihrer Arbeit ist sie immer in Bewegung, braucht eine Lockerheit in den Bewegungen, eine gute Haltung, einen Rhythmus.
Im Jahr 2000 im Atelier in Berlin habe sie mit der Linienmalerei begonnen, arbeitete mit immer differenzierteren Pinselstrichen. Immer vielfältiger wurde sie in dieser Technik, die in ihren Anfängen ganz spartanisch eingesetzt war. Esther Löffel selbst sagt: «Ich schreibe meine Bilder.»
Bestimmt drei Monate arbeite sie an einem einzigen Bild. Jeweils eine paar Stunden hochkonzentrierte Arbeit, dann braucht sie eine Pause – einen Spaziergang am See zum Beispiel. Den wird sie sich auch heute noch gönnen.
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Natürlicherweise anecken!
Claude Seeberger verarbeitet in ihrer Kunst nicht nur ihr eigenes Leid. Nun wird sie eine vergangene, intensive Schaffensphase in Belgrad nochmals neu angehen.
«Ich wollte nie schöne Bilder malen.» Wenn Claude Seeberger über ihre Kunst spricht, wird diese Haltung immer wieder deutlich. In ihrem Atelier hängt gerade eine Serie, die sie «La Grande Baignoire» nennt. Und obwohl die auf wenige Striche reduzierten Figuren auf Gelb und Rosa eine melancholische Ruhe ausstrahlen, sagt sie: «Meine Bilder hängen selten über dem Kamin.» Der Grund: Oft sei es das Kaputte und Aufwühlende, das in ihren Bildern dominiere.
Schrecken am Esstisch
Hinter einer schweren blauen Türe im beschaulichen Unterägeri hat Claude Seeberger ihr Atelier eingerichtet. Die 1953 in Zug geborene und aufgewachsene Künstlerin serviert den Kaffee schwarz, ein Walzer klingt durch die Wände – in der Ballettschule nebenan wird geprobt. Seit zwei Jahren malt sie hier, doch schon am 1. August dieses Jahres wird sie nach Belgrad reisen und bis Ende November im Atelier der Städtekonferenz Kultur arbeiten. Die Zeit in Belgrad will sie dazu nutzen, eine ganze Reihe ihrer eigenen Werke, die in den 1990er-Jahren entstandenen «Nachtbuchblätter», neu zu verstehen und weiterzuführen. Benannt hat sie die «Nachtbuchblätter» angelehnt an «Tagebücher». Mit Ölstift, Bleistift und Ocker arbeitete sie über Jahre praktisch täglich daran. Bestimmt um die 200 kleinformatige Bilder sind entstanden, alle abends am Esstisch, wenn die drei Kinder schliefen.
Sie sind düster, aggressiv, verzweifelt.
Verarbeitet hat sie in diesen abendlichen Arbeiten das, was damals an schrecklichen Informationen und Bildern aus den Jugoslawienkriegen bis in die Schweiz vordrang. «In meinen Arbeiten geht es oft um Verarbeitung von Gefühlen, um Krieg und Elend, von dem man im Westen lieber nicht zu viel wissen will», sagt Seeberger. Figuren stehen dabei im Fokus, darunter und darüber schichten sich Emotionen in Szenen, alltägliche Objekte auch. «Ich denke in Bildern», so die Künstlerin. Und diese Bilder prägen bei Claude Seeberger neben eigenen Schicksalsschlägen, Krankheit und Trauma auch oft die Tagespresse und die «Tagesschau». So wie das berühmte Foto des nackten schreienden Mädchens, das 1972 vor der Napalm-Wolke flüchtet, brennen sich diese Bilder in ihr Gedächtnis und wollen wieder heraus.
Dass die Balkankriege in Seebergers Arbeiten so präsent waren, erklärt sie sich rückblickend so: «Ich glaube, mich beschäftigte damals vor allem, in meiner kleinen Familienidylle zu leben, während anderen Menschen solch unfassbare Brutalität und Gewalt angetan wird.» In ihrem Schaffen in Belgrad will sie nun den Fokus darauf legen, was von dem Schrecken von damals noch präsent ist – auch als Leerstelle möglicherweise. Nach Belgrad wird sie nichts weiter mitnehmen als eine grosse Menge roter Farbstifte. Abgesehen davon will sie sich vor Ort und vom Ort inspirieren lassen.
Low Budget
Eine Weile arbeitete sie auf MDF-Platten, hauptsächlich jedoch bringt Seeberger ihre expressive Malerei roh und direkt auf Papier und auf Leinwand. Aufgezogen auf einen Rahmen wird ihre Kunst nicht. Selten malt sie auf sauberen Rechtecken, oft ist bereits die Leinwand schräg geschnitten. Mit orangem Klebeband und mit Reissnägeln werden die Bilder an der Wand befestigt. Angefangen als freischaffende Künstlerin im Jahr 1980 hat sie gar auf Packpapier. «Low Budget», sagt sie. «Ich gewöhne mich jeweils schnell an ein Material und an ein Format. Davon weg bekommt mich oft nur eine Veränderung der Umstände, wo ich male.» Auch die üblichen Stapel an Skizzenheften fehlen bei Claude Seeberger im Atelier. Stattdessen dokumentiert sie den Arbeitsprozess, die verschiedenen Stadien und Schichten ihrer Bilder mit dem Handy.
Der eigene Weg
Als Seeberger ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Luzern machte, nach der Lehrerinnenausbildung, war relativ klar: Wer von der Kunst leben will, muss sie verkaufen können. Und wer Kunst verkaufen will, sollte vielleicht besser Sonnenblumen statt Kriege als Sujet wählen. «Aber ich wollte keine Landschaften und kein Stillleben malen», sagt Claude Seeberger.
Doch nie habe sie an einem Stil, einem Material oder einer Handschrift bewusst festhalten wollen. «Von mir aus muss man nicht erkennen: Ah, das ist ein Seeberger», sagt sie. Wenn sie in ihrem Schaffen nächstes Jahr oder mit 90 nochmals einen ganz neuen Weg einschlage, freue sie sich darüber. Trotzdem gibt es einige Aspekte in ihren Arbeiten, die sich durchziehen und die viele ihrer Werke verbinden: Die reduzierte Figur ist omnipräsent, das Weltgeschehen dahinter, und die Farbe Grün sucht man bei ihr bisher vergebens.
Dass Rosa und Gelbtöne derzeit dominieren, liege wahrscheinlich an ihrer persönlichen Befindlichkeit. Im Moment brauche sie das Weiche, aber das werde sich auch wieder ändern. «Es ist nicht so, dass ich bewusst anecken will», sagt Seeberger. Sie wolle einfach nur ihren eigenen Weg gehen.
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Aus dem Körper heraus
Sara Masüger hat sich als Installations- und Skulpturenkünstlerin international einen Namen gemacht. Nun steht eine Ausstellung im Zuger Kunsthaus an.
Schon als Kind faszinierten Sara Masüger die Sterne. Welche Geschichten es dazu zu erzählen gibt und wie man sich an ihnen orientieren kann. Im Hundertseelendorf Finstersee, wo sie aufwuchs, suchte sie das Siebengestirn der Plejaden im dunklen Himmel.
Heute, an einem kalten Mittwochnachmittag im Zürcher Letzigraben, scheinen ein paar verirrte Sonnenstrahlen durch die grossen Fenster in ihrem Atelier. Sie beleuchten die sieben Skulpturen, an welchen die Künstlerin für die kommende Ausstellung im Zuger Kunsthaus arbeitet – inspiriert vom Sternenbild der Plejaden. Von Sternen, die über Jahrtausende einer Vielzahl von Kulturen zur zeitlichen und örtlichen Orientierung dienten, etwa bei Ackerbau oder Seefahrt, und über die zahlreiche Geschichten und Mythen existieren: Menschen, die zu Sternen werden, Felsen, die zu Himmelsleitern wachsen.
Raum und Körper
Ab Ende Oktober 2024 wird Sara Masüger ihre neuste Werkgruppe gemeinsam neben Claudia Kübler und Jonas Burkhalter im Rahmen von «Turning Tide» im Zuger Kunsthaus ausstellen. Mit zwei Künstler*innen, die sie vor der anstehenden gemeinsamen Ausstellung nur flüchtig kannte. Durch die Kuratorin Jana Bruggmann verbunden, trafen sie sich erstmals für die Planung und es passte sofort, sagt Sara Masüger.
Die Künstlerin wuchs in Finstersee auf und später in Baar, in einem kreativen Elternhaus – was ganz offensichtlich seine Spuren hinterlassen hat. Der Vater Weinhändler, die Mutter Bibliothekarin, wurde aus den drei Masüger-Schwestern eine Musikerin, eine Schauspielerin und aktuelle Co-Leiterin des Zuger Burgbachkellers sowie eine bildende Künstlerin.
Sara Masüger gilt heute als eine der vielversprechendsten Schweizer Bildhauerinnen der jüngeren Generation. Mehrfach wurde sie für ihre Arbeiten ausgezeichnet, so zum Beispiel 2004 und 2006 mit dem Förderbeitrag des Kantons Zug oder 2015 mit einem Cahier d’artistes der Kulturstiftung Pro Helvetia. Nun steht die Gruppenausstellung im Zuger Kunsthaus an und nächstes Jahr eine grosse Solo-Ausstellung in der Lokremise St. Gallen.
Ihre Ausbildung begann die heute 45-Jährige im Jahr 1997 an der Schule für Gestaltung in Bern, wo sie bis 2000 Freie Kunst studierte. Im Jahr darauf war sie eine von 30 ausgewählten jungen Künstler*innen, die von über 1000 Bewerbungen an der Rijksakademie für bildende Kunst in Amsterdam aufgenommen wurden. Eine Ausbildung, die mit finanzieller Unterstützung und einem eigenen Atelier mehr mit einer Residency als mit einem Studium gemein hat. Zusammen mit einem Künstler aus Indien und einer Künstlerin aus Argentinien studierte und lebte sie zwei Jahre in Holland – eine prägende Zeit für Masüger als Künstlerin.
Ein grosser Schritt in ihrer Karriere sei jedoch das Zuger Werkjahr 2014 gewesen. Mit 50 000 Franken dotiert war es der Preis, der ihr durch den Betrag ganz neue Möglichkeiten eröffnete. «Ich konnte damit grösser denken, ich konnte mehr Material kaufen, konnte einen Assistenten bezahlen – damit wurde viel mehr machbar.» Sara Masüger kaufte sich 2,5 Tonnen Gips und schuf ihre erste raumnehmende Tunnel-Installation. Es folgten weitere Tunnel- und Grotten-Konstruktionen – weiss und ausgekleidet wie Tropfsteinhöhlen oder spiegelschwarz glänzend. Im Kunstmuseum Solothurn, im Kunstmuseum Chur. «Das Werkjahr war dementsprechend prägend für mich. Die Möglichkeit, in grösseren Dimensionen zu denken und zu arbeiten, führte dazu, dass ich von grösseren Institutionen und auch international wahrgenommen wurde», erzählt Masüger. Es entstanden neue Kontakte und es folgten Ausstellungen unter anderem in Helsinki und Stockholm. «Der Preis war ein riesiger Vertrauensvorschuss. Ich bin sehr dankbar, dass meine Arbeit so grosszügig unterstützt wurde.»
Formen und Giessen
Sich eine Assistenz leisten zu können, mache als Skulpturenkünstlerin einen sehr grossen Unterschied, so Masüger: «Es ist eine extrem physische, schwere Arbeit. Wenn ich installiere, bin ich manchmal zehn Stunden auf einer Leiter, halte, bohre, streiche. Da ist man irgendwann am Limit.» Normalerweise mache sie Yoga und Rückentraining, um sich für die Arbeit fitzuhalten. «Aber wenn ich über einen längeren Zeitraum an einer grossen Installation arbeite, lasse ich das Training jeweils wochenlang schleifen», sagt sie und lacht.
Ihre neuen Figuren formt Sara Masüger aus Tonerde. «Es ist eine sehr physischer Prozess, es entwickelt sich ein Austausch beinahe wie mit einem Gegenüber.» Anschliessend baut sie eine Gussform und giesst darin ein Wachspositiv, mit dem anschliessend in der Kunstgiesserei St. Gallen mit Tombak – einer bronzeähnlichen Kupferlegierung – und einer Schamottform die Skulptur gegossen wird.
Umziehen und Transformieren
Bei Sara Masüger sind Leben und Arbeit eng verbunden. Besonders nachdem sie vor 19 Jahren Mutter geworden ist. Auch heute wohnt sie noch direkt über ihrem Atelier. «Früher habe ich meist nachts gearbeitet, damit ich Ruhe hatte und wirklich eintauchen konnte in die Arbeit, was tagsüber mit einem Kind oft schwierig war.» Dass sie mit ihrem Atelier in früheren Jahren oft umzog, habe sich auch auf ihre Kunst ausgewirkt. «Der Atelierraum beeinflusst die entstehenden Skulpturen stark. Die räumlichen Wechsel brachten mich jedoch dazu, die Skulpturen autonomer vom Raum zu denken und zu entwickeln. Die Skulpturen wurden kleiner, der Fokus vom Raum ging mehr zum Körper hin, dem einzigen Raum eigentlich, den man immer mitnimmt, in dem man sich immer befindet», sagt sie. Seit 2010 finden so zunehmend Fragmente von Körperteilen Einzug in ihre Objekte. Und immer stärker beginnt Sara Masüger, ihren eigenen Körper als Ausgangspunkt zu nutzen. Vor allem Hände oder Teile des Kopfes verbinden sich in ihrer Arbeit zu abstrakten, teils apokalyptisch und unheimlich anmutenden Objekten und Landschaften. Schafft Sinnbilder für körperliche Erinnerung, Transformation und Vergänglichkeit. Und doch sind ihre Arbeit und besonders die Präsentation stark vom Raum abhängig geblieben. «Ich beende meine Arbeiten immer im Raum. Für die finalen Entscheidungen ist er sehr wichtig», sagt Masüger.
So auch in ihren neusten Skulpturen, die im Kunsthaus wie das Sternenbild angeordnet werden. Neben diesen wird sie bei der Ausstellung auch zwei bestehende Werkgruppen zeigen. Zum einen «Kinetic replacement», bei der sie Bewegung in Skulpturen übersetzte, und eine, die sich «Halbsatz zur Schwerkraft» nennt.
Felsen und Grotten
«Bei den Plejaden interessiert mich besonders, die ungewöhnlichen matriarchalen Erzählungen aus den unterschiedlichsten Kulturen skulptural neu zu denken», erklärt Masüger. Besonders spannend sei für sie dabei die Geschichte des indigenen nordamerikanischen Volksstamms der Kiowa, die zum einen von den Plejaden handelt, zum andern von der Entstehung des berühmten Felsens Tree Rock. Die Geschichte erzählt von sieben Mädchen, die ausserhalb des Dorfes spielten, von Bären angefallen wurden, auf einen Felsen kletterten und diesen darum baten, zu wachsen, um sie vor den Bären zu retten.
Der Felsen wuchs in die Höhe, immer weiter und höher, und schliesslich sprangen die sieben Mädchen in den Himmel hinauf, um zu Sternen und gemeinsam zu den Plejaden zu werden. Eine Geschichte, die nicht nur mit Felsen, Grotten und Steinen spielt, die ganz zentral für Sara Masügers skulpturales Schaffen sind, sondern auch eine Verwandlung, eine Transformation beschreibt, die bei ihr immer wieder eine wichtige Rolle spielt.
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Wasser, Sterne und Grün dazwischen
«Eintauchen!» nennt sich die Ausstellung, die im Kunsthaus Zug ansteht. Mit Yvonne Christen Vágner stellt dabei eine Künstlerin aus, die sich einem ungewöhnlichen Material verschrieben hat. Einem lebendigen.
Es ist hell, riecht nach Moos und Erde, im Hintergrund ein leises Plätschern. Das ist der erste Eindruck von Yvonne Christen Vágners Atelier im Zürcher Kreis 4. Hier, im ersten Stock des grauen Industriegebäudes, wächst so einiges. Das Plätschern kommt aus flachen, mit Wasser gefüllten Kristallschüsseln – in diesen wird mit Ultraschall ein Bodennebel erzeugt. Mystisch sieht es aus, aber der Grund für die technische Spielerei ist vor allem das Befeuchten der lebendigen Kunstwerke im Atelier.
Seit 15 Jahren arbeitet die gebürtige Zugerin in diesem Haus an ihrer Kunst, direkt neben dem Atelier ihres Mannes, dem Künstler und Theaterplastiker Jan Vágner.
Spanisches Moos hängt von der Decke, an den Wänden zu Blumen und Algen gewalztes Silberbesteck und auf Kristallglasplatten gedruckte Supernovas; unterschiedlichste farbige Abbildungen von explodierten Sternen.
Mehrere Quadratmeter des Bodens hat Yvonne Christen mit alten Dachziegeln ausgelegt, auf welchen die Künstlerin das scheinbar tote Moos wieder zum Leben erweckt. Auch in Cocktailgläsern und grossen Kristallschüsseln grünt es.
Die hohen Fenster im Atelier hat Yvonne Christen fast durchgehend mit hellen Vorhängen verhängt, die den Blick ins Grüne verbergen. Dort befindet sich am Waldrand ein wilder Garten und in grossen Plastikkübeln sammelt sie Regenwasser, um ihre Kunst am Leben zu erhalten. Täglich besucht Yvonne Christen ihr Atelier. Und wenn es nur kurz ist, um das Moos zu giessen. Besser: zu besprühen. Denn Moos hat keine Wurzeln, es braucht Wasser von oben. Und Moos ist eines der Materialien, mit welchen die 66-jährige Künstlerin regelmässig und intensiv arbeitet. In der anstehenden Gruppenausstellung «Eintauchen!» im Kunsthaus Zug wird Yvonne Christen eines ihrer grossen Moos-Kunstwerke präsentieren. Und ihre ersten Gedanken gelten dem Kunsthaus-Personal. Das für ganze sechs Monate für das Überleben des Objekts zu sorgen hat. Und vielleicht gelegentlich ein ausgebüxtes Tierchen, das darin lebt, im Museum einfangen muss.
Überall Parallelen
Wir setzen uns in die Sofaecke des Ateliers – mit bunt gemusterten, geblümten Kissen und Decken – und trinken einen Kaffee. Der Raum lässt erahnen, dass Yvonne Christen parallel an ganz unterschiedlichen Projekten und Werkgruppen arbeitet. Unterschiedliche Arbeitsplätze sind in Betrieb, selbst das Fensterbrett neben den Vorhängen ist belegt.
Seit Beginn ihrer künstlerischen Karriere sei es der Fall, dass sie gleichzeitig an mehreren Projekten arbeite, erzählt Yvonne Christen. «Mir wurde auch irgendwann bewusst, dass sich einige Themen immer wieder wiederholen, manch- mal nach Jahren oder noch längerer Zeit tauchen bestimmte Motive oder Materialien wieder auf und es finden sich Parallelen.» Gerade liegen auf dem Tisch getrocknete Moosstücke neben kleinen Mustern aus gegossenem Silber – auf den ersten Blick kaum auseinanderzuhalten.
Sie sei fasziniert von der Kombination von Künstlichkeit und Natürlichkeit, sagt Yvonne Christen. Und ein Gefühl für das Spiel menschlicher Interventionen in der Natur und organischen Materialien in künstlichen Räumen hat sie durch ihre Installationen in der Landart immer wieder bewiesen. Irritierend sind sie, aber auch poetisch und etwas melancholisch.
Ohne Schnickschnack
Yvonne Christen stammt bereits aus einer kreativen Familie. Die Eltern waren Coiffeure, der Bruder arbeitet heute als Grafiker, die Schwester als Maskenbildnerin am Theater. Ihr Ehemann ist ebenfalls Künstler, eines ihrer beiden Kinder hat Animation studiert.
Die Künstlerin selbst machte ihre Erstausbildung als Goldschmiedin. «Doch das war mir alles zu eng, zu goldig und glitzerig, zu rich», sagt sie heute über diese Arbeit. Die grosse dunkle Brille, der locker gebundene Zopf, kein Schmuck, kein Schnickschnack – Christens Erscheinung passt zu dieser Aussage. Und zu ihren Arbeiten. Eine Klarheit in den natürlichen Materialien, im unverstellten Ausdruck.
Ihre Ausbildungen als Bildhauerin und Skulpturenkünstlerin absolvierte sie an den Kunsthochschulen in Luzern und London und arbeitete bald hauptsächlich mit Installationen. Es entstanden grosse Sandskulpturen, Landart und hallenfüllende Arbeiten aus Kleister, Stoffen, Silber und Glas. Ihre Arbeiten waren in Estland zu sehen, in England, Argentinien Mexiko, oft in Tschechien und natürlich in der Heimat. Sie bespielt mit ihrer Kunst Bergsee-Ufer (Greina) und alte Ruinen (Moosmatte), Industriehallen (Emauzy), verwunschene Wälder (Root talk) genauso wie städtische Unorte (Little House).
Künstliche Natürlichkeit
Das Moos entdeckte Yvonne Christen erst im Jahr 2016 für sich. Alleine reiste sie im Winter nach Island. Eigentlich um die Nordlichter aufzunehmen. «Doch dann war es plötzlich der Boden, der mich besonders faszinierte. Das Moos beziehungsweise die Flechten», sagt Christen. «Alles so grün und weich und lebendig.» Sie hatte für ihre künstlerische Arbeit, die sich schon seit Anfang an in den Welten zwischen dem Wasser und den Sternen bewegt, ein neues Material entdeckt. Das Moos passt sich ein in diese Welten. In die Themen Zeitlichkeit und Endlichkeit, mit welchen sie sich beschäftigt. Diese Themen werden fühlbar, wenn man durch die Dokumentation ihrer Arbeiten blättert oder diese gleich live und in Farbe erlebt. Sie transportieren Ruhe und gleichzeitig schwingt eine Verunsicherung mit. Man fühlt sich geborgen und doch verloren im selben Moment.
Und wenn Yvonne Christen heute von Moos spricht, springt die Faszination schnell über. Davon, wie viele verschiedenen Arten es gibt, und davon, dass das Urgewächs über 400 Millionen Jahre alt ist. Die erste Pflanze, die aus dem Wasser kam. Diese zieht sie nun im Garten hinter dem Atelier, sammelt es auch im Wald ein. Aber nur von Totholz, das ist ihr wichtig. Und um die verschiedenen Arten zu bestimmen, bringt sie die Moose in den Botanischen Garten in Zürich. Hier wird unter dem Mikroskop geprüft, ob es sich um eine geschützte Art handelt. «Ich bin keine Biologin», sagt sie. Sehr klar bewegt sie sich jedoch im Bereich der Umweltthemen und geht mit viel Respekt und grosser Vorsicht mit dem lebendigen Material um. Nicht nur in ihrer Kunst. Dass sie seit kurzem bei den Klima-Seniorinnen Mitglied ist, verwundert daher kaum. Der nachhaltige Umgang mit Materialien ist bezeichnend für Yvonne Christen Vágners gesamte Arbeit.
Auch neben dem lebenden Material arbeitet Yvonne Christen mit Objekten, die eine Geschichte haben und in einen Kreislauf eingebunden sind. Dem Kreislauf nämlich von Brockis, von tutti und von Ricardo. Kristallschüsseln, Silberbestecke und deren edel gepolsterten Kisten, die Glaskugeln alter Fischernetze. Diese entdeckte sie in Portugal auf einem Flohmarkt und bald fanden sie sich durch Yvonne Christens Hand auf grün bewachsenen Felsen wieder. Die Wirkung wird selbst auf dem Foto transportiert, das an der Wand im Atelier hängt: eine natürliche Künstlichkeit oder vielleicht auch umgekehrt.